Lesekompetenz

Die Faszination des geschriebenen Wortes - Romane, Stories, Gedichte und Dramatisches. Auch mit Platz für Selbstverfasstes.
Feuerkopf
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Di 25. Mai 2004, 13:08 - Beitrag #1

Lesekompetenz

Hier möchte ich gern von euch wissen, ob ihr auch schon mal festgestellt habt, wie viele Menschen kaum gescheit lesen können.

Ich bin seit über einem Jahr Lesepatin, d. h. ich arbeite ehrenamtlich für die hiesige Stadt- u. Landesbibliothek. Wir lesen Kindern was vor, wir veranstalten auch sogenannte Schul-Rallyes.
Da kommen Grundschulklassen, meist 2. oder 3. Schuljahr, und müssen in einer Bücherei vier Aufgaben rund ums Buch meistern.

Ich habe festgestellt, dass immer wieder Kinder dabei sind, die de facto Ende des 2. Schuljahrs weder lesen noch schreiben können. Es gibt eklatante Unterschiede in den Fähigkeiten.
Manche Kinder sind richtig fit und haben schon einen eigenen Leseausweis, manche Kinder buchstabieren sich die Buchtitel regelrecht zusammen.

Als ich noch für die Ausbildung unserer Handwerkslehrlinge zuständig war, merkte ich, wie unglaublich schwach manche der Jungs in Sachen Schreiben waren. Und auch unsere gestandenen Gesellen konnten teilweise wenig mehr als ihren Namen schreiben. Offenbar hatten sie alles Schriftliche ihren Ehefrauen überlassen und nach und nach ihre Lese- und Rechtschreibkompetenz verloren.

Ist euch schon Ähnliches begegnet?

Traitor
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Di 25. Mai 2004, 13:21 - Beitrag #2

Ich kann mich noch gut an zwei Jungen erinnern, die in der 5. und 6. Klasse waren... auf dem Gymnasium. Und nicht in der Lage waren, einen Satz ansatzweise flüssig vorzulesen, geschweige denn, seinen Inhalt zu erfassen; oder mit weniger als einem Fehler pro Wort zu schreiben. Ohne jede Form von Legasthenie.

Auch in meinem Relikurs jetzt in der Oberstufe saßen mehrere Kandidaten, die bei nicht wirklich schwierigen Texten nur unter größten Mühen den Inhalt herausziehen konnten. Dass einem das bei Kant passiert, ok. Aber bei Schulbuchtexten?

Noch viel erschreckender ist dann das, was mein Vater als Deutschlehrer an einer Hauptschule täglich berichtet. Dort sind in den unteren Klassen im Prinzip die Hälfte der Schüler noch praktische Analphabeten, kaum einer kann mehr als rudimentäre Texte verstehen.

fanvarion
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Di 25. Mai 2004, 16:36 - Beitrag #3

Ich sehe ähnliches bei unseren Auszubildenden.
Es gibt immer noch einige die Leseprobleme haben, aber seit bei uns in der Firma der Einstellungstest im Computer abgehandelt wird sind es halt nur noch "einige"!

Das gleiche Problem sehe ich in der Familie, in diesem Teil wurde nie gelesen, und auch nicht für wichtig befunden. Lesen können sie alle aber die Rechtschreibung ist manchmal "grauenhaft".

Raiden/Yuji
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Di 25. Mai 2004, 18:38 - Beitrag #4

Meine Mutter ist Lehrerin an der Grundschule und erzählt daheim auch ab und zu sehr krasse Sachen. Es ist halt einfach so, das Fernseher und Computer mittlerweile das ersetzen, was früher an Büchern gelesen wurde. Oder das Eltern den Kindern lieber ein Video reinlegen, damit sie keine Gute-Nacht-Geschichte vorlesen müssen. Ich find es echt schlimm, wie schlecht das teilweise schon ist mit dem Lesen und der Rechtschreibung.
lg
Yuji

aleanjre
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Di 25. Mai 2004, 19:20 - Beitrag #5

Kann ich nur bestätigen. Einer meiner Nachhilfeschüler, 8. Klasse Realschule, versuchte mir letztes Mal ernstlich beizubringen, dass er nicht fähig ist zu erkennen, wann wörtliche Rede beginnt. Das konnte ich in Englisch schon nicht nachvollziehen, aber auf Nachfrage kam raus, dass er das in Deutsch auch nicht kann - er braucht es nie zu machen! Angeblich schreiben die niemals Interpretationen, sondern immer nur kurze Zusammenfassungen von Texten, die ihnen vorgelesen werden. Ist die Frage, ob der betreffende Lehrer wegen mangelnder Kompetenz geschlagen gehört oder sich auf diese Weise seine Ruhe erkauft, weil so viele seiner Schüler nicht ordentlich lesen können.

J-Reno
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Di 25. Mai 2004, 20:08 - Beitrag #6

Sogesehen braucht sich keiner zu wundern, warum viele Jugendliche, oder überhaupt die ganze Gesellschaft im Grunde wirklich am verblöden ist. Ich muss sagen, schon was Allgemeinwissen angeht, habe ich es fast nur durch Bücher erlangt und wenn ich mit anderen Mitschülern eine normale Unterhaltung führe, frage ich mich auch manchmal, ob sie mich verarschen, oder wirklich so dumm sind. Meistens sind es ganz banale Dinge, z.B. heute erst habe ich einer Freundin erklärt, was eine Konversation (!) und der Unterschied zwischen Hitzewell-und wallung ist...

Juniregen
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Di 25. Mai 2004, 21:39 - Beitrag #7

Nein, ich kenne das nicht aus eigener Erfahrung, und ich bin froh darüber. Sicher, auch bei uns gab es Leute mit mehr und solche mit weniger Wissen, aber wirklich extreme Lücken hatte keiner. Allerdings eines habe auch ich leider schon bemerkt: Bücher sind nicht besonders beliebt bei den meisten Jugendlichen. Gewisse Schüler, die in langweiligen Unterrichtsstunden lieber zu einem Buch griffen, waren in meiner Schule selten.

Shockk
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Do 27. Mai 2004, 03:02 - Beitrag #8

Ich muss ehrlich zugeben dass ich mir zum Ende des Schuljahres hin immer öfter Bücher mitgenommen habe, um mich im Englisch LK abzulenken :P.

In meiner ehemaligen Stufe (also 13) sind mir auch so einige m.E. auffällige Abweichungen aufgefallen. Es gibt sehr viele Leute meines Alters (und auf dem papier meines Bildungsstandes) die auch mit 18/19/20 im Gymnasium Schwierigkeiten haben, einen normalen Deutschen Text flüssig zu lesen, seien es (simple) Fremdworte, Kommata, Absätze oder Punkte (!). Ich wundere mich dann immer wieder ein wenig, woher das kommt, denn eigentlich sollte man ja im Verlaufe der Schulkarriere mit dem Schriftlichen genug Kontakt gehabt haben.

Feuerkopf
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Do 27. Mai 2004, 09:44 - Beitrag #9

Wenn ich mir meinen Sohn angucke, 14 Jahre, Kl. 8, sehr guter Schüler, dann wundere ich mich, wieso er einerseits problemlos schwierige Texte versteht, aber eine Rechtschreibung hat, die wirklich jeder Beschreibung spottet.
(Über die Handschrift sag ich schon gar nichts mehr...)
Muss er gar etwas auf Englisch schreiben, so ist das inhaltlich richtig, aber orthografisch unterste Schublade.
Ihm ist viel vorgelesen worden, er liest selbst in Maßen. Er muss zwangsläufig auch viel schreiben, aber er tut es einfach nicht gern.
Möglicherweise gibt es einen Zusammenhang zwischen Lesen/Hören und Schreiben/Sprechen. Sein Output ist jedenfalls höchst fehlerreich.

Lethe-Elbin
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Di 1. Jun 2004, 12:30 - Beitrag #10

Also mir ist auch schon in meiner Klasse(10.Klasse RS, noch 17 Tage Schule) passiert.
die kennen Wörter nicht wo ich sage Oh Gott das wissen die nicht!


Ciao Lethe

BS
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Mi 2. Jun 2004, 17:00 - Beitrag #11

In meinem Zeugnis der 2. Klasse stand als Bemerkung "BS kann fremde Texte fliessend und sinngemäß wiedergeben" ... oder so und das trotz Sprachfehler ;)
Ich bin aber auch ein Fan von langen Wörtern wie z.B. Telekommunikationssystemelektroniker oder Desoxyribonukleinsäure .... solche Wörter habe ich immer gerne zum training wiederholt.

Mir sind aber auch in der 10. Klasse Mitschüler aufgefallen, die bei längeren Wörtern oder Fachwörtern versuchen dieses zusammenzustammeln. Das lag aber wahrscheinlich auch daran, dass diese Person nur vor dem TV hing und ich glaub nicht, dass er irgendein Buch besessen hat.

Wer will den schon in der heutigen Zeit von DVD und TV noch ein Buch anfassen? Da zockt man doch lieber xbox und spielt seine eigene Geschichte selbst :D

Eigentlich kommt es ja auch auf die Interesse an. Ich bin z.B. immer gerne mit einem Kumpel früher in die Bücherei gegangen um Fachliteratur auszuleihen oder Comics zu lesen ;)

Padreic
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Mi 2. Jun 2004, 19:48 - Beitrag #12

Das Stammeln von langen Wörter oder schwierigen Fremdwörtern hat aber teilweise auch eher mit der Ungewohntheit des Aussprechens als mit der mangelnden Kenntnis des Wortes zu tun. Früher hatte ich z. B. Schwierigkeiten das Wort 'Existenzialismus' auszusprechen, ohne mich wirklich dabei zu konzentrieren, weil ich halt irgendwann das erste Mal mit jemanden mündlich darüber gesprochen habe. Als ich es dann aber zwei- oder dreimal in einer Diskussion benutzt hatte, ging es problemlos...

Es lesen aber auch durchaus recht intelligente Leute manchmal etwas grausig...wir haben z. B. einen im Musikkurs, der immer recht schnell und eigentlich auch flüssig liest, aber hat teilweise üble Versprecher, wie z. B. 'intime' als 'in time' oder dergleichen ;).
Aber andere können wirklich nicht gut lesen und man weiß, dass es da auch grundsätzlich an der Lese- und Sprachkompetenz hapert...

Padreic

Trin
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Do 3. Jun 2004, 09:10 - Beitrag #13

Bei uns am Gymi gibt es, vor allem unter den Jungs, auch sehr leseschwache Schüler. Ein Wort, dass sie nicht in fast jedem Text finden, können sie erst nach 3 - 4 Versuchen flüssig aussprechen. Oder sie kriegen es gar nicht auf die Reihe und die Lehrerin greift ein. Außerdem ist mir aufgefallen, dass sie auch leicht Wörter vertauschen, also statt "lebend" "strebend" lesen. Und wenn sie laut vorlesen, müssen sie sich so sehr auf das Lesen der Wörter konzentrieren, dass sie den Inhalt des Textes nicht verstehen.
Gegen andere Beispiele hier geht das ja noch, aber das sind 15 bzw. 16 jährige Gymnasiasten! Und ein paar von ihnen wollen nächstes Jahr von der Schule abgehen und einen Beruf erlernen. Na dann...

Kati
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Fr 4. Jun 2004, 23:12 - Beitrag #14

Etwas wirklich peinliches, ist einer "Kollegin" von mir passiert:
Seit 3 Jahren gehe ich nun schon mit ihr zusammen auf die Berufsschule. Immerwieder sind mir dabei ihre Schwächen in Rechtschreibung und im Lesen aufgefallen, und das mit 24 und einem 4 jährigen Sohn.

Nun ist sie durch die Abschlussprüfung gerasselt. Wegen mangelnder Ausdrucksweise und Rechtschreibung. Sie ist jetzt zwar ein krasses Beispiel, aber in abgestufter Form leider kein Einzelfall :(

Monostratos
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Fr 4. Jun 2004, 23:26 - Beitrag #15

Tja, auch bei mir im E-Zweig gibt es immernoch die Spezialisten, die das lesen, was sie lesen wollen, d.h. dass der Inhalt verzerrt wird. Besonders fällt dies bei deutschen Texten auf. Fremdsprachige Texte erfordern, da sie fast ausschliesslich richtig vorgelesen werden, scheinbar mehr Konzentration.
Ein Kollege hat seit Anbeginn seiner Schulkarriere eine auffällige Rechtschreibschwäche, was aber nicht an mangelnder Übung/ Engagement zu liegen scheint... Aber hier will ich mal keine weiteren Mutmassungen darüber anstellen.

eviegrashalm
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Sa 5. Jun 2004, 13:50 - Beitrag #16

also, was das vorlesen angeht, das muss nicht unbedingt mit mangelnden rechtschreibkenntnissen oder ähnlichem zusammenhängen!!! ich hab mich beim vorlesen (und manchmal auch beim sprechen) immer so verhaspelt, bin hängengeblieben, hab gestottert usw. aber ich hab immer viel gelesen und meine rechtschreibung war eigentlich ok (manchmal ein paar leichtsinnsfehler aber nix ungewöhnliches). also, ich weiß nicht woran das liegt bei mir, aber vorlesen ist nicht mein ding!!!

aber im ernst, ich glaub auch nicht dass viele meiner ehemaligen mitschüler aus der realschule oft ein buch in die hand nehmen.
dabei verpasst man doch so viel, seit ich mit meinem freund zusammen bin hat mich richtig die sucht gepackt und ich "verbrauche" so ein bis zwei bücher die woche (eigentlich ungewöhnlich für mich). aber ich kann mich auch noch erinnern dass ich in der mittelstufe mal so ne freistunde hatte und hab mich entschlossen noch was für deutsch zu lesen. ich glaub ich hatte nichtmal eine seite fertig da meinte irgendjemand neben mir "was macht DIE denn da? oh mein gott, die LIEST!!!" :shy:


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