Vergangene Zukunft

Die Faszination des geschriebenen Wortes - Romane, Stories, Gedichte und Dramatisches. Auch mit Platz für Selbstverfasstes.
Nuvoin
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Di 5. Okt 2004, 15:06 - Beitrag #1

Vergangene Zukunft

Part I

Der Boden war staubig. Er war so staubig, wie schon den ganzen Weg. Der Wind wehte schwach und pustete ihn hin und her. Die Sonne stand hoch am Himmel und schien heiß auf den ausgetrockneten Boden. Weit und breit war niemand zu sehen. Man konnte nur die tausenden Fußabdrücke erkennen. Die Fußspur einer Frau.
Sie ging schon seit zwei Tagen durch diese Steppe. Es glich zwar mehr einer Wüste, aber in den Büchern der Weisen war der Name „Steppe“ eingetragen. Sie blickte nicht mehr gerade aus. Sie starrte nur noch auf den Boden. Sie schien auch nicht mehr zu überlegen wo hin, sie ging einfach. Schritt für Schritt. Ihre Schultern ließ sie hinunter hängen. Sie zog ein großes Schwert hinter sich her. Wer es führen konnte, musste ein starker Krieger sein. Doch sie zog es nur mit der rechten Hand hinter sich her, so dass es Spuren auf dem Boden hinterließ. Ihre Kleidung war bereits nassgeschwitzt und stank. In ihrem Gesicht machten sich Falten von den Anstrengungen bemerkbar. Ihre langen Haare waren genau so schmutzig wie ihr Körper. Und obwohl sie so schwitzte, trug sie einen langen Mantel. Sie schien sehr erschöpft zu sein und fast am Ende. Doch kümmerte sie das nicht. Sie ging weiter. Schritt für Schritt durch den Staub und Dreck. Ihre Vorräte waren fast aufgebraucht und der Wasserbeutel reichte nur noch für einen Tag. Vor ihr und hinter ihr war nichts zu erkennen. Nur die endlose Steppe am Horizont.

Sie hatte schon lange nicht mehr geschlafen. Doch dies half ihr nicht diese Reise zu meistern. Sie war müde und sehnte sich nach dem, was dies ändern könnte. Warum sie es nicht tat? Warum sie nicht schlafen wollte? Sie fürchtete sich. Die Bilder, die ihr nun nicht mehr nur Nachts erschienen, wurden immer mehr. Immer und immer wieder diese grauenvollen Bilder. Bilder der Vergangenheit.
Sie setzte zum nächsten Schritt an. Plötzlich wandelte sich der Boden auf dem sie sich bewegte. Die Sonne war verschwunden und es war Nacht. Sie war wieder dort...
Ihre Füße hielten inne. Sie kniff ihre Augen zusammen, hob ihre Hand und rieb die schmerzenden Augen. Sie erkannte wieder den Staub und Dreck, welcher hier war. Sie wollte nicht wieder zurück. Sie wollte nicht mehr daran denken.
Sie sah zum Horizont. Diese Reise schien kein Ende zu finden. Wie lange konnte sie noch gegen diese Bilder ankämpfen? Ihre Beine bewegten sich wieder.
Wieder ging sie Schritt für Schritt weiter. Doch die Gegend blieb die selbe. Wo sie überhaupt war, konnte sie nicht mehr sagen. Warum sie noch lebte? Sie wusste es nicht. Nach allem was geschehen war, müsste sie tot sein. Und nach allem was geschehen war, wünschte sie es sich sogar. Doch konnte sie nicht einfach sterben. Sie musste diese Reise beenden. Sie wusste zwar nicht, was sie am Ziel erwartete, doch musste sie es wagen. Wahrscheinlich würde sie nur sterben, so wie die anderen, doch musste sie es versuchen.

„Cyra! Achtung!“ Ein Beil flog knapp über ihren Kopf. Sie konnte sich grade noch so ducken. Um sie herum brannte es. Die ganze Stadt stand unter Feuer. Überall waren wilde Männer die wie Barbaren mordeten. Sie steckten die Häuser an, töteten selbst Frauen und Kinder. Cyra und ihre Truppe konnten nichts tun. Der Feind war zu zahlreich. Man hörte überall die Schreie der hilflosen Bevölkerung. Es war Nacht und der Mond schien hell. Ein, zwei Wolken waren zu erkennen, wenn sie den Mond passierten. Eigentlich eine ruhige Nacht. Doch wurde diese von dem vielen Blutvergießen und Zerstören gestört. Wie sah dies wohl von der Ferne aus? Die Stadt verbrannte und von allen Seiten strömten mehr Barbaren ein. Die Wachen waren hilflos. Eigentlich sollte diese Stadt uneinnehmbar sein, doch gelang es dem Feind spielend. Verrat? Sabotage?
Mit einem gezielten Schwertstich schaltete Cyra den Besitzer des Beils aus. Er schrie kurz auf, starb dann aber schnell.
Wie lange würden sie überleben? Sie hatten sich schon ganz zurück gezogen. Sie waren bereits im innersten der Burg. Die Menschen, die sich anfangs retten konnten flüchteten hier her. Doch war dies nur ein kleiner Teil. Die anderen wurden grausam getötet. Der große Wall hatte versagt. Und die Burg fiel auch schnell, so dass es am Ende egal war. Mussten sie alle sterben? Überall hörte man Schreie und schwingendes Metall. Cyra und ihre paar wenigen Leute gehörten zur persönlichen Leibwache. Doch dies half ihnen auch nichts mehr. Nebenan stürzte ein Teil des Königspalastes ein. Der Rest brannte noch. „Cyra! Hilfe!“

Sie riss die Augen auf. Schon wieder der Traum. Schon wieder ein Teil der Vergangenheit. Immer und immer wieder die Bilder. Wann würde es endlich enden? Cyra lag auf dem Boden. Doch dies änderte nichts an der Sauberkeit ihrer Kleidung. Sie musste während sie geträumt hatte gestürzt sein. Sie rappelte sich auf und hob ihr Schwert. Kraftlos stützte sie sich auf dieses. Sie musste weiter gehen, auch wenn es ihre letzte Kraft kostete. Mit schweren und langsamen Schritten versuchte sie ihre Reise fortzusetzen.

Nuvoin
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Do 7. Okt 2004, 17:41 - Beitrag #2

Part II

Ihre Beine trugen sie schwerfällig über den Boden. Es kostete sie schon genug Kraft sich selbst fort zu bewegen, doch wollte sie ihr Schwert nicht zurück lassen. Also zog sie es schwerfällig weiter. Die Sonne war wieder mehrere Meter am Himmel gewandert. Die ganze Zeit über versuchte Cyra voran zu kommen.

„Ist es nicht langweilig?“, fragte Nele. „Weswegen?“, antwortete Cyra. Sie gingen über die große und breite Stadtmauer. Sie war aus großen, braunen Ziegelsteinen gebaut. Die Mauer war sogar so breit, dass auf ihr ein weiterer kleiner Wall stand. Sie gingen außen an diesem entlang. „Na, wer schafft es denn jetzt noch diese Stadt einzunehmen?“, fuhr Nele fort. „Wie meinst du das?“, sah Cyra sie verunsichert an. Es war später Nachmittag. Ein paar Wachtruppen kamen ihnen entgegen. Sie hielten ihre Hellebarden senkrecht und ihre Körper waren stramm, während sie marschierten. In ihnen spiegelte sich der Stolz der Stadt wieder. Als Nele und Cyra den Wachtrupp passierten, verbeugten sich die Wachen vor ihnen. „Wir sind nicht dazu da, dass wir euch vor uns verbeugt. Weiter machen.“, antwortete Cyra dieser Geste. Die Wachen richteten ihren Oberkörper wieder und marschierten weiter. Ein Schritt glich dem anderen. Niemand tanzte aus der Reihe. Als sie weiter weg waren, wiederholte Nele ihre Frage: „Meinst du nicht, es ist langweilig, dass wir hier absolut sicher sind?“ Cyra sah sie verunsichert an. Sie wusste nicht, was ihr Gegenüber mit solchen Fragen erreichen wollte. Wollte sie etwa wieder mit ihr durch das Land ziehen? „Ich verstehe nicht was du meinst. Haben wir nicht endlich das geschafft, was wir wollten? Wir haben geholfen diese große Mauer aufzubauen und die Stadt so lange beschützt. Und jetzt sind wir sogar Leibwache des Königs! All das haben wir uns früher immer gewünscht.“, äußerte Cyra, immer noch mit fragenden Blicken. Nele lachte sie an: „Aber natürlich haben wir das.“ Dann schwieg sie und sagte nichts mehr. Sie gingen ein großes Stück an der Mauer weiter, ohne das jemand etwas sagte. Cyra sah sich auf dem Weg die Mauer nochmals an. Sie war froh, dass sich all diese Mühe gelohnt hatte.

Wieder lag sie im Dreck. Wieder war sie gestürzt. All diese Träume. Wieso wurde grade sie von ihnen heimgesucht? Sie richtete sich auf und holte den Wasserbeutel heraus. Er reichte nicht mehr lange, aber ihr Hals war zu ausgetrocknet. Sie trank ein paar Schlücke, dann verschloss sie ihn und nahm ein kleines Stück trockenes Brot heraus. Sie aß langsam, aber als sie fertig war stand sie zügig auf. Dieses kleine Abendessen hatte ihr wenigstens ein bisschen Stärkung gegeben. Aber nun musste sie weiter. Sie durfte nicht warten. Wenn sie scheiterte, war alles verloren.
Die Sonne würde bald am Horizont verschwinden. Doch obwohl Cyra schon diesen langen Weg gegangen war, hatte sich die Landschaft noch nicht geändert. Es sah immer noch alles aus wie gestern auch.
Als sie weiter ging, bemerkte sie, wie sich der Boden wieder wandelte. Doch sie konnte nicht mehr dagegen ankämpfen. Ihre Kraft brauchte sie noch. Sie musste nur weiterlaufen. Was sie sah oder träumte war egal. Hauptsache sie kam voran. Der steinerne Boden hob sich in die Luft empor und die Wüste wurde zu Feldern. „Hast du nie daran gedacht, noch einmal neu zu beginnen?“, fragte Nele. Cyra war nicht erschrocken sie zu sehen. Sie ging weiter grade aus auf der großen Mauer. Jetzt träumte sie schon bei bewusstein. Doch sie konnte nicht anders, und der Dialog spielte sich ab. „Wieso sollten wir noch einmal von vorne anfangen? Hier gibt es noch genug zu erledigen. Wir haben einen großen Schritt geschafft, aber wir sind noch längst nicht am Ende unserer Reise!“, antwortete Cyra. Ihre Füße bewegten sich stets grade aus. Hier in diesem Traum ging sie wenigstens im Schatten des kleinen Walls. Und sie hörte mal wieder einen der Singvögel, die sie so liebte. Nele ging neben ihr. „Wenn ich dich fragen würde, ob du mit mir noch einmal auf Reise gehen würdest, würdest du es tun?“, fragte sie. Cyra blieb erschrocken stehen. Obwohl sie genau wusste, was Nele sagen würde, war sie wieder geschockt. Jetzt kehrten auch erneut die damaligen Gefühle auf. Sie schloss ihre Augen. „Nein, ich werde es nicht tun!“, schrie Cyra aus vollem Halse. Doch als sie ihre Augen wieder öffnete, war wieder nur der gegenwärtige Ort zu erkennen. Sie ließ ihren Kopf fallen. Eine Träne kullerte ihre Wange hinunter und tropfte auf den trockenen Boden, welcher sie schnell aufsog.

Die weitere Nacht verlief weitgehend gleich. Sie ging Schritt für Schritt. Die Träume ließen sie in Ruhe. Erst in der späten Nacht überfiel Cyra eine große Müdigkeit, weswegen sie sich entschloss zu rasten. Sie ließ sich auf den Boden fallen und schlief sofort ein.

„Cyra! Hilfe!“ Nele war umstellt. Fünf Barbaren griffen sie gleichzeitig an. Sie wehrte sich tapfer, doch kämpfte sie schon sehr lange. „Ich komme!“, rief Cyra. Sie rannte zu ihr. Wieso musste Nele auch immer außerhalb der Gruppe sein? „Ahhr!“, schrie Cyra während sie einem Barbar den Lebensfunken nahm, „wir müssen wieder zu den anderen! Sonst werden wir ganz abgeschnitten und unsere Chancen sinken noch mehr!“ Nele wisch elegant zwei Axthieben aus und schickte einen weiteren Barbaren in das Reich das Todes. „Nein! Ich habe den König gesehen! Er ist nicht im Thronsaal, wir müssen hier entlang!“ Wieso sollte der König nicht im Thronsaal sein? Cyra verstand nicht. Sie waren für sein Leben verantwortlich. Sie waren seine Leibwachen. Wieso sollte er ohne ihnen etwas zu sagen einen anderen Weg nehmen und nicht dort warten, wo es vereinbart wurde? Aber sie hatte keine Zeit darüber nachzudenken. Sie tötete den letzten Barbaren, welcher Nele umstellt hatte. „Komm mit!“, rief diese und begann los zu rennen. Cyra hatte schon Probleme nach zu kommen.
Nele rannte in ein Nebengebäude des brennenden Königshauses. Hier waren die Unterkünfte der höheren Wachen und der Kerker. Sie hatten auch ihr Schlafgemach dort. Bei ihrem Weg dorthin mussten sie noch mehrere Barbaren passieren. Doch sie konnten diese gut abwehren, denn die Meisten rannten gleich zu den restlichen Wachen die den Thronsaal schützen sollten.
„Nele warte!“, rief Cyra als sie in dem Gebäude eintraten und zwei Ecken weiter rannten. Nele antwortete nicht und lief nur. Sie rannte die Treppen hinunter zu den Gefangenen. Cyra folgte so schnell sie konnte. Hier in diesem Gebäude war der Feind noch nicht. Er dachte wohl, dass hier niemand wäre. Dies würde erklären, warum der König hier her geflohen war. Sie rannten durch die langen und leicht beleuchteten Gänge des Kellerkerkers. Die Wände waren hier nicht mehr mit Bannern und Gemälden geschmückt. Je weiter sie kamen, desto mehr Schimmel machte sich breit. Cyra wunderte sich nicht schlecht, als sie sogar ein paar Wachen sah, die scheinbar noch nichts mitbekommen hatten. Hier unten war man wohl von allem abgeschnitten?
Nele rannte immer weiter. Langsam hatte sich Cyra schon verirrt. Hier unten war sie nicht so oft und dort wo Nele nun hinrannte, war sie noch nie. „Warte doch endlich!“, versuchte sie erneut Nele zum stoppen zu bringen. Doch sie hörte nicht. Hatte sie es so eilig oder wollte sie nicht halten? Es dauerte nur noch ein paar Abbiegungen und Cyra hatte Nele verloren. Sie wusste nicht wo hin. Außerdem hatte sie mittlerweile ganz die Orientierung verlassen. „Wo bist du?“, rief sie und ging den Weg des Kerkers weiter. Er glich schon mehr Katakomben, als dass es ein normales Gefängnis war.
Als sie um die nächste Ecke bog, erkannte sie den Eingang zu einem großen Saal. Die Tür war von einem steinernen Rundbogen umgeben. „Bist du hier, Nele?“, rief sie erneut in die Gänge. Ihre Stimme hallte an den Wänden ab und war laut zu hören. „Ah...ah...ah“, hörte sie plötzlich eine Stimme schreien, welche aus der Tür des Saales kam. „Wer ist da?“, sie rannte los. Nur noch ein paar Schritte und sie hatte den Eingang erreicht. „Es tut mir leid, Cyra.“, hörte sie eine bekannte Stimme sprechen. Es war Nele. Als Cyra den Raum betrat, schie sie erschrocken auf. Vor ihr war Thero. Doch Nele stand hinter ihm. Sie hatte ihr Schwert fest in der Hand und hatte es ihm kaltblütig in den Rücken gerammt. Der ganze Boden war mit Blut befleckt. Aus Theros aufgerissenen Rücken und durchbohrten Bauch floss weiter Blut, welches an ihm herunter lief und auch an Neles Schwert herunter rann.

Nuvoin
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Do 14. Okt 2004, 22:01 - Beitrag #3

Part III

„Neeein!“, schrie sie aus vollem Halse, riss die Augen auf und griff nach ihrem Schwert. Doch nur der Staub begrüßte sie zur Morgenstunde. Die Sonne ging grade auf und hüllte die Wolken in ein sattes Rot. Die Nacht ging für Cyra schneller um, als es gut für sie gewesen wäre. Sie hatte nicht genug geschlafen um Kraft gewonnen zu haben. Und hinzu kam, dass die immer intensiver werdenden Erinnerungen sie schwächten.
„Wieso hast du es bloß getan?“, flüsterte sie in sich herein. Sie ließ ihr Schwert wieder fallen. Ihre Augen wurden feucht und eine Träne kam heraus gekullert. Sie krabbelte ganz sacht ihre Wange hinunter, bis hin zum Kinn. Als sie dann auf den Boden fiel, wurde sie vom trockenen Wüstenboden begierig aufgesogen.
Der Morgen verging, ohne das etwas geschah. Cyra lag zusammengekauert auf dem staubigen Untergrund. Sie erinnerte sich an Zeiten, in denen es ihr besser ging. Zeiten, in denen Thero noch lebte.

„Und du bist dir wirklich sicher, dass du den Dienst übernehmen möchtest?“, fragte sie mit sanfter Stimme. Sie streichelte seine Wange. Ein paar von Theros Strähnen fielen in Cyras Gesicht. Sie lagen zusammengekuschelt in ihrem Schlafgemach, Thero hatte sich über sie gebeugt. „Sollte ich nicht schon alleine deinetwegen mit gutem Beispiel voraus gehen?“, erklang eine liebevolle Stimme, welche ein leichtes Kribbeln in Cyra hervor rief. Sie wusste, dass sie ihn nicht überreden konnte. Er würde den Dienst annehmen. Was er sich einmal in den Kopf gesetzt hatte, tat er auch. „Dann werden wir uns aber drei Tage lang nicht sehen können.“, entgegnete sie ihm und verzog traurig das Gesicht. Er sah tief in ihre Augen. Cyra konnte nicht anders und musste die Maske des Traurigseins ablegen. In seiner Anwesenheit konnte sie nicht lange solch ein Gesicht zeigen. „Ich habe allein dir zu verdanken, dass ich überhaupt so weit gekommen bin. Und zu meinen Aufgaben gehören auch unangenehme Dinge. Und jeder von uns muss diese Aufgabe irgendwann übernehmen.“, versuchte Thero sie zu trösten. „Wieso hast du es mir zu verdanken? Du hast doch alles ohne mich geschafft?“, fragte sie und kniff die Augen misstrauisch zusammen. Doch Thero entgegnete mit einem Lachen und sprach: „Nein, das ist nicht wahr. Wenn ein Mann einen besonderen Grund zu großen Taten hat, dann ist sein Erfolg gewiss. Doch ein Befehl oder ein Posten sind keine besonderen Gründe. So viel Macht wie sie einem Mann auch geben können, so ist es doch die Liebe die mein Herz so ausgefüllt hat, dass ich all dies schaffen konnte. Und du bist die Frau die ich liebe.“ Cyra war überwältigt vor Glück. Noch nie hatte ein Mann gewagt, ihr solche Worte zu schenken. Da sie die Romantik nicht zerstören wollte und nicht wusste was sie sagen sollte, küsste sie ihn kurz und zart. Thero nahm ihre Geste freudig entgegen und küsste sie auch, jedoch länger.

Noch eine letzte Träne schenkte sie dem Boden. Dann stand sie auf. So tröstend es auch war, an schöne Erinnerungen zu denken, es half ihr nicht. Wenn sie noch weiter liegen und weinen würde, dann wäre dies ihr sicheres Ende. Sie dachte noch einmal kurz an all die schönen Momente, dann musste sie sie zurück lassen. „Aber er war meine andere Hälfte“, brachen die Gedanken aus ihr heraus. Sie erinnerte sich noch zu gut an ihre letzte gemeinsame Nacht. Sie lag auch noch nicht so weit zurück. Wieso musste er auch den Dienst annehmen? Jeder scheute sich davor, drei Tage alleine in den hintersten und tiefsten Ecken des Kerkers zu sein. Warum mussten sie ihn auch dort hinten wegsperren? Warum konnten sie ihn nicht wie die anderen Gefangenen in eine normale Zelle sperren? Dann wäre es noch nicht einmal notwendig gewesen, dass Thero ihn bewachen musste. Cyra griff nach dem Wasserbeutel und quetschte den letzten Rest von erfrischendem Nass aus ihm heraus. Es langte noch nicht einmal, ihren Durst zu stillen. „Was jetzt?“, fragte sie sich während sie ihre letzten Bissen Brot zunahm, da dann auch dies verbraucht war. Als sie nur noch sich selbst und ihr Schwert zu tragen hatte, setzte sie wieder einen Fuß vor den anderen und versuchte weiter zum Ende ihrer Reise zu kommen. Ob sie verdursten oder am Ziel sterben würde? Beides schien zu realistisch als das irgend jemand anderes sich je auf diese Reise gemacht hätte. Doch warum tat sie es? Doch bevor sie die Antwort ausfindig machen konnte, breitete sich ein neuer Tagtraum um sie aus.

„Ihr seid die Anwärter auf einen Platz in der Leibgarde des Königs! Und als solche habt ihr mehr als alle anderen zu zeigen, dass ihr dem König treu ergeben seid! Also, wer geht freiwillig hinunter zu der letzten Zelle und passt auf ihn auf?“, fragte Cyra mit jener Härte, die die Vorschriften befohlen. Sie befanden sich in dem großen Saal vor dem Kerker. Hier war es noch warm und einladend, es gab sogar einen Kamin der den ganzen Tag freundlich vor sich hin brannte. „Eigentlich unvorstellbar, dass nur ein paar Schritte weiter all diese Wärme von der Kälte des Kerkers abgelöst wird“, sprach Cyra in ihrem Geiste. Vor ihr standen ungefähr dreißig kräftige und fleißige Männer, welche alle demütigste Diener der Krone waren. „Ich werde freiwillig gehen!“, sagte einer von ihnen und trat vor. Cyra spürte, wie ein schmerzendes Gefühl in ihr auftrat. Er hatte es also getan. Thero hatte sich zum Dienst gemeldet. Cyra versuchte das Gefühl genauer zu identifizieren. Wenn man jemanden verlor, fühlte es sich genau so an, bemerkte sie. Doch Thero war nicht verloren, er ging nur für drei Tage in eine andere Welt. „Nun gut. Wie Ihr es wollt. Dann packt Eure nötigen Sachen und begebt Euch sofort zu ihm.“, befolg Cyra mit jener professionellen Kälte, die man von ihr forderte. Es war ein anderer Abschied als jener in der Nacht zuvor. Eigentlich würde sie es lieber als seine Geliebte tun, doch sie musste die Kommandantin bleiben. „Ich werde ihn mit meinem Leben bewachen!“, waren Theros letzte Worte. Dann verließ er den Raum um seine Sachen zu holen. Als er weg war fiel ihr auf, dass alle nur von „ihm“ sprachen. Warum taten sie dies eigentlich? Vermutlich wollte man nicht vom „Königs Bruder“ sprechen. Damals stand er genau hier und hielt vor den Anwärtern der Leibgarde Reden. Doch er war zu Machtbesessen. Cyra seufze. Der König wollte sogar mit ihm zusammen regieren. Er streckte ihm den kleinen Finger, doch er wollte die ganze Hand. Genau deswegen sperrte man ihn in den Kerker, in die hinterste Zelle.
Leises Geflüster brach aus. Erst jetzt merkte Cyra, dass die Anwärter noch die Anwesenheit im Raum teilten. „Abtreten!“, sagte sie barsch. Während sich die Männer über ihre entgangene Pflicht freuten, fiel Cyra wieder in ihre Gedanken. Sie fragte sich, warum immer nur eine Person auf ihn aufpassen durfte. Man erzählte sich, der Teufel selbst hätte ihm seine Zunge gegeben und Menschen wären seinen Worten hilflos ausgeliefert. Wenn man zwei Wachen hinunter schickte, kehrte immer nur eine lebend zurück. Und dies obwohl er nur mit seiner Zunge kämpfte. „Ob seine Worte wirklich so hypnotisch sind?“, fragte sie sich. Aus diesem Grund schickte man wohl immer nur eine Person hinunter die ihn versorgt. Natürlich trug diese nicht den Schlüssel bei sich. Aus früheren Fehlern hatte man gelernt. Diesen hatten nur die Offiziere der Leibwachen, so wie Cyra es war. Es war ihm oft genug gelungen zu entfliehen. Doch so weit ausgegrenzt ging es am besten.

„Wieso musstest du gehen?“, fragte sich Cyra erneut. Doch diesmal blieben ihre Wangen trocken. Ob ihr nur die Flüssigkeit zum Weinen fehlte oder der Schmerz noch zu tief saß als das sie hier ihre Gefühle erneut ausbreiten konnte, wusste sie nicht. Mit ihren letzten Kräften bewegte sie sich nun weiter über den Boden. Es ähnelte mittlerweile mehr einem schlurfen, als das Gehen eines Kriegers. Doch wenigstens versprach die Umgebung etwas Hoffnung. Sie wurde ein bisschen steiniger, dafür blieb nach und nach der Sand aus.

Die Sonne machte sich bereits auf ihren Nachhauseweg. Es wurde Nachmittag. Cyra lief schon den ganzen Tag. Abgesehen von den paar Schlucken am Morgen, hatte sie noch nichts getrunken. So schwach wie in diesem Augenblick hatte sie sich auf der ganzen Reise noch nicht gefühlt. Ihre Kehle war staubtrocken. Vor ihren Augen breitete sich bereits leichter Nebel aus. Cyra wusste, was dies bedeutete. Wenn sie nicht bald etwas trinken würde, würde sie auf die andere Uferseite reisen.
Der Nebel verdichtete sich immer mehr und nach kurzer Zeit sah Cyra nichts mehr. Sie spürte zwar noch leicht wie sich ihre Beine bewegten, aber auch dieses Gefühl verließ sie. Doch plötzlich erkannte sie immer mehr Farben. Eine neue Kulisse baute sich um sie herum auf. Cyra erschrak. Thero war wieder vor ihr. Aus seinem aufgerissenen Rücken und durchbohrten Bauch floss Blut, welches an ihm herunter lief und auch an Neles Schwert herunter rann. Cyra war wieder bei der letzten Zelle. Doch konnte sie nicht frei handeln. Nur die Vergangenheit bestimmte, wie sie handelte.

„Thero!“, schrie sie entsetzt. Wutentflammt zog sie ihr Schwert. „Nele!? Wieso!? Wie konntest du nur!?“, brüllte sie während bereits Tränen an ihren Wangen herunter kullerten. „Es tut mir leid, Cyra.“, antwortete Nele gelassen. Sie zog ihr Schwert aus seinem Rücken. Theros lebloser Körper fiel zu Boden. Sein Blut breitete sich sofort auf all den kalten Steinplatten aus. Cyra ertrug diesen Anblick nicht. Ihr Geliebter lag tot auf dem Boden. Und zudem war der Mörder ihre beste Freundin. Cyra wusste nicht, wie sie fühlen oder handeln sollte. Am liebsten wäre sie einfach nur aufgewacht und hätte all dies nur geträumt. Während ihre Knie vor Verzweiflung und Trauer schon schwach wurden, spürte sie gleichzeitig Hass in sich aufsteigen. „Hättest du ihn nicht geschickt, hätte es nicht Thero sein müssen. Doch dies alles geschieht nur zu deinem Besten. Hier unten wirst du überleben, Freundin.“, sprach Nele ebenso trocken wie schon zuvor. Plötzlich nahm der Hass in Cyra ungeahnte Maße an. Zu ihrem Besten!? Dies alles war zu ihrem Besten!? „Wag es nicht mich noch einmal Freundin zu nennen!“, schrie und schluchzte sie gleichzeitig. Sie hob ihr Schwert und setzte mit ihrem rechten Fuß zum sprinten an. Doch bevor sie handeln konnte, spürte sie einen harten Schlag in ihrem Nacken. Nele war nicht alleine. Cyra fiel ohnmächtig auf den Boden.

Nuvoin
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Fr 5. Nov 2004, 13:08 - Beitrag #4

Part IV

Cyra schwebte in warmen Träumen. Um sie herum befand sich das Glück. Es umhüllte sie. Es schien ihr schon so lange her, dass sie dieses Gefühl wahr nahm. Wie aus dem Nichts entsprungen, nahm das Glück Gestalt an. Die Gegend nahm die Form jenes Glückes an, welches Cyra vermisste. Doch trotzdem stimmte etwas nicht.
Das Gras streichelte ihr Gesicht. Sie sah auf. Eine große, weite Wiese war der Ort, an dem sie sich befand.. An ihrem Enden konnte man nichts sehen, nur Weiß. Es war wie eine Plattform aus Gras, die in der Unendlichkeit schwebte. In der Mitte stand ein in weiß gekleideter Apfelbaum. Er blühte und würde bald Früchte tragen. Cyra versuchte mehr zu erkennen. Unter dem großen Baum stand ein Mensch. Dieser schien sie bemerkt zu haben, denn er ging auf sie zu. Als er direkt vor ihr war, erkannte sie die Person. Es war Thero, welcher sie anlächelte: „Da bist du ja, meine Geliebte.“ Cyra war überglücklich ihn zu sehen. Der Tod musste sie wohl geholt haben und nun war sie wieder bei Thero. Sie wollte antworten, doch keine Worte verließen ihren Mund. Geschockt versuchte sie es erneut, doch es war vergebens. Ihre Arme wollten sie aus ihrer Liegeposition befreien, doch sie versuchten vergebens ihren Körper hoch zu stemmen. Cyra fehlte die Kraft dazu. Aber zumindest konnte sie Thero sehen. Sein Anblick alleine reichte ihr. „Was ist los, Liebling? Wieso antwortest du mir nicht?“, fragte dieser traurig. Erschreckt über diese Frage, wollte ihm Cyra diesen Gefallen tun. Doch erneut brachte sie keine Worte über ihre Lippen. Thero ließ den Kopf traurig hinunter hängen. Er seufze, drehte sich um und ging. Wieso ließ er sie wieder alleine? Wieso konnte sie ihn nicht rufen? „Thero!“, versuchte sie mit aller Kraft, doch es blieb nur ein Gedanke. Wie als hätte dieser sie doch gehört, blieb er stehen und drehte sich um. „Komm mit mir und wir führen das Leben, das wir immer wollten.“, rief er ihr zu. Wie gerne hätte Cyra „ja“ geschrieen und wäre zu ihm gerannt. Sie hätten sich umarmt und alles wäre gut. Doch Cyra blieb stumm. Sie konnte nicht anders. Ihre Stimme ließ sie im Stich. Thero drehte sich traurig um und ging. Das Licht am Ende der Wiese empfing ihn. „Thero! Nein, geh nicht!“, versuchte Cyra ihn zu stoppen, überrascht plötzlich wieder Laute von sich geben zu können. Doch dieser hatte sie nicht gehört. Er ging unaufhaltsam weiter. Schritt für Schritt wurde er blasser, als er in das Licht am Ende der Wiese eintauchte. All die kräftigen Farben verschwanden, bis sie nicht mehr zu unterscheiden waren. So lange, bis er ganz verschwunden war. „Thero...“, flüsterte Cyra traurig. In ihr machte sich erneut das Gefühl breit, ihn verloren zu haben. Es wurde immer stärker, bis Cyra durch dieses Krämpfe und Schmerzen erlitt.
Das Licht, welches die grüne Grasplattform umgab, fing an sich zu wachsen. Es wurde immer größer und ließ die Wiese, wie schon Thero, nach und nach verblassen. Jeder einzelne Grashalm strahlte noch einmal mit all seinen Farben, bevor ihn die Leere verschluckte. Cyra wollte dem entgehen und fliehen, doch sie konnte noch immer nicht aufstehen. Noch immer fehlte ihr die Kraft dazu. Doch die Leere kam immer näher auf sie zu. Immer näher und immer schneller drang sie weiter zu Cyra vor. Und als die Wiese schon fast all ihre Pracht verloren hatte, erreichte das Licht auch sie. Doch bevor es sie überfallen konnte, drückte Cyra fest die Augen zusammen. Als sie kein Gras mehr spürte, hatte sie kurzzeitig das Gefühl zu fliegen. Ihr kam es so vor, Raum und Zeit würden keine Rolle mehr spielen und sie bewegte sich einfach in ihnen wie es ihr beliebte. Ein unangenehmes Ende bereitete der Fall auf den Boden. Cyra war jedoch nicht mehr auf der Wiese von eben. An ihren Beinen spürte sie wieder Steine und Sand, bis hin zu ihrer Hüfte. Mit ihrem Bauch lag sie auf einem etwas größeren Stein, der ihr leichte Schmerzen zubereitete. Aber was war das? Mit ihren Armen und ihren Kopf spürte sie etwas, was sie lange gesucht hatte. Es fühlte sich so erfrischend und nass an. War es wirklich Wasser? Cyra öffnete ihre Augen. Licht blendete sie, doch allmählich erkannte sie die neue Landschaft. Vor ihr war kleiner See. Sein Wasser war glasklar und frühlingskalt. Eine Palmenkulisse umgab ihn. Die Schatten der großen und hohen Pflanzen verdeckte die eine Seite des Ufers. Manche der Palmen trugen Kokosnüsse. Doch wenn man durch die Palmen hindurch sah, erkannte man den staubigen und steinigen Boden, auf dem Cyra die ganze Zeit gereist war. Wo war Cyra gelandet? War dies eine Oase? Aber wie kam sie hier her.
Sie entschied, dass diese Fragen auch noch später geklärt werden könnten und trank erst einmal. Als das kühle Nass ihren trockenen Hals hinunter lief, fühlte sich Cyra wie neu geboren. Erst jetzt bemerkte sie, wie ihr Körper es vermisst hatte.

Sie trank so viel, bis sie nicht mehr konnte. Cyra wusste ja nicht, wie lange ihre Reise noch dauern würde. Wann hätte sie ihr Ziel erreicht? Als sie im Geiste ihre bisherige Reise durchging, fiel ihr wieder eine wichtige Frage ein: Wie kam sie hier her? Doch die Antwort kam in nächster Sekunde. „Na Freundin? Hast du dich endlich satt getrunken?“, hörte sie eine zu bekannte Stimme, als das man sie verwechseln könnte. „Ne.. Nele?“, fragte Cyra geschockt. Noch immer hatte sie leichte Probleme beim Reden. Sie versuchte sich umzudrehen und etwas zu erkennen. Doch sie war noch zu schwach. „Tragt sie wieder herein!“, befahr Nele und kurz darauf spürte Cyra wie zwei kräftige Männer sie an den Armen hoch zogen. Erst als sie Cyra drehten, erkannte sie etwas. Vor ihr stand wahrhaftig Nele. Sie wirkte stark und sicher. Ihr Ausdruck war der einer Befehlshaberin. Hinter Nele standen drei große Zelte. Ein paar der Barbaren hatten sie und ihn wohl begleitet. „Wie... wie komme ich hier her?“, flüsterte Cyra mit der Kraft, die sie noch hatte. „Wir haben dich hinter diesem Hügel gefunden“, war Neles Antwort. Sie streckte ihren rechten Arm aus und zeigte auf einen leichte Erhöhung. „Du lagst ohnmächtig im Sand, meine Freundin“, fügte Nele hinzu. „Ich bin nicht deine Freundin!“, erzürnte Cyra, „und ich we...“ Erneut fielen ihre Augen zu und die Ohnmacht hieß sie willkommen.

Mit Mühe versuchte Cyra ihre Augen zu öffnen. Blinzelnd sah sie sich um. „Wo bin ich?“, flüsterte sie sich zu. Sie lag in einem Zelt auf etwas Stroh. Vor sich sah sie Brot und Wasser stehen. Hungrig nahm sie die Gelegenheit einer Mahlzeit war. Als ihr Magen gefüllt und ihr Hungergefühl gestillt war, fielen ihre Augen wieder zu. Cyra war noch zu schwach und müde.

Nach langer Zeit des Schlafens öffnete sie erneut die Augen. Cyra erkannte wieder das Zelt, doch diesmal war etwas anderes. Eine fremde Person war noch anwesend. Mit zusammengekniffenen Augen versuchte Cyra den Schatten zu mustern. Es brauchte etwas Zeit, doch dann erkannte sie mehr Farbe und auch die Gestalt wurde erkennbar. „Guten Abend, Freundin“, begrüßte Nele sie. „Wieso?“, entgegnete Cyra bloß. Sie verstand nicht, wieso sie noch lebte und brachte nicht mehr Worte heraus. „Hier, ich habe dir einen Eimer mit frischen Wasser gebracht. Dann kannst du dich erst einmal etwas waschen. Falls du Hunger oder Durst hast, daneben sind Brot und Wasser.“, ignorierte Nele die Frage, „wenn du etwas ausgeruhter bist reden wir weiter.“ Ohne auf Antwort zu warten drehte sie sich um und ging aus dem Zelt heraus. Auch als Cyra rief, sie solle warten, hielt sie nicht inne. Als Nele den Vorhang des Zeltes beiseite warf um heraus zu kommen, erkannte Cyra ein Lagerfeuer. Mehrere Leute saßen an ihm, unterhielten sich fröhlich und aßen. Feierten sie? Doch bevor Cyra mehr erkennen konnte, war der Vorhang wieder am ursprünglichen Ort.
Seufzend stand sie auf und nahm Neles Angebot war. Cyra aß und trank erst etwas, dann wusch sie sich, so gut es mit einem bloßen Eimer Wasser ging. Es tat gut nach mal wieder etwas Wasser auf der Haut zu spüren.

Langsam öffnete Cyra ihre Augen. Sie streckte sich zunächst, dann setzte sie sich aufrecht. Es war wohl Vormittag, nahm Cyra an. Die Sonnenstrahlen durchdrangen das Zelt und ließen es heller wirken, als es eigentlich war. Nachdenklich betrachtete Cyra ihre Handinnenflächen. Sie ließ ihre Hände ganz locker, dann ballte sie sie fest zu einer Faust. Nach wenigen Augenblicken öffnete sie ihre Hände wieder. „Die Kraft kommt zurück“, murmelte sie. Die Bettruhe und das regelmäßige Essen, welche ihr auf der Reise ausblieben hatten sie gestärkt. Cyra spürte zwar, dass sie noch nicht stark genug und für ihre Verhältnisse eher schwach war, aber dennoch sprudelte mehr Kraft in ihr als vor kurzem.
Durch das Öffnen des Vorhangs kehrte Cyra aus ihren Gedanken zurück. Es war wieder Nele die eintrat. „Ah, du bist ja schon wach“, sagte sie freundlich, „schön das es dir wieder etwas besser geht, Freundin.“ Cyra betrachtete jedoch nur misstrauisch das Schwert was Nele in ihren Händen hielt. Es war ein großer Zweihänder. Sein Griff war schlicht gehalten, dennoch wirkte es Edel und die Klinge war scharf wie kein zweites. Sofort erkannte es Cyra wieder. Es war ihr Schwert. „Gib mir mein Schwert!“, forderte sie sauer. „Aber natürlich“, war Neles freundliche Antwort. Cyra sah sie erstaunt an. Man würde ihr einfach so ihr Schwert geben? „Du kannst es jeder Zeit haben“, wiederholte Nele, „jedoch nur wenn es auf unserer Seite ist.“ War das wirklich ihr ernst? War das der Grund, dass Cyra noch lebte? Erst tötete Nele ihren Geliebten, dann entführte sie mit dem gefährlichsten Mann des Reiches den König und jetzt sollte Cyra sich ihnen anschließen? Einfach so? „Eher sterbe ich!“, trotzte Cyra zornig, „wie kannst du es wagen mich auch noch danach zu fragen!“ Nele seufzte traurig. Dann wurde ihre Mine jedoch wieder fröhlich: „Du wirst dich uns noch anschließen, keine Sorge Freundin. Barmus hat mir auch geholfen mich zurecht zu finden. Dir wird er ebenfalls helfen.“ „Barmus?“, fragte sich Cyra. Wer war Barmus? Meinte sie etwa des Königs Bruder? Nie hatte sie dessen richtigen Namen erfahren. Man redete stets nur über „ihn“. Aber es konnte nur sein Bruder sein. Es war zu offensichtlich... die Namen... Barmus und Bormus. Sie klangen zu gleich, als das es nicht die Namen zweier Brüder waren. „Er hat dir geholfen?“, hakte Cyra nach. „Ja meine Freundin“, antwortete Nele, „er hat mir die Augen geöffnet. Und nun ruh dich aus. Ich habe ihn gebetet mir diese Aufgabe zu überlassen. Ich werde dich morgen erneut fragen. Und wenn du wieder uneinsichtig bist, dann wird er sich um dich kümmern.“ „Auch morgen wird meine Antwort die selbe sein!“, sprach Cyra grimmig, „und ich bin nicht deine Freundin!“ Nele lachte kurz auf: „Noch nicht...“ Kurzerhand verließ sie stumm und ohne Abschiedsworte das Zelt.
Cyra ließ sich wieder zurück auf das Stroh fallen. „Ihr die Augen geöffnet?“, dachte sie, „wie meint sie das?“ Cyra dachte an all die Gerüchte die es über Barmus gab. Laut ihnen soll er des Teufels Zunge haben und Leute steuern können wie es ihm beliebte. Hatte er Nele unter Kontrolle? War es dieser Grund, aus dem sie handelte? Eine noch viel schlimmere Frage fiel ihr bei diesem Gedanken ein: Wenn Nele nicht widerstehen konnte, würde Cyra es dann schaffen? Nach wie vor hatte sie eine Mission. Sie war die einzige Hoffnung für das gesamte Reich. Falls sie versagte, würde ein neuer König aufsteigen. Cyra sah sich um. Sie saß im Zelt des Feindes, draußen waren mehrere der Barbaren die die Stadt angegriffen hatten und ihr Schwert wurde nicht mehr von ihr geführt. „Habe“, sprach sie langsam und mit weit aufgerissenen Augen, „ich nicht schon längst versagt?“

Es wurde Abend. Einer der Barbaren hatte Cyra grade ihr Essen gebracht und nun saß sie da und nahm Trank und Speis zu sich. Doch plötzlich trat ein unerwarteter Besucher ein. „Cyra, schön Euch endlich mal kennen zu lernen“, sprach er. „Barmus!“, brachte sie kräftig heraus und stand auf, „ihr wagt es zu mir zu kommen!?“ Doch Cyra konnte nichts machen. Barmus war in Begleitung zweier Barbaren. Doch diese wirkten sehr viel kräftiger und geschwinder als die anderen. Sie hatten bereits gezogene Schwerter. „Ich wollte mich nur versichern, dass ihr wohl auf seid“, antwortete er. „Und was ist mit euren zwei Wachen? Trauen sich drei Männer nicht mit ungezogenen Schwertern zu einer Frau?“, lachte Cyra. „Nun, es ist lediglich eine kleine Vorsichtsmaßnahme“, erklärte Barmus freundlich. Cyra missfiel dieses Getue von ihm. Sie musste vorsichtig sein, sie musste seinen gefährlichen Worten widerstehen. „Wo ist der König?“, fragte sie rasch, „was habt ihr ihm angetan?“ Barmus lächelte. „Keine Angst, er ist wohl auf. Ihr seid sozusagen Nachbarn“, lachte er. „Ich werde mich noch etwas seines Geistes bedienen bevor er stirbt.“, fügte er noch trocken hinzu. „Ihr werdet noch wünschen mich hier und jetzt getötet zu haben!“, versprach ihm Cyra sauer. „Große Worte die ihr da von euch gebt“, antwortete Barmus, „aber sie sind bedeutungslos. Entweder ihr werdet euch uns anschließen oder ich persönlich werde den Befehl für euren Tod geben.“ Dann beugte er sich etwas zu Cyra vor und flüsterte leise: „Wenn es nach mir ginge, dann wäret ihr bereits eine tote Frau. Doch Nele hat sich für euch eingesetzt. Zu schade, dass ich sie noch brauche. Aber bald wird es auch ihr egal sein.“ Cyra brachte keine Worte hervor. Nele? Sie war der Grund, dass Cyra noch lebte? Er konnte sie nicht töten, da Nele es nicht erlaubte? War da etwa noch ein winziger Teil ihrer selbst übrig?
Barmus lachte laut auf. „Ihr habt versagt“, provozierte er sie, „Leibgardistin des Königs.“ Mit diesen Worten verließ er wieder das Zelt .
Doch Cyra hatte seine letzten Worte überhört. Sie war zu sehr in Gedanken vertieft. Nele ist der Grund? Aber wenn sie doch noch sie selbst war, wie sollte Cyra sie dann für den Tode Theros hassen?


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