Gendern: "Geschlechtergerechtigkeit" vs. Sprachpurismus

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e-noon
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So 26. Nov 2017, 23:04 - Beitrag #21

Ursprünglich waren natürlich auch die Bezeichnungen rein männlich gedacht, somit auch redundant. "Herr Hauptmann" zum Beispiel war die meiste Zeit redundant. Ich finde, das Argument mit der Grammatik geht ein bisschen am Thema vorbei, da es ja vor allem um weibliche/männliche Berufsbezeichnungen geht, mit denen das bisher eher NICHT mitgedachte Geschlecht sichtbar gemacht werden soll, um das Stigma von dem jeweiligen Beruf zu nehmen (Krankenschwester für Männer und Feuerwehrmann für Frauen, beispielsweise).

"Man" wird ja ganz anders verwendet als "they". Für "man" gibt es im Englischen "you" oder formeller "one". Ich meinte das "they" in als direktes Bezugswort statt "he or she":

"To make your partner happy, make sure they feel appreciated" statt "Um seine/n Partner/in glücklich zu machen, sollte man ihm/ihr zeigen, dass er/sie geschätzt wird" (schlimmer geht es ja kaum).

Maglor
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Mo 27. Nov 2017, 15:01 - Beitrag #22

Zitat von e-noon:Ursprünglich waren natürlich auch die Bezeichnungen rein männlich gedacht, somit auch redundant. "Herr Hauptmann" zum Beispiel war die meiste Zeit redundant.

Ja, ursprünglich, aber das Patriarchat ist doch vorbei. Allerdings gab es bereits die Formen Hauptmännin oder Generalin lange bevor, Frauen bei Militär Offiziere etc. werden konnte. Gemeint war damals im 19. Jahrhundert jedoch nicht eine Frau, die beim Militär diese Stellung innehat, sondern schlicht die Ehefrau des Generals oder Hauptmanns. Ähnlich ist es mit der "schönen Müllerin". Schubert meinte nicht eine Frau, die als Müller tätig ist, sondern schlicht die Tochter des Müllers.

Besonders interessant ist das Wort Hauptfrau, da es hochgradig ambig ist. Ursprünglich verstand man unter Hauptfrau in Abgrenzung zur Nebenfrau in der Polygamie und in diesem Zusammenhang wird das Wort Hauptfrau auch heute noch genutzt oder verstanden. Gleichzeitig könnte Hauptfrau die weibliche Form eines Dienstgrades bei der Bundeswehr. Der Bedeutungszusammenhang zur stigmatisierten Polygamie bleibt jedoch immer bestehen, sodass Bundeswehrsoldatinnen die Bezeichnung Hauptfrau ablehnen und sich daher als Frau Hauptmann anreden lassen.
(Aus dem gleichen Grund können auch Frauen den Bachelor in Gender-Studies machen, ohne Männer zu werden. Das Wort "Bachelrette" bedeutet auf deutsch so viel wie Fräulein und ist auch noch durch deutschsprachiges Trash-TV sexuell konnotiert.)


Zitat von e-noon:Ich finde, das Argument mit der Grammatik geht ein bisschen am Thema vorbei, da es ja vor allem um weibliche/männliche Berufsbezeichnungen geht, mit denen das bisher eher NICHT mitgedachte Geschlecht sichtbar gemacht werden soll, um das Stigma von dem jeweiligen Beruf zu nehmen (Krankenschwester für Männer und Feuerwehrmann für Frauen, beispielsweise).

Grammatik ist immer ein Argument, ebenso die Verständlichkeit und Aussprechbarkeit von Sprache. So bestehen immer Zielkonflikte, sobald die im Sinne der Geschlechtergerechtigkeit oder - sensibilität formulierten Phrasen unaussprechlich oder ungrammatisch werden.
Der Irrwitz ist jedoch, dass eben nicht immer nur, um die Sichtbarmachung des Geschlechts geht. Beim Wort Krankenschwester war das Geschlecht stark sichtbar. Das männliche Gegenstück zu Krankenschwester hießt schon imemr Krankenpfleger. Die Umbenennung hat jedenfalls nichts an der Entwicklung der Krankenpflege zum Frauenberuf geändert. Wenn jetzt nur noch von Pflegekräften, Krankenpfleger*innnen und Altenpfleger*innen gesprochen und geschrieben wird, wird die Realität des Frauenberufs verschleiert und ausgeblendet. Der geringe Männeranteil in den Pflegeberufen ist seit Jahren praktisch unverändert.

Ebenso verschleiernd und ausblendend wäre es, wenn die Verteidigungsministerin vor General*innen reden würde, so lange alle General*innen Männer sind. Fun Fact: Beide bisher in Erscheinung getretenen weiblichen Generäle der Bundeswehr waren im Sanitätsdienst.

Zitat von e-noon:"Man" wird ja ganz anders verwendet als "they". Für "man" gibt es im Englischen "you" oder formeller "one". Ich meinte das "they" in als direktes Bezugswort statt "he or she":

"To make your partner happy, make sure they feel appreciated" statt "Um seine/n Partner/in glücklich zu machen, sollte man ihm/ihr zeigen, dass er/sie geschätzt wird" (schlimmer geht es ja kaum).

Um seinen Partner glücklich zu machen, sollte man ihm zeigen, dass man ihn wertschätzt.

Der Haken liegt auf der semantischen Ebene. Partnerschaft impliziert eben nicht nur eine heterosexuelle Mann-Frau-Beziehung, sondern eben so ziemlich alles, auch abseits der Sexualität als Geschäftspartnerschaft oder Sportpartnerschaft usw.
Wertschätzung ist in allen Partnerschaften gefordert, egal ob Mann-Mann, Mann-Frau, Frau-Frau, Mensch-Hund usw.
"Partner" taucht daher im Beispiel-Satz ohne jeden Kontext auf. Das es um das Verhältnis der Geschlechter gehen könnte, wird nicht deutlich, egal ob man wie das generische Maskulin verwendet oder wie in e-noons Beuspiel ganz "schlimm" gendert.

Die deutsche Grammatik erfordert eine Genus-Numerus-Kongruenz zwischen Personalpronomen und ihrem Bezugswort.
Zum Beispiel: Der Mensch wird frei geboren und dennoch liegt er in Ketten.
Mensch ist maskulin und dennoch sind Frauen Menschen. Und natürlichen können mit maskulinen Bezeichnungen auch Frauen gemeint seien.
Zum Beispiel: Über 50 % der Abiturienten sind Frauen.
Mit einer spezifisch weiblichen Bezeichnung ergibt der Satz keinen Sinn. Beispiel: *Über 50 % der Abiturientinnen sind Frauen.
So ergibt der Satz jedoch keinen Sinn mehr oder einen ganz anderen. Sind 50 % der Abiturientinnen noch keine Frauen, sondern noch Mädchen?
Verdammt, jetzt habe ich Frauen nicht phallogozentrisch als das andere Geschlecht in Abgrenzung vom Manne gedacht, sondern als das andere Lebensalter in Abgrenzung vom Mädchen. :crazy:

Feuerkopf
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Di 28. Nov 2017, 07:04 - Beitrag #23

Man könnte ganz korrekt sagen: Über 50 % der Abiturientia sind Frauen. ;)

Ich habe übrigens ein "-mann" im Nachnamen. Meine Tochter hat einen Vornamen, der in Italien männlich ist. Das macht es verwirrend, nicht wahr? In meiner Firma arbeiten Andrea und Gabriele. Beide männlich.

Letzlich geht es doch darum, dass wir uns vergegenwärtigen, dass Sprache auch eine Sicht der Dinge transportiert. Ändert sich die Perspektive, kann sich auch die Sprache ändern. Das ist Leben.

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Di 28. Nov 2017, 14:49 - Beitrag #24

Zitat von Feuerkopf:Ändert sich die Perspektive, kann sich auch die Sprache ändern. Das ist Leben.


Damit könnte ich gut leben, weil bei solchen aus lebenden Sprachspielen resultierenden Änderungen zwar gelegentlich wenig Elegantes, aber nur selten etwas wirklich Häßliches herauskommt. Im Gegensatz zu geplanten Änderungen, die versuchen, political correctness gegen jedes Sprachempfinden durchzuboxen.

Maglor
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Di 28. Nov 2017, 19:18 - Beitrag #25

Zitat von Feuerkopf:Man könnte ganz korrekt sagen: Über 50 % der Abiturientia sind Frauen. ;)

Das kann man schon sagen, aber es gibt einen Bedeutungsunterschied. Dieses mir unbekannt gewesene Wort "Abiturientia" bezeichnet den Abiturjahrgang.

Zitat von Feuerkopf:Meine Tochter hat einen Vornamen, der in Italien männlich ist. Das macht es verwirrend, nicht wahr? In meiner Firma arbeiten Andrea und Gabriele. Beide männlich.

Ich finde das Thema Vornamen und Geschlecht sehr interessant. Deutsche Standesbeamten schreiben in der Regel vor, dass Kinder wenigstens einen weiteren Vornamen haben, der klar einem Geschlecht zuzuordnen ist. Mit der Ausweitung auf italienische Kultur wird die Sache natürlich komplizierter.
Die Frage ist, ob wie sich die ambige Geschlechtsmarkierung z.B. beim Vornamen Andrea auf das Sprechen ausübt, z.B. wenn man mit Leuten über Andrea redet, die Andrea nicht kennen, muss man dann extra hervorheben, dass ein Mann gemeint ist.

Zitat von Feuerkopf:Ändert sich die Perspektive, kann sich auch die Sprache ändern. Das ist Leben.

Der Ansatz der geschlechtergerechten Sprache ist jedoch genau anders herum. Die Sprache soll geändert werden, damit sich die Perspektive ändern. (Wobei diese erhoffte Zusammenhang schon in der Theorie auf tönernen Füßen steht.)
Mein Kritik ist vor allem die normative Einführung mittels universitären Leitfaden und Gesetzen.

Wie das Genus-System des Deutschen funktioniert und was die Produzenten des Gendersprech nicht verstanden haben, ist in diesem Blog ganz gut erklärt:
http://www.belleslettres.eu/content/deklination/genus-gendersprech.php

Besonders entlarvend wirkt der kurze Briefwechsel mit der Frauenbeauftragen der Uni München.
Zitat von belleslettres:Ihren ‚Leitfaden gendergerechte Sprache‘ leitet die Frauenbeauftragte der Universität München (LMU) mit dem Hinweis ein, die sprachliche Gleich­behand­lung der Geschlechter sei für eine [fälschlich für die] Gleich­stellung von un­erläss­licher Bedeutung.

Ich habe mich an Frau Weber gewandt, um mir in einem Gespräch diese Unerlässlichkeit im All­gemei­nen und die sehr weit­reichen­den Sprach­vor­schrif­ten des Leit­fadens im Ein­zelnen erklären zu lassen. Frau Weber antwortete, sie könne leider kein Inter­view geben. Sie sei keine Sprach­wissen­schaft­lerin und keine Juristin und der Leit­faden nur eine Empfehlung.

Das bedeutet also, die Frauenbeauftragte der Uni München setzt normativ Sprachvorschriften fest, obwohl sie schlicht keine Ahnung hat. :shy:

Maglor
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Mo 18. Dez 2017, 15:57 - Beitrag #26

Frühste Vertreterin geschlechtsneutrale Sprache war die französische Schriftstellerin Monique Wittig. Sie bezeichnete ihr Werk als eine Kriegsmaschine im Kampf gegen die Geschlechterordnung. Es sollte also ein echtes Neusprech sein.
Die Dominanz der französischen Frauenbewegung finde ich sehr interessant und ich frage mich, ob der deutsche Feminismus überhaupt irgendetwas Originelles hervorgebracht hat.

In der deutschen Übersetzung von Butlers "Gender trouble" wird gender je nach Zusammenhang als grammatisches oder als soziales Geschlecht übersetzt. Da das Genus-System der deutschen Grammatik ganz anders ist als im Englischen, ist die Übertragbarkeit dieser Gleichsetzung natürlich äußerst zweifelhaft, aber das ist auch egal, wenn man bedenkt, dass Judith Butler auch den Sexus für eine überwindbare Konstruktion hält.

Liest man in aktuellen Leitfäden zur geschlechtergerechten Sprache, so findet man ein dürftiges Literaturverzeichnis. Es wird vor allem auf die Leitfäden anderer Einrichtungen verwiesen oder gleich auf die Glossen von Luise Pusch.

Als besondere Stilblüte möchte ich noch einen Satz von Göring-Eckhardt präsentieren. Nach dem Scheitern der jamaikanischen Koalationsverhandlungen, sagte sie: "Ich habe gelitten wie eine Hündin."
Sie hat offensichtlich das bekannte sexistische Sprochwort "gelitten wie ein Hund" in geschlechtergerechte Sprache überführt ... Nein, der Hund ist zwar maskulin, jedoch generisch. Der weibliche Hund ist die Hündin, der männliche Hund der Rüde. Was ist das besondere Leid einer Hündin? Wahrscheinlich leidet sie an der Androzentrik deutschen Sprache, die bekanntermaßen Frauen vergewaltigt.

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Mo 18. Dez 2017, 17:28 - Beitrag #27

man könnte über die gesamte Thematik in einer klugen Weise nachdenken. Dazu müsste aber erst einmal eine Ausgangslage definiert werden, die einigermaßen von ideologischem Ballast freigekehrt wurde. Dazu sind aber die wenigsten gewillt, die in der Öffentlichkeit als meinungstragend angepriesen werden, und damit bleibt es dabei, dass jede Äußerung zu der Thematik Munition aus dem Arsenal einer der kombattierenden Seiten ist. Ein Bekenntnis, kein Argument.

Maglor
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Di 6. Feb 2018, 21:32 - Beitrag #28


Traitor
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Sa 24. Nov 2018, 21:37 - Beitrag #29

Zitat von Maglor:Und worum geht es eigentlich wirklich? Soll Geschlechtlichkeit sichtbar gemacht werden oder unsichtbar gemacht werden? Beide Variationen der Geschlechter-Gerechtigkeit tauchen häufig im gleichen Text auf.


Das ist für mich derzeit das größte Problem all dieser Diskussionen. Nicht nur auf die Sprache, auch auf alle anderen Aspekte von Gleichstellung bezogen. Und das ist nicht nur Verwirrung einzelner Debattenteilnehmender, da kämpfen tatsächlich Strömungen gegeneinander, und beispielsweise klassischer Feminismus und LGBT-Bewegung müssen manchmal aufpassen, sich nicht mehr gegenseitig zu bekämpfen als den gegenseitigen Feind. (Nein, nicht die Volksfront, die Römer!)
Legitime Anliegen sind beide, aber sie sind eben kontextabhängig, und sobald man/frau/... keiner ganz radikalen Splitterrichtung angehört, sollte Vielfalt anerkannt und Dogmatik vermieden werden.

Mein persönliches Ästhetikgefühl spricht sehr stark gegen jede Form von Neusprech, dazu noch über die reine Ästhetik hinausgehende praktische Erwägungen wie der Klarheitsverlust und Missverständnisrisikoanstieg. Aber wie bei den meisten Gerechtigkeitsfragen habe ich mich inzwischen mit der Perspektive angefreundet, dass es im Zweifel vielen anderen viel hilft und mir wenig schadet, Änderungen zu akzeptieren, die Anderen identitätskritisch am Herzen liegen. Es sollte sich auf einigermaßen merk-, schreib- und aussprechbare Formen geeinigt werden, und diese stets als Angebot, nicht als Zwang eingeführt werden, da letzteres nur zu viel Unmut produziert. Aber prinzipiell kann mann sich ruhig darauf einlassen, Zugeständnisse zu machen.

Zu den Berufsbezeichnungen, und in Verbindung damit auch zu:
Zitat von Maglor:Mensch ist maskulin und dennoch sind Frauen Menschen. Und natürlichen können mit maskulinen Bezeichnungen auch Frauen gemeint seien.

Zu bedenken ist, dass "Mann" (im Gegensatz zu Maglors Männinnen-Lutherzitat) in der ferneren Vergangenheit auch gerne als Synonym zu "Mensch" benutzt wurde. Im Englischen noch deutlich stärker, aber auch im Deutschen gab es das. Die Maskulinierung des Wortes "Mann" und damit Hervorhebung der Neutralität von "Mensch" war quasi ein früher Sieg für den Feminismus, bevor er sich überhaupt als streitlustige Bewegung formierte. Viele Berufsbezeichnungen waren also vielleicht ursprünglich nicht so männlich konnotiert, wie sie jetzt wirken.
(Der einzige Punkt, in dem ich Judith Butler bei ihrem Vortrag in Glasgow letztens überhaupt nicht zustimmen konnte, war, als sie ewig auf frühe Humanisten eingedroschen hat, weil die bei Erwähnungen von "a man" immer nur an Männer gedacht hätten, ohne dass sie auch bei für den Zuhörer völlig neutral klingenden Zitaten Belege dafür gebracht hätte, dass der Kontext nicht neutral war.)

Zitat von e-noon:Bei Personalpronomen finde ich die englische Variante des they als anonyme 3. Sg cool, das könnten wir auch machen.
Äh, was genau schlägst du fürs Deutsche vor? Die dritte Person Plural als neutralen Singular benutzen, also... "sie"...? Oder wortwörtlich das englische "they" als nur-Singular importieren? Einen th-Laut ins Deutsche einzuführen, mit dem ich und Abermillionen Mitbürger große Probleme haben, halte ich für mehr als gewagt. ;)

Zitat von e-noon:"Man" wird ja ganz anders verwendet als "they". Für "man" gibt es im Englischen "you" oder formeller "one".
Weder "you" noch "one" haben leider so richtig die gleiche Anwendbarkeit wie "man"; oft passt es, oft leider auch nicht. Nicht nur Deutsch-Erstsprecher vermissen die Option im Englischen, ich kenne auch einige Englisch-Erstsprecher mit mehr oder weniger guten Deutschkenntnissen, die auf sie neidisch sind. ;)
Aber ja, "man" ist das genaue Gegenteil eines Personenpronomens und nicht nur wegen seiner Nähe zu Mann überhaupt gar nicht als Äquivalent zu Singular-"they" geeignet.

Zitat von Feuerkopf:Über 50 % der Abiturientia sind Frauen.
Eine eigentlich naheliegende und schöne Wortbildung, an die ich mich leider aus Schulzeiten gar nicht erinnern kann. Fragt sich, ob die Verbreitung vor allem an der Region, der Generation oder dem Lateineranteil (äh, Lateinierendenanteil...?) hängt.

Ipsissimus
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Di 27. Nov 2018, 07:17 - Beitrag #30

Zitat von Traitor:als Angebot, nicht als Zwang


Du glaubst doch nicht, dass Ideoloxe oder Ideologixe sich mit Freiwilligkeit zufrieden geben? In Deutschland! Wo alles geregelt sein muss, damit das Herz seine Ruhe hat!!

Also, Burkhapflicht für alle, Männorx wie Frauix, jederzeit, öffentlich und privat. Öffentliches Auspeitschen für alle, die ohne gesehen werden. Das reduziert angsteinflößende Kommunikation mit all ihren bösartigen Widerwärtigkeiten aufs unerlässliche Minimum.

Maglor
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Mi 30. Jan 2019, 17:56 - Beitrag #31

Die Stadt Hannover hat jetzt ein neues Angebot und empfiehlt eine "geschlechtergerechte Verwaltungssprache".

Die neue Empfehlung ist für sämtlichen Schriftverkehr der Verwaltung verbindlich.
...
Die neue Empfehlung wurde unter Beteiligung des Gesamtpersonalrates, der Personalentwicklung, des Referates für Frauen und Gleichstellung, der Beauftragten für sexuelle und geschlechtliche Vielfalt sowie des Bereiches Kommunikation erarbeitet.

https://www.hannover.de/Leben-in-der-Region-Hannover/Verwaltungen-Kommunen/Die-Verwaltung-der-Landeshauptstadt-Hannover/Gleichstellungsbeauf%C2%ADtragte-der-Landeshauptstadt-Hannover/Aktuelles/Neue-Regelung-f%C3%BCr-geschlechtergerechte-Sprache

Bild
Bei der Entwicklung der Regeln waren irgendwie ganz offensichtlich nicht alle Geschlechter repräsentiert. :crazy:
Trotz so viel weiblicher Einfalt ist das Ergebnis an sich schon reichlich lächerlich. Wer hätte denn in Worten wie Rednerpult oder Wählerverzeichnis eine Ungerechtigkeit erkannt?
Ist das Wort Wählendenverzeichnis wirklich irgendein Fortschritt?
Die Einführung einer einfachen und verständlichen Verwaltungssprache wäre meines Erachten ein ernstzunehmender Beitrag zur Integration wirklich benachteiligter Bevölkerungsgruppen.

Wenn jetzt schon Singularformen unter dem Verdacht stehen patriarchale Herrschaftsmittel zu sein ...
Augenscheinlich hat die Gleichstellungsbeauftrage nichts besseres zu tun. :(

Die Verwaltung freut sich bestimmt darauf auf solche klaren Anweisungen:
In manchen Kontexten ist es (zurzeit noch) unangemessen, eine andere Anrede als „Sehr geehrte Damen und Herren“ zu verwenden. In solchen Fällen kann die Ansprache weiter genutzt werden ebenso wie „Sehr geehrte Frau Musterin“. Sollten Sie die Möglichkeit haben, dies durch die Verwendung anderer Anspracheformen (z.B. „Guten Tag“, „Liebe Gäste“ oder Beispiele oben) zu umgehen, gilt es diese zu verwenden.

Schon witzig, dass die Verfasserinnen zugeben, dass manche ihrer Vorschläge unangemessen sind. Echte Profis! :pro:

bjessel
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Do 7. Feb 2019, 10:48 - Beitrag #32

ICh als Frau finde das auch unnötig und habe mich nie vernachlässigt gefühlt, wenn man nur die männliche Version nutzt. Ich mein auf Spanisch ist das ja richtig extrem.

Maglor
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So 10. Feb 2019, 10:20 - Beitrag #33

Leider kann ich kein Spanisch.
Die interessante Frage ist, ob die Besonderheiten der spanischen Sprache zu einer besonderen Gender-Konstruktion im spanischen Sprachraum führt. Man sollte ja meinen, dass das Fehlen von Neutrum-Personalendungen gravierende Folgen haben müsste.
Natürlich ist Spanien nicht frei von Sexismus, aber das liegt meiner Meinung nach ganz bestimmt nicht an Grammatik und Synthax.

In Spanien gibt es eine ähnliche Debatte.

Es geht um die Regel, der zufolge für die Mehrzahl, wenn sie sich auf eine gemischte Gruppe bezieht, immer die männliche Form der Oberbegriff ist. Aus niña (Mädchen) und niño (Junge) werden so bei einer Schulklasse niños (Kinder), aber halt auch Jungs. taz

Peinlich ist hier natürlich, dass der Taz-Journalist mal wieder grammatischen Genus von Gender und Sex nicht scharf unterscheiden kann. :contra:

Traitor
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So 10. Feb 2019, 11:33 - Beitrag #34

Bei der Entwicklung der Regeln waren irgendwie ganz offensichtlich nicht alle Geschlechter repräsentiert. :crazy:
Maglor, Maglor, da bist du gleich in die nächste üble Falle getreten: selbstverständlich darfst du dir nicht anmaßen, nur anhand natürlicher-Intelligenz-Gesichtserkennung den abgebildeten Personen ein Geschlecht zuzuweisen!

Ist das Wort Wählendenverzeichnis wirklich irgendein Fortschritt?
Mein erster Gedanke: "aber viele Eingetragene wählen doch gar nicht". Diese Spitzfindigkeit trifft aber genaugenommen auch auf das alte "Wählerverzeichnis" zu. "Wahlberechtigtenverzeichnis" wäre sinnvoller gewesen und auch sprachlich weniger gekünstelt. Allerdings noch länger. Irgendwann geraten wir an den Punkt, an dem erhöhte Sprachgerechtigkeit gegen erhöhten Papierbedarf und damit Baummord aufgerechnet werden muss...

Natürlich ist Spanien nicht frei von Sexismus, aber das liegt meiner Meinung nach ganz bestimmt nicht an Grammatik und Synthax.

In Spanien gibt es eine ähnliche Debatte.

Bis vor ein Paar Jahren war Spanien ein Paradies für Chauvinisten, aber dann hat es in Medien und Öffentlichkeit einen massiven Ruck zum Feminismus gegeben und das Thema ist in allen Belangen (Repräsentation in Wirtschaft, Politik und Wissenschaft; Sexualstraftaten; männliches Betragen im öffentlichen Raum; Sprache) mindestens so heiß wie im deutschen und angloamerikanischen Raum, vielleicht noch mehr, da eine noch stärkere "jetzt aber"-Stimmung herrscht.

Grammatikalisch bietet dort meines Erachtens die traditionelle Abwesenheit eines Neutrums eigentlich eine wunderbare Gelegenheit, dieses ohne seine im Deutschen und Englischen zu tief verwurzelten abwertenden Konnotationen als "gerechte" Form einzuführen.

Ipsissimus
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Mo 11. Feb 2019, 13:53 - Beitrag #35

Zitat von Traitor:das Thema ist ... mindestens so heiß wie im deutschen und angloamerikanischen Raum


Fragt sich nur, wo außerhalb der Medien die Hitze empfunden wird. Da sich mein weibliches Reallife-Umfeld zu 100% weder aus Studentinnen, Journalistinnen, Soziologinnen, Pfarrerinnen oder ehemaligen Waldorfschülerinnen zusammensetzt, erhalte ich von den stattdessen enthaltenen Frauen bei Nachfrage, ob geschlechtsgerechte Sprache erwünscht sei, eigentlich nur ein genervtes Augenverdrehen.

wibkemitschke
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Do 21. Feb 2019, 11:10 - Beitrag #36

Ich finde das ja gut, dass dieses Thema Ansprache findet, aber es geht mittlerweile zu weit. Der Hype nervt langsam nur noch.

Traitor
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Fr 22. Feb 2019, 22:05 - Beitrag #37

@Ipsissimus: In Akademiker-und-nicht-nur-innen-Kreisen erscheint es mir durchaus heiß, bei euch am Institut nicht? Dank Englischlastigkeit meiner Kreise eher auf neutrale Pronomen als auf innen, Innen, Binnen und Sternchen fokussiert, aber eng verwandt. Aus weniger Anwendungsgelegenheiten folgen im Englischen aber auch weniger Selbstzweckreformen und -debatten...

Ipsissimus
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Sa 23. Feb 2019, 10:20 - Beitrag #38

Zitat von Traitor:... bei euch am Institut nicht?


Wir haben immer wieder mal neue Hilfskräfte von der Uni, die etwas in der Art versuchen. Bislang haben alle spätestens nach einer Woche verstanden, dass es sinnvollere Möglichkeiten gibt, überschüssige Energien zu verschwenden als ausgerechnet auf Bekenntnisdrang und Bekenntniseinforderung in dieser Sache. Selbst unsere Gleichstellungsbeauftragte winkt bei diesem Thema nur entnervt ab, solange ein paar Mindeststandards (à la "Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler", "Kolleginnen und Kollegen" und dergleichen) nicht zu oft missachtet werden.

Und was die Leute im überwachten Zustand sagen und was, wenn sie sich ungezwungen fühlen, sind ohnehin zwei Paar Schuhe.

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