1984 - Vermischtes

Die Faszination des geschriebenen Wortes - Romane, Stories, Gedichte und Dramatisches. Auch mit Platz für Selbstverfasstes.
J.C.
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Mo 21. Feb 2005, 11:33 - Beitrag #21

Zitat von aleanjre:Wenn der Mensch mit seinem Status Quo zufrieden wäre, weil er nichts anderes KENNT, würden wir heute noch mit Faustkeilen auf die Jagd gehen. Etwas nicht zu kennen, bedeutet nicht, dass man sich es nicht vorstellen kann.



Nur, dass die Menschheit, wie wir sie bisher hatten, nie eine so diktaturische Macht hatten.
Aber es ähnelt leicht dem NS-Regime.
Da man den Menschen, durch Bücherverbrennungen, Informationsvorenthaltung usw, die Möglichkeit nahm, sich vollständig über das Thema Juden zu informieren, glaubte man eben das, was einem gesagt wurde.
Somit war dann für jeden klar: Juden sind böse.
Alle Fakten weisen darauf hin, keine weisen davon weg. (Da diese ja vorenthalten wurden)

Somit ist deine Aussage imho nicht richtig.

aleanjre
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Mo 21. Feb 2005, 11:40 - Beitrag #22

Aber es hat eben nicht jeder geglaubt, dass Juden böse sind. Sonst hätte es niemanden gegeben, der Juden in seinem Kohlekeller versteckte, ungeachtet der eigenen Gefahr, sonst hätte ein Oscar Schindler niemals versucht, seine Arbeiter zu retten. Ja, es gab jene, die einfach nicht darüber nachgedacht haben, ob das von der Regierung vorgekaute Dogma die Wahrheit ist oder nicht, die es dankbar angenommen haben - selbstständig denken zu können heißt nicht, dass dies eine angenehme Beschäftigung ist! Andere haben instinktiv gefühlt, dass es falsch sein muss, aber aus irgendeinem Grund entweder nicht den Mut, die Kraft oder die Gelegenheit gehabt, etwas dagegen zu tun. Wiederum andere wußten, dass es eine Lüge ist, haben das aber verdrängt und die daraus entstehenden Annehmlichkeiten (Zwangsräumungen der von Juden bewohnten Villen etc.) gerne angenommen.
Es war nicht die fehlende Information, die den Holocaust ermöglichte. Wer wissen wollte, wer denken wollte, konnte dies auch tun.

J.C.
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Mo 21. Feb 2005, 11:50 - Beitrag #23

Das 0815-Volk konnte sich nur schwer die Informationen beschaffen, die es gebraucht hätte, um sich die andere Seite anzuschaun.

So wie es diese "Freidenker" im 3. Reich gab, die nicht alles einfach so geschluckt haben, wie sie es aufgetischt bekamen, gab es sie auch nicht bei 1984 =)
So schließt sich der Kreis

aleanjre
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Mo 21. Feb 2005, 11:58 - Beitrag #24

Es waren nicht nur die Freidenker, die Gebildeten, die sich für das Überleben von Verfolgten eingesetzt haben.
Und die Ausgangsthese war, dass man nicht nach etwas verlangen kann, dass man gar nicht kennt. ;)
Ich bleibe dabei. Man muss es nicht kennen, um zu spüren, dass es einen Mangel gibt, man muss kein Wort für "Freiheit" besitzen, um sich genau danach zu sehnen.

J.C.
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Mo 21. Feb 2005, 13:36 - Beitrag #25

Nur, dass sich die Meisten damit abfinden, wenn noch nie jemand davon was gesehen/gehört hat, dann gibt es das auch nicht.

Feuerkopf
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Mo 21. Feb 2005, 14:02 - Beitrag #26

Es ist eine gute Weile her, dass ich "1984" und "Brave New World" gelesen habe.
"Animal Farm" (Orwell) und "Brave New World revisited" (Huxley) gehören eigentlich auch noch in diesen Kanon von negativen Utopien.

"1984" war vordergründig brutaler, ebenso "Animal Farm". Allerdings muss man im Hinterkopf haben, dass Orwell durchaus das Beispiel des Stalinismus in der Sowjetunion vor Augen hatte.
Überhaupt spiegelt "1984" eher ein System der staatlichen, militaristischen und stark ideologisch gefärbten Unterdrückung wieder.

"Brave New World" ist m. E. eine ganz perfide Szenerie. Vordergründig wohlmeinend, hintergründig zutiefst menschenverachtend.
Wenn man mal den Film "Gattaca" gesehen hat, weiß man, was aus genetischer Optimierung folgen kann...

Aldous Huxley war von der erstaunlichen Realitätsnähe seines Buches selbst erschüttert, in späteren Jahren.

Traitor
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Do 24. Feb 2005, 02:24 - Beitrag #27

In dieser Übersetzung hieß es Neusprache (Neusprech würde allerdings imo besser zu den anderen neuen Wörtern passen) und Zwiedenk, wobei ich diesen Begriff für geeigneter halte als Doppeldenk, da er die Widersprüchlichkeit des Denkens besser umschreibt.
Aber es ist ja im englischen auch Doublethink und nicht Twithink. Außerdem ist "Zwie" ein schon heutzutage angealterter Wortbestandteil, der im Neusprech sicher zu den schon in der ersten Revision ausgemerzten gehört.
In meiner Übersetzung gab es keinen Ich-Erzähler, aber die ganze Geschichte wurde aus Winstons Sicht geschildert. O´Brien (wenigstens wurden die Namen nicht übersetzt) und Goldstein wurden aber durch das Buch im Buch ebenfalls kritische Gedanken zugesprochen; wenn ich das richtig verstanden habe, hat O´Brien ja mitgeschrieben und früher tatsächlich so gedacht, wurde dann aber parallel zu Winston früher einer solchen endgültigen Gehirnwäsche unterzogen.
Der Ich-Erzähler bezieht sich wohl auf die Tagebuch-Passagen. O'Brians Vergangenheit und Verbindung mit Dem Buch ist iirc nicht ganz klar - im Film, den ich gerade nochmal gesehen habe, sagt er nur "They caught me a long time ago" und "I collaborated in the making of it", wobei ersteres nicht das Gefangenwerden nach einer Tat, sondern auch die Absorption ins System an sich meinen kann und letzteres nahelegt, dass Das Buch ein Konstrukt der Partei selbst ist. Wie es im Buch exakt war, muss ich nochmal nachsehen.
Was ich in 1984 unter anderem nicht verstanden habe, sind die Motive O´Briens und der Inneren Partei. Er sagt selbst, es gehe ihm nicht um Frieden oder das Wohl des Volkes, sondern schlicht und einfach um Macht, die er sichern möchte. Aber wozu?
Ich kann mich Ipsissimus nur anschließen - solche Menschen streben tatsächlich nur nach purer Macht. Die gab es in der Geschichte schon zur Genüge, und ein derartiges System bringt sicherlich einen reichen Nachwuchs hervor.
Zur BNW sage ich mal nichts, dazu gibt's genug eigene Threads.

@Ipsissimus: Ozeanien gibt's in 1984, nicht in BNW, das ist in deinem letzten Beitrag durcheinandergeraten ;)

@alea:
Als Kind glaubst du es, wenn man dir sagt: es gibt nur 5 cm große Lutscher, größere kann man absolut unmöglich herstellen, und es ist schädlich mehr als einen davon pro Tag zu essen!
Ich sehe es eher so: Das Kind glaubt zwar, dass es keine 10cm-Lutscher gibt, aber es will trotzdem weiterhin einen haben und beschwert sich, dass es keinen kriegt.
Da ich Brave new World nicht gelesen habe, weiß ich nicht, auf welche Weise Neugier, Erfindungsgeist und das Streben nach Veränderung unterdrückt wird.
Sie werden mit einem Cocktail aus pränataler Manipulation, manipulativer Erziehung im Kindesalter und lebenslanger Indoktrination nahezu ausgemerzt, die letzten Rest werden als Krankheit deklariert und mit Drogen niedergerungen. Einige der Methoden sind vermutlich überschätzt, aber prinzipiell handelt es sich wohl um ein recht endgültiges System, das keinen Raum für Status-Quo-Müdigkeit lässt, den Menschen damit für mich aber eben auch bereits ihre Menschlichkeit geraubt hat.

@JC&aleanjre: Das Nazi-Reich ist glücklicherweise nie über die ersten Experimentaljahre hinausgekommen. Es erreichte nicht ansatzweise die Perfektion von 1984, und deshalb waren die Menschen natürlich noch zur Selbstinformation und zum Widerstand fähig. 12 Jahre sind, trotz aller schrecklich unfassbaren Effektivität und Effizienz dieses Regimes, zu wenig, um eine totale Transformation der Gesellschaft durchzuführen.

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