Rechts von der CSU - außerhalb von Bayern

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Maglor
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Di 28. Nov 2017, 18:52 - Beitrag #1

Rechts von der CSU - außerhalb von Bayern

Zitat von Ipsissimus:Aber wie die AfD deutlich macht, haben wir in Deutschland einen soliden Stamm an Wählern, die bereit sind, unbegrenzt weit rechts zu wählen, um nichts Böseres dazu zu sagen. Somit benötigen wir eine Partei, die deutlich weiter rechts aufgestellt ist als die CDU, aber noch im demokratischen Spektrum verblieben ist. Wir brauchen die CSU, um jene Wähler abzufangen, die sonst AfD oder Schlimmeres wählen würden. Also pro bundesweite Ausweitung der CSU.

Die andere Frage wäre natürlich, was Demokratie wert ist, in der Faschismus eine Wahloption wie jede andere ist. Aber die Frage stellt sich nicht nur in Deutschland.


Zitat von Lykurg:Ipsissimus, bist du das? :boah:

Aber ja, ich kann den Punkt nachvollziehen. Die Alternative wäre ein harter Rechtskurs der CDU, aber der würde ihnen die Koalitionsmöglichkeiten nehmen. Abgesehen davon ist eher unwahrscheinlich, daß sich die AfD-Klientel in die Merkelpartei locken läßt. Und was nach Merkel kommen könnte, hat sich noch nicht wirklich profilieren können (ohne dann gleich geköpft zu werden).

Bei so viel Lob für die CSU wird es mir zu gruselig. In der Realität konkurriert die AfD bereits in Bayern mit der CSU. Die vorhandende CSU-Liste hat die Bayern nicht am AfD-Wählen gehindert - im Gegenteil in keinem anderen Alten Bundesland war die AfD bei der Bundestagswahl erfolgreicher.

Ergänzen möchte ich diese Aussage von Frauke Petry. Ihre geplante blaue Partei, solle so etwas ähnliches abbilden wie die CSU. Petry begründete ihren Austritt aus der AfD damit, die AfD sei eine sozial-patriotische Partei. Das bedeutet also die Partei sei ihr im Grunde zu links. Sie wolle zumindest eine wirtschaftsfreundliche und regierungsfähige Partei und das dauernde Herumgekasper im "gärigen Haufen" stehe dem entgegen. Das bedeutet natürlich auch, dass die AfD mit ihren offenen Debatten eigentlich zu liberal ist.
Deutschland braucht eine neue CSU.
Petry Heil :P

Im direkten Vergleich von AfD und CSU fällt natürlich auf, dass in der CSU Kampfkanidaturen und öffentliche inhaltliche Debatte nicht üblich sind. Die Reihen sind festgeschlossen. Ganz anders ist die AfD, laut Gauland ein gäriger "Haufen". Die Führungsfrage braucht man in der AfD nicht zu stellen. Es gibt mehrere politische Flügel, die in permanenten Kämpfen miteinander stehen. In der CSU herrschen hingegen stabile Verhältnisse. Wenn natürlich an der Person Seehofer, als Ministerpräsident und 1. Vorsitzender, unumstritten der Führer der Bewegung, gezweifelt wird, ist das ein Skandal. In der AfD hingegen war das immer der Normalzustand.

So ist die Frage, welche Partei demokratischer ist, nicht leicht zu beantworten.


Die CSU hat es nie gewollt, dass rechts von ihr Parteien auftauchen und doch passiert es immer wieder. Die Republikaner stammten gleich der CSU. Bei der AfD kann man immerhin behaupten, dass die Rädelsführer nicht Fleisch vom Fleisch der CSU sind, sondern sich aus der Hessen-CDU rekrutiert haben, die seit Alfred Dregger für ihre ausländerfeindlichen Qualitäten bekannt ist.
Der rechte Metapolitiker Götz Kubitschek, der selbst in der AfD noch umstritten ist, betrachtet sich selbst als Padawan von Armin Mohler. Armin Mohler gilt der ideologische Vater der Neuen Rechten. Er selbst sieht sich als Schüler von Epigonen Carl Schmitt und Ernst Jünger, die Mohler wiederum für die Sith-Lords der "konservativen Revolution" hielt.
Doch der Wirkungskreis von Lord Mohler reichte tief ins bürgerliche Lager. Mohler war in den 70ern Redeschreiber für Franz-Josef Strauß, dessen klare Freund-Feind-Bestimmungen braun-blauen Charakter haben. Obwohl Lord Mohler in den 80ern bei den Republikanern neue Schüler fand, bleibt offen, ob die CSU sich dadurch politisch bewegt hat.

Der CSU wurde zurecht vorgeworfen, sie sei Stichwortgeberin der AfD. Zahlreiche Meinungen, die die AfD derzeit vertritt, wurde von der CSU quasi metapolitisch vorbereitet. AfD-Programmatiken lesen sich wie das Beckstein'sche Traumwunderland, in der alles und jeder abgeschoben wird. Zuletzt forderte die AfD bekanntlich den "Untersuchungsausschuss Merkel" und verwies auf die von Seehofer persönlich konstruierte Gedankenidee, vom Kontrollverlust und der rechtswidrigen "Grenzöffnung" im Herbst 2015. Man sollte sich daher auch fragen, ob die AfD in der Antiislam- und Antiflüchrlingspolitik über neue Positionen vertritt oder die seit Jahren aus CSU/CDU vertretenen Positionen nur in konzentrierter Form nachplappert. Immerhin hat die AfD dieses Thema Anfang 2015 eher zufällig für sich entdeckt und sich diesen Hut selbst aufgesetzt. Davor ging es in der AfD immer nur um den Euro und neue soziale Marktwirtschaft.

Traitor
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So 10. Dez 2017, 11:47 - Beitrag #2

Zitat von Ipsissimus:Aber wie die AfD deutlich macht, haben wir in Deutschland einen soliden Stamm an Wählern, die bereit sind, unbegrenzt weit rechts zu wählen, um nichts Böseres dazu zu sagen.
Dieser - noch stille - Stamm wurde ja schon seit bestimmt 10 Jahren nach jeder rechtslastigen Wahl im europäischen Ausland diskutiert. Unbeantwortet ist aber immer noch, ob der Stamm allein eine >5%-Partei tragen kann, oder ob die AfD vor allem davon profitiert, zum richtigen Zeitpunkt nach oben gespült worden zu sein, als sich Linke und Piraten als Protestpartei totgelaufen hatten. Anfangs hoffte ich auf letzteres, befürchte aber inzwischen stark ersteres; auch, weil letzteres zumindest eine stark gesunkene inhaltliche Hemmschwelle der Protestwähler voraussetzt, was dann den Übergang zur Stammklientel erschreckend leicht macht.



Zitat von Maglor:Man sollte sich daher auch fragen, ob die AfD in der Antiislam- und Antiflüchrlingspolitik über neue Positionen vertritt oder die seit Jahren aus CSU/CDU vertretenen Positionen nur in konzentrierter Form nachplappert. Immerhin hat die AfD dieses Thema Anfang 2015 eher zufällig für sich entdeckt und sich diesen Hut selbst aufgesetzt. Davor ging es in der AfD immer nur um den Euro und neue soziale Marktwirtschaft.

Naja, ganz stimmt das nicht, siehe z.B. dieses Petryplakat von 2013:
Bild
Allerdings musste ich mich, um es zu finden, erst durch 2 Seiten reinen Anti-Euro klicken, und der Text ist bemerkenswert zahm im Vergleich sowohl zu 2017er Parolen als auch zu manchen Vorgängersprüchen von C*U. Also tendentiell Beleg der Nachplallerthese.

Maglor
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So 10. Dez 2017, 14:01 - Beitrag #3

Die Aussage "Einwanderung braucht strikte Regeln" ist so universell nichtssagend, dass sie wahrscheinlich auch Andrea Nahles vertreten würde. Der öffentliche Diskurs drehte sich 2013 vor allem um die Zuwanderung aus Rumänien und Bulgarien in "unsere Sozialsysteme". Dass ausgerechnet Arbeitsministerin Nahles strikte Regeln einführte, die entsprechend Rumänen und Bulgaren von den ach so rosigen Hartz-IV-Leistungen ausschloss, zeigt, dass der damalige AfD-Wahlkampfslogan alles andere als rechts von der CSU zu lokalisieren ist.

Interessanter und aussagekräftiger finde ich hingegen Gaulands toxischen Kommentar im Tagesspiegel 10.12.2012. Die jetzige AfD-Größe beklagt sich schon damals über die gleichen "Probleme" wie heute als Führerungsfigur der angeblich nach rechts verrutschen AfD. Man beachte auch die Überschrift:
Offener Meinungskampf Das politisch korrekte Deutschland
Zitat von Gauland:Der konservative CDU- Politiker Alfred Dregger pflegte gern darauf hinzuweisen, dass er in den Maitagen 1945 in Breslau bis zur letzten Patrone gegen die Russen gekämpft habe. Ähnliche Bemerkungen würden heute wohl nicht nur zum Karriereende, sondern auch zum umgehenden Ausschluss aus jeder politisch korrekten Diskussion führen.
...
In keinem anderen Land der Welt wird die Frage, ob Zuwanderung aus fremden Kulturkreisen für ein Land und seine Gesellschaft sinnvoll oder belastend ist, und ob sich manche Kulturkreise damit schwerer tun, als die vielen klugen türkischstämmigen Fernsehgesichter demonstrieren sollen, von so vielen Tabus umstellt.

Gaulands bezieht sich natürlich direkt auf Alfred Dregger, den großen konservativen Rassisten aus der Hessen-CDU. (Dregger wollte schon in den 80ern unsere türkischen Mitbürger in Anatolien entsorgen.)

Zum Vergleich Horst Seehofer:
Zitat von Tagesspiegel 10.03.2011:Äußerungen von Horst Seehofer auf dem politischen Aschermittwoch könnten für den CSU-Chef noch ein juristisches Nachspiel haben. „Bis zur letzten Patrone“ werde sich die Berliner Koalition dagegen sträuben, dass „wir eine Zuwanderung in die deutschen Sozialsysteme bekommen“, hatte Seehofer in Passau in seiner umstrittenen Integrations- Passage angemerkt

Natürlich blieben die Anzeigen wegen Volksverhetzung gegen Seehofer erfolglos und es gab keine politischen Konsequenzen - außer natürlich für die Rumänen und Bulgaren in Deutschland. :fear:

Die These Gaulands, dass solche Bermerkungen das Karriereende oder den Ausschluss aus der Debatte bedeuten, wird daher durch die Praxis natürlich widerlegt. Ausländerfeindlichkeit waren eben nie ein Tabu - zumindest nicht im Mainstream.

Der Schritt zum großen Maus-Ausrutscher der AfD-Dilletantin Beatrix von Storch, man müsse notfalls die Schusswaffe gebrauchen, um die Grenze vor illegalen Einwanderern, ist jedenfalls gar nicht so weit.

Ipsissimus
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So 10. Dez 2017, 16:12 - Beitrag #4

An der AfD und ihren europäischen und weltweiten Korrespondenzen wird abermals sichtbar, dass ein demokratisches Gesellschaftssystem in gewisser Weise ein wehrloses Gesellschaftssystem ist, sobald seine Feinde raffiniert, schlau oder intelligent genug sind, demokratische Procedere gegen die Demokratie einzusetzen. Das ist ein Problem aller humanistischen Systeme seit Grundlegung der Aufklärung. Divide et impera war ja schon immer eine narrensichere Machterhaltungsmethode, aber wenn die, die teilen, sich nicht mal mehr minimalsten humanistischen Standards verpflichtet fühlen, geraden wir geradewegs in die Situation der Weimarer, und sehr weit sind wir derzeit nicht mehr davon entfernt.

Lykurg
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So 10. Dez 2017, 20:14 - Beitrag #5

Eine mögliche Perspektive darauf wäre, daß das Böse hinter den Fassaden, hinter die es mühsam zurückgedämmt wurde, weiter schwärt und in jedem Zeitalter neue, seinen gesellschaftlichen Bedingungen entsprechende Wege sucht, auszubrechen. Kommt es dazu, rekonstituiert die Gesellschaft sich je nach Schwere des Ausbruchs mehr oder weniger verstört erneut und versucht, in ihrer neuen Ordnung diejenigen Angriffsrouten zu verschließen, die in der letzten und vielleicht vorletzten Bedrohung verwendet wurden.

Maglor
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So 17. Dez 2017, 18:02 - Beitrag #6

Ich bin mir aber sicher, ob das das Böse eigentlich nicht hinter Fassade versteckt ist. Oft erscheint es mir eher so, als wäre die Boshaftigkeit die aufgesetzte Fassade. Das ist natürlich noch viel durchtriebener als echte Boshaftigkeit. Es ist echter Schmittismus.

Der eigentliche Trick ist, dass Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zu Kampfbegriffen werden. Der politische Feind wird natürlich als Nazi bezeichnet und abgewertet.

Ipsissimus
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So 17. Dez 2017, 18:59 - Beitrag #7

Zitat von Maglor:Der eigentliche Trick ist, dass ...


... es der Menschheit eingeimpft werden konnte, dass sie Herrschaft benötigt. Das ist so selbstverständlich, dass es praktisch niemals hinterfragt wird, jedenfalls nicht öffentlich.

Maglor
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So 17. Dez 2017, 20:21 - Beitrag #8

Zitat von Gauland:Nein, es geht bei all diesen Versuchen, Ergebnisse von demokratischen Debatten und offenem Meinungskampf vorwegzunehmen und die andere, vom Mainstream abweichende Position ins moralische Aus zu drängen, nicht um mehr oder weniger richtig, sondern um zulässig oder unzulässig.

Rechts(?) von der CSU ist vieles möglich. Gerade ihr Oberwolf Gauland stilisiert sie zum "gärigen Haufen", in dem angeblich alles gesagt werden darf. Auf machtvolle Führertitel wie Großer Vorsitzender wird bewusst verzichtet. Nein, sie sind nur Sprecher. Die AfD ist daher herrschaftsfreier Raum.

Die "gärige" AfD mit ihren Abstimmungsmarathons und ihrem öffentlichen Flügelgeflatter ist daher das genaue Gegenteil der CSU.

Maglor
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Do 21. Feb 2019, 23:28 - Beitrag #9

Zitat von Maglor:Der rechte Metapolitiker Götz Kubitschek, der selbst in der AfD noch umstritten ist, betrachtet sich selbst als Padawan von Armin Mohler. Armin Mohler gilt der ideologische Vater der Neuen Rechten. Er selbst sieht sich als Schüler von Epigonen Carl Schmitt und Ernst Jünger, die Mohler wiederum für die Sith-Lords der "konservativen Revolution" hielt.
Doch der Wirkungskreis von Lord Mohler reichte tief ins bürgerliche Lager. Mohler war in den 70ern Redeschreiber für Franz-Josef Strauß, dessen klare Freund-Feind-Bestimmungen braun-blauen Charakter haben. Obwohl Lord Mohler in den 80ern bei den Republikanern neue Schüler fand, bleibt offen, ob die CSU sich dadurch politisch bewegt hat.

Lord Söder möchte jetzt "wieder auf die helle Seite der Macht [sic!]".
Wird sich die CSU wirklich von dieser ganzen Sith- und Nazi-Scheiße entziehen können?
In großer Gefahr ist alle seid! :fear:


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