Nervige Übersetzungsfehler

Die Faszination des geschriebenen Wortes - Romane, Stories, Gedichte und Dramatisches. Auch mit Platz für Selbstverfasstes.
Traitor
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Fr 20. Aug 2004, 21:26 - Beitrag #1

Nervige Übersetzungsfehler

Welche Arten von ins Auge fallenden Übersetzungsschwächen findet ihr besonders störend?

Bei mir wären da vor allem:

  • Stilblüten in Redewendungen. Häufig sieht man in Übersetzungen englischer Bücher Metaphern und Pseudo-Redewendungen, die in einem original deutschen Buch niemals so gestanden hätten und vermutlich Versuche sind, englischen Idioms möglichst nahe zu kommen.
  • Extensive Fußnoten zur Erklärung von Abkürzungen, Institutionen etc, die der Übersetzer als Deutschen unbekannt voraussetzt, die es aber zu 90% nicht sind bzw die schon im Fließtext erklärt werden
  • Verlächerlichende Namensübersetzungen - Charaktere mit im englischen aus Wörtern zusammengesetzen Namen klingen auf Deutsch dann oft sehr albern
  • Titelverunstaltungen - extreme Bedeutungsabweichungen des Buchtitels ("Illuminati" statt "Angels & Demons" ???)


Das nervige an solchen Fehlern ist vor allem, dass sie durch Passivität vermeidbar wären - sprich, sie zu begehen, ist aufwendiger, als sie nicht zu begehen.

aleanjre
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Sa 21. Aug 2004, 00:40 - Beitrag #2

Namensänderungen, eindeutig. Ich hasse Namensänderungen! Der alberne Versuch, die Bedeutung des Originalnamens einzufangen und damit vielleicht noch irgendwie Atmosphäre zu transportieren oder was-weiß-ich... BÄÄÄH!

Überflüssige Redewendungen bringen mich höchstens zum Schmunzeln. Der Übersetzer arbeitet da unter Zeitdruck, soll so nah wie möglich am Original bleiben, den Stil des Autors nicht zerstören, es aber auch in verständliches Deutsch packen. Das ist extrem schwierig.

Fußnoten habe ich bei aktuelleren Büchern schon länger nicht mehr gesehen, eher bei alten Ausgaben. Stören mich auch nicht weiter.

Na ja, und die Titel... sei ehrlich. "Engel und Dämonen" klingt bei weitem nicht so schlagkräftig wie "Illuminati". Hierzulande sind knappe Titel einfach schick. Ich sehe immer nach, unter welchem Titel original veröffentlicht wurde, nicke wissend und interessiere mich dann nur noch für den Inhalt.

Traitor
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Sa 21. Aug 2004, 00:55 - Beitrag #3

Fußnoten tauchen wohl hauptsächlich in bestimmten Genres auf, vor allem SF und Wissenschafts-Thrillern.

Die Titel... ja, im Falle dieses Beispiels wäre die wörtliche Übernahme nicht sehr wohlklingend und bezeichnend. War auch nur der erste Fall, der mir spontan durchs Hirn fuhr. Aber es gibt andere, bei denen eine wörtliche Übersetzung problemlos machbar gewesen wäre.
Im Falle einer Änderung würde ich mir dann vor allem auch eine kurze Erklärung in einem Vor-/Nachwort oder ähnlichem wünschen... sowieso eine Sache, die ich häufig vermisse.

Padreic
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Sa 21. Aug 2004, 11:24 - Beitrag #4

Namensänderungen können recht sinnvoll sein. Ein Beispiel für eine weitgehend gelungene ist der Herr der Ringe. Die wahr aber wohl auch recht aufwendig...
Allgemein halte ich es oft für angebracht, wirklich sprechende Namen zu übersetzen. Dies muss aber mit Sorgfalt geschehen, da es sonst leicht recht albern wirkt.

Meine Einschätzung von im Deutschen eigentlich unbekannte direkt aus der Fremdsprache idiomatische Wendungen schwankt von amüsant bis nervig...Fehler sind es aber auf jeden Fall. Ähnliches existiert auch für einzelne Wörter, z. B. ist mir in einem Verne-Roman mal untergekommen, dass ein erwachsener Mann mit seinen "Spielkameraden" Karten spielte...ein etwas ungewöhnlicher Ausdruck dafür, 'Spielpartner' wäre wohl besser gewesen ;).

Padreic

Fargo
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Sa 21. Aug 2004, 14:40 - Beitrag #5

Für den deutschen Titel ist übrigens nicht der Übersetzer verantwortlich. Über diese entscheidende Schnittstelle zum Käufer beraten Lektorat, Marketingabteilung, Vertreter - und in kleinen Häusern entscheidet oft der Verleger selbst.

Vor- und Nachworte des Übersetzers (oder der Übersetzerin - diesen Beruf üben wohl mehrheitlich Frauen aus) sind bei Verlagen unbeliebt, nicht nur, weil sie zusätzlichen Aufwand und höhere Kosten bedeuten. Sie stoßen den Leser auf das 'Gemachte' des Textes, sie stören die von vielen so geschätzte Illusion der Unmittelbarkeit. Sie machen das Lesen als Arbeitsprozess und die Übersetzung als Annäherung deutlich - und das schätzen die Kunden nicht. Aus dem gleichen Grund findet man auch Fußnoten und Glossare zu Übersetzungen eher selten.

Das 1:1-Übertragen englischer Redewendungen gewinnt langsam die Macht des Faktischen. Schludrige Film- und Fernsehsynchronisationen sowie schlichte Literaturübersetzungen haben die falschen Wendungen so etabliert, dass sie von unseren Landsleuten längst ohne Fehlerbewusstsein als Alltagssprache verwendet werden.

Ein Beispiel. Die deutsche Wendung 'etwas ergibt Sinn' ist durch die Denglischwendung 'etwas macht Sinn' (von: to make sense) abgelöst worden. Das korrekte Deutsch käme der Mehrzahl unserer Landsleute heute bereits etwas hochgestochen oder ein wenig altmodisch vor. Ein deutscher Roman- oder Drehbuchautor, der Figuren lebensecht reden lassen will, muss ihnen nun ebenfalls "das macht Sinn" in den Mund legen. So reden die Leute eben.

Wie aber entscheidet sich nun der pflichtbewusste Übersetzer, wenn er einen Text überträgt, dessen Figuren kein besonders kontrolliertes, vornehmes Hochenglisch, sondern legeres Alltagsenglisch sprechen? Die Wendung 'to make sense' existiert in beiden englischen Sprachwelten. Aber wenn er die Alltagsnähe der Vorlage im Deutschen wahren will, muss der Übersetzer sich mittlerweile wohl für die falsche Variante 'Sinn machen' entscheiden. Womit er selbst wieder aktiv zur Wachablösung im Duden beiträgt.

Fargo

Traitor
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Sa 21. Aug 2004, 15:06 - Beitrag #6

@Padreic: Wenn hinter den Namensübertragungen ein durchdachtes Konzept steht wie beim Herrn der Ringe, habe ich nichts dagegen, das ist einer Übernahme sogar deutlich vorzuziehen. In den meisten Fällen wird es allerdings nur halbherzig oder sogar völlig ohne System gemacht - ein Beispiel ist Terry Pratchett, bei dessen deutschen Übersetzungen die Namen, die nur aus klar erkennbaren englischen Wörtern bestehen, übersetzt wurden, aber die, die aus einem etwas komplizierteren Wortspiel bestehen, meist nicht.

@Fargo: Stimmt, mit dem Titel hast du Recht. Diese Entscheidungsgewalt des Verlages merkt man ja auch oft bei Werken deutschsprachiger Autoren negativ.

Was die restlichen Punkte angeht, nächste Woche mehr... muss jetzt los.

Raiden/Yuji
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Sa 21. Aug 2004, 19:47 - Beitrag #7

Ich finde Fußnoten zur Erklärung grauslig, aber glücklicherweise begegnen die einem nicht oft.
Amschlimmsten sind aber irgendwelche total sinnentstellenden Übersetzungen von Sätzen, in denen Metaphern oder Redewendungen etc., bei denen man mehrmalslesen muss, um den Sinn und Zusammenhang zu begreifen. Das stört den Lesefluss ungemein.
lg
Yuji

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Sa 21. Aug 2004, 21:35 - Beitrag #8

Ich weiß nicht, was an Fußnoten schlimm sein soll. Man muß sie ja nicht lesen. Genauso das Vorwort, das muß man doch auch nicht lesen, wenn es einen stört.

Nicolas

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Mo 23. Aug 2004, 22:39 - Beitrag #9

Re: Nervige Übersetzungsfehler

Original geschrieben von Traitor
[*]Extensive Fußnoten zur Erklärung von Abkürzungen, Institutionen etc, die der Übersetzer als Deutschen unbekannt voraussetzt, die es aber zu 90% nicht sind bzw die schon im Fließtext erklärt werden


Ich weiss nicht ob du Scheibenwelt gelesen hast aber ich finde die Fußnoten da einfach genial und ohne würde glaub ich was in den büchern fehlen.

<>< Torsten

Traitor
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Mi 25. Aug 2004, 23:56 - Beitrag #10

@Genominc: Scheibenwelt ist da ein ganz anderer Fall. Pratchett selbst benutzt ja Fußnoten als Stilmittel, und zwar als definitiv geniales, das eine gehörige Portion des typischen Humors ausmacht. Wenn der Übersetzer hier ein paar eigene, gut durchdachte einstreut, schadet das dann nicht, sondern nützt. Aber es sind ja eben humoristische, keine pseudo-erklärenden Fußnoten.

Der versprochene Rest zu Fargo:
Leider scheine ich da mit dem Massengeschmack quer zu stehen... gerade diese Erkennbarkeit des "Gemachten" finde ich oft faszinierend. In Tolkiens Werken etwa gibt es ja massenhaft Vorwörter, die einen entscheidenden Teil zur Atmosphäre der Bücher und zur Faszination des Autors beitragen.
Interessant finde ich auch, dass Vorwörter im englischen Sprachraum generell deutlich verbreiterter zu sein scheinen. Dort gibt es zumindest von Klassikern kaum eine Edition ohne ein oder mehrere Vorwörter mit Autorenbiographie, Kommentar eines (manchmal auch eher semi-)bekannten anderen Autors über die Bedeutung des Werks und ähnlichem. Soetwas fehlt bei deutschen Verlagen meist. Anscheinend stellt der Markt dort andere Ansprüche?

Mit den Redewendungen meinte ich eigentlich etwas anderes. Nicht dieses direkte Übernehmen von Konstruktionen (die ich, wie in diversen Anglizismus-Threads geschrieben, nichtmal so schlimm finde, da etwa "etwas macht Sinn" dank der sinngemäß ausreichenden Synonymität von "machen" und "ergeben" durchaus eine korrekte deutsche Konstruktion ist, nur eben eine früher unübliche), sondern eher ungewollt komische Metaphernumdichtungen.

Die Frage des Übersetzens der Sprachebenen ist ja bekanntlich eine sehr grundlegende des gesamten Literaturbetriebs. Auch innerhalb einer Sprache - es gibt ja Fraktionen, die behaupten, Shakespeare in Originalform zu belassen, würde seine Wirkung völlig verzerren, da seine Sprache damals seiner Zeit sogar voraus war und heutzutage im Gegenteil altmodisch wirkt, was eine Bedeutungsänderung bewirkte.

Lethe-Elbin
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Mi 1. Sep 2004, 13:24 - Beitrag #11

Ja, die Fussnoten in den Scheibenwelt-Romanen sind was ganz besonderes, weil sie einfach nur genial sind. :s1:
In anderen Büchern sind Fussnoten einfach nicht wichtig und nehmen manchmal zu viel Platz für unnötige Informationen weg. :s132:

:s150: Lethe :s150:

Stalker
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Sa 11. Sep 2004, 20:03 - Beitrag #12

In anderen Büchern sind Fussnoten einfach nicht wichtig und nehmen manchmal zu viel Platz für unnötige Informationen weg. :s132:


Ja, wenn man nur Trivialiterur ließt. Bei Sachbüchern sind Fussnoten essentiell, wenn man wirklich sich in die Thematik einarbeiten will.

Traitor
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Sa 11. Sep 2004, 20:21 - Beitrag #13

Stalker, es ist ja wohl nicht alles, was kein Sachbuch ist, Trivialliteratur. Diesen Begriff scheinst du nach deiner Aussage mit Belletristik gleichzusetzen - ich hoffe doch mal, dass das so nicht gemeint ist, und du nicht ernsthaft Shakespeare, Goethe oder Dostojewski als Trivialliteratur bezeichnest?

In Sachbüchern sind Fußnoten natürlich meist unentbehrlich und hilfreich, aber die sind eh in den meisten Aspekten gänzlich anders zu behandeln als Literatur.

Stalker
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Sa 11. Sep 2004, 20:47 - Beitrag #14

Zunächst mal, ist alle Trivialliteratur belletristisch. Umgekehrt natürlich nicht.

Zum anderen wüsste ich gern, wo ich so eine Aussage machte?
Ich sagte nur bei Trivialliteratur bräuchte man keine Fussnoten. Sachbücher schon. Womit ich mich gegen die Aussage wehre, dass Fussnoten generell redundant sind.

Traitor
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Sa 11. Sep 2004, 20:52 - Beitrag #15

Den eindeutigen Zusammenhang hast du nicht explizit aufgestellt, das stimmt. Aber durch den extrem kurzen Beitrag und die Auslassung aller Hinweise auf irgendetwas anderes als Trivialliteratur und Sachbuch implizierte stark, dass die Gattung Buch sich ausschließlich in diese beiden Arten aufspaltet.
Aber du konntest das Missverständnis ja beseitigen.


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