kleingeistig, gerecht oder kleingeistige Gerechtigkeit

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Ipsissimus
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Mo 28. Jul 2014, 15:00 - Beitrag #1

kleingeistig, gerecht oder kleingeistige Gerechtigkeit


janw
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Mo 28. Jul 2014, 17:30 - Beitrag #2

Soll dann auch als Leistung gewertet werden, wenn irgendwann Sprungfedern in den Schuhen Wunder wirken?

Man hat natürlich einen Grundfehler gemacht, als man ihn überhaupt zum Wettkampf zugelassen hat, zumindest dann ein Fehler, wenn man die Forderung gleicher Ausgangsbedingungen ernst nimmt, höherrangig als die Würdigung des individuellen Menschen.

Maglor
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Mo 28. Jul 2014, 19:46 - Beitrag #3

Zitat von janw:Soll dann auch als Leistung gewertet werden, wenn irgendwann Sprungfedern in den Schuhen Wunder wirken?

So ähnlich läuft das doch bei anderen Sportarten wie Formel 1 oder Viererbob. :crazy:
Als puriste Alternative blieb natürlich noch die klassische Ausrüstung der alten Olympier - nämlich eitel nichts.

Lykurg
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Mo 28. Jul 2014, 20:32 - Beitrag #4

Das fände sicherlich auch das Fernsehpublikum klasse (außer in den USA) - aber möglicherweise hätten die Sponsoren was dagegen?
Formel 1 ist meines Erachtens ein ganz gutes Beispiel dafür, wie man durch enge Regeln den Wettbewerbscharakter minimieren kann. Aber solange es bei Leichtathletikern nicht um ein Technikwettrüsten gehen soll, bleibt nur die Trennung von behinderten und nichtbehinderten Athleten. Daß die technische Machbarkeit großartig für die Betroffenen ist und auch eine Demonstration wie diese verdient hat, steht auf einem ganz anderen Blatt.

blobbfish
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Mo 28. Jul 2014, 20:53 - Beitrag #5

Zitat von Ihro Gnaden Don Lykurgo:Das fände sicherlich auch das Fernsehpublikum klasse (außer in den USA) - aber möglicherweise hätten die Sponsoren was dagegen?

Bei den ganzen neureichen verzogenen Nachwuchssportlern ist das Tätowieren doch sowieso der letzte Schrei. Wer dann seine Seele nicht auf ewig verkaufen will, nimmt halt Tusche oder Tinte. Natürlich die vom privaten Sponsor!

Die Lösung liegt aber auch nicht darin, einfach die Athleten in behinderte und nicht behinderte zu trennen. Erstere formen zwar, was Hilfsmittel angeht, eine recht homogene Gruppe, bei zweitgenannter ist das natürlich nicht der Fall, so könnte die Prothese z.B. auch das Knie ersetzen oder nur den Fuß.

Traitor
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Do 7. Aug 2014, 21:49 - Beitrag #6

Selbst wenn in seinem Fall ein Vorteil nicht eindeutig feststellbar ist - das Urteil scheint ja von den gewählten Messgrößen abzuhängen - wird es früher oder später einen sehr klaren Fall geben, und somit ist es sicher sinnvoll, die Frage jetzt zu klären. Das Vorgehen mit vorläufiger Zulassung, Auszeichnung unter Vorbehalt, dann endgültiger Rauswurf ohne endgültige inhaltliche Klärung war aber noch sicherer ungeschickt.

Einen ganz netten Kompromiss sähe ich darin, "unmodifizierte" und "modifizierte" Athleten gemeinsam antreten zu lassen (mit abwechselnden oder bunt gemischten Startnummern), aber getrennte Ranglisten zu führen und Auszeichnungen zu verteilen. Das wäre weniger ausgrenzend und würde es letztlich Zuschauern und Medien überlassen, wessen Ergebnisse sie spannender finden.

Ergänzend oder alternativ Normprothesen, aber ob man damit allen Behinderungsvarianten gerecht werden kann, und sich in weniger als 100 Jahren auf geeignete Kriterien und Messverfahren zur Äquivalenzherstellung mit dem bekanntermaßen auch nicht gerade normtreuen "Normalbein" einigen kann?

Letztlich läuft die Frage auf die hinaus, die sich schon seit Ewigkeitem beim Schulsportunterricht stellt: sollte in der Leichtathletik die Absolutleistung bewertet werden, oder das, was jemand per Technik und Einsatz im Verhältnis zu seinen körperlichen Voraussetzungen herausholt?

janw
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Fr 8. Aug 2014, 00:11 - Beitrag #7

Zitat von Traitor:Letztlich läuft die Frage auf die hinaus, die sich schon seit Ewigkeitem beim Schulsportunterricht stellt: sollte in der Leichtathletik die Absolutleistung bewertet werden, oder das, was jemand per Technik und Einsatz im Verhältnis zu seinen körperlichen Voraussetzungen herausholt?

Mir hat sich nie erschlossen, warum Schulsport um einen Leistungswettkampf kreisen sollte.

Lykurg
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Fr 8. Aug 2014, 08:13 - Beitrag #8

Normprothesen finde ich schade, weil sie genau das innovative Potential abschnüren, das daraus entstehen kann, wenn Prothesenerfinder in solchen Wettkämpfen ihr Produkt einer staunenden Öffentlichkeit vorführen können, damit zugleich eine neue Erfindung bekanntmachend und das öffentliche Bewußtsein um die Sache der Behinderten stärkend.

Hinsichtlich der Notwendigkeit einer einheitlichen Regelung gebe ich Traitor allerdings recht, und gemischte Starts klingen gut - zumindest solange die Ergebnisse dicht genug beisammen liegen, daß ein gemeinsames Rennen Sinn ergibt.^^

Ipsissimus
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Fr 8. Aug 2014, 08:28 - Beitrag #9

man kann doch heute eigentlich alles kalibrieren, normieren, angleichen, was weiß ich. Dann müssen sich die Sportwissenschaftler einfach mal ein paar Materialwissenschaftler und Bioingenieure anlachen, die relevanten Material-/Komponentenparameter herausfinden, die konkreten Prothesen entsprechend vermessen und dann die erzielten Leistungen mit Ab-/Zuschlägen auf nichtbehindertes Maß normieren.

Das gleiche muss dann aber auch bei allen Sportlern ab Platz zwei gemacht werden, schließlich sind absolut identische Voraussetzungen das einzige, was als fair gilt, und wenn der Sieger stärkere Muskeln und besser eingehängte Gelenke und Winkelverhältnisse hat, kann das ja wohl kaum als fair oder gleiche Voraussetzung gelten. Also müssen auch die Ergebnisse der nichtbehinderten Sportler normiert werden.

Aus meiner Sicht ist die Entscheidung, Rehm den Start bei den Europameisterschaften zu verweigern nur lächerlich. Da wird 50 Jahre lang so getan, als kämpfe man für die Belange behinderter Sportler, und als es dann soweit ist, dass behinderte Sportler in Wettkämpfen von Nichtbehinderten konkurrenz- und sogar siegfähig werden, stellt sich heraus, dass das alles nur eine sorgfältig medial gepflegte Farce der PR-Abteilung des DSB ist, wie so vieles.

Höchstens würde ich noch eine Regelung für angemessen finden, die darauf hinausläuft, dass die Wettkampfprothesen identisch sein müssen mit den Alltagsprothesen, der Sportler müsste also nachweisen oder sicherstellen, dass er die Dinger auch im Alltag trägt, denn die Beine wechseln können Nichtbehinderte Sportler in der Tat nicht. Aber es wäre dann insofern fair, als dann mit dem Zeug, mit dem das Leben bestritten wird, auch die Wettkämpfe bestritten werden.

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Sa 9. Aug 2014, 12:22 - Beitrag #10

Ipsi, geht es um die Frage der Integration behinderter Sportler oder um die Integration von Sportlern mit technischen Hilfsmitteln?
Ich denke, letzteres, hätte der Mann einen Hörschaden gehabt, hätte einer Starterlaubnis wohl nichts im Wege gestanden.

Der DSB ist eine kommerzorientierte Interessenvertretung, Menschen sind für ihn nur Teil des Spiels.

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So 10. Aug 2014, 13:56 - Beitrag #11

Zitat von janw:Mir hat sich nie erschlossen, warum Schulsport um einen Leistungswettkampf kreisen sollte.
Die Standardverteidigung ist die Gegenfrage, warum das denn dann bei Mathe der Fall sein sollte. Führt hier aber zu sehr vom Thema ab.

@Lykurg: Zusätzliche Schauläufe mit entfesselter Technik im Vorprogramm? Aber der Motorsport scheint ja auch zu überleben, obwohl die Hersteller nicht mehr ihrer Kreativität freien Lauf lassen dürfen.

@Ipsissimus: Man könnte das heutzutage alles, technisch gesehen - aber nur, wenn man sich auch metrologisch und juristisch auf ein Protokoll einigen könnte. ;)

Darauf, dass man auch die "Normalathleten" nicht normieren kann, wollte ich ja auch hinaus, daher der Vorschlag einer "Potentialnutzungswertung". Die aber natürlich auch eine Steilvorlage für juristische Kleinkriege wäre...

Die Einzelfallentscheidung halte ich auch für eindeutig falsch; selbst, wenn man sich unbedingt für Vollexklusion entscheiden und damit unbeliebt machen will, kann man das höchstens mit ordentlicher Vorankündigung.

Noch ein Aspekt zu möglichen regularischen Trennungen: Vermutlich bekommt man mittelfristig auch noch eine Grauzone zwischen operativ reparierten "Normalbeinen" und "Halbprothesen" dazu, mit der die Sache noch schwieriger wird.

@Jan wieder: Ich würde sagen, es geht um die Abgrenzung, wann ein Hilfsmittel noch integrationsnotwendiges Aushilfsmittel ist und wann es zum Vorteil wird, quasi die Integration der "nichtbehinderten" Sportler zum Problem macht, oder im Extremfall gar Anreize zur Selbstverstümmelung setzen könnte. Mit letzterem im aktuellen Fall zu argumentieren, ist eher lächerlich, aber es ist mit Sicherheit die Dystopie, die den Offiziellen im Kopf herumspukt.

janw
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So 10. Aug 2014, 19:41 - Beitrag #12

Traitor, bei den direkt für die sportliche Leistung relevanten Körperteilen dürfte diese Entscheidung IMHO schwierig sein, eine ständige Quelle für Streitigkeiten. Ich denke aber, daß z.B. ein Hörgerät für einen hörgeschädigten Weitspringer unproblematisch wäre.

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So 10. Aug 2014, 20:06 - Beitrag #13

Sicherlich. Ein Komplettverbot jeglicher Körpermodifikationen oder medizinischer Behandlungen von Sportlern hat ja auch hoffentlich niemand gefordert...

Maglor
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Mo 11. Aug 2014, 09:31 - Beitrag #14

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"Damit es gerecht zugeht, erhalten alle die gleiche Prüfungsaufgabe: Klettern Sie auf diesen Baum!"


Jeder gegen jeden ist eigentlich in keiner Sportart üblich. Nirgends treten Männer gegen Frauen an.
Beim Boxen werden die Kämpfer sogar noch nach Gewichtsklassen selektiert. Bantam sollte unbedingt mal vom Superschwergewicht zerlegt werden.

Traitor
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Mo 3. Nov 2014, 22:27 - Beitrag #15

SpOn: Rehm darf deutschen Meistertitel behalten

Tatsächlich hat man sich mit gebührender Verspätung auf einen halbwegs unfaulen Kompromiss geeignet: er bekommt seinen Titel zurück, und zumindest mittelfristig gibt es die gemeinsamen Wettkämpfe mit getrennten Wertungen, die wir hier auch schon als Möglichkeit erörtert hatten. Nur der ursprüngliche Aufreger der Europaqualifikation scheint unter den Tisch gefallen zu sein - ob das darunter fällt, "klare Regelungen im internationalen Sport" abzuwarten...?


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