Welches Buch lest ihr gerade? (II)

Die Faszination des geschriebenen Wortes - Romane, Stories, Gedichte und Dramatisches. Auch mit Platz für Selbstverfasstes.
Ipsissimus
Dämmerung
Lebende Legende

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Fr 30. Nov 2018, 11:15 - Beitrag #841

"Kompartiment" ist natürlich auch ein deutsches Wort, aber "kompartimentiertes Gehirn" bezieht sich eher auf die anatomischen Aspekte. "Segmentiertes Bewusstsein" vielleicht.

Was las ich gerade?

Ulla Berkéwicz
Über die Schrift hinaus

Suhrkamp Verlag, Mai 2018, 116 Seiten

Zwei deutlich voneinander abgegrenzte Teile stehen sich textlich gegenüber. Im ersten werden in Art einer "mystischen Gesamtschau" Bezüge zwischen talmudischer und rabbinischer Theologie einerseits und Riemann/Perelmanscher Mathematik gestiftet, Bezüge, die zeigen sollen, wie beide Disziplinen Grenzen von klassischem Raum- und Zeitempfinden überschreiten und letztlich sprengen. Die theologischen Teile halte ich für ziemlich zuverlässig, die mathematischen sind eher atemberaubend, oder sagen wir assoziativ argumentierend^^ (oder hat schon mal irgendwann jemand versucht, Riccifluss und Seelensatz in einen theologischen Kontext zu zwingen?).

Im zweiten Teil wird anhand der Schilderung ziemlich unrealistischer Ereignisse auf einem Karnevalsdienstag-Ball in Wien mit gehobener Kundschaft durchexerziert, was die proklamierte Suspendierung unserer Sinne auf vierdimensionale Raum- und Zeitvorstellungen für Konsequenzen hat.

Es ist, bei einer Autorin wie der Berkéwicz auch nicht anders zu erwarten, kein wissenschaftlicher Text, "mystische Zusammenschau" eigentlich inkommensurabler Sachverhalte trifft es besser. Trotzdem sehr vergnüglich gemacht, vor allem wenn man sich das Hörbuch zu Gemüte führt, das von Berkéwicz selbst gesprochen wird. Man merkt ihrer Stimme die geschulte Schauspielerin an, es ist ein Vergnügen, ihr zuzuhören, wie sie Nuancen aus dem Text kitzelt, die bei reiner Lektüre so wahrscheinlich an der Aufmerksamkeit vorbei gerauscht wären.

Eher was für Bildungsbeflissene, jedenfalls nicht aus mathematischem Interesse heraus lesen, das wäre ein Missverständnis.

Sukkuru
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Mi 15. Mai 2019, 09:02 - Beitrag #842

Um diesem Thread mal wieder ein bisschen Leben einzuhauchen.. ich lese gerade "Die Rebellin"
Wirklich toll geschrieben und man taucht richtig in ihre eigene Welt ein!

SirenaF
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So 2. Jun 2019, 14:40 - Beitrag #843

Wenn ich ehrlich bin habe ich schon seit langer Zeit kein Buch mehr gelesen. Bis zu dem Zeitpunkt, als wir in der Firma bei b-works.io eine neue Website haben anfertigen lassen. Bei den Vorgesprächen ging es um Ux design, Javascript und conversion optimisation, und ich hatte keine Ahnung was das ist. Also habe ich mir ein Buch besorgt, um mich einzulesen

Traitor
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Mi 31. Jul 2019, 21:19 - Beitrag #844

Aus den letzten Monaten:

Tonke Dragt - Die Türme des Februar: Ein Jugendbuch, das ich noch in großartiger Erinnerung hatte, über einen mit vollständigem Gedächtnisverlust in einer Parallelwelt aufwachenden Jungen. Gefiel mir erneut sehr gut, die Düsternis und psychologische Tiefe ist für die Zielgruppe bemerkenswert. Das Worldbuilding bleibt stellenweise etwas skizzenhaft, was aber natürlich zur stark beschränkten Perspektive der Hauptfigur passt, und wie viele Jugendbücher hätte es stellenweise auch gerne einfach etwas länger und detaillierter sein können, um Nebenhandlungen und -figuren besser zur Geltung kommen zu lassen. Aber definitiv für junge wie erwachsene Leser eine Empfehlung.

Anne McCaffrey - Dragonflight: Najanajanaja. Im Grundsatz sehr interessantes Worldbuilding, eine spannende Grundhandlung und viele nette Details. Aber es wird viel, viel zu viel Kram in einen einzelnen Band gepackt (der gesamte
Zeitreise-Twist
hätte sehr gerne 2-3 Bände später in der Serie kommen dürfen, um im ersten Band erstmal die erste Revolution des Status Quo halbwegs sauber auszuarbeiten); die Hauptfiguren verhalten sich unerträglich und an der Handlung holpert im Detail so einiges.

Albert Camus - L'Etranger / Der Fremde: Parallellektüre Französisch-Deutsch. Bin in ersterem ziemlich rostig, aber mit der Parallelhilfe reicht es noch dazu, anzuerkennen, dass die oft grandios gleichgültige Sprache im Original tatsächlich noch besser funktioniert, und der relativ abrupte Wandel zu abstrakterer Wahrnehmung und Denke im zweiten Teil kommt durch stilistische Kniffe auch noch klarer rüber. Inhaltlich eh weiterhin eines meiner Allzeitlieblingswerke.

Joe Haldeman - The Forever War: Dank relativistischer Effekte über Jahrhunderte aus der Perspektive eines einzelnen Soldaten verfolgte Geschichte eines Menschheits-Aliens-Krieges. Überraschend gut lesbar in den militärischen Szenen, sehr interessant wenn auch stellenweise schwer zu beurteilen in den soziologischen. Bei vielen Details (insbesondere Sex/Gender) ist unklar, was veraltete Perspektiven des Autors sind, oder was er gezielt als veraltend in die Welt eingebaut hat. Vermutlich teils/teils, insbesondere die als direkte Vietnam-Satire erkennbaren Teile werden wohl seiner Perspektive entsprechen, bei einigen anderen ist die kritische Distanz erkennbar größer und daher echte Voraussehendheit naheliegend.

Olaf Stapledon - Star Maker: In "First and Last Men" schrieb Stapledon eine trockene, aber faszinierende Geschichte der gesamten Zukunft der Menschheit. Hier jetzt eine Geschichte des gesamten Kosmos - und das sogar zumindest streckenweise weniger trocken, gar mit poetischer Kraft. Dargelegt werden zahllose teils wirklich bemerkenswert kreative außerirdische Lebensformen (von Humanoiden über Arachnoiden und denkende Bäume bis hin zu Gas- und Energiewesen), was stellenweise aber doch trocken wird, und stellenweise wird in viel zu viel Detail auf recht krude Telepathie-Konzepte eingegangen; das Grundkonzept des Erwachens mehrerer Bewusstseinsstufens vom Individuum über die Spezies bis zur ganzen belebten Galaxie und darüber hinaus ist aber, so krude es halt auch ist, stark ausgearbeitet. Und über allem stets die Frage, ob es ein höheres mystisches Ziel gibt, oder der Kosmos doch nur zufällig ist und dem suchenden Bewusstsein desinteressiert gegenüber steht.

We See a Different Frontier: A Postcolonial Speculative Fiction Anthology: Im Schnitt höhere literarische Qualität als beim pädagogisch ähnlich angelegten "AfroSF" letztes Jahr, aber leider auch sehr viel übertrieben gewollt experimentelles Gedöns dabei. Einige richtig spannende und interessante Geschichten dabei aber, etwa über eine singaporianische Gebäude-Exorzistin, linguistische Resistance in einer von Imperialisten eroberten Ex-Hochkultur, oder die Postapokalypse auf pazifischen Inseln.

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