Schach-WM Anand-Carlsen

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Traitor
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Mo 18. Nov 2013, 19:59 - Beitrag #1

Schach-WM Anand-Carlsen

Selbige findet derzeit in Indien statt. Anfangs aus kurzfristiger Langeweile, nach dem zweiten oder dritten Spiel dann aus halbwegs erwachtem Interesse verfolge ich mal die Partien im SpOn-Liveticker. Der hat vermutlich nicht die höchste Qualität und der offizielle von der FIDE oder so wäre besser, aber für einen völligen Laien wird auch dieser reichen.

Ein paar Fragen zur allgemeinen Situation des Spiels und zu einzelnen gefallenenen Aussagen u.a. in jenem Ticker:
  • Ist diese WM sehr untypisch, weil es meistens fast nur Eröffnung - schneller Verlust fast aller Figuren - Endspiel gibt, kein nennenswertes Mittelspiel? Oder ist das auf hohem Niveau so normal und zwangsläufig?
  • Es gab ja historisch immer mal wieder Phasen, in denen ein "Remistod" befürchtet wurde. Wie nah oder weit ist man derzeit davon?
  • Wie hoch waren Anands Titelverteidigungschancen vorher fairerweise einzuschätzen? Elo nach sehr niedrig, oder?
  • Darauf aufbauend, sind diese Zweier-Titelkämpfe eigentlich noch zeitgemäß, oder sollte der WM-Titel zugunsten der Elo-Weltrangliste aufgegeben werden? Nunja, zumindest aus Marketingsicht sicher nicht. ;)
  • In einer der Partien, iirc bei Carlsens erstem Sieg, tauchte im SpOn-Ticker die Behauptung auf, einer seiner (recht späten) Züge "habe keine Engine im Blick gehabt". Ist das unsaubere Formulierung für "hat kein Programm als besonders wahrscheinlich/aussichtsreich angesehen" oder kann es tatsächlich noch passieren, dass da Varianten gar nicht mit durchgerechnet werden?
  • Haben solche beobachtend mitlaufenden Programme eigentlich inzwischen auch eine psychologische / spielerprofilierende Komponente, die nicht nur die objektiv erfolgversprechenden Varianten berechnet, sondern auch, welche für den Ziehenden bzw. Gegner erfahrungsgemäß besonders angemessen sein könnte?
  • Was hat es mit dem Begriffspaar "Positionsspiel" vs. "Taktik" auf sich?
  • Steckt hinter dem Begriff "Entwicklung" noch mehr als "Figuren von den Anfangsstellungen wegbewegen"?

Ipsissimus
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Mo 18. Nov 2013, 22:01 - Beitrag #2

meine aktiven Schachzeiten sind schon lange vorüber, aber ein bisschen ist noch präsent^^

- das ist m.E. spieler- und strategieabhängig.
- k.A.
- die Elozahl ist ein wichtiger Indikator, aber wichtiger ist m.E. die Turnierhärte. Es sieht so aus, als sei Carlsen in beidem überlegen, was ich in dieser Deutlichkeit nicht erwartet habe. Anand war bisher nicht ein einziges Mal auf ernsthaftem Siegkurs
- jedenfalls unterstützen die Regeln eher den Titelverteidiger
- hat kein Programm als besonders wahrscheinlich/aussichtsreich angesehen
- wonach fragst du genau? Diese Programme, vor allem die Datenbankprogramme, spielen in der Turniervorbereitung eine große Rolle und - ich gehe davon aus - auch abends im Zimmer oder in der Beratergruppe
- Positionsspiel ist eine mögliche Taktik. Es gibt Spieler, die sind bedingungslose Angriffsspieler, andere verbarrikadieren sich, versuchen ihre Position zu halten und lauern. Positionsspieler versuchen oft, ihre Bauernketten so lange zu halten, wie möglich, auch wenn ihnen da schon mal ein erfolgversprechender Angriff entgeht
- Eine Figur ist dann gut entwickelt, wenn sie möglichst maximale Bewegungsfreiheit hat, also weder durch eigene Figuren in ihren Laufwegen behindert oder begrenzt wird, noch durch gegnerische Figuren so eingesperrt werden kann, dass sie nur mit hohem Zeitaufwand wieder frei kommt

Padreic
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Mi 20. Nov 2013, 01:36 - Beitrag #3

  • Die Unterscheidung zwischen Endspiel und Mittelspiel ist nicht immer ganz eindeutig. Manche sprechen schon von Endspiel, wenn die Damen abgetauscht wurden, aber das sollte eher damenloses Mittelspiel heißen, denke ich. Dass es fast kein Mittelspiel in dieser WM gab, würde ich daher als übertrieben ansehen. Du hast aber vollkommen recht, dass Endspiele einen besonderen Stellenwert in dieser WM hatten bisher, insbesondere die beiden Gewinnpartien letztlich im Endspiel entschieden wurden. Das war beispielsweise bei der Anand-Topalov-WM 2010 anders, insofern ist es leicht untypisch. Zuschauer präferieren normalerweise spektakuläre Mittelspiele (wie bei Anand-Topalov). Carlsen ist als Endspielspezialist bekannt, von seiner Seite ist es also wenig verblüffend; Anand ist eigentlich klassischerweise eher für einen lebendigeren Mittelspielstil bekannt, aber in den letzten zwei Jahren konnte er nur noch selten so aufspielen.
  • Die Remisquote ist sicherlich heute höher als vor 100 Jahren, ist in den letzten Jahrzehnten aber im wesentlichen konstant geblieben. Selbst wenn es in dieser WM bei zwei Gewinnpartien bleibt (so wie letztes Jahr in Anand-Gelfand), ist die Remisquote die gleiche wie bei Karpov-Kasparov 1984 (auch wenn es damals 48 Partien waren). Anand-Topalov hatte dagegen 5 Gewinnpartien. Es kommt also deutlich mehr auf den konkreten Wettkampf an -- ein stetiger Remistrend ist nicht zu beobachten.
  • Die Einschätzung bzgl. Anands Gewinnchancen waren sehr verschieden. Ich hätte sie auf 20-25% geschätzt, was ungefähr Mainstream sein sollte. Die Kalkulation basierte auf Carlsens sehr viel höherer Elo einerseits und Anands Erfahrung andererseits. Was man/ich vielleicht mehr hätte berücksichtigen sollen, ist, dass Carlsens Selbstbewusstsein bzgl. dieses Wettkampfs sehr viel höher ist, was ihm einen psychologischen Vorteil verschafft. Es gab auch schon Wettkämpfe, wo der (klare) Elo-Favorit verloren hat, beispielsweise Kramnik-Kasparov 2000 und Kramnik-Topalov 2006.
  • Ich finde diese Zweikämpfe eine gute Sache. Erstens haben sie eine lange Tradition. Zweitens hat so ein Zweikampf (besonderes ein längerer als 12 Partien) einfach noch einen anderen Charakter als ein normales Turnier, bringt neue Facetten heraus, fordert in den Kämpfenden das Beste heraus und kann auch fruchtbare Eröffnungsneuerungen bringen. Allein das besondere Interesse, was solchen Zweikämpfen entgegengebracht wird, dürfte sie rechtfertigen. [Man kann auch fragen, warum man Fußball-WMs im KO-Modus abhält und nicht einfach nur eine große Gruppe jeder gegen jeden spielen lässt.]
  • Das ist, wie Ipsi schon sagt, eher eine unsaubere Formulierung. Alle Züge werden erstmal betrachtet; es soll wohl nur heißen, dass Carlsens Zug nicht als der beste oder einer der besten angezeigt wurde.
  • Nein, nicht wirklich. Schach-Programme arbeiten nicht psychologisch und stellen keine Fallen, zumindest üblicherweise. Es gibt im Low-Level-Bereich, zu Trainings- und Spaßzwecken welche, die ein wenig so etwas emulieren, aber das geht mehr in die Richtung von selber gewisse Fehler zu machen.
  • Grob gibt es eine Unterscheidung zwischen taktischen, strategischen und positionellen Zügen/Aspekten. Taktik heißt, dass man Kombinationen von wenigen Zügen hat, die ein konkretes Ziel erreichen (sollen); häufig ist das ein Angriff gegen den König, kann man aber auch das Gewinnen einer Figur oder eines Bauern seins. Positionelle Aspekte bedeuten häufig kleinere, subtilere Ziele, die eher langfristige Auswirkungen haben: Z. B. Kontrolle über ein gewisses Feld erreichen, die Bewegungsfreiheit einer gegnerischen Figur einschränken, gegnerische Bauernschwächen erzeugen. 'Strategisch' hat eine ähnliche Bedeutung wie positionell, legt aber besondere Betonung auf einen langfristigen Plan, der auch durchaus taktische Aspekte enthalten kann.
  • Ipsi hat es im Grunde schon erklärt: Entwickeln kann heißen, die Figur von der Anfangsposition wegzubewegen, aber besonders heißt es, sie auf ein nützliches Feld zu bringen, wo sie den anderen Figuren auch nicht im Weg steht. Das kann in Ausnahmefällen sogar die Anfangsposition sein.

Traitor
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Mi 20. Nov 2013, 20:49 - Beitrag #4

Danke schonmal für die einfacheren Aufklärungen (die, zu denen ich nicht weiter nachfrage).

Zitat von Ipsissimus:die Elozahl ist ein wichtiger Indikator, aber wichtiger ist m.E. die Turnierhärte
Ich hatte im Kopf, dass in die Elo-Zahl auch ein turnierabhängiger Wichtungsfaktor für jedes Spiel mit einfließt, aber gut, das scheint nur die für Fußball abgewandelte Variante zu sein. ;) Ein Großteil der wertungsrelevanten Partien auf hohem Niveau wird aber eh aus Turnierspielen kommen, oder?

Zitat von Ipsissimus:wonach fragst du genau? Diese Programme, vor allem die Datenbankprogramme, spielen in der Turniervorbereitung eine große Rolle und - ich gehe davon aus - auch abends im Zimmer oder in der Beratergruppe
Siehe auch Padreics Antwort - mich interessiert, ob es auch Programme gibt, deren Spieldatenbanken mit Personen verknüpft sind und die dies auch in ihre Vorschläge einbeziehen. Die also andere Zugwahrscheinlichkeiten/-prioritäten angeben, wenn sie wissen, dass gerade Anand gegen Carlsen spielt, als wenn Kramnik gegen Kasparow spielt. Da sollte technisch eigentlich nichts gegen sprechen, außer halt, dass es ein ganz eigener Entwicklungszweig abseits möglichst objektiv spielstarker Programme wäre.

Zitat von Ipsissimus: Positionsspiel ist eine mögliche Taktik. Es gibt Spieler, die sind bedingungslose Angriffsspieler, andere verbarrikadieren sich, versuchen ihre Position zu halten und lauern. Positionsspieler versuchen oft, ihre Bauernketten so lange zu halten, wie möglich, auch wenn ihnen da schon mal ein erfolgversprechender Angriff entgeht
Positionsspiel also tendentiell als defensive Variante für die ersten 2/3 des Spiels, darauf aus, auf Fehler zu warten, ein Remis zu erzwingen oder auf die eigene Endspielstärke zu setzen? Padreics Erklärung von "positionell" gegen "taktisch" scheint eher der Verwendung, nach der ich fragte, zu entsprechen; deine passt besser zu dem teils verächtlichen Tonfall von "ist ja alles nur Positionsspiel bei dieser WM", der mir auch schon in Kommentaren untergekommen ist.

Zitat von Padreic:ein stetiger Remistrend ist nicht zu beobachten.
Sehr beruhigend. ;)

Zitat von Padreic:kann auch fruchtbare Eröffnungsneuerungen bringen
Ich hätte ja eher erwartet, dass in den Titelkämpfen besonders konservativ gespielt wird, um ja nichts zu riskieren. Aber die Historie spricht eine andere Sprache?

Ipsissimus
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Mi 20. Nov 2013, 22:30 - Beitrag #5

in die Elozahl fließt praktisch jedes offizielle Spiel ein, z.B. auch Ligaspiele, Spiele über offizielle Schachserver usw.

Man weiß z.B., dass Deep Thought speziell auf Kasparows Spielstil ausgerichtet war. Ich gehe also davon aus, dass zumindest Fritz das beherrscht.

"positionell" scheint mir eher eine charakterliche Entscheidung zu sein^^ die natürlich taktische und strategische Konsequenzen hat. Ob die mit dem Begriff "defensiv" abzudecken sind, glaube ich nicht, weil aus sicheren Positionen heraus die Dinge manchmal blitzartig entschieden werden können. Aber mal kann wohl schon sagen, dass Positionsspieler keine schnurrbärtigen Säbelrassler sind^^ Königsgambit-Fans sind eher nicht unter ihnen zu finden^^

Padreic
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Do 21. Nov 2013, 00:57 - Beitrag #6

@Ipsissimus: Spiele über Internet-Server werden, so viel ich weiß, nicht in der Standard-Elo gezählt. Schachserver haben ihre eigenen Elo-Systeme. Die absolute Weltspitze spielt üblicherweise eh nicht per Internet.

Und bzgl. Schachprogrammen: Natürlich wird vor einem Mensch-Computer-Wettkampf das Eröffnungsbuch angepasst, d.h. man wählt als menschlicher Designer bestimmte Eröffnungen aus, die der Computer spielen soll und natürlich tendentiell solche, mit denen der Gegner schlecht zurechtkommt. Jenseits der Eröffnung psychologische Aspekte in einem Computerprogramm zu berücksichtigen, erscheint mir sehr schwierig und auch nur begrenzt zielführend -- zu leicht setzt man damit einfach die eigene Spielstärke herab. In den Analysewerkzeugen, die bei Live-Übertragungen mitlaufen wird es sicherlich nichts dergleichen geben.
Außerdem ist das Zeitalter der Computer-Mensch-Wettkämpfe wohl eher vorbei. Ich würde nicht sagen, dass Menschen heutzutage generell chancenlos wären, aber dass der Computer gewinnt, ist doch deutlich wahrscheinlicher.

@Traitor:
Positionsspiel also tendentiell als defensive Variante für die ersten 2/3 des Spiels, darauf aus, auf Fehler zu warten, ein Remis zu erzwingen oder auf die eigene Endspielstärke zu setzen?
Das ist nicht ganz treffend, denke ich. Es gibt sicherlich Positionsspieler wie Petrosian und Anderssen, die für solche Art des Spielens bekannt waren. Aber viele Positionsspieler spielen durchaus aktiv auf Gewinn. Es passiert bei positioneller Überlegenheit leicht, dass der Unterlegende gar nicht genau weiß, was er für einen Fehler gemacht hat, aber nach 30 Zügen oder so ist seine Position voller Schwächen, seine Figuren stehen schlecht etc. und dann erfordert es nur noch einen taktischen Schlag und die Partie ist gegessen [wie Ipsi schon schreibt]. Erst vor ein paar Tagen habe ich diese Partie gesehen: http://www.chessgames.com/perl/chessgame?gid=1060207. Ivanchuk spielt die ersten 22 Züge ruhig und stellt sich einfach nur gut auf. Dann, im richtigen Moment macht er ein positionelles Bauernopfer. In der Endstellung sind dann Kasparovs Figuren in geradezu lächerlicher Weise in einer Ecke eingepfercht und das Matt folgt dann ganz natürlich in wenigen Zügen. Ivanchuk spielt hier nicht defensiv, aber sein Spiel ist positionell geprägt. [es passiert selten, dass die Nummer 1 so zusammengeschoben wird.]
Anmerken sollte man noch, dass positionelle Aspekte in den Anfangszeiten des Schachs (also vor Ende des 19. Jh.) weitgehend nur sehr wenig verstanden waren und man üblicherweise ein sehr taktisch-geprägtes und opferreiches Spiel spielte (die sogenannte romantische Ära des Schachs). Manche Spieler spielen heute noch im ähnlichen Stil, aber positionelle Aspekte zu meistern ist zwangsläufig für ein erfolgreiches Spielen im modernen Schach.

Ich hätte ja eher erwartet, dass in den Titelkämpfen besonders konservativ gespielt wird, um ja nichts zu riskieren. Aber die Historie spricht eine andere Sprache?
Das ist sowohl wahr und als falsch. Recht hast du, dass nur selten riskante Eröffnungen gewählt werden (obwohl das auch vorkommt). Aber Neuerungen in bekannten und soliden Eröffnungen zu finden bringt einen Vorteil: Man ist in der konkreten Stellung dann besser vorbereitet als der Gegner (der die Stellung im Idealfall dann noch nie gesehen hat, während man selbst Analysen gemacht hat), was entscheidend sein kann. Ein entscheidender Aspekt im Hintergrund von so einem Zweikampf ist immer das Eröffnungsduell, seine eigenen Neuerungen anbringen zu können, denen des Gegners auszuweichen, Eröffnungen zu spielen, die einem besser liegen etc.

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Do 21. Nov 2013, 10:12 - Beitrag #7

wobei ich glaube, dass diese Neuerungen sich immer mehr in Richtung Mittelspiel verlagern. Die ersten sieben, acht Züge sind mittlerweile so etwas von ausgelutscht, dass es eher unwahrscheinlich ist, dass da noch echte Neuerungen zu erwarten sind, bestenfalls unkonventionelle Übergänge zwischen bekannten Eröffnungen.

Dass die Server eigene Elo-Systeme haben, wusste ich tatsächlich nicht^^ danke für den Hinweis^^

Padreic
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Fr 22. Nov 2013, 02:13 - Beitrag #8

@Ipsi: Kommt drauf an, wo man genau Eröffnung und Mittelspiel trennt. Neuerungen in den ersten 8 Zügen sind tatsächlich sehr selten. Eine übliche Neuerung mag vielleicht im 14. Zug oder so sein.

Heutiges Spiel: Sehr traurig für Anand. Er hat aggressiv und gut gespielt. Carlsen hat gut und aktiv verteidigt. Dann patzte Anand, indem er eine "relativ einfache" Kombination übersah und gab sofort (berechtigt) auf. Ein Sieg wäre für ihn in diesem Spiel wohl ohnehin nicht drin gewesen, aber hätte es wohl ins Remis abwickeln können. Schade.
Kurios: Der letzte Zug der Partie war der erste Damenzug von Carlsen. Und das auch nicht mit seiner ursprünglichen Damen: die blieb an ihrem Platz. Aber er hatte zwischenzeitlich eine zweite Dame bekommen. Spannenderweise hatte dies Anand sogar bewusst (und korrekt) zugelassen - eine sehr ungewöhnliche Form eines "Damenopfers", dem Gegner die Gelegenheit zur Umwandlung zu geben.

Ipsissimus
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Fr 22. Nov 2013, 14:33 - Beitrag #9

das ist gar nicht so einfach, mit der Elo-Zahl^^

http://de.wikipedia.org/wiki/Elo-Zahl

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Fr 22. Nov 2013, 18:42 - Beitrag #10

Hm, wenn ich das mit den Schachprogrammen während des Turniers lese, ist das nicht eine Form von technischem Doping?
Müssten die Teams die Zeit während des Turniers nicht ohne Rechner und Netz verbringen müssen, so daß da wirklich nur Spieler gegen Spieler spielt?

Padreic
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Sa 23. Nov 2013, 03:26 - Beitrag #11

Nun ist es denn um. Carlsen ist der verdiente Sieger. Die Deutlichkeit war sicherlich auch dem geschuldet, dass sich Anand gezwungen sah, nicht auf Remis, sondern auf Sieg zu spielen, was ihm ein oder zwei zusätzliche Verluste beschert hat. Klar wurde aber, dass Anand offenbar nicht imstande war, gegen Carlsen zu gewinnen. Eine WM ohne eine Gewinnpartie des Unterlegenen passiert äußerst selten, soweit ich weiß war das nur bei Lasker-Capablanca 1921 und Kasparov-Kramnik 2000 der Fall -- interessanterweise gerade beim Niedergang zwei der größten Schachspieler aller Zeiten (erstgenannte waren die Verlierer). Unbestritten dürfte sein, dass Anands Form in den letzten zwei Jahren seinen Titel nicht mehr verdient sein ließ und die neue Generation, deren ohne Zweifel stärkster Vertreter Carlsen ist, ans Ruder kommen sollte.

@janw: Die Existenz von Teams kann man auch schon als Doping sehen. Ob die zusätzlichen Ideen nun vom Computer oder von bezahlten Menschen kommen, ist vielleicht zweitrangig.
In allen Sportarten ist die Grenzen zwischen "Doping" und nicht-"Doping" fließend. Plötzlich wurden z. B. die Schwimmanzüge beim Schwimmen verboten, bei den Stundenweltrekorden im Bahnradfahren nur noch Standard-Räder zugelassen, die Regeländerungen in der Formel 1 sind ohnehin Legion. Beim Schach gibt es nunmal eine relativ eindeutige und verständliche Linie: Außerhalb des Spiels darf man jede Hilfe annehmen, beim Spiel keine.
Selbst das war nicht immer so: Früher gab es sogenannte Hänge-Partien. D.h. nach einigen Stunden wurden die Partie häufig auf den nächsten Tag vertagt. In der Zwischenzeit konnte man mit all seinen Trainern/Freunden, was auch immer, analysieren, hatte man denn welche. Mit dem Aufkommen von Computern wurde das abgeschafft. Das hat zwar die Endspielqualität herabgesetzt, ist aber insgesamt doch eine dankenswerte Entwicklung. Auch für die Schachspieler, die, gerade, wenn sie keinen Coach hatten, sich teils die Nacht um die Ohren schlagen mussten, um ihre Partien zu analysieren.

Traitor
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Sa 23. Nov 2013, 11:25 - Beitrag #12

Zitat von Padreic:Dann patzte Anand, indem er eine "relativ einfache" Kombination übersah und gab sofort (berechtigt) auf. Ein Sieg wäre für ihn in diesem Spiel wohl ohnehin nicht drin gewesen, aber hätte es wohl ins Remis abwickeln können.
Ich habe Anands Aufgabe nicht verstanden. Gibt man nicht nur auf, wenn man gar keine Remischance (oder keine ohne Annahme allergröbster Fehler des Gegners) mehr sieht? Dass ich selbst die Niederlage nicht als zwingend sah, habe ich auf mein eigenes sehr beschränktes Vorausrechenvermögen geschoben. Aber wenn du auch eine (der Formulierung nach sogar gute?) Remischance sahst, wieso fandest du dann seine Aufgabe berechtigt?

Die letzten beiden Partien waren als Laie eine schöne Abwechslung, sehr deutliche Abweichungen vom recht ähnlichen Schema der vorherigen. Besonders das sehr stark separierte Zweiflügelspiel in der Patzerpartie und die aggressiven Könige in der letzten waren mir neu. Was aber natürlich gar nichts heißt. ;)

@Jan: Siehe Padreic. Eine interessante Alternative wäre aber meines Erachtens, getrennte Einzel- und Teamturniere auszuspielen. Laut WP:Beratungspartie sollen auch echte Teamspiele, bei denen sich die Teilnehmer auch während der Partie am Brett beraten, früher mal sehr populär gewesen sein. Könnte deren Wiedereinführung nicht auch (zumindest zeitweise) nochmal spannende Mensch(en)-Computer-Duelle ermöglichen? Oder geht die allgemeine Einschätzung dahin, dass ein Team zwar zu Vor- und Nachbereitung hilfreich ist, am Brett aber eher das "viele Köche"-Prinzip gilt und ein einziger Weltklassespieler mit evtl. radikalen Taktiken besser ist als das verdurchschnittlichte Diskussionsergebnis mehrerer?

Padreic
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Sa 23. Nov 2013, 22:57 - Beitrag #13

@Traitor:
Ich habe Anands Aufgabe nicht verstanden. Gibt man nicht nur auf, wenn man gar keine Remischance (oder keine ohne Annahme allergröbster Fehler des Gegners) mehr sieht? Dass ich selbst die Niederlage nicht als zwingend sah, habe ich auf mein eigenes sehr beschränktes Vorausrechenvermögen geschoben. Aber wenn du auch eine (der Formulierung nach sogar gute?) Remischance sahst, wieso fandest du dann seine Aufgabe berechtigt?
Meine Aussage meinte ich so: Wenn Anand diesen Fehler nicht gemacht hätte, wäre es ein Remis gewesen. Ohne Analysen zu lesen, hätte ich das aber auch nicht gesehen. Der Punkt war, dass nach dem Zug, den Anand gemacht hat, Carlsen seine neue Dame für einen Turm opfern konnte, dann Anands Angriff zusammenbricht und Anand einfach einen Turm weniger hat. Gegen Carlsen ist das sicherlich ein Grund aufzugeben.

Zu Beratungspartien: Was es mitunter gibt/gab, ist "Advanced Chess", wo ein Mensch und ein Computer zusammen gegen einen Mensch und einen Computer spielen. Das verhindert u. a. Patzer. In den Match-Verlusten von Kasparov und Kramnik gegen Computer hatten Patzer der Menschen eine wichtige Rolle gespielt. Ob "Advanced Chess" beim jetzigen Computerstand noch immer Sinn macht, weiß ich nicht, oder ob der Computer einfach zu stark ist.


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