Amazon und Diogenes im Clinch

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Fargo
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Sa 5. Jun 2004, 16:27 - Beitrag #1

Amazon und Diogenes im Clinch

Vielleicht habt Ihr es diese Woche in den Zeitungen gelesen, vielleiicht ist es Euch beim eigenene Bücherbestellen aufgefallen: Amazon, der Branchenprimus im Onlinehandel mit Medien, führt die Titel des Schweizer Diogenes-Verlages nicht mehr im Programm. Dabei gilt Diogenes mit Autoren wie Donna Leon, Paulo Coelho oder Leon de Winter als Europas erfolgreichster Belletristikanbieter. Diogenes-Bücher findet man bei Amazon nur noch von Drittanbietern, im sogenannten Marketplace.

Hintergrund des Quasi-Boykotts. Amazon als großer Händler verlangt von den Verlagen auch großzügige Rabatte: von fünfzig Prozent auf den Ladenpreis ist die Rede. Zudem lässt Amazon sich die herausgehobene Präsentation von Büchern - in Mails an Kunden oder mit Coverfoto auf Übersichtsseiten mit vierstelligen Summen pro Titel bezahlen.

Beides ist Diogenes jetzt zu teuer geworden. Der Verlag, der trotz seines Erfolgs noch nicht zu einem der großen Medienkonzerne gehört, will ein Signal für die Branche setzen, indem er Nein zu Amazons Forderungen sagt. Amazon will sichtlich ebenfalls ein Signal setzen, indem es auf einen interessanten Verlag verzichtet.

Wie hat Spiegel Online geunkt?

Die Weigerung von Diogenes, weitere Zugeständnisse zu machen, könnte Nachahmer finden. Schon spekulieren Branchenkenner, dass sich weitere Verlage anschließen könnten. Ob sich die Unternehmen damit einen Gefallen tun, ist indes fraglich. Diogenes geht vorerst ein bedeutender Absatzkanal verloren. Amazon wiederum kann dem Anspruch nicht mehr genügen, Bücher aller wichtigen deutschen Verlage neu selbst zu verkaufen.


Was meint Ihr dazu?

Amazonkunde und Diogenesleser Fargo

Traitor
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Sa 5. Jun 2004, 16:36 - Beitrag #2

Diogenes kenne ich vor allem für ihre Klassikerreihe, die ich im Angebot eigentlich nicht missen möchte. Sogesehen finde ich so einen Streit sehr bedauerlich.
Was die Marktmethoden von Amazon angeht, war sowas ja zu erwarten - bei einer dermaßen marktbeherrschenden Stellung, wie der Laden sie inzwischen hat.
Möglich wäre, dass die Verlage dem einen Riegel vorzuschieben versuchen, indem sie ein eigenes Direkt-Vertriebs-Netzwerk aufbauen. Allerdings könnte das nur ohne Buchpreisbindung Erfolg haben, da sie ansonsten keine Vorteile anbieten könnten. Und darunter würden wieder die kleinen Realwelt-Buchläden leiden, die ich nachwievor sehr gerne frequentiere. Zumal sie ja absurderweise sogar schneller sind als Amazon (am Abend des einen Tages bestellt, am Morgen des nächsten da. Bei Amazon vergehen immer mindestens 48h).

Raiden/Yuji
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Sa 5. Jun 2004, 19:59 - Beitrag #3

Ist sehrschade,da ich auch einiges von dem Verlag gekauft habe. Und wenn dieser tatsächlich Nachahmer findet, kann man irgendwann nicht mehr große Vielfalt erwarten, was echtschade wäre. Aber ich kann die Weigerung schon verstehen, wenn die preise so hoch sind.
lg
Yuji

Fargo
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Di 8. Jun 2004, 10:23 - Beitrag #4

Original geschrieben von Traitor
Möglich wäre, dass die Verlage dem einen Riegel vorzuschieben versuchen, indem sie ein eigenes Direkt-Vertriebs-Netzwerk aufbauen. Allerdings könnte das nur ohne Buchpreisbindung Erfolg haben... Und darunter würden wieder die kleinen Realwelt-Buchläden leiden...


Und die kleinen Verlage, Traitor. Die Vorteile der Mischkalkulation - Gewinne bei Bestsellern gleichen Verluste bei Flops und bei Büchern mit von vornherein geringer Absatzchance aus - kommen im Moment allen zu gute. Auch den Händlern.

Mancher Verlag kann sich ambitionierte Titel leisten, weil er mit anderen Büchern Gewinne macht. Mancher Buchhändler aber will es sich noch leisten, ein anspruchsvolles Sortiment zu führen, weil Schnelldreher (so heißen die in der Branche) ihm den nötigen Umsatz garantieren, und nicht jedes Buch im Laden sich innerhalb kurzer Zeit amortisieren muss.

Der Wegfall der Preisbindung würde anspruchsvolle kleine Verlage gleich doppelt treffen.

Erstens könnten sie im Preiskampf gegen die Großen mit ihren satten Rabattmargen bei Spitzentiteln nicht bestehen - sie wären mit all ihren Büchern plötzlich sehr viel teurer als die Bestseller der Konzerne.

Da mag man einwenden, das sei vielleicht gar nicht so schlimm - wer ihre Bücher kaufe, entscheide sich sowieso sehr bewusst für den Einzeltitel und nehme nicht ziellos irgendeinen Schmöker mit. Und diese Käufer würden künftig ja auch nicht mit mehr Geld für die selbe Ware zur Kasse gebeten als bisher. Da ist was dran. Ein kleiner Rückgang wäre aber trotzdem da, und leider sind die Gewinnmargen hier so gering, dass der bereits ein Verlagssterben auslösen könnte.

Doch verheerender wäre sowieso ein anderer Effekt. Zweitens nämlich, um diesen Punkt jetzt endlich anzusprechen, würden weniger Buchhändler die Titel der Kleinverlage präsentieren können. Weil bei Rabattschlachten ja auch die Erträge des Händlers vor Ort aus Spitzentiteln sinken und er - so er sich da überhaupt engagiert - nun mehr darauf achten muss, dass sich jedes Buch im Laden zügig verkauft. Wenn ich aber keine Chance mehr habe, Bücher von kleinen Verlagen oder abseitige Titel größerer Verlage beim Stöbern in der Buchhandlung zu finden, dann sinken deren Verkaufschancen natürlich dramatisch.

Amazon liefert hier insofern ein schlimmes Beispiel, als man früher gerade vom Onlinehandel erhoffte, er werde riskanten Titeln neue Möglichkeiten bieten. Denn hier, dachte man, seien die Kosten für die Präsentation eines Titels sehr viel geringer als im stationären Buchhandel, wo das Buch tatsächlich angeschafft werden muss, wo die Ladenmiete für jeden Zentimeter Regalbreite zu Buche schlägt, wo ausgestellte Titel beschädigt und geklaut werden.

Nun macht Amazon klar, dass auch der Onlinehandel klassisch kalkuliert, also die maximale Gewinnerwirtschaftung im Auge hat, und keinen Unterschied zwischen dem Kulturgut Buch und x-beliebigen Haushaltswaren macht. Der Streit mit Diogenes ist übrigens nicht der erste Anlass zur Desillusionierung. Schon vor einiger Zeit hat Amazon Kleinverlage ausgewildert, die wenig Umsatz brachten. Die müssen ihre Ware nun als Marketplace-Anbieter selbst offerieren. Im redaktionellen Teil von Amazon kommen sie also nicht mehr vor.

Fargo

aleanjre
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Di 8. Jun 2004, 12:18 - Beitrag #5

Die Klein - Verlage sind in den meisten Fällen doch sowieso schon viel teurer, weil sie keine Lagerräume für große Druckauflagen haben, hantieren sie mit Kleinauflagen herum, was den Preis nach oben drückt. Die freien Buchhändler kaufen kaum diese teuren Titel der Kleinverlage, das Risiko ist zu groß. Amazon ist da oft die einzige Chance, ein Buch überhaupt einer großen Masse zugänglich zu machen, denn wer klickt sich schon langweilig durch verschiedene Verlagshomepages? Das Anbieten eines Titels bei amazon läßt ein Buch aber direkt um 30% in der Vorkalkulation teurer werden! Ein Risiko, das ein Verlag bereit sein muss zu tragen - oder eben nicht.

Dem deutschen Verlagswesen geht es allgemein sehr schlecht. Die Großen, wie z.B. Heyne, sortieren riskante Genres wie Fantasie aus dem Programm, lassen es über andere Gesellschaften weiterlaufen. Die jahrelang so beliebte Methode, Lizenzen für erprobte ausländische Autoren zu kaufen läuft allmählich gegen die Wand, denn eben diese Lizenzen werden immer teurer. Die Kunden kaufen zur gleichen Zeit weniger, weil in Zeiten schlechter Wirtschaft das Luxusgut Buch hinten an gestellt wird. Selbst der Carlsen Verlag mit seinem Harry Potter schwimmt - tausende Mängelexemplare wurden zurückgeschickt...

Kleinverlage, quasi die einzigen, die sich mit dem deutschen Nachwuchs "abmühen" und auch die Lücke der schwierigen Subgenre bedienen, sterben in Massen weg. Die Vielfalt der Buchauswahl an sich ist schon lange in Gefahr.

Der Schritt von Diogenes, sich dem Druck der großen Buchhändler zu verweigern und damit dessen Praktiken öffentlich zu machen, ist mutig und klug. Denn was weiß Käufer Otto Normal schon davon, warum ein Buch nur 7,90 Euro und das andere, qualitativ gleichwertige, 17,90 E kostet? Was weiß die Öffentlichkeit schon davon, welchen Druck ein Riese wie amazon ausüben kann?

Ich wurde damals gefragt, ob ich bereit bin, 30 % Preisaufschlag hinzunehmen, um amazon als Verkaufsportal zu erhalten. Natürlich war ich bereit. Heute würde ich es nicht noch einmal machen!

Fargo
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Di 8. Jun 2004, 12:30 - Beitrag #6

Wer in Dein Profil schaut, aleanjre, und dort den Link zu Deiner Homepage findet, weiß, dass Du einen Fantasy-Roman publiziert hast. :)

Könntest Du ein wenig detaillierter berichten, wie das zuging mit der Preisfindung und der Aufnahme bei Amazon, welche Erfahrungen Du mit dem stationären Buchhandel gemacht hast und wie weit Deine ursprünglichen Kalkulationen daneben lagen?

Fargo

aleanjre
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Di 8. Jun 2004, 12:53 - Beitrag #7

Ich habe bei einem Miniatur - Verlag veröffentlicht, im vollen Umfang des naiven Unwissens. :shy:
Mit der Preisfindung hatte ich gar nichts zu tun, ich hab nur mein Skript abgeliefert, hoffend und vertrauend, dass irgendetwas Gutes damit geschieht. Nun ja, darüber könnte ich jetzt auch schon einen Roman schreiben...

Jedenfalls hab ich fast geweint, als man mir sagte, zu welchem Preis mein bisschen Buch in den Handel muss. Der stationäre Buchhandel nimmt es gar nicht > zu teuer, zu Fantasie, zu unbekannte Autorin = Risiko, es existiert nur bei den Großhändlern. Ohne die wäre der Preis eben 30% niedriger. Und die Verkaufschancen ungleich höher. Und die Katze beißt sich...

Fargo
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Di 8. Jun 2004, 13:12 - Beitrag #8

Hmm, das klingt ja bitter. Hattest Du mal durchkalkuliert, das Ganze doch 30 % billiger, aber ohne Amazon anzubieten, also über einen kleinen alternativen Auslieferer, und für das Bekanntwerden des Titels ganz und gar auf Deine Eigenwerbemaßnahmen im Fantasynetzwerk online zu vertrauen?

Sprich, wieviel Menschen hüpfen zu Amazon, weil sie Dein Buch auf einer Fantasyseite verlinkt & rezensiert fanden?

Und wieviel Menschen stoßen im redaktionellen Angebot von Amazon auf den Titel?

Und wie viele Leute, die über einen Link zum Buch fanden, kaufen nur, weil's bei Amazon steht, würden aber bei einer kleineren Auslieferung mangels Vertrauen nichts riskieren?

Gibt's da Erfahrungswerte? Wie hast Du abgewogen?

Und was das angeht:
darüber könnte ich jetzt auch schon einen Roman schreiben...


Au ja, bitte hier bei uns und in Fortsetzungen. ;)

Fargo

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Di 8. Jun 2004, 14:35 - Beitrag #9

Nun ja, es ist eine Erfahrung, die erst einmal gemacht werden musste. Als ich gefragt wurde: amazon ja oder nein? Hatte ich dieses schöne interne Verlinkungsnetzwerk dieses Anbieters vor Augen, die Rezensionen, die dort geschrieben werden und schon so manchen zaudernden Kunden überzeugt haben.
Ich habe auch sehr schöne Rezis bekommen. Die nutzen leider nur bedingt, denn das Buch ist nicht in das Netzwerk angeschlossen. Es gibt nur Querverweise zu den anderen Büchern dieses Miniaturverlages, die Chance, rein zufällig darauf zu stoßen ist also gering. Es wurden tatsächlich auch ein paar Exemplare über amazon verkauft, aber die allermeisten sind von mir selbst vertrieben worden. Wäre es billiger, wäre auch diese Zahl größer. :shy:
Aber woher sollte ich das vorher wissen? Irgendwie hatte ich doch gedacht, der Autor schreibt das Buch, der Verlag macht den Rest...

Den Fortsetzungsroman: Was passiert, wenn man zu den glücklichen 1% gehört, die es schaffen, dass ihr Skript angenommen wird?
- werde ich heute abend schreiben. :D

Fargo
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Di 8. Jun 2004, 14:56 - Beitrag #10

Original geschrieben von aleanjre
Es wurden tatsächlich auch ein paar Exemplare über amazon verkauft, aber die allermeisten sind von mir selbst vertrieben worden. Wäre es billiger, wäre auch diese Zahl größer.


So hatte ich das jetzt pessimistisch eingeschätzt. Scheinbar bist Du aber wenigstens nicht an einen Verlag geraten, der Dir noch etliche Tausend Euro 'Druckkostenzuschuss' abknöpft, nur, um das fertige Buch dann achtlos liegen zu lassen, weil sich über den 'Zuschuss' das Projekt für ihn amortisiert hat

Den Fortsetzungsroman: Was passiert, wenn man zu den glücklichen 1% gehört, die es schaffen, dass ihr Skript angenommen wird? - werde ich heute abend schreiben. .


Au ja, da sind wir jetzt alle gespannt. :s1:

Fargo

Noriko
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Di 8. Jun 2004, 15:26 - Beitrag #11

@Topic
Ich findes es zwar Schade, das ein so guter verlag nun wegfällt, aber ich stehe auf Seiten von Diogenes, und finde das es rcihtig war.
Diogenes ist ein rennomierter Verlag der sonst überall zu bekommen ist, und da er auch bekannt ist, wohl noch imemr genug gekauft wird.

@Kleinstverlage
Die Preise sind zum teil extrem happig, ich ahbe eine Edda gesucht und bin dabei auf eine schöne Ausgabe er Prosaedda gestossen, 5*4*1cm hardcover, 18.90€

@Fantasy
Mich wundert das sich diese Genre schlecht verkaufen soll, wenn ich bedenke wieviel meine elter alleine kaufen.

@Amazon allgemein
Amazon ist eien gute anlaufstelle wenn es um englsieh bücher geht, doch allgemein bin zumindest ich grösstenteils nciht drauf angewiesen, da ich bei düsseldorf und damit in der nähe des sternverlages wohne, der grossteil der bücher wird bei uns nähmlich nachwievor in diesem gekauft.

@aleanjre
Der preis ist echt grausam x_X

janw
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Di 8. Jun 2004, 16:09 - Beitrag #12

Wieviele Seiten bekommt man für das Geld?

Wie ein Rezensent schrieb, wartet er schon auf Nachschub...

Bin jetzt auf das "making of" gespannt...

aleanjre
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Di 8. Jun 2004, 18:43 - Beitrag #13

@Noriko: Oh yeah!
@ janw: Man bekommt 520 Seiten. De facto sind es eigentlich 740. Warum? Erklär ich gleich.


Fantasie: Es verkauft sich. Aber lest mal die Namen: der allergrößte Teil kommt aus Amerika, England, ...
Es gibt eine hoffnungsvolle Szene deutscher Fantasieautoren. Wirklich erfolgreich ist lediglich Wolfgang Hohlbein, dann gibt es noch einige mit Achtungserfolgen. Die Wenigsten können davon leben, der Erfolg ist national wenig geachtet und spielt international überhaupt keine Rolle. Fantasie made in Germany ist also ein heißes Eisen. Es wird etwas besser, eben weil die ausländischen Lizenzen immer teurer werden.


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