Original geschrieben von Feuerkopf
Ich schätze, es ist schwierig, im Bereich der künstlerischen Literatur zwischen wirklichen Könnern und Scharlatanen zu unterscheiden.
Dieselbe Diskussion könnten wir genau so über Malerei oder Musik führen.
Genau. Oder über Architektur, etc... Auch anerkannte Größen eines Fachs, aktive Künstler, haben einander schon mit viel Energie geschmäht, beleidigt und verleumdet. Nicht immer aus Futterneid. Sondern manchmal auch, weil die Konzeptionen des einen mit den Vorstellungen des anderen überhaupt nicht mehr zu vereinen waren. Das macht das Gespräch aber nicht müßig. Du siehst das ja zu meinem Entzücken genauso.
Kunstkriege
Wenn wir mal annehmen, dass wirtschaftliche Interessen nicht das einzige Motive für Kriege sind, dass unterschiedliche Weltanschauungen, Ideologien, Glücks- und Menschenvorstellungen ebenfalls eine beständige Quelle des Menschheitsunglücks sind, dann kann man die Kunst durchaus als ritualisiertes Schlachtfeld sehen. Als Versuch, den Aufeinanderprall der Weltbilder tatsächlich in eine Konfrontation der Bilder zu überführen, und die realen Metzeleien der Anhänger in ein Duell der Worte und Ideen.
Die alten Griechen waren da allerdings wiederum skeptisch und unkten, schon die Frage nach der größten Schönheit könne einen Krieg auslösen - vielleicht war es ja nicht nur Propaganda, den Krieg um Troja statt als Handelskrieg als Krieg um Ehre, Ränge und Ideen darzustellen. Vielleicht war es tiefer Pessimismus über den Kern der Zivilisation und die hässliche Abseite der Verfeinerung.
Hohlräume
Aber ich schweife jetzt ein wenig ab. Zurück zur Frage der Verständlichkeit und des Anspruchs von Literatur. Lichtenberg hat den schönen Ausspruch getan, wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstießen und es gebe einen hohlen Klang, dann müsse man die Schuld nicht immer beim Buch suchen. Doch aus dieser Regel geht auch klar hervor, dass manchmal die Schuld sehr wohl beim Buch liegt.
Es gibt also für jeden Bücher, für die er zu blöde ist. Und Bücher, mit denen er nicht zu Recht kommen kann, weil das eigene geistige Gewebe mit fremden kaum Knüpfmuster gemein hat.
Aber es gibt auch Bücher, die, wie Du sagst, Feuerkopf, Scharlatanerie sind - also ein in sich vernünftiges fremdes Knüpfmuster nur vorgaukeln. Oder andere schwere Defekte haben.
The Name Game
Der viel gelobte T.C.Boyle zum Beispiel ist für mich nur schwer zu lesen - weil ich seine barocke Wortgewalt für einen Wandschirm hakte, hinter dem eine sadistische Fantasien gebärende Verachtung für seine Figuren kreißt. Ich sage nicht, er sei ein kleines Talent. Er ist ein großes - aber er hat gewiss kein großes Herz. Ich bin ziemlich froh, nicht über eine Literaturpreisvergabe an ihn entscheiden zu müssen.
Ich mag die 'Unterhaltungsromane' von Anne Tyler sehr und finde, die machen vieles anstrengungslos richtig, was man ganz leicht falsch machen könnte - man merkt beim Lesen kaum, wie hat die Frau daran wohl arbeiten muss. Dafür nerven mich die von vielen so innig gelobten, skurrilen und süffigen Romane von John Irving - weil man denen das nach Plan Zusammengeschraubte so anmerkt, die furchtbare Anstrengung, anstrengungslos zu wirken.
Ich will damit sagen (bzw. wiederholen): ab einem bestimmten Punkt muss man einfach gegenüber einem konkreten Werk / Autor Farbe bekennen. Sonst redet man über Phantome. Irving und Tyler liefern halbwegs aufgeschlossenen Lesern gut zugängliche Bücher - trotzdem ist meine Reaktion auf sie sehr unterschiedlich. Also muss man auch die Autoren, die in Blooms Augen eher als King den National Book Award verdient hätten, einer Einzelprüfung unterziehen. Man kann sie nicht alleine über ihren Mangel an Bestsellerqualitäten definieren, weder im Guten noch im Schlechten.
Fargo, Anwalt des Elitären & Freund des Populären