Beethoven, Mondschein-Sonate, erster Satz, adiago sostenuto.
Er kann sich nicht satt hören an diesem Stück. Es ist wie ein Strudel, der den Zuhörer berauscht und in eine dunkle, von sonderbaren Gedanken und Sehnsüchten bevölkerte Tiefe hinab zieht, die seine Sinne ausfüllt und auch nach dem endgültigen Verhallen der beiden Schlussakkorde nicht gänzlich wieder frei gibt.
Er spielt fast zu langsam, zögert, dehnt jeden Ton, jeden Akkord genüsslich bis an die Schmerzgrenze, versucht alles, außer blasphemischer Improvisation, um es noch nicht enden zu lassen, doch schließlich spielt er die unausweichlichen Schlussakkorde, die bedeuten, dass der Traum schon sehr bald enden wird und er sich wieder der Realität stellen muss.
Einen Moment lang bleibt er regungslos sitzen, um zu sich selbst zurück zu finden. Dann steht er auf und geht zu einem der Fenster hinüber. Zufrieden schaut er in den Sternenhimmel hinauf. In ein paar Stunden, wenn das Licht in ihrem Zelt schon lange erloschen ist, wird er diese Frau holen.
Er legt seine Hände an die kühle Scheibe und versucht, die Lichtung auszumachen. Da vernimmt er plötzlich das kalte, harte Geräusch von Holz gegen Glas, mit dem seine Maske an das Fenster stößt.
Wie er dieses Geräusch hasst! Wie er seine Maske hasst! Wie er das hasst, was die Maske versteckt! Dieses grotesk verformte Ding, das sein Gesicht darstellt! Diesen geballten Haufen abstoßender Hässlichkeit, der Mutter einst dazu veranlasste, sich das Schweigen derer, die an seiner Geburt beteiligt waren, zu erkaufen. Sie ließ ihn als Totgeburt registrieren, als schrecklichen Klumpen toten Fleisches, der die Alpträume werdender Mütter durchzieht.
Doch er war nicht tot. Auch wenn er es oft genug hatte sein wollen.
Warum Marguerite ihn nach der Registrierung nicht einfach irgendwo ausgesetzt hat, ist ihm nie ganz klar geworden. Vielleicht drängte ihre Freude über das andere, das hübsche Kind, den Ekel und die Abscheu in diesen ersten Tagen noch ein wenig zurück, so dass sie entschied, ihn nur auf dem Papier sterben zu lassen. Dann waren das Haus gekauft und die drei Kindermädchen verpflichtet und es gab kein Zurück mehr.
Man hätte Mutter diese andere Reaktion auf sein Gesicht jedoch nicht verdenken können, denn sie, eine durch eine ominöse Vaterschaftsklage reich gewordene Schauspielerin und 'Künstlerin', war eine Frau, die die Schönheit über alles liebte. Welch ein Schock für sie, erkennen zu müssen, dass sie die personifizierte Hässlichkeit neun Monate lang in ihrem Leib getragen hatte.
Wie er sie gehasst hat! Doch er hat sich für all ihre Lügen und ihre Ungerechtigkeit angemessen gerächt.
Seine Hände ballen sich zu Fäusten. Noch ein letztes Mal in düsteren Erinnerungen schwelgen. Wenn die Frau in seinem Haus ist, sollte er sich diese Gedanken sicherheitshalber nicht mehr gestatten.
Heute Nacht! Heute Nacht wird er sie holen und sein Werk wird endlich geschaffen werden. Er wird endlich sein Schicksal erfüllen.
Mit grimmigem Widerwillen lässt er seine Gedanken zu Ludwigs Zeit in Rouen zurück treiben. Zehn Jahre lang quälte er sich durch eine unwürdige Existenz. Marguerite zwang ihn zum Malen und gab seine Bilder als ihre aus; er war ein Gefangener, bewacht von seiner sorgsam geschürten Angst vor der Außenwelt und seinen Kindermädchen, drei dummen, unerfahrenen jungen Dingern, Adèle, Cécile und Dickens, die den Fehler gemacht hatten, sich für ganze zwölf Jahre zu verpflichten; allein die Tatsache, dass sie mehr als das Dreifache eines durchschnittlichen Kindermädchengehaltes bekamen, und Marguerites verschwenderische Art, mit Strafe umzugehen, hielten sie davon ab, ihren Vertrag zu brechen und einfach davonzulaufen; doch sie zählten voller Ungeduld die Monate, die sie seine Launen noch ertragen mussten.
Was ließ er sich nicht alles einfallen, um die Mädchen in den Wahnsinn zu treiben. Er ließ Céciles Groschenromane und Adèles Nähzeug verschwinden, Kleider, Vorhänge, ganze Möbelstücke, er trennte Nähte auf und nähte Ärmel zu, sorgte dafür, dass das Haus tagelang nach Schwefel oder Buttersäure stank, jedoch niemand die Quelle dieses Gestanks finden konnte, versah die Mädchenzimmer mittels Bindfäden und chemischen und mechanischen Kettenreaktionen mit 'Poltergeistern'. Die drei dummen Hühner sahen ihre körperliche Gesundheit durch sein Lieblingsspiel, kleine pyrotechnischen Experimente, bedroht und flehten Mutter an, ihm seine Chemikalien zu nehmen; doch nachdem sie sein Labor ausgeräumt hatten, begann er, sich auf Sprengstoff aus Wasch- und Putzmitteln, Batteriesäure, Backzusätzen und anderen Haushaltsutensilien zu spezialisieren. Seine Bibliothek mit den Naturwissenschaftsbüchern. Adèle, Cécile und Dickens, besonders Dickens, verfluchten sie beinahe wöchentlich aufs Neue. Und sein Einfallsreichtum kannte keine Grenzen.
Doch plötzlich verdunkelt sich sein Blick. Mutters Prüfungen dringen in sein Bewusstsein: "Komm her! Zeig mir deine neuen Arbeiten! Nicht so lahm, ich habe nicht den ganzen Tag Zeit! Jetzt gib schon her! Da hast du schon wieder den Stil gebrochen! Kubistisch hatte ich gesagt, kubistisch! Ist das so schwer zu begreifen, du kleiner Idiot? Hör verdammt noch mal endlich auf, alles so naturgetreu zu arbeiten! Und wie stellst du dir das eigentlich vor? Du hast nur noch drei Monate Zeit, aber erst ein Bild fertig! Sag mal, faulenzt du den ganzen Tag? Werde ja nicht frech! Wenn ich wegen dir die Eröffnung meiner Ausstellung verschieben muss, werde ich dich bestrafen, dass du es dir demnächst dreimal überlegst, bevor du meine Aufträge nicht richtig ausführst, du hässliches kleines Monster!"
Er verabscheute ihre keifende, spitze Schimpfstimme, doch er wagte nie, sich ernsthaft gegen sie zu erheben. Statt dessen ließ er seine Wut an den drei Mädchen aus. Mutters Strafen waren jedes Mal fürchterlich. Sie schlug ihm die Handflächen wund und sein Rücken war mit Striemen übersät. Er hat etliche Narben aus dieser Zeit.
Manchmal lobte ihn Marguerite natürlich auch, wenn er sich Mühe gab und wirklich gut malte, ab und zu lächelte sie ihn dabei sogar an; kurz nur, doch sie lächelte mit warmen, leuchtenden Augen, und legte sanft ihre Hand auf seine Schulter..
Er versucht sich einzureden, dass ihm ihr Lob und ihre Nähe nichts bedeutet haben, aber dann muss er doch wieder irgendwo in einem dunklen, verborgenen Winkel seiner Seele einsehen, dass das nicht stimmt und er für dieses bisschen Wärme gelebt hat. Es schmerzt, doch es ist so.
Wie oft hat er davon geträumt, dass sie ihn in den Arm nimmt und sanft über sein Haar streicht, freundlich zu ihm spricht, ihm die Maske abnimmt und seine entstellten Wangen mit sanften Mutterküssen bedeckt? Sie hat es nie getan. Jetzt ist sie tot...
... Er saß an ihrem Bett. Er sagte ihr, dass sie im Unrecht ist, er sei ja gar nicht mit Absicht immer so böse, er wolle sie nicht immer ärgern, er wolle sich bessern und fortan brav sein; wenn sie ihn nur in den Arm nehmen würde wie in seinen Träumen, ihm sagen würde, dass er ein Mensch ist wie jeder andere, und ihr Kind. Doch sie war außer Stande, seine Bitte zu erfüllen. Statt dessen lachte sie kalt, bedrohte und beschimpfte ihn mit den altbekannten Worten. Es würde für immer so sein.
Dann wollte sie schreien, doch er legte ihr nur leicht die Hand auf den Mund und bohrte das Messer noch ein Stück tiefer in ihren Leib. Er traf die Schlagader.
Das Blut sprudelte aus ihrem Körper wie aus einem Brunnen, während sich ihre grünen Augen weiteten und schließlich glasig wurden. Ihre Hände wanderten zitternd vor Angst und Schmerz über ihren Bauch und nachdem er das Messer aus ihr herausgezogen hatte, wiesen sie ihm den Weg zur Quelle des warmen, roten Stroms. Er setzte seine Maske ab, tauchte seine Hände in Mutters Blut und bedeckte sein Gesicht damit wie einst Ritter Siegfried, der in dem Blute des besiegten Drachen badete und unverwundbar wurde. Dann starrte er für eine Weile sinnend und glücklich an die weißen Wände des Schlafzimmers und stellte dabei fest, dass es schön sein würde, sie mit der Landschaft dieser überschäumenden Gefühle zu bemalen.
Er malte mit ihrem Blut, mit bloßen Händen, und beobachtete mit einem Teil seines Bewusstseins interessiert, wie sich die Konsistenz dieser Farbe änderte, als er wie im Rausch eine sich aufbäumende Bestie erschuf, die mit riesigen Klauen nach dem Himmel greift, um ein Stück der Sonne zu sich in die dunklen Tiefen zu reißen. Dieser Ausschnitt war im Gegensatz zum Rest der heroischen Landschaft stark geometrisiert, doch das war ihm egal, denn es war nicht Mutter, für die er malte; ihren Kopf hängte er an dem glatten, roten Haar mitten in den Himmel hinein.
Mit dem Blut war auch alle Schönheit aus ihrem Gesicht gewichen und ihr Körper sah sonderbar bleich aus, wie eine langsam schmelzende Wachsblume. Ihre weit aufgerissenen toten Augen, die ihn nie wieder kalt und wütend anblitzen würden, starrten mit Fassungslosigkeit und unbeschreiblichem Schrecken auf das rot triefende Bett; ein Gesichtsausdruck, der durch ihren herabhängenden Kiefer vervollkommnet wurde. Nur die deutlich sichtbar zwischen den Zahnreihen liegende Zunge störte das Bild und zog es ins Lächerliche. Ohne Zunge, dafür mit ein wenig Blut im Mundwinkel, am Kinn und tränengleich über die Wangen gezogen, sah es dann wieder unglaublich schön aus.
Der metallische Duft ihres Blutes, der die Luft des Raumes tränkte, sorgte dafür, dass nicht nur der Sehsinn befriedigt wurde, und ergänzte die Atmosphäre um ein ungewöhnliches und interessantes Detail.
Es war ein Kunstwerk mit einem kaum erträglichen Grad der Perfektion.
Als er sich sattgesehen hatte, verließ er das Zimmer und wusch sich im Badezimmer das Blut ab. Auf dem Boden neben dem Waschbecken lag eine kleine, rosafarbene Zahnbürste. Da wusste er, dass er das Haus noch nicht verlassen durfte.
Er hatte das Zimmer des kleinen Mädchens gesucht und gefunden.
Als er es betrat, fühlte er sich wie ein Raumfahrer, der zum ersten Mal auf einem fremden Planeten landet. Das Zimmer war sehr geräumig und mit Spielzeug vollgestopft. An den bunten Wänden hingen Poster und Bilder. Eines davon war ein gerahmtes Foto von Mutter und dem kleinen Mädchen, die beiden halten sich fest im Arm und lachen übermütig in die Kamera. In gewisser Hinsicht ist das Mädchen Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten, doch ihm fehlt die verhärmte Kälte im Blick, um die grüne Augen herum, die auch beim Lachen nicht verschwindet, und es ist beinahe noch schöner als seine Mutter.
Er ging zum Bett hinüber. Dabei blieb sein Blick an einer gerahmten Geburtsurkunde hängen: 'Irène-Sylvie Butent, 10.11.1953, Rouen'
Entsetzt lief er zum Bett und starrte in das friedliche, schlafende Gesicht seiner Zwillingsschwester.
Das Bad im Drachenblut hat nicht gewirkt...
... Sie hatte geblinzelt, dann hatte sie die Augen aufgerissen und ihn angestarrt, als sei er ein lebendig gewordener Alptraum, er hatte seine Maske noch in der Hand gehalten - er versucht, das Bild zu vertreiben - als er sich zu ihr hinunter gebeugt hatte, um sie genauer zu betrachten, hatte sie geschrieen, ein einziger Schrei, laut, hoch und durchdringend, ein sehr unangenehmes Geräusch - er will nicht weiter denken - er hat sich hastig die Maske aufgesetzt, Irène den Mund zugehalten und sie gebeten, nicht mehr zu schreien, sie brauche sich nicht zu fürchten, es tue gar nicht weh, dann hat er geweint, sie ist voller Angst vor ihm in die hinterste Ecke des Zimmers geflohen - die Bilder überfluten ihn - "Wo ist meine Mama? Ich will zu meiner Mama!", "Mama ist fort. Aber du brauchst nicht zu weinen. Ich werde dich zu ihr bringen.", sie spürte wohl etwas, denn sie beruhigte sich nicht, sondern versuchte, an ihm vorbei aus dem Zimmer zu fliehen, "Bitte, Irène, du darfst da nicht raus gehen!", er musste sie mit Gewalt aufhalten, hätte sie Mutter gesehen, hätte sie vor Entsetzten den Verstand verloren, sie schrie noch einmal, wehrte sich - er kann es nicht verhindern - er zerrt sie in ihr Bett zurück und singt sie leise in den Schlaf, erst in den leichten, erfrischenden Schlaf, der voller Phantasie und Leben ist, dann in den abgrundtiefen, ewig traumlosen Schlaf, aus dem es kein Erwachen mehr gibt.
Lange sitzt er da, hält ihre winzige erkaltende Hand und weint, während die Schmerzen, die seine Herzschläge begleiten, stärker werden. Es tut ihm so leid, dass er sie umbringen musste - Es tut ihm so leid...
Mit einem verzweifelten Schrei versucht er, sich von diesen Erinnerungen loszureißen. Er umklammert den stechenden Schmerz hinter seinem Brustbein und schleppt sich keuchend in den Keller. Dort, in seinem Zimmer, liegt die Droge, die den Gedanken an das kleine Mädchen erst erträglich machen und dann verschwinden lassen wird.
Joanna schlägt ihr Buch zu und reibt sich gähnend die Augen. Es ist dunkel und kühl geworden, so dass sie beschließt, schlafen zu gehen. Sie putzt sich die Zähne und windet sich dann ächzend und schnaufend in ihren Schlafsack. Mit einem zufriedenen seufzen schließt sie die Augen. Bald ist sie eingeschlafen.
Einige Stunden später betritt ein geräuschloser schwarzer Schatten die mondbeschienene Lichtung. Er kniet nieder und öffnet den Reißverschluss an der Zelttür. Dann tritt er ein paar Meter zurück und beginnt, sehr leise eine Melodie zu singen.
Steh auf und komm zu mir!
Bald gerät das Zelt in Bewegung, als sich die Frau, seinem Locken Folge leistend, aus ihrem Schlafsack befreit. Sie krabbelt durch den Ausgang und geht gehorsam auf den Schatten zu. Dieser verändert den Klang seiner Stimme, so dass sie ein kleines Stück vor ihm stehen bleibt.
In ihrem weißen, mit sonderbaren Figuren bedruckten Nachthemd sieht sie aus wie ein Wesen aus einer anderen Welt; ein wunderschönes Wesen mit vom Schlaf sanft geröteten Wangen.
Er überbrückt den Abstand zwischen ihr und sich mit einem entschlossenen Schritt, hebt zögernd die Hand und streicht ihr zärtlich eine Strähne ihres zerzausten Haares aus der Stirn. Ein leichter Schauer überläuft sie und ihm fällt auf, wie kühl es auf der Lichtung ist. Rasch hebt er die Frau hoch, um sie ins Haus zu bringen; doch dann hält er einen Moment lang inne, um die Wärme ihres Körpers, den leichten Druck ihres Kopfes gegen seine Schulter, den Duft ihres Schlafes, das sanfte Geräusch ihres Atems und ihren leisen Herzschlag bewusst wahrzunehmen und auszukosten. Er badet in einer Flut aus völlig neuen Eindrücken und kann sich nicht erinnern, jemals so glücklich gewesen zu sein wie in diesem Moment, da sie ihm ausgeliefert ist und er die Macht hat, ihr nichts zu tun.
(...)
©2002 Christine Klotz
Aus: Christine Klotz: 'Das Kunstwerk' – zweite überarbeitete Fassung (Juni 2003 [die Version im Buchhandel ist von 2002]). Derzeit noch alle Rechte vorbehalten (ich kümmer mich gerade um eine CC-Lizenz).
Kontakt:
christine_klotz@web.de
Grüßlies
Christine