Noch eine Buchgenese

Die Faszination des geschriebenen Wortes - Romane, Stories, Gedichte und Dramatisches. Auch mit Platz für Selbstverfasstes.
Fargo
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Sa 3. Jul 2004, 12:07 - Beitrag #21

Original geschrieben von Feuerkopf
Ich reihe mich mal ein in die Liste derer, die sich mit manchen hochgelobten Büchern schwer tun.


Das trifft auf jeden zu, auch auf Kritiker und Juroren, die sich untereinander uneins sind. Zum Glück. Solche Widersprüche und Uneinigkeiten sind ja kein Argument gegfen das System an sich, sondern ein Beleg für dessen Lebendigkeit. So lange wir noch unterschieldiche Meinungen über Kunst haben, sind wir noch nicht normiert und abgestumpft im Denken. Wir haben dann noch unterschiedliche Perspektiven auf die Welt, unterschiedliche Temperamente und Vorliebe. Es gibt genug Kräfte in der Welt, die daran arbeiten, dass dem einmal nicht mehr so sein wird. Globalisierung der Wirtschaft zum Beispiel bedeutet ja auch Uniformierung der Märkte (= Lebenswelten).

Was ich da an verquastem Kram in die Finger bekommen habe, ist schon erstaunlich.


Bei manchen Büchern würden wir uns da sicher schnell einig. Aber ich kann auch, und das ist nicht schnippisch gemeint, entgegnen: heiliger Säurefraß, was habe ich schon an plattem und abgeschmacktem Zeug in der Hand gehabt, wenn ich mich an einige der Publikumsrenner der Saison gewagt habe.

Habe am Wochenende in die Veranstaltungen rund um den Ingeborg-Bachmann-Preis reingeguckt. Himmeldieberge! Möge niemals einer meiner Texte für diese Jury nominiert werden! Das ist ja eine öffentliche Hinrichtung! Die Autoren saßen mit stoischen Mienen zwischen ihren Henkern und wagten nicht, sich zu wehren, oder mal zu sagen "Entschuldigung, ich verstehe Sie nicht."
So viel Artifarti-Geschwätz habe ich lange nicht gehört.


Ich mag diese Veranstaltung ja auch nicht besonders. Ab er Mitleid mit den Autoren ist völlig unangebracht. Da wird ja niemand hingezwungen. Das Ganze ist ein Zirkus für sich mit eigenen Spielregeln. Wer mitspielen will, hat die Chance auf einen Preis. Dann darf er sich aber auch nicht über das Spiel beschweren. Es gibt sogar Autoren, die einzig durch diese Veranstaltung zu zeitweiligem Ruhm kamen, und jede Menge
Senkrecht- und Langsamstarter, die nie in Klagenfurt gelesen haben.

Ob und warum Klagenfurts Soforturteilsrunde welchen Sinn haben könnte, welchen realen zwecken sie dient, ist gewiss eine Diskussion für sich, wie die Frage, was eigentlich artsy-fartsy von einer differenzierten Sprachdarstellung komplexer Befindlichkeiten scheidet ( ;) ) , aber für diese Debatte ist mir ein Punkt wichtig. Klagenfurt ist keine Weiche, über die ein armer Autor unbedingt wegrumpeln muss, um weiterzukommen.

Diese extreme Trennung von E- und U-Literatur in Deutschland ist die PEST!


Aw, c’mon – wo findet die denn noch statt? Im Feuilleton der FAZ, das fest in den Händen der Donaldisten ist? :D Nee, Feuerkopf, das müsstest Du mir nun belegen.



da in entscheidenden Positionen im Kulturbetrieb solche wortverliebten Entscheidungsträger sitzen, die lieber was über Pesttote in Estland im 17. Jahrhundert lesen oder kunstvolle Befindlichkeitspüpse vom Leben enttäuschter Literaten aus dem post-industriellen Japan - jetzt hab ich mich ein bisschen satztechnisch vergaloppiert ;) - jedenfalls hat es gut geschriebene Unterhaltungsliteratur in unserem Ländle sehr, sehr schwer.


Genau das aber mag ich als Beleg nicht gelten lassen.

Erstens ist Wortverliebtheit doch wohl eine der Grundeigenschaften eines Literaturliebhabers, und hoffentlich auch von jedem, der über Literatur öffentlich urteilt. Wie kann man das denn zum Vorwurf machen?

Zweitens finde ich Die von Dir angeführten Topoi auf Anhieb interessant. Wo ist denn die Gesetzmäßigkeit, dass die Pesttoten des siebzehnten Jahrhunderts in Estland oder die Depressionen eines japanischen Künstlers a priori ‚nicht unterhaltsam’ sind? Wenn ich Dich jetzt mal dreisterweise der virtuellen Rangelei zuliebe zur Anwältin von U und mich zum Advokat von E machen darf – wo liegt denn dann mittlerweile der starre Kanon, das Vorurteil, der Verwerfungsreflex? Doch bei der U-Welt, die sich auf vieles überhaupt nicht einlassen mag, wenn es mal unter Kunstverdacht steht.

jedenfalls hat es gut geschriebene Unterhaltungsliteratur in unserem Ländle sehr, sehr schwer.


Weil die sich kein bisschen verkauft und nirgends zur Kenntnis genommen wird, wie etwa die nur in wenigen Buchhandlungen unter dem Ladentisch verkauften Krimis von Donna Leon, über die man auch nie irgendwo ein Wörtchen liest? Während die Lyrikbände bei Hanser gar nicht so schnell nachgedruckt werden können, wie das Massenheer der Kulturschnösel sie schubkarrenweise aus dem Supermarkt fährt?

Kleiner Ausflug in die Theaterlandschaft:
Das Debakel der diesjährigen Ruhrfestspiele war natürlich nicht die "Schuld" der umstrittenen Casdorff-Inszenierungen, der auf Deubel-komm-raus neues, junges Publikum ziehen wollte. Nein. Es lag am konservativen Publikum, am Bildungsbürgertum! *pruuust*
Ich liebe es, wenn man mir vorschreiben will, was "Guter Geschmack" ist!


Ich weiß nur wenig über diesen Fall, weil mich Theater sowieso aufs Blut quält. Gott hat uns das Kino geschenkt, damit wir nicht mehr ins Theater müssen. Aber mir scheint der Fall mit seinen diversen Gewerkschaftsbürokratenfehlleistungen (erst einen Berliner Rappelkopf holen, sich dann wundern, dass er sich als Berliner Rappelkopf aufführt, ihn dann ohne Rücksprache rausschmeißen, dann nachschieben, es ginge gar nicht ums Kunstkonzept, sondern ums Kaufmännisch-Handwerkliche, dann eingestehen müssen, dass man auf kaufmännisch-handwerklicher Ebene jede Menge Eingriffsmöglichkeiten gehabt hätte, die ungenutzt blieben, und jetzt verschreckt sein, dass die Kunstszene einen anderen Stil einfordert als er im 1-Euro-Neue-Heimat-Filz der Gewerkschaften üblich zu sein scheint – nee, das will mir jetzt nicht auf Anhieb als Argument für die Machtausübung der Kunstschickeria über die Amüsierlaien einleuchten, eher als Anekdote zum Beleg des Gegenteils. : )


Kritik... sollte nachvollziehbar und konstruktiv sein, wenn dem "Produkt" anzusehen ist, dass ehrliche Arbeit drin steckt und Engagement. Sie darf polemisch und heftig sein, wenn das Publikum verarscht werden soll. ;) .. Ich bin selbst mit meinen Mitstreiterinnen vor drei Wochen "Opfer" einer profilierungseifrigen jungen Kritikerin geworden... „


Zu Eurem Erlebnis mit einer Kritikerin kann ich mangels Faktenkenntnis nichts sagen, glaube aber gern, dass Ihr da eine Minderleistung erfahren habt. Jeder Job ist voller Pfuscher, und in unserem Land hat kaum noch einer Lust, seine Arbeit richtig zu tun. Das trifft auf Kritikerinnen so zu wie auf den Flaschner nebenan.

Woran ich mich störe, ist der Einsatz des Wörtleins ‚profilierungseifrig’ als Vorwurf. Sich zu profilieren ist ihre verdammte Pflicht und Schuldigkeit. Ich will keine faden Texte grauer Mäuslein lesen, die sich hinter Biederkeit verstecken und damit so tun, als bekämen ihre wild subjektiven Urteile durch muffige sprachliche Einkleidung was gesteigert Objektives.

Womit ich auch ein bisschen Schwierigkeiten habe, ist der Begriff ‚konstruktiv’: ich ahne, Du willst sagen, die Kritik habe der Autorin bei ihrer weiteren Entwicklung zu dienen? Nee, sorry, Kritik ist nicht für die Schreibenden da, sie ist kein nachgeschobenes Lektorat, sie ist für die Leser da.

Kritik ist nicht der Werkstattcheck für Autoren. „Wechseln sie lieber mal das Öl, es klopft ein bisschen.“ Kritik ist eine Sonderform der Literatur, eine unglaublich eingeengte. Sie hat nämlich als Gegenstand nicht die gesamte äußere und innere Wirklichkeit und Vorstellbarkeit, sondern ausschließlich fremde Texte (oder im weiteren Sinn: Kunstwerke). Auf die reagiert sie mit einer Mischung aus Beobachtungs- und Analysetechniken, Ansprüchen und Erwartungen, Willigkeiten und Trotzbereitschaft. Das Ergebnis ist kein objektives Werturteil, sondern der Erfahrungsbericht vom Zusammenprall von einem Kopf & einem Buch. Sehr viel stärker noch als ein Buchautor wird ein Kritiker aber nicht nur vom eigenen Können und den eigenen Erfahrungen, vom Zeitgeist etc. gesteuert, sondern vom Medium und vom Markt mit ultimativen Erwartungen konfrontiert – z.B. was Textlänge, Sprachebene, erwähnbare Themen, manchmal auch, was zulässige Wertungen angeht. Der Kritiker hat da eher Ähnlichkeit mit dem Groschenheftautor, der ein exaktes Format treffen muss, als mit dem Literaten, der sich relativ frei ausdrücken kann.

Und jetzt gehe ich frühstücken, weil mein Magen mich schon heftig kritisiert, :)

have a nice day,

Fargo

Feuerkopf
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Fr 9. Jul 2004, 12:46 - Beitrag #22

Fargo und ich hatten in der Folge des letzten Beitrags einen kleinen PN-Wechsel, den ich hier leicht gekürzt - mit Fargos Zustimmung - wiedergebe.

Zunächst meine PN:

Dein Beitrag zum Thema (Buch-)kritiken hat mir jede Menge Nachdenkstoff beschert.
Als jemand von der anderen Seite sozusagen, habe ich verständlicherweise meine Probleme damit, Kritik zu ertragen.

So lange freundlich mit meinen/unseren Bemühungen umgegangen wird, ist es ja angenehm, aber mit als negativ empfundener Kritik gescheit umzugehen, das muss man vielleicht erst lernen.

Ist natürlich schwierig, wenn ich das Gefühl haben muss, der Kritiker stehe quasi in einem Paralleluniversum und habe eine gänzlich andere Vorstellung als ich.

Ich erzähle Dir einfach das Beispiel:
Die Literaturgruppe, der ich angehöre, erarbeitet sogenannte Themenlesungen, d. h. wir verfassen Texte unterschiedlicher Art zu einem übergeordneten Thema und kleiden das ganze in eine Rahmenhandlung. Unser Ziel ist es, etwa die Altersgruppe von 20 bis aufwärts unbegrenzt, für rund 2 Stunden gut zu unterhalten. Da darf es mal nachdenklich werden, mal gruselig, mal lustig.
Wir haben NICHT den Anspruch, in diesem Rahmen sogenannte Schwere Kost zu verabreichen. Allerdings legen wir Wert auf handwerklich gute Texte und eine gewisse Originalität.

Erfahrungsgemäß hat ein mittelaltes bürgerliches Publikum seine Spaß damit, wenn wir den Zuhörern glauben dürfen.

Wir "verkaufen" unsere Programme auch genau als das, was sie sind, als flott geschriebene Unterhaltung.

Nun, wir sind vor einigen Wochen auswärts an eine höchst ungünstige Konstellation von Veranstalter und Kritiker geraten.
Eigene Schuld, kann man sagen, denn wir hätten uns schon nicht auf die Auftrittsmodalitäten einlassen dürfen - wir mussten Raummiete bezahlen und selbst Eintritt kassieren, statt - wie üblich - gegen Gage zu lesen.

Und dann kam eine junge Dame der örtlichen Presse und machte uns später in wohlgesetzten Worten als Windeier nieder. Wäre alles nicht so schlimm, wenn sie wenigstens ehrlich gewesen wäre, denn sie verschwieg zur Gänze die misslichen Umstände des Auftritts: Der Veranstalter hatte - wie sonderbar - sämtliche Plakate und Flyer verschwinden lassen und sogar die Eingangstür abgeschlossen... Dass überhaupt ein paar Zuhörer reinkamen, war Zufall, denn ich bemerkte rechtzeitig die geschlossenen Türen.
Die junge Dame hatte das übrigens alles mitbekommen...
Ein Satz wie: "Das Schlusswort kam keine Minute zu früh." war deshalb dämlich, weil sie - im Gegensatz zu sämtlichen zahlenden und durchweg zufriedenen Zuhörern - schon zur Pause gegangen war.
Tja. Und sowas liest man dann, und fragt sich, welchen Schaden das anrichtet. Der Ort ist zunächst für uns "verbrannt".

Das meinte ich, wenn ich einen gewissen Respekt in einer Kritik einfordere. Sie sollte wenigstens "wahr" sein, dann darf sie auch vernichtend sein.

Ansonsten nochmal Dankeschön für Deine ausführliche Darstellung, was Kritik leisten kann und soll.



Nun Fargos Antwort:

Und erst mal Beileid. Das ist gleich doppelt beknackt für Euch gelaufen. Nur- war das auch Literaturkritik, oder nicht doch eher eine andere Art des Journalismus, also eher so eine Mischung aus Lokaljournalismus und Konzertkritik?

Diese Mischformen sind um vieles schlimmer, weil endgültig nicht mehr klar ist, worüber da aus welcher Perspektive für wen und zu welchem Zweck geschrieben werden sollte.

Und Ihr habt dann auch noch eine Jemand erwischt, die sich eventuell wichtig machen wollte (und dabei der Devise folgt: go for the easy kill), sondern die auf jeden Fall schlampig und pflichtvergessen gearbeitet hat. Was Du erzählst, bestätigt meine Pfuschertheorie.

Aber, und hier wird’s’ interessant, es hätte ja auch sein können, dass die Dame bis zum Schluss geblieben wäre, die situativen Erschwernisse zu Euren Gunsten richtig dargestellt – und Euch trotzdem sowohl mit dem, was Ihr geboten, wie mit dem, was Ihr gewollt habt, gnadenlos verrissen hätte.

Und das wäre dann zwar einerseits ungerecht und für Euch schwer zu ertragen, anderseits aber durchaus zulässt. Man kann eben über alles verschiedener Meinung sein, und oft aus guten Gründen. Und die tiefe Abneigung gegen ein Genre A, das einer gewissen Konsumentengruppe A+ sehr zusagt, ist ja kein Kritikerprivileg. Die Konsumentengruppe B+, die das Genre B viel lieber hat, ist gemeinhin unter sich um Längen böser, kompromissloser, höhnischer im Urteil über A als irgendein Kritikus.

So wenig sinnvoll es jetzt ist, Genre A ständig von Kritikern der Gruppe B+ reflexhaft und mit sich wiederholenden Argumenten verreißen zu lassen, so fair ist es, auch mal die Meinung von B+ über A ins Blatt oder über den Sender zu lassen. Sehr unfair ist das lediglich gegenüber dem jeweiligen Vertreter des Genres, der nun erbarmungslos abgewatscht wird, obwohl vor und nach ihm andere Vertreter von Genre A ganz andere Behandlung erfuhren.

In Eurem Fall will das heißen: ganz unabhängig davon, wie engagiert, witzig, poetisch, zielgruppengerecht Ihr arbeitet, wie verzückt die Besucher Eurer Veranstaltungen auch sein mögen: es gibt auch viele Leute, die das, was Ihr macht, für primitiven Dreck oder für herablassendes Kulturgezicke oder für schnöden Tingeltangel oder für pulpschicken Snobismus oder für Was-weiß-ich halten. Und darum ja auch nicht kommen. Die hätten das Gefühl, dass endlich mal die Wahrheit – ihre subjektive Wahrheit – in der Zeitung stand.

Ich schreibe das jetzt nicht im Sinn von „Problem gelöst – da war ja gar nichts Schlimmes“, sondern im Sinn von „Strukturelles Problem - Verletzungen und Ungerechtigkeiten unvermeidlich.“
...

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