Original geschrieben von Feuerkopf
Ich reihe mich mal ein in die Liste derer, die sich mit manchen hochgelobten Büchern schwer tun.
Das trifft auf jeden zu, auch auf Kritiker und Juroren, die sich untereinander uneins sind. Zum Glück. Solche Widersprüche und Uneinigkeiten sind ja kein Argument gegfen das System an sich, sondern ein Beleg für dessen Lebendigkeit. So lange wir noch unterschieldiche Meinungen über Kunst haben, sind wir noch nicht normiert und abgestumpft im Denken. Wir haben dann noch unterschiedliche Perspektiven auf die Welt, unterschiedliche Temperamente und Vorliebe. Es gibt genug Kräfte in der Welt, die daran arbeiten, dass dem einmal nicht mehr so sein wird. Globalisierung der Wirtschaft zum Beispiel bedeutet ja auch Uniformierung der Märkte (= Lebenswelten).
Was ich da an verquastem Kram in die Finger bekommen habe, ist schon erstaunlich.
Bei manchen Büchern würden wir uns da sicher schnell einig. Aber ich kann auch, und das ist nicht schnippisch gemeint, entgegnen: heiliger Säurefraß, was habe ich schon an plattem und abgeschmacktem Zeug in der Hand gehabt, wenn ich mich an einige der Publikumsrenner der Saison gewagt habe.
Habe am Wochenende in die Veranstaltungen rund um den Ingeborg-Bachmann-Preis reingeguckt. Himmeldieberge! Möge niemals einer meiner Texte für diese Jury nominiert werden! Das ist ja eine öffentliche Hinrichtung! Die Autoren saßen mit stoischen Mienen zwischen ihren Henkern und wagten nicht, sich zu wehren, oder mal zu sagen "Entschuldigung, ich verstehe Sie nicht."
So viel Artifarti-Geschwätz habe ich lange nicht gehört.
Ich mag diese Veranstaltung ja auch nicht besonders. Ab er Mitleid mit den Autoren ist völlig unangebracht. Da wird ja niemand hingezwungen. Das Ganze ist ein Zirkus für sich mit eigenen Spielregeln. Wer mitspielen will, hat die Chance auf einen Preis. Dann darf er sich aber auch nicht über das Spiel beschweren. Es gibt sogar Autoren, die einzig durch diese Veranstaltung zu zeitweiligem Ruhm kamen, und jede Menge
Senkrecht- und Langsamstarter, die nie in Klagenfurt gelesen haben.
Ob und warum Klagenfurts Soforturteilsrunde welchen Sinn haben könnte, welchen realen zwecken sie dient, ist gewiss eine Diskussion für sich, wie die Frage, was eigentlich artsy-fartsy von einer differenzierten Sprachdarstellung komplexer Befindlichkeiten scheidet (

Diese extreme Trennung von E- und U-Literatur in Deutschland ist die PEST!
Aw, c’mon – wo findet die denn noch statt? Im Feuilleton der FAZ, das fest in den Händen der Donaldisten ist?

da in entscheidenden Positionen im Kulturbetrieb solche wortverliebten Entscheidungsträger sitzen, die lieber was über Pesttote in Estland im 17. Jahrhundert lesen oder kunstvolle Befindlichkeitspüpse vom Leben enttäuschter Literaten aus dem post-industriellen Japan - jetzt hab ich mich ein bisschen satztechnisch vergaloppiert- jedenfalls hat es gut geschriebene Unterhaltungsliteratur in unserem Ländle sehr, sehr schwer.
Genau das aber mag ich als Beleg nicht gelten lassen.
Erstens ist Wortverliebtheit doch wohl eine der Grundeigenschaften eines Literaturliebhabers, und hoffentlich auch von jedem, der über Literatur öffentlich urteilt. Wie kann man das denn zum Vorwurf machen?
Zweitens finde ich Die von Dir angeführten Topoi auf Anhieb interessant. Wo ist denn die Gesetzmäßigkeit, dass die Pesttoten des siebzehnten Jahrhunderts in Estland oder die Depressionen eines japanischen Künstlers a priori ‚nicht unterhaltsam’ sind? Wenn ich Dich jetzt mal dreisterweise der virtuellen Rangelei zuliebe zur Anwältin von U und mich zum Advokat von E machen darf – wo liegt denn dann mittlerweile der starre Kanon, das Vorurteil, der Verwerfungsreflex? Doch bei der U-Welt, die sich auf vieles überhaupt nicht einlassen mag, wenn es mal unter Kunstverdacht steht.
jedenfalls hat es gut geschriebene Unterhaltungsliteratur in unserem Ländle sehr, sehr schwer.
Weil die sich kein bisschen verkauft und nirgends zur Kenntnis genommen wird, wie etwa die nur in wenigen Buchhandlungen unter dem Ladentisch verkauften Krimis von Donna Leon, über die man auch nie irgendwo ein Wörtchen liest? Während die Lyrikbände bei Hanser gar nicht so schnell nachgedruckt werden können, wie das Massenheer der Kulturschnösel sie schubkarrenweise aus dem Supermarkt fährt?
Kleiner Ausflug in die Theaterlandschaft:
Das Debakel der diesjährigen Ruhrfestspiele war natürlich nicht die "Schuld" der umstrittenen Casdorff-Inszenierungen, der auf Deubel-komm-raus neues, junges Publikum ziehen wollte. Nein. Es lag am konservativen Publikum, am Bildungsbürgertum! *pruuust*
Ich liebe es, wenn man mir vorschreiben will, was "Guter Geschmack" ist!
Ich weiß nur wenig über diesen Fall, weil mich Theater sowieso aufs Blut quält. Gott hat uns das Kino geschenkt, damit wir nicht mehr ins Theater müssen. Aber mir scheint der Fall mit seinen diversen Gewerkschaftsbürokratenfehlleistungen (erst einen Berliner Rappelkopf holen, sich dann wundern, dass er sich als Berliner Rappelkopf aufführt, ihn dann ohne Rücksprache rausschmeißen, dann nachschieben, es ginge gar nicht ums Kunstkonzept, sondern ums Kaufmännisch-Handwerkliche, dann eingestehen müssen, dass man auf kaufmännisch-handwerklicher Ebene jede Menge Eingriffsmöglichkeiten gehabt hätte, die ungenutzt blieben, und jetzt verschreckt sein, dass die Kunstszene einen anderen Stil einfordert als er im 1-Euro-Neue-Heimat-Filz der Gewerkschaften üblich zu sein scheint – nee, das will mir jetzt nicht auf Anhieb als Argument für die Machtausübung der Kunstschickeria über die Amüsierlaien einleuchten, eher als Anekdote zum Beleg des Gegenteils. : )
Kritik... sollte nachvollziehbar und konstruktiv sein, wenn dem "Produkt" anzusehen ist, dass ehrliche Arbeit drin steckt und Engagement. Sie darf polemisch und heftig sein, wenn das Publikum verarscht werden soll... Ich bin selbst mit meinen Mitstreiterinnen vor drei Wochen "Opfer" einer profilierungseifrigen jungen Kritikerin geworden... „
Zu Eurem Erlebnis mit einer Kritikerin kann ich mangels Faktenkenntnis nichts sagen, glaube aber gern, dass Ihr da eine Minderleistung erfahren habt. Jeder Job ist voller Pfuscher, und in unserem Land hat kaum noch einer Lust, seine Arbeit richtig zu tun. Das trifft auf Kritikerinnen so zu wie auf den Flaschner nebenan.
Woran ich mich störe, ist der Einsatz des Wörtleins ‚profilierungseifrig’ als Vorwurf. Sich zu profilieren ist ihre verdammte Pflicht und Schuldigkeit. Ich will keine faden Texte grauer Mäuslein lesen, die sich hinter Biederkeit verstecken und damit so tun, als bekämen ihre wild subjektiven Urteile durch muffige sprachliche Einkleidung was gesteigert Objektives.
Womit ich auch ein bisschen Schwierigkeiten habe, ist der Begriff ‚konstruktiv’: ich ahne, Du willst sagen, die Kritik habe der Autorin bei ihrer weiteren Entwicklung zu dienen? Nee, sorry, Kritik ist nicht für die Schreibenden da, sie ist kein nachgeschobenes Lektorat, sie ist für die Leser da.
Kritik ist nicht der Werkstattcheck für Autoren. „Wechseln sie lieber mal das Öl, es klopft ein bisschen.“ Kritik ist eine Sonderform der Literatur, eine unglaublich eingeengte. Sie hat nämlich als Gegenstand nicht die gesamte äußere und innere Wirklichkeit und Vorstellbarkeit, sondern ausschließlich fremde Texte (oder im weiteren Sinn: Kunstwerke). Auf die reagiert sie mit einer Mischung aus Beobachtungs- und Analysetechniken, Ansprüchen und Erwartungen, Willigkeiten und Trotzbereitschaft. Das Ergebnis ist kein objektives Werturteil, sondern der Erfahrungsbericht vom Zusammenprall von einem Kopf & einem Buch. Sehr viel stärker noch als ein Buchautor wird ein Kritiker aber nicht nur vom eigenen Können und den eigenen Erfahrungen, vom Zeitgeist etc. gesteuert, sondern vom Medium und vom Markt mit ultimativen Erwartungen konfrontiert – z.B. was Textlänge, Sprachebene, erwähnbare Themen, manchmal auch, was zulässige Wertungen angeht. Der Kritiker hat da eher Ähnlichkeit mit dem Groschenheftautor, der ein exaktes Format treffen muss, als mit dem Literaten, der sich relativ frei ausdrücken kann.
Und jetzt gehe ich frühstücken, weil mein Magen mich schon heftig kritisiert,

have a nice day,
Fargo