Vogelgrippe Ö Gefahr für die Menschheit oder Panikmache?

Von der Genetik bis zur Quantenphysik, von der Atomkraft bis zur Künstlichen Intelligenz. Das weite Feld der modernen Naturwissenschaften und ihrer faszinierenden Entdeckungen und Anwendungen.
Lykurg
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Do 13. Apr 2006, 07:58 - Beitrag #61

Den Text finde ich sehr überzeugend, danke, janw. Allerdings sehe ich an einer Stelle noch nicht durch:
Indirekt wird die unter Beschuss geratene artgerechte Freilandhaltung durch die behördlichen Maßnahmen wie Einstallungsflicht gegen die vermeintliche Einschleppung der Seuche durch Wildvögel. Sie ist aber angesichts der tatsächlichen Pandemie-Risiken infolge der industriellen Geflügelhaltung nicht das eigentliche Problem, sondern vielmehr dessen Lösung, wie die internationale Nachhaltigkeitsorganisation Grain feststellt.
Er kommt mE nicht darauf zurück, inwiefern die Freilandhaltung das Risiko verringert. Daß die Verbreitung durch Zugvögel unerheblich ist, mag sein, und ich nehme es gerne hin. Daß Geflügelmagnaten ein Interesse daran haben, der Freilandhaltung eins auszuwischen, ist plausibel, und die schädlichen Folgen der öffentlichen Hysterie sind klar. Was mir aber hier fehlt, ist die genauere Erklärung des Gegenschlusses, den er daraus zieht. Auch wenn Dünge- und Futtermittel sowie illegaler Handel mit infizierten Tieren der Verbreitung dienen, sehe ich noch nicht, wieso das im Stall häufiger vorkommen soll als auf der Wiese. Ich weiß nicht, ob hier in der Argumentation ein Satz fehlt, der erste ist jedenfalls unvollständig. Als Nichtökologe kenne ich Grain nicht, weiß auch nicht, wie zuverlässig, vor allem aber wie politisch zielgerichtet ihre Äußerungen sind (ein Blick auf ihre Website mehrte diese Sorgen eher noch). Immerhin wären hier weitere Informationen nützlich.

Die Seite von GRAIN befindet sich hier, ich habe auch nach einigem Suchen noch keine genauere Erklärung des erwähnten Zusammenhangs gefunden. Das Beispiel Afghanistan, über das ich dort las, klingt mir ziemlich nach einer Scheinkorrelation.^^

janw
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Do 13. Apr 2006, 10:18 - Beitrag #62

Tja, da ist das Verb verloren gegangen...
Ich vermute mal, daß es "kriminalisiert" heißen sollte, denn das trifft es eigentlich am besten.

Die Argumentation hätte etwas detaillierter ausfallen dürfen, da stimme ich Dir zu.
Dann erkläre ich es mal...
Bei der Freilandhaltung in kleinen Einheiten haben die Tiere eine offene Auslauffläche, wo sie auch den Mist lassen. Dese Fläche wird immer mal gewechselt, bis der Mist vergangen ist oder regelmäßig umgepflügt o.ä, jedenfalls fällt kein Mist an, der entsorgt werden muss oder dann, zum Düngemittel umdeklariert, über weite Strecken gehandelt wird - und damit gibt es diesen Virusverbreitungsvektor nicht.
In Asien ist an diesen Haltungsformen nur problematisch, daß Mensch und Geflügel sehr nahe beieinander leben, was im Falle einer Virenkombination H5N1/Influenza risikoreich werden könnte.

GRAIN ist eine Nichtregierungsorganisation, die für eine nachhaltige Landwirtschaft und gegen Monopolisierungstendenzen wie durch die Gentechnologie eintritt - in meinen Augen sehr überzeugend.

Letztlich führt der Ausrottungsfeldzug gegen die bäuerliche Geflügelhaltung zum Verlust bäuerlicher Existenzen auf breitester Front (im übrigen meistens faktisch ohne jede Entschädigung) und zum Verlust an genetischer Diversität. In Ägypten reicht die Haltunsgeschichte Jahrtausende zurück, was dort an regionaler Vielfalt entstanden ist, ist praktisch verschwunden und wird jetzt durch westliche Hybridhühner notdürftig ersetzt - die mehr Futter brauchen, anfälliger sind und damit der Pharmaindustrie laufende Umsätze bescheren. Was Geld kostet, das nur wenige haben.

Ich hoffe inständig, daß WHO und Monsanto nichts miteinander zu tun haben...

Maglor
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Do 13. Apr 2006, 11:54 - Beitrag #63

Zitat von janw:Das eigentliche Risiko der Massenentwicklung und Ausbreitung des Virus liegt also offenbar bei der Haltung des Geflügels in großen Einheiten und dem mittlerweile globalen Transport der Tiere und - völlig von Medien und Politik ignoriert - von Schlachtabfällen und Exkrementen als Düngemittel.

Exakt! Bricht jene Seuche in einem extremst urtümlichen bäuerlichen Betrieb aus, verrecken sämtliche Hühner (50 bis 100). Die Kosten des Ausfalls sind gering, ebenso die Hysterie. Früher war es auch üblich auf Höfen selbst zu züchten, sodass ein Zukauf (mit eventueller Seuchenverschleppung) nur alle paar Jahre nötig war um das Blut aufzufrischen. Gleiches gilt für das Futter. Jener Haltungsform wird aber mit der Aufstallung der Spass verdorben.
Die bisherigen Hasswochen wurden wohl bewusst auf Zugvögel und Freilandhalter gelenkt. Mich wundert, dass Herr Seehofer noch keinen Abfangbefehl an die Bundeswehr weitergegeben hat. Der globale Handel mit Geflügel, Futter und Exkrementen wurde geschont, denn der ist ja wirtschaftlich. Der Witz ist, jeder private Fleischimport wird kontrolliert aber das Hühnerfutter fährt an der Kontrolle vorbei. :rolleyes:
Was die Pandemie betrifft, so kommt sie sicher, ebenso wie der große Asteroid...
Tatäschlich wird immer fälschlich der Vergleich mit der Spanischen Grippe gezogen, obwohl es auch in der Nachkriegszeit zwei große Pandemien gab. Schon klar, dass im Krieg alle emfänglicher für die Grippe sind als in Friedenszeiten. Von daher lieber den Vergleich mit 1968 ziehen.
MfG Maglor

janw
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Do 13. Apr 2006, 13:41 - Beitrag #64

Die Spanische Grippe ist insofern interessant, als sie offenbar (dem Bericht auf Phönix zufolge) durch die Truppentransporte nach dem Krieg entscheidend gefördert wurde. Das passt gut mit dem Duktus des Berichtes zusammen, der die hypothetische Ausbreitung einer hypothetisch entstehen könnenden Virenkombination H5N1/Influenza durch einen Flugpassagier skizzierte.
Aber letztlich sind bei Influenza nicht so sehr die einzelnen Epidemien von Interesse, sondern die Tatsache, daß das Virus so auftritt - jahrzehntelang irgendwo als Erkältungsgrippe vor sich hin mutiert, um dann alle 40 bis 60 Jahre oder so als große Epidemie auszubrechen.

Man sollte mal einen Hühnermistimport aus Guangdong inszenieren... :rolleyes:

Maglor
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Mi 19. Apr 2006, 11:31 - Beitrag #65

Zitat von janw:Aber letztlich sind bei Influenza nicht so sehr die einzelnen Epidemien von Interesse, sondern die Tatsache, daß das Virus so auftritt - jahrzehntelang irgendwo als Erkältungsgrippe vor sich hin mutiert, um dann alle 40 bis 60 Jahre oder so als große Epidemie auszubrechen.

Irrtum, Influenza war eine Erkältung. :tadel:
Genauso wenig war die klassische Geflügelpest harmlos für Mensch und Tier.
Wenn man begreift, dass die Vogelgrippe eigentlich keine ganz neue Seuche ist, beruhigt das schon mal.
In Asien wurden mehrere Millionen Stück Geflügel unter schlechten hygienische Bedingungen entsorgt. Insgesamt starben nicht einmal 200 Menschen an der Vogelgrippe. China hat mehr als eine Millarde Einwohner.
Ich kann jetzt auch das Gleichnis vom Reissack heruasholen...
Aber das wäre nicht witzig.
MfG Maglor :rolleyes:

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Mo 24. Apr 2006, 19:50 - Beitrag #66

Hallo!

Im aktuellen "Spektrum der W." ist ein "Brennpunkt" die Vogelgrippe.

Es wurde ja hier schon zur genüge erwähnt, aber man kann es nicht oft genug bestätigen. Wörtlich:

"Das genetisch rekonstruierte Ausbreitungsmuster zeigt aber auch, dass die Rolle der Zugvögel bislang überbewertet wurde. Zunindest in der Vergangenheit benutzte das H5N1 Viraus ganz überwiegend den Landweg - wahrscheinlich durch den Handel mit Haustieren - und wanderte dabei sehr langsam von einer Region zur nächsten. So entwickelte sich eine gut nachvollziehbare Serie örtlicher Stämme"

Da Tiertransporte (sowie Futter-, Dung-, etc. Transporte), weiterhin nahezu überhaupt nicht kontrolliert werden, wird das Getue der Polititiker um das defacto Verbot der Freilandhaltung völlig zur Farce - und man kann nur noch dummdreiste Lobbypolitik vermuten (Ich will nicht sagen: Verschwörungs...)

Weitere interessante Fakten, die mir so noch nicht bekannt waren:

- Auf dem Balkan/russ. Förderation, etc. wird Geflügeldung (sehr nährstoffreich, da Vögel schlechte Futterverwerter sind) als Fischfutter verwendet. Man kann davon ausgehen, das das Virus somit mit den Wasservöglen von Fischteich zu Fischteich "springt"

- Ebenedort werden auf Rastplätzen der Vögel nach wie vor große Mengen Geflügelgülle ausgebracht

- Das auf Rügen entdeckte Virus schlummerte evtl. schon Jahrzehnte in den Schwänen ohne das jemand merkte (dabei mußte ich unwillkürlich schmunzeln). Durch den harten Winter (u.a. auch durch den Einflug russischer Wildvögel) und die Schwächung der Tiere kam es dann zum offenen Ausbruch

- Die Resistenzen für vielgepriesenen Tamiflu scheinen aufgrund der Panikmache und des unsinnigen Gebrauches bereits da zu sein, (hoffentlich sagt man es auch dem Finanzminister, der die immer noch laufende gewaltige Vermarktungskampagne bezahlen soll)

- es wurden bereits über 140 versch. Virenstämme gezählt....

-- u.a.

Schlußfolgerung (Zitat):

"Da Zugvögel nur eine untergeordnete Rolle bei der Verbreitung des H5N1 Virus spielen, sollten sich Ausbrüche der Vogelgrippe lokal mit den gegen Tierseuchen üblichen Maßnahmen (Quarantäne, Tötungen potnetiell infizierter (Stall-)Tiere)... stoppen lassen."

Speedfreak2.7
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Sa 1. Jul 2006, 07:23 - Beitrag #67

Ich halte garnichts von dem ganzen Theater mit der Vogelgrippe.. die Vogelgrippe (H5N1) ist ein Phänomen, das prinzipiell schon immer da ist, nur ist es erst ins Gespräch gekommen, seit man nach diesen speziellen Viren gesucht hat.. Das Vogelgrippe Virus existiert schon so lange wie es Vögel gibt.. nur hat es bisher keinen interessiert...


Ne gute Doku zu dem Thema ist "H5N1 antwortet nicht, auf der Suche nach dem Killervirus"

Es ist alles nur Panikmache.. noch vor Jahren war es auch nichts besonderes wenn irgendwo Vögel verendet sind.. da sprach niemand von nem gefährlichen Virus !!!

Maglor
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Sa 31. Dez 2016, 15:38 - Beitrag #68

Auch wenn Seehofer mittlerweile von einer anderen Hysterie geritten wird, leidet das deutsche Geflügel weiterhin unter seinem Vermächtnis. Die dunkle Bedrohung osteuropäischer Zugvögel hat zwar ihren Schrecken verloren, aber die Früchte des alten Wahns sind im Bundesgesetzblatt abgeheftet. Er wollte Deutschland bis zur letzten Patrone verteidigen, selbst wenn die Hühner dieses Landes kein Tageslicht mehr sehen.

Bundeslandwirtschaftsminister Seehofer hinterließ 2006 mit der Geflügelpestverordnung ein schweres Erbe und stellte gefiederte Gefährder unter Hausarrest. Die Nachfolger der Gekeulten mussten sogar Weihnachten 2016 im Spiel verbringen, wenn sie es denn erleben durften.

Ipsissimus
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Di 3. Jan 2017, 10:48 - Beitrag #69

Dass sich noch jemand an dieses Wissenschaftsmärchen erinnert^^

Maglor
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Mi 4. Jan 2017, 17:39 - Beitrag #70

Die Erinnerung kommt ganz schnell, wenn man unmittelbar betroffen ist. ;)
Inzwischen fordert Seehofer nicht weniger als die Einstallung von Menschen. Sachen gibt's. :crazy:

Maglor
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Mi 25. Nov 2020, 21:49 - Beitrag #71

Zitat von Maglor: das mittlerweile aus den Schlagzeilen verschwundene SARS

Es ist wieder da! :crazy:

e-noon
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Do 18. Feb 2021, 00:27 - Beitrag #72

Zitat von Maglor:Inzwischen fordert Seehofer nicht weniger als die Einstallung von Menschen. Sachen gibt's. :crazy:

Die Idee ist auch wieder da und weltweit als Lösung des Problems auserkoren :crazy:

Maglor
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Mo 22. Feb 2021, 18:02 - Beitrag #73

Vogelgrippe, Corona, ausländische LKWs, Islam ... ach egal - in der kruden Welt von Horst Seehofer ist das doch sowieso alles das gleiche.
Der Feind kommt immer von außerhalb. Grenze zu und Schluss damit! Notfalls die Bundeswehr im Inneren einsetzen oder ein Kruzifix aufhängen. :crazy:

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