Welches Buch lest Ihr gerade?

Die Faszination des geschriebenen Wortes - Romane, Stories, Gedichte und Dramatisches. Auch mit Platz für Selbstverfasstes.
e-noon
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So 4. Dez 2005, 20:52 - Beitrag #1461

Den Tom-Keie-Vergleich finde ich ziemlich gut, übrigens wird auch letzterer sehr negativ dargestellt; er verprügelt sogar im Beisein Parzivals eine Hofdame, weil sie zum ersten Mal im Leben gelacht hat. :rolleyes:
Beide sind also sehr gewalttätig, nur dass Keie etwa in der Mitte (wir lesen nur Auszüge, also in der Mitte meiner Ausgabe) auch mal einen von Parzival auf den Deckel bekommt, während Tom (imo die widerwärtigste Person des Buches) ungeschoren davon kommt.

Ich kann dir aber nicht zustimmen, dass die Geschichte Nicks erzählt wird; wann im Verlauf der Geschichte ändert er sich denn? Natürlich, er erlangt ein paar Einsichten und erkennt am Ende, dass Gatsby im Grunde ein guter Mensch war, aber größere Veränderungen finden imo bei Gatsby und auch Wilson statt, der gegen Ende des Buches vermutlich zum ersten (zumindest zum letzten ^^*) Mal in seinem Leben aus seinem bisherigen (Versager-)leben ausbricht.
Ich kann nicht erkennen, wann Nick sich charakterlich ändern soll; seine Ansichten und seine ganze Beobachtungshaltung in der Geschichte (er ist ja sehr selten einmal aktiv oder führend) resultieren doch letztlich aus der im Vorwort vorgestellten Belehrung seines Vater, die er schon in der College-Zeit lebt.


@topic: Also sprach Zarathustra, Nietzsche, wie wohl jeder weiß ^^ zum zweiten und wohl nicht zum letzten Mal.

Lykurg
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Mo 5. Dez 2005, 00:09 - Beitrag #1462

e-noon, genau die Szene meinte ich, und ich glaubte mich zu erinnern, daß die Hofdame Cunneware heißt (oder kommt der Name nur bei Chréstien de Troyes vor?) - Keie (Cei/Kay/Keu...) bekommt in den späteren Artusromanen immer mindestens einmal einen auf den Deckel, später, in "diu Crône" (Heinrich von dem Türlin) am laufenden Band, gewissermaßen wie eine Slapstick-Komödie. Schade eigentlich, denn in den ersten Vorstufen war er einer der edelsten Ritter des Hofes, und bei Chréstien / Hartmann hat er noch eine gewisse Korrektivfunktion am Artushof, bildet, wie Jürgen Haupt schreibt, gewissermaßen die Eingangsschwelle: ein werdender Artusritter muß ihn erst besiegen; und Keies ätzende Kritik gefährdet jedermanns Ansehen, das dann in aventiuren bewiesen werden muß, so daß er eigentlich treibender Motor des Hofes ist. Davon ist aber bei Wolfram mE schon nicht mehr viel übrig. - Tom ist wirklich eine lästige Figur; sein aus heutiger Sicht realistisches strafloses Entkommen im Roman hätte sich ein Wolfram vielleicht nicht erlauben können.

Bei Nick bin ich mir nicht mehr so sicher - ich habe den Band leider hier nicht zur Hand, kann insofern nicht überprüfen, wie genau er seine Positionen zu Anfang darlegt. Jedenfalls ist er durch Gatsbys Begräbnis, genauer dadurch, daß von den Partygästen niemand kommt, reichlich desillusioniert und geht zurück in den mittleren Westen, was ja auch eine Aussage ist. Ich weiß nur noch, wie ich es damals empfunden habe.

Wie ist das mit Anfortas in Wolframs Parzival genau? In Wagners Version spielt Kundry da eine ganz erhebliche Rolle: da sie ihn verführte, konnte Klingsor die Lanze entwenden und ihn damit verwunden. (Daisy-Myrtle / Wilson? Nein, ich sehe da noch nicht klar.)

e-noon
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Mo 5. Dez 2005, 18:01 - Beitrag #1463

Cunneware de Lalant, und mit ihr wird noch irgend ein alter Mann von Keie geschlagen, weil er zum ersten Mal geredet hat, als sie das erste Mal lachte.


Anfortas kommt bei uns leider nur als bereits seit Jahren leidender alter Gralskönig vor. Er wurde verwundet, weil er um eine Hofdame gestritten hat, die er nicht begehren sollte (=Gatsby-Daisy?). Der, der ihn verletzte, vielleicht Wilson? Die STelle kommt bei uns nur grob zusammengefasst vor.

sein aus heutiger Sicht realistisches strafloses Entkommen im Roman hätte sich ein Wolfram vielleicht nicht erlauben können.
Sicherlich wäre das auch vollkommen gegen seine Intention gewesen, durch seine Vorträge die höfische Sitte zu lehren und die Tugend zu stärken ;)

Nun, über Nick könnten wir streiten... Ich finde aber, dass er in den allermeisten Fällen als Beobachter auftritt, und erst als Gatsby Tod ist, wird er selbst aktiv. Verständlich, da alle weiteren handelnden Charaktere abgetreten sind - ich vermute, daran liegt es eher als an einer grundliegenden Charakterendung. Er gewinnt sicherlich neue Einsichten, aber einen Wandel oder eine innerliche Reifung konnte ich nicht feststellen.

Lykurg
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Mi 7. Dez 2005, 01:05 - Beitrag #1464

Ich habe es vorhin nachgelesen, e-noon - Wolfram sagt nicht viel über Anfortas' Geschichte, ich fasse zusammen: Er liebte Orgeluse, obwohl Gralsritter eigentlich keusch leben sollen und nur der Gralskönig die Frau heiraten darf, deren Name auf dem Rand des Grals erscheint. (-> HP6^^)
Als er blind vor Liebestaumel auf Aventiure zog, durchbohrte ihm ein Heide mit der vergifteten Spitze der Lanze die heidruose - (iSv 'Schuldigenbestrafung') - aua.^^ Er kann aber nicht sterben, weil die Gralsnachfolge nicht gesichert ist. Die Gleichsetzung Gatsbys mit Anfortas hatte ich bereits vorausgesetzt. Daß Daisy-Orgeluse aber zu Tom-Keie gehört und nicht zu (fehlt völlig)-Gawein, ist natürlich etwas schade daran...

Aydee
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Sa 10. Dez 2005, 00:49 - Beitrag #1465

Alles, was wir geben mussten
(Kazuo Ishiguro)

Eine sanfte, ruhige Geschichte über Erholungszentren, Betreuern, Spendern, Aufsehern.... In einem fast nüchternem Ton erzählt eine junge Frau ihr vorherbestimmtes Leben und das ihresgleichen. Ishiguro schreibt mit einer imo fast erschreckenden Selbstverständlichkeit über ein derzeit - immer mal wieder - arg umstrittenes Thema. Jedoch fehlt hier beinah reglicher moralischer ... Anstrich, nur zum Schluss des Buches kommt das etwas hoch.Ansonsten herrscht in der Geschichte diese Selbstverständlichkeit, vorallem auf Seiten dieser Menschen, deren ganzes Leben nur einem Zweck dient und die von kleinauf dahin gehend "erzogen" werden. Und sie alle geben letztendlich wirklich alles....

Lykurg
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Sa 10. Dez 2005, 01:39 - Beitrag #1466

Aydee, danke für den Tip, ich habe es soeben (im Original) bestellt. Ishiguros "The Remains of the Day" (Was vom Tage übrigblieb) ist eines meiner absoluten Lieblingsbücher, und ich bin sehr gespannt auf dieses hier. Es klingt nach einem guten Weihnachtsgeschenk à la "aber nur, wenn ich es auch lesen darf" ;)

Traitor
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So 11. Dez 2005, 21:47 - Beitrag #1467

Nach einem ewig alten Tip von Fargo und Maglor gestern abend E.T.A. Hoffmanns "Der Sandmann".
Einer der intensivsten Texte, die ich je gelesen habe. Ich schließe mich eindeutig Fargos Bewertung an, was den Zusammenhang mit SF angeht, aber als klassische Literatur ist es definitiv lesenswert, zumal nur lächerliche 60 Seiten umfassend.
Jetzt DNAs "Mostly Harmless", um dann nach dem Ende der fünfbändigen Anhalter-Trilogie mit der derzeit achtbändigen Brentford-Trilogie beginnen zu können.

aleanjre
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So 11. Dez 2005, 22:18 - Beitrag #1468

Kathy Reichs: Knochenlese.
Eine Wichtelgabe aus einem anderen Forum. Vorgestern erhalten, gestern angefangen, heute fehlen noch fünfzig Seiten. :D
Es ist ein extrem detailfreudiger Thriller über eine forensische Anthropologin. Wer einen schwächelnden Magen hat und genaue Ausführungen über fötale Knochen nicht vertragen kann, sollte das Buch in die Ecke legen. Andernfalls darf man sich Hochspannung gefasst machen.

Ipsissimus
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Sa 17. Dez 2005, 11:04 - Beitrag #1469

Andrew Vachss; Hard Candy

Es gibt viele Bücher, denen die Kritik das Prädikat "Literatur aus dem Abgrund" zugesprochen hat; lasse ich mal gewisse dokumentarische Werke außen vor und bleibe im Bereich der reinen Belletristik, waren es genau vier, von denen ich sagen würde "ja, das hier sind sie". Und alle vier stammen aus der Feder desselben Autors, Andrew Vachss.

Vachss ist im Hauptberuf Rechtsanwalt in New York; er vertritt im Auftrag einer Kinderhilfsoraganisation missbrauchte Kinder und Jugendliche vor Gericht. In seinen 6 "Burke-Romanen" hat er die Erfahrungen und Erlebnisse, die er dabei gemacht hat, literarisch verarbeitet, mit der Begründung, daß er eine breite Öffentlichkeit für ein Thema sensibilisieren wolle, das zu einer Zeit, als der erste dieser Romane erschien, "Kata", Anfang der 80er, unter dem behaglichen Mantel des Nicht-zur-Kenntnis-nehmens verborgen war.

Innerhalb der sechs Bände bilden die drei Romane "Bluebelle", "Hard Candy" und "Kult" eine thematische Einheit, und dies sind drei der vier Werke, die ich eingangs meinte; das vierte, "Shella" ist kein Burke-Roman, aber diesen nach Intensität und Bitterkeit absolut ebenbürtig. Leider hat Vachss danach das Niveau seiner Bücher nicht halten können; seine neueren Werke sind nur noch Mittelmaß.


Nachdem am Ende von "Bluebelle" die Frau Bluebelle, Geliebte von Burke, getötet worden war, fällt Burke in eine tiefe Depression. "Hard Candy" beginnt mit dem Vollzug der Rache Bluebelles an ihrem Vater, der sie in ihrer Kindheit durchgängig missbraucht hatte, danach fällt Burke in ein tiefes emotionales Loch. In dieser Antriebslosigkeit trifft er auf Candy, eine Bekannte aus alten Tagen, die ihn bittet, ihre Tochter zu suchen, welche von zu Hause verschwunden ist. Er findet die Tochter relativ schnell; diese weigert sich jedoch zunächst, wieder zurückzukehren. Da er immer noch in dieser Antriebslosigkeit gefangen ist, geht er über diese anscheinende jugendliche Trotzreaktion hinweg und teilt Candy den Aufenthaltsort ihrer Tochter mit, worauf diese ihre Tochter wieder nach Hause holt.

Parallel dazu wird Burke von einem Schatten der Vergangenheit eingeholt. Wesley, ein Auftragskiller, der in den Augen Burkes der gefährlichste Mensch der Welt ist (und das im Roman auch bestätigen wird), war auf ein Opfer angesetzt worden, auf das auch Burke im dritten Band "Bluebelle" Jagd gemacht und schließlich getötet hatte. Wesley, den Burke aus gemeinsamen South Bronx und Knast-Zeiten gut kennt, entging dadurch viel Geld, und er befiehlt Burke zu sich, um zu klären, ob das nur Zufall war, oder ob Burke wußte, daß Wesley hinter dem gleichen Mann her war.

Aus diesen beiden Handlungssträngen webt Vachss einen immer mehr überhand nehmenden Alptraum, in einem unglaublich schnellen Tempo inszeniert, aber niemals den Boden des Gefühls verlassend, daß hier wahre Wirklichkeit nacherzählt wurde. Während der Wesley-Handlungsstrang in einem wahrhaftigen Teufelsfinale endet (von dem viele sich wahrscheinlich wünschen werden, nicht gelesen zu haben, was da geschrieben steht), drückt einem der Candy-Handlungsstrang einfach nur die Kehle zu, und am Ende bleibt nur Trostlosigkeit.

Und der Leser oder die Leserin muß erkennen, daß diese Trostlosigkeit die einzig angemessene Empfindung ist für das, was in diesem Buch thematisiert wurde.

Im letzten Band der drei, in "Kult", wird Burke über diese Trostlosigkeit hinweggehen - und die Leser mit der Frage zurücklassen, ob Trostlosigkeit nicht doch etwas ist, womit sie ganz gut leben können, angesichts dessen, womit er die Trostlosigkeit überwindet

Traitor
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Mo 26. Dez 2005, 22:38 - Beitrag #1470

C.S. Lewis' "Prince Caspian", entstehungschronologisch zweiter und erzähl- sowie meinerseits lesechronologisch vierter Narnia-Band. Schön wie die anderen, wenn auch vielleicht bisher etwas düsterer, da er eingangs ein verfallenes und von prosaischen Mächten übernommenes Narnia beschreibt.

Padreic
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Di 27. Dez 2005, 15:36 - Beitrag #1471

Den neuen Harry Potter gelesen (Weihnachtsgeschenk). Trotz mancher leichter Schwächen durchaus lesenswert und klar besser als sein Vorgänger. Bin gespannt auf den siebten.

Lykurg
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Mi 4. Jan 2006, 00:28 - Beitrag #1472

Gotthold Ephraim Lessing: "Philotas"; "Minna von Barnhelm", als nächstes auch noch "Emilia Galotti" und "Nathan der Weise"

Freude an schöner Sprache und mächtigen Bildern, etwa die extremen Ehrvorstellungen Tellheims, der sich weigert, die Hilfe anzunehmen, die er seinen Freunden immer geboten hat, wenn diese ihrer bedurften. Falsche Eitelkeit? - Ähnlich auch im Philotas der Selbstmord des (einzigen) Königssohns, der meint, so seinem Vater einen Vorteil zu gewähren: Er ist in Gefangenschaft geraten und vermeidet so eine Lösegeldzahlung, erreicht aber damit (mE von der Handlungsmotivation etwas zu zufällig - und politisch eher unrealistisch) eine Aussicht auf Frieden.

Traitor
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Mi 4. Jan 2006, 02:21 - Beitrag #1473

@Lykurg: Da bin ich mal gespannt, ob du auch die Galotti so positiv bewertest.

Bei mir Max Frisch' "Homo Faber". Muss man ja definitiv mal gelesen haben. Die Handlung ist gut konstruiert und erzählt, sprachlich stören mich gelegentliche Wortakkumulationen und die schweizerischen Ekligkeiten (falsche Artikel etc) etwas. Und der "zweite Teil" ist dann doch etwas unstrukturiert.
Allgemein finde ich, dass Stil und Form nicht ganz stimmig zum erzählenden Hauptcharakter sind. Ein klare Satzstrukturen wahrender, dem angegebenen "Ein Bericht" entsprechender Stil hätte mir besser gefallen.
Dennoch natürlich ein anerkennenswertes Werk.

aleanjre
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Mi 4. Jan 2006, 11:51 - Beitrag #1474

Stephen Fry: Der Lügner.
Irre, das Buch. :crazy:
Ein sacht pervers veranlagter Held, ein undurchsichtiger Cambridge - Professor, ein Geheimbund, ein pornographischer Dickens, verschiedene Zeit- und Entwicklungsebenen aller Charaktere... Rasant und intelligent geschrieben, und eben: völlig irre.

Nebenher noch ein paar Abhandlungen über die Awaren und Germanische Mythologie. Hab über letzteres ein Buch aus der Bibliothek gefischt, dass seit 1908 inhaltlich unverändert immer wieder neu aufgelegt wurde. Zwischendurch empfiehlt der Autor Standartwerke von 1789 als Hintergrundlektüre. :D
Nett auch, wenn den nachfolgenden Lektoren hartnäckig ein "Thatsache" oder "thun" durchgerutscht ist. :rolleyes:

Milena
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Mi 4. Jan 2006, 17:47 - Beitrag #1475

...na ja...:
-Erfolgreiche Bewerbung-
..vielleicht habe ich bislang etwas falsch gemacht...^^
und zur Auffrischung:
-Langenscheidtssprachführer in Franz und Serbokroatisch-.......

Lykurg
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Mi 4. Jan 2006, 19:39 - Beitrag #1476

Inzwischen ist Emilia Galotti tot und Nathan quasi Adoptivbruder Saladins.^^
E.G. bewerte ich tatsächlich etwas kritischer, Odoardo handelt zwar sehr ehrenvoll, kommt seiner Tochter auch nur zuvor, aber irgendwie ist die ganze Situation etwas neurotisch. Die Vorstellung, daß ein gebesserter Prinz für das Land günstiger ist als ein toter, wird dann im Fiesco ins Gegenteil verkehrt. Zudem stellt sich die Frage, ob seine bisherige Vertrauensseligkeit, die jetzt enttäuscht wurde, ihn nicht vollends zu einem Tyrannen machen könnte (aber da hier noch auf Heilung durch Erschütterung gehofft wurde...)

Kati
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Do 5. Jan 2006, 00:33 - Beitrag #1477

Ich lese im Moment ein -wie ich finde- recht spannendes Buch: "Das verlorene Labyrinth" von Kate Mosse. Ich bin inzwischen auf Seite 140 angelangt, und die Autorin schafft es mit einem riesigen Spannungsbogen die Geschichte ganz langsam aufzubauen und trotzdem weiß ich eigentlich immernoch nicht wirklich um was es da geht ^^
Was mir allerdings teilweise ein wenig fehlt, sind Französischkenntnisse ^^

Lykurg
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Di 10. Jan 2006, 00:10 - Beitrag #1478

Dan Brown: Illuminati^^

Meine Schwester war der Meinung, ich müsse, und schenkte es mir. Ich fand es faszinierend, habe es nur zweimal aus der Hand gelegt (einmal, um zu schlafen, einmal, um zu essen). Allerdings auch sehr amüsant banal, das gehört ja einfach dazu. Der Schluß ist mE kitschig, und noch schlimmer: Vorhersehbar, und zwar Stufe für Stufe. Man merkt, daß da noch ein paar Seiten mehr sind, und weiß daher: Die derzeitige Version ist auch nicht die endgültige (die Logik des Genres gebietet, daß die nächste Stufe noch böser, "unerwarteter", infamer ist - und dann ist ja klar, wer es sein muß).

Außerdem habe ich mich immer wieder an sachlichen Fehlern gestört (ohne es darauf anzulegen). Und das finde ich bei einem Buch dieses vermeintlichen Formats und dieses Erfolgs doch befremdlich. Ein Beispiel, ziemlich zu Anfang: "Novus Ordo Seclorum" (eklige Schreibweise, entspricht aber wohl der auf US-Banknoten) wird übersetzt mit "neue Weltordnung" - von jemandem, der es (im Buch) besser wissen müßte. Die Vorgänge um die Papstwahl enthalten einige Schnitzer; Englisch als Wissenschaftssprache im Italien der Renaissance ist völlig jenseitig; die Dialoge sind immer wieder flach, vor allem: dem vermeintlichen Intellekt der Sprecher nicht angemessen. Und daß immer wieder Stellen auftauchen, wo der gewählte Weg der kompliziertestmögliche ist, nur damit es ein bißchen besser wirkt, macht große Teile des Buches höchst unwahrscheinlich.^^

Zweifellos enthält das Buch trotzdem eine ganze Reihe von brauchbaren Informationen und einige sehr interessante Denkanstöße zum Verhältnis Religion - Wissenschaft. Ich fand es jedenfalls zugleich reizvoll und sinnvoll, es zu lesen.

Ipsissimus
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Di 10. Jan 2006, 13:31 - Beitrag #1479

Chuck Hogan

The Standoff / Hornissennest

ich zitiere der Einfachheit halber Teile von http://www.hinternet.de/buch/h/hogan.php
The Standoff, deutscher Titel "Hornissennest" ist die Geschichte einer Belagerung in Montana, der Hochburg der Militia, Survivalists, Verschwörungsparanoiker, Separatisten und Waffennarren, kurz, allderjeniger, die sich von der niggerfreundlichen jüdisch durchsetzten linken Regierung im fernen Washington lossagen wollen.

Einer dieser gottesfürchtigen Separatisten ist Glen Ables, der sich einem Räumungsbefehl widersetzt und sich mit seiner Familie in einer Berghütte verschanzt.. Er ist als Vietnam-Veteran erfahren im Umgang mit Waffen, bis an die Zähne bewaffnet und hält seine Familie und einige Verwandten als Geiseln. Die Situation droht zu eskalieren. Um dies zu verhindern werden einige Sonderkommandos angefordert.

Die Leitung dieser Operation übernimmt das FBI, genauer, John Banish, der durch einen uneinsichtigen Computer für diese Mission ausgewählt wurde. Uneinsichtig deswegen, weil Banish eigentlich seit zwei Jahren nicht mehr im aktiven Dienst ist. Nach einem Einsatz, bei der zwei Geiseln ums Leben kamen, war Banishs Psyche soweit angeschlagen, daß er längere Zeit in einem der verdeckten FBI-Sanatorien verbringen mußte. Anschließend wurde er in eine Außenstelle versetzt, wo er abgeschieden von der Welt und ihren kriminellen Machenschaften die Zeit bis zur Pensionierung absitzen sollte. Doch darüber hatte der Computer keine Informationen. Für ihn war Banish immer noch der beste Negotiator des FBI bei Geiselnahmen.
So stehen sie sich gegenüber: Banish, der labile FBI-Agent mit einem Troß aus ortsansässiger Polizei, Marshalls, Sonderkommandos am Fuß des Berges und der Fanatiker Ables mit seinen Geiseln in seiner Hütte auf dem Gipfel. Er kann nicht hinunter, Banish nicht hinauf, wenn er das Leben der Geiseln nicht gefährden will. Und das letzte was er will ist nochmals Geiseln zu verlieren. Ein Katz-und-Maus-Spiel nimmt seinen Lauf, das dadurch nicht einfacher wird, daß sich eine Meute protestierender Separatisten einfindet und auch die sensationsgeile Presse.

bis hier hin das Zitat -----------------------


ein faszinierender Einblick in eine fremde Welt, mensch möchte eigentlich meinen, soviele religiöse, faschistische, rassistische Spinner auf so kleinem Raum seien undenkbar, aber die Subkultur ist hervorragend beschrieben und plausibel

spannend bis zum letzten Augenblick obendrein.

Lykurg
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Di 10. Jan 2006, 21:30 - Beitrag #1480

Peter Handke: Wunschloses Unglück (1972)

Ein schmales Bändchen, in dem Handke den Selbstmord seiner Mutter zu verarbeiten suchte - und das Vorhaben am Ende selbst als gescheitert ansehen mußte. Er beginnt fast euphorisch: als ihr Abschiedsbrief mit dem Testament ihn erreichte, sei er stolz auf sie gewesen. Er beschreibt ihr Leben und stellt dabei Überlegungen an, wie ein Lebenslauf individuell, aber dennoch allgemeingültig beschrieben werden kann.

Er schildert ihr Leben (das sich größtenteils in einem Dorf in Kärnten abspielte) als Abfolge von Fremdbestimmung, Unterdrückung und geistiger Enge, aus der es ihr selten gelang, auszubrechen (wohl ein Grund, warum er ihren Selbstmord anfangs als positiv empfindet). Dabei ist ihm klar, wie sehr ihr Leben auf einen solchen Tod hinauslief, er erwähnt etwa einen Kinderreim aus ihrer Jugend: "müde/matt/krank/schwerkrank/tot".

Gegen Ende des Buches wird ihm immer deutlicher, daß sein Grübeln über ihr Leben während der Arbeit daran nur intensiver geworden ist, und er findet keinen Abschluß, sondern reiht immer kürzere Erinnerungsfetzen aus ihrem Leben aneinander, um mit dem Satz zu schließen: "[size=-1]Später werde ich über das alles Genaueres schreiben."
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