Heinrich Böll

Die Faszination des geschriebenen Wortes - Romane, Stories, Gedichte und Dramatisches. Auch mit Platz für Selbstverfasstes.
Traitor
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So 13. Jun 2004, 17:16 - Beitrag #1

Heinrich Böll

Ich habe in den letzten Tagen einige Kurzgeschichten sowie die Katharina Blum gelesen, dabei wird es vermutlich auch erstmal bleiben - nicht aus Nichtgefallen, sondern aus höherem Interesse an neuen Autoren.

Was mir bei Böll sehr auffällt, ist der Stil. Er benutzt sehr lange Sätze, aber ohne Notwendigkeit. Normalerweise dienen lange Sätze ja zur Darstellung komplizierter Sachverhalte mittels Schachtel- und Nebensatzstrukturen. Böll stellt aber meist eher banale Dinge dar, die langen Sätze sind oft eher gebundene, einzelne Hauptsätze. Das Ganze wird wohl ein bewusstes Stilmittel sein (das Scheitern des großen Geistes an der Banalität der Welt, oder sowas? Vielleicht kennt sich ja jemand damit aus), aber ich empfinde es als etwas störend. Lange Sätze mag ich, aber eben nur, wenn sie gerechtfertigt sind. So wirken sie mir zu gekünstelt.
Allgemein habe ich das Gefühl, dass Böll etwas zu sehr Literat und Sprachliebhaber ist. Bei der Katharina Blum ist das extrem, er kommt immer wieder auf eine Pfützenstau-Metapher für den Erzählstil zurück. Der Sinn dieser Metapassagen bleibt mir eher unklar. Auch bei den Kurzgeschichten merkt man diese Neigung zur Metaschreibe gelegentlich.

Diese beiden Kritiken sollen nicht heißen, dass ich Bölls Schreibe nicht mag; im Gegenteil, es ist durchaus interessant zu lesen. Aber diese Details finde ich etwas befremdlich.

Maglor
Karteizombie
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So 13. Jun 2004, 22:55 - Beitrag #2

Ich hab mal "Ansichten eines Clown" von Böll gelesen, da gab es auch einige weitausholende Metaphern, die zumindest der fiktive Erzähler urkomisch fand.
MfG Maglor

alea
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Fr 25. Jun 2004, 19:04 - Beitrag #3

ich habe katharina blum und gruppenbild mit dame gelesen.Beide haben mir aber ehrlich gesagt nicht sonderlich gefallen, weil ich finde, dass sie zwar theoretisch wichtige dinge behandeln, sich aber dabei in so derartigige Nebensächlichleiten verwickeln und dabei die geschichte kaum vorwärts kommt. Was meint ihr dazu?

Traitor
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Fr 25. Jun 2004, 19:30 - Beitrag #4

Die "Nebensächlichkeiten" empfand ich als weniger störend. Denn ich habe bei Böll den Eindruck, dass sie gar nicht nebensächlich sind. Seine Werke wirken auf mich nicht ausschließlich als Ausführung eines Handlungsstranges oder einer bestimmten Botschaft, sondern genauso sehr als Darstellung einer realen Welt mit allen Facetten des menschlichen Daseins darin.
Worin mir übrigens eine gewisse Verwandtschaft zu Albert Camus auffällt, in der Aufwendigkeit des Zeichnens von Nebencharakteren und der Neigung dazu, scheinbar Nebensächliches genau zu beobachten.

alea
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Di 29. Jun 2004, 16:44 - Beitrag #5

Naja, das Wort Nebensächlichkeiten trifft wahrscheinlich auch ´nicht genau was ich nun eigentlich meinte. Mir ist schon klar, dass sämtliche Rückblicke, Personenbeschreibungen etc. letztendlich dazu dienen ein genaues Bild davon zu zeichnen, was die Hauptperson dazu beeinflusst hat, das zu tun was die Handlung ausmacht. Aber ich finde es ist ein wahnsinniges Unterfangen zu versuchen, sämtliche Einflüsse denen eine Person ausgesetzt ist zu beschreiben und sich dann auch noch darin zu verstricken, was wieder diese Einflüsse beeinflusst hat. Ich finde da maßt sich Böll einfach viel zu viel an und abgesehen finde ich seine darstellung der Dinge, die ja letztendlich darauf hinausläuft, dass der mensch sich nicht frei entscheidet und formt sondern ausschließlich durch äußerliche Einflüße geformt wird, zu radikal und schlicht falsch.


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