IpsissimusDämmerung


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Andrew Vachss; Hard Candy Es gibt viele Bücher, denen die Kritik das Prädikat "Literatur aus dem Abgrund" zugesprochen hat; lasse ich mal gewisse dokumentarische Werke außen vor und bleibe im Bereich der reinen Belletristik, waren es genau vier, von denen ich sagen würde "ja, das hier sind sie". Und alle vier stammen aus der Feder desselben Autors, Andrew Vachss. Vachss ist im Hauptberuf Rechtsanwalt in New York; er vertritt im Auftrag einer Kinderhilfsoraganisation missbrauchte Kinder und Jugendliche vor Gericht. In seinen 6 "Burke-Romanen" hat er die Erfahrungen und Erlebnisse, die er dabei gemacht hat, literarisch verarbeitet, mit der Begründung, daß er eine breite Öffentlichkeit für ein Thema sensibilisieren wolle, das zu einer Zeit, als der erste dieser Romane erschien, "Kata", Anfang der 80er, unter dem behaglichen Mantel des Nicht-zur-Kenntnis-nehmens verborgen war. Innerhalb der sechs Bände bilden die drei Romane "Bluebelle", "Hard Candy" und "Kult" eine thematische Einheit, und dies sind drei der vier Werke, die ich eingangs meinte; das vierte, "Shella" ist kein Burke-Roman, aber diesen nach Intensität und Bitterkeit absolut ebenbürtig. Leider hat Vachss danach das Niveau seiner Bücher nicht halten können; seine neueren Werke sind nur noch Mittelmaß. Nachdem am Ende von "Bluebelle" die Frau Bluebelle, Geliebte von Burke, getötet worden war, fällt Burke in eine tiefe Depression. "Hard Candy" beginnt mit dem Vollzug der Rache Bluebelles an ihrem Vater, der sie in ihrer Kindheit durchgängig missbraucht hatte, danach fällt Burke in ein tiefes emotionales Loch. In dieser Antriebslosigkeit trifft er auf Candy, eine Bekannte aus alten Tagen, die ihn bittet, ihre Tochter zu suchen, welche von zu Hause verschwunden ist. Er findet die Tochter relativ schnell; diese weigert sich jedoch zunächst, wieder zurückzukehren. Da er immer noch in dieser Antriebslosigkeit gefangen ist, geht er über diese anscheinende jugendliche Trotzreaktion hinweg und teilt Candy den Aufenthaltsort ihrer Tochter mit, worauf diese ihre Tochter wieder nach Hause holt. Parallel dazu wird Burke von einem Schatten der Vergangenheit eingeholt. Wesley, ein Auftragskiller, der in den Augen Burkes der gefährlichste Mensch der Welt ist (und das im Roman auch bestätigen wird), war auf ein Opfer angesetzt worden, auf das auch Burke im dritten Band "Bluebelle" Jagd gemacht und schließlich getötet hatte. Wesley, den Burke aus gemeinsamen South Bronx und Knast-Zeiten gut kennt, entging dadurch viel Geld, und er befiehlt Burke zu sich, um zu klären, ob das nur Zufall war, oder ob Burke wußte, daß Wesley hinter dem gleichen Mann her war. Aus diesen beiden Handlungssträngen webt Vachss einen immer mehr überhand nehmenden Alptraum, in einem unglaublich schnellen Tempo inszeniert, aber niemals den Boden des Gefühls verlassend, daß hier wahre Wirklichkeit nacherzählt wurde. Während der Wesley-Handlungsstrang in einem wahrhaftigen Teufelsfinale endet (von dem viele sich wahrscheinlich wünschen werden, nicht gelesen zu haben, was da geschrieben steht), drückt einem der Candy-Handlungsstrang einfach nur die Kehle zu, und am Ende bleibt nur Trostlosigkeit. Und der Leser oder die Leserin muß erkennen, daß diese Trostlosigkeit die einzig angemessene Empfindung ist für das, was in diesem Buch thematisiert wurde. Im letzten Band der drei, in "Kult", wird Burke über diese Trostlosigkeit hinweggehen - und die Leser mit der Frage zurücklassen, ob Trostlosigkeit nicht doch etwas ist, womit sie ganz gut leben können, angesichts dessen, womit er die Trostlosigkeit überwindet
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