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Noch eine Buchgenese

BeitragVerfasst: Fr 18. Jun 2004, 01:58
von vogel
Hallöle!

Mei, wirklich interessant und dramatisch die Geschichte von aleanjres Erstlingsveröffentlichung!:)
Mal schaun, ob ich da mithalten kann...

Ok, Vorwarnung: Ich hab einfach mal so planlos drauflosgeschrieben. Das merkt man dem Text an. Er ist ein Liebesbrief an meinen Erstling und an die Zeit seiner Entstehung, die bis jetzt wirklich die geilste, schrecklichschönste, extremste Zeit in meinem Leben war (und das ganz ohne Drogen, huiii) und ich könnte keinen Menschen so lieben, wie ich meinen Erstling liebe (hähä, dass das mal mein Freund nicht liest:D).
!!!Aber es muss sich wirklich keiner verpflichtet fühlen, es zu lesen!!!
!!! Und es muss auch keiner Angst haben, dass das Buch so schrecklich geschrieben ist, wie dieser Text hier!!!
Ich bin nur manchmal ein Freak. Wie Doctress Jekyll und Mrs Hyde*lach*

Aaaalso, viel geschrieben hab ich eigentlich nie. Höchstens mal was für die Schule, wo ich dann auch in höchsten Tönen gelobt wurde "Christine, du wirst mal Autorin!" Haha, jaja, schon klar, als ob ich die Ausdauer hätte, hundert Seiten über ein Thema zu schreiben! Kurzgeschichten, ok, aber nen Roman???
Naja, erstens kommt es anders... Ich hab also diese beiden Bücher gelesen, 'Das Phantom der Oper' von Leroux und 'Das Phantom' von Kay. Zweieinhalb Jahre meines Lebens war ich quasi literarisch monogam auf ein Thema fixiert, es war ja sooooo schön! Ich war süchtig. So richtig. Diese Geschichten fand ich sowas von *seufz!!!*... aber sowohl bei Leroux als auch bei Kay waren Passagen total schlecht geschrieben und unvorteilhaft konstruiert in einigen Aspekten. Waren halt nicht genau -das- was ich lesen wollte.
Ok, ich also gesucht und gesucht, aber nix gefunden. Na gut. Wer weiß am besten, was ich lesen will? Ich. Und bekanntlich muss man ja eh alles selber machen, damit es was wird:D. Also hab ich eines Tages - es war kein besonderer Tag in den unglaublich langweiligen Sommerferien 1999 - ein ursprünglich als Tagebuch gedachtes Notizbuch (wer schreibt schon Tagebuch, wenn ihm nie was passiert...) zum ständigen Begleiter erkoren. Noch einen guten, zuverlässigen Kuli mit feiner Mine und besten ergonomischen Formen, aber nicht zu dick, damit er noch ins Buch geklemmt werden kann, gekauft (ja, Schreiben macht exzentrisch*lol*) und losgeschrieben. Das Notizbuch kam mit in Urlaub, mit an den Strand, fuhr mit im Bus, lag in der Pause auf meinem Schoß, und ständig schrieb ich oder phantasierte vor mich hin. Auf einem kleinen Campingplatz an der Côte d'Argent hatte ich dann -die- Idee: ich fand die Motivation der Malers, ich fand den Traum, ich fand das Kunstwerk, ich fand den Titel, ich rannte johlend über den Campingplatz. Die Eizelle meiner Phantasie war vom Spermium der Inspiration befruchtet worden, das Kind begann zu wachsen, sich zu entwickeln, und immer wieder versprach es, wunderschön zu werden und ich riss mir Stücke ausm Herz und aus der Seele um es zu ernähren:)
Nach einem halben Jahr hatte ich dann genug Notizen zusammen, um die ersten Kapitel in Angriff zu nehmen, bzw. den Winter vor dem PC zu verbringen und die ersten vier Kapitel hineinzubannen. Hatte da ne klare Aufteilung: Notizbuch: so wies mir grad einfällt, PC: strengstens chronologisch.
Zum Glück steigerte sich das Entwicklungstempo des Buches drastisch, so dass ich das, wofür ich am Anfang ein dreiviertel Jahr gebraucht hatte, das schaffte ich bald in zwei Monaten.
Sobald der Stil, den rechte Ton einmal gefunden ist, sobald man sich eingeschrieben und die ersten dicken handwerklichen Fehler gefunden und ausgemerzt hat, kann es richtig losgehen.

Jede freie Minute saß ich entweder über meinem Notizbuch oder am PC, in einer langweiligen Bio-Stunde dachte ich mir Bergerac aus, in Deutsch ging ich die Demaskierungsszene immerwieder durch, nur in Mathe hab ich aufgepasst, denn die Lehrerin war bissig:D
Tscha, dann wurde ich vorübergehend zum Krüppel, weil ich immer schief am PC gesessen hatte (Monitor in der rechten hinteren Ecke, ich fast parallel zum Schreibtisch, die Füße auf die Tür des Aktenschränkchens gelegt, Tastatur aufm Tisch, Rücken verkrümmt). -Das- tat weh! Arbeitsunfall, schrecklich! Ich konnte drei Tage lang kaum laufen, geschweige denn eine Haltung einnehmen, in der man schreiben konnte. Und keiner wollte sich von mir diktieren lassen! *verräter, allesamt* Na gut, hab ich statt dessen mit Ela telefoniert, Ela, meiner besten Freundin, die zeitgleich auch ein Buch schrieb (Der Rosenfriedhof, gleicher Verlag wie ich, lesenswert), Ela, die sich tapfer immer wieder von mir Szenen vorlesen ließ, die meinen Perfektionismus zu zügeln versuchte, wo er dann an meine Substanz ging, die mir mit Ideen half, wenn ich feststeckte und nichtmehr weiter kam, Ela, mit der ich eine superschöne SommerWG machte, Ela, mit der ich in Spanien überkreuz Korrektur las (ich ihrs, sie meins) [ah, Spanien, auf einem riesigen, sonnenwarmen Felsen am Mittelmeer flog mir die letzte Szene am Meer zu], Ela, ohne die das Buch nie so gut geworden wäre, wie es jetzt ist (oder wie ich meine, dass es ist), Ela, die auch der Meinung ist, dass der Leser einen Charakter nicht von Anfang an durchschauen können muss, dass man sich Zeit lassen kann, bis man etwas, das auf den ersten Blick wie ein Fehler wirkt, System bekommen lässt, dass man dem Leser ruhig was zu denken geben darf. *Ela, ich liebe dich! So von innen raus platonisch, du weißt scho;)*
Tja, ich also telefoniert, bis es wieder besser ging, und gleich zurück an den PC - Körperhaltung wie gehabt, wo kämen wir denn hin, wenn ich anfangen würde, dazuzulernen!
Dazulernen, ohweh, ja, ich habe nie, nie, nie in meinem Leben so viel gelernt, wie beim Schreiben. Sich Stilmittel selber zu erarbeiten ist so eine irrsinnig befriedigende Tätigkeit! Statische und dynamische Disposkizzen mit unterschiedlichem Zoom (also grafische Darstellungen von den psychischen Dispositionen/Entwicklung eines Charakters in einer bestimmten Szene, über einen kurzen oder langen Zeitraum hinweg und auf nur einen oder mehrere Aspekte bezogen) zu zeichnen, zu prüfen, zu überarbeiten, zu übernehmen, ist so erfüllend! Formulierungen auszubügeln, implizierte Dopplungen zu killen, Mono- und Dialoge auf-, aus- und umzubauen, Szenen zu sortieren, Verlaufspläne auszuklamüsern, Rechtschreib- und Kommafehler zu eliminieren, sich auch mal schweren Herzens von etwas wirklich Gutem zu trennen... Jaaa, ich gebe es zu, Überarbeiten macht mir fast noch mehr Spaß, als neue Szenen zu entwerfen. Und was habe ich überarbeitet! Verbissen. Aber mit Herzblut. "Ich les es lieber nochmal drüber, bevor ich die nächste Szene dransetze, denn vielleicht habe ich etwas übersehen, das man später nochmal aufgreifen kann/muss oder ein fehlendes Komma oder so."
Und was habe ich recherchiert! Es gibt keinen Band von Mamas Brockhaus, den ich nicht mindestens fünfmal in der Hand hatte. Waffen, Drogen, Medizin, Kunst- und Musikgeschichte, Philosophie (da kam mir zugute, dass ich auf Religion nichts gebe und aus meinem Philosophieunterricht zehren konnte)... Und das hat auch so irre Spaß gemacht! Da kamen so viele Inspirationen beim Blättern! Stichworte, über die man stolpert, Bilder oder einzelne Worte, die man aufschnappt...
Und was war ich jedes Mal euphorisch, wenn ich ein Problem gelöst hatte, wenn ich von mir selber begeistert war, weil mir eine Szene gut gefiel! Ich hielt mich für genial!
Und was war ich missmutig und enttäuscht und in Selbstzweifel gestürzt, wenn ich ein Problem nicht lösen konnte! Wenn ich nicht weiterkam, wenn mir ums Verrecken keine Alternative zu einer Formulierung einfiel (Thesaurus, ich liebe dich trotzdem!), wenn ich einfach das Gefühl hatte, dass ich nur Scheiße zusammenschreibe!

Naja, gegen Ende des ersten Arbeitsjahres kam die Schnapsidee mit der Außerschulischen Leistung.
In der Diskussion um ein fünftes Abifach hatten sich die faulen Lehrer durchgesetzt. Neue Regelung: jeder Schüler, der will, kann eine Außerschulische Leistung anmelden und in seine Abiturprüfung einbeziehen lassen. Fächer: jedes möglich.
Ich wollte das unbedingt machen. Weil so verdammt viel Zeit fürs Schreiben draufging und ich so viel dabei lernte, dass ich einfach mein Abi damit aufbessern können musste. Ich die Arbeit also angemeldet. Der Direx war auch einverstanden und wies mir einen Lehrer zu. Der gab in unserem Jahrgang aber gar keinen Literaturunterricht und wollte nicht. Aber die Literaturlehrerin war total senil. Der Meinung war auch der Direx. Also musste der störrisch Lehrer wohl oder übel ran.
Was hat er nicht alles versucht, um mir die Sache zu versauen.
"Trauen Sie sich das wirklich zu? Ich meine, einen Roman zu schrieben, das ist gar nicht leicht." Haaaha. Ach nee? "Ich hab das Teil schon zur Hälfte fertig. Ich weiß, was ich kann. Ich werde auch die zweite Hälfte schreiben."
Gut. Ich ihm also ne Leseprobe gegeben, ne gaaanz kleine. Er war beeindruckt und hats nichtmal richtig versteckt *freu* Trotzdem wollte er meine ASL nicht betreuen. Da ging der Krieg los. Letzten Endes mussten sogar meine Eltern in die Schule kommen, weil ich wegen der Sache total aufgelöst war, ein Häufchen Rotz und Tränen.
Ich meine, Aufgabe eines Lehrer ist es, seine Schüler zu fördern. Dass ich das Recht auf eine ASL habe, steht in den Richtlinien. Dass ich nicht nur sone Teenietuse war, die sich irgendwelchen Scheiß zusammengeschrieben hat, wusste er nach der Leseprobe dann auch. Trotzdem war er nicht bereit, mich zu unterstützen. Das tat -verdammt- weh!
Er wollte meinen Roman anhand von 30 Seiten bewerten. Er meinte, er wollte sich von mir nicht vorschreiben lassen, was er zu lesen habe! Dieses Arschloch hat anscheinend überhaupt nicht begriffen, worum es bei der ganzen Sache überhaupt ging! Es wäre sein verdammter -Job- als Lehrer gewesen, mein als ASL zugelassenes Buch zu lesen, um es adäquat bewerten zu können! So wie es mein Job als Schüler ist, den Käse zu lesen, den mir ein Lehrer aufdrückt, und den Stoff adäquat in Klausuren umsetzen zu können! Und wie will man ein Gesamtwerk anhand eines Ausschnittes bewerten? Und dann auch noch so ein komplexes wie meins! Da kommt einem doch alles nur noch spanisch vor! Kompromiss: ich habe das ganze Buch abgegeben und die gelungensten Szenen auf 50 Seiten markiert. Natürlich hab ichs marketingstrategisch ausgewählt und nur Szenen genommen, die bei einem normalen Menschen Appetit auf mehr machen müssten*fiesgrins* Das war mir ein innerer Reichsparteitag (nich politisch unkorrekt gemeint), mit Ela diese Auswahl zusammezustellen! Hähäää, ham wir uns gemein und verschlagen gefühlt. Das war herrlich.
Dann musste ich noch einen Reflexiven Bericht dazu schreiben, in dem ich die Geschichte, die Charaktere, das Genre und sämtliche Stilmittel zerpflücken, auflisten und analysieren musste. Das war der totale Krampf, weil ich irgendwann einfach keinen Bock mehr hatte. Aber dank der Kameltreiberei und der Formulierungshilfe meiner Mum hatte das Teil am Ende doppelt so viele Seiten, wies als Mindestmaß in den Richtlinien stand und Universitätsqualität:D Im Nachhinein: Mama, ich liebe dich dafür. Dann gabs noch ein Kolloquium, in dem ich lockerflockig die dummen Fragen des Lehrers beantwortet habe, die nur bewiesen, dass er das Buch nicht gelesen hatte (keiner seiner Kritikpunkte hatte deshalb Konsistenz, keine seiner Fragen Biss und ich kam mir total verarscht vor - und die Zweitkorrektorin und der Direx, die bei dem Kolloquium danebensaßen und auch Fragen stellten, dachten wohl das gleiche. Hähä. Beste Frage zum Schluss: "Der Epilog Ihres Buches ist ja nun sehr idyllisch..." Mein Güte, der Typ den Schluss zwar gelesen, aber -kein- Stück mitgedacht!).
Tja, ich hab gewonnen:D Und eine glatte Eins dafür gekriegt. Hatt ich so nicht mit gerechnet. Ne Zwei hatte ich erwartet. Warn guter Tag, das. Und mein Abidurchschnitt ist dadurch um 0,4 Punkte besser geworden.

Naja, gut, war der Brösel dann auch in der Tasche.
Mein Buch war dann halt auch fertig.
Boah, das war ein Krampf, ehe ich mich getraut habe, die letzten Szenen vorm Finale zu schreiben! Fertigwerdeangst; genau so schlimm wie Weiterschreibangst; ich habe die Theorie, dass das mit ein Grund für meinen Perfektionismus ist. Diese Angst ist Schwachsinnig, aber es ist (bei mir) beim Schreiben wie in der Liebe, man will den nächsten Schritt machen, aber irgendwie hat man auch tierischen Bammel davor.

Aber ich hab mich getraut, ich habs geschrieben, ich bin geschwebt vor Glück. Dann kam das mit dem Verlegen. In meinen Träume prügelten sich Diogenes und Reclam um mein Werk und die Lektoren machten mir unmoralische Angebote. Der Literaturnobelpreis war mein.
In der Realität sah das alles etwas anders aus.
Erstmal blechte ich 30€ bei einem Notar, um mir die Urheberschaft bescheinigen zu lassen. Man wird vorsichtig, wenn man sich eine Geschichte aus lebenswichtigen Organen geschnippelt hat:)
20 Bewerbungen, soviele wollt ich probieren (weil Robert Schneider sein 'Schlafes Bruder' auch 20 mal verschicken musste, ehe einer dieses Meisterwerk deutscher Literatur verlegen wollte). Ich also tapfer Verlagsadressen gesucht, zwischendurch meinen Opa zu meinem Manager erkoren und brav ein Anschreiben und ein Exposee formuliert.
Meine Fresse, Exposees! Es gibt nichts schwereres, als ein Exposee schreiben zu müssen, wenn man noch nicht den nötigen Anstand zum Buch gewonnen hat...
Die ersten zehn Bewerbungen kamen zurück. Acht mit Absage, eine mit unmoralischem Angebot über 7.500€ Zuschuss, eines mit Zuschussankündigung und einer Homepage, die verriet, dass der Zuschuss wohl über 10.000€ würde liegen müssen - auf der ersten Seite prangte gleich: "Auch Goethe musste auf seine ersten Werke draufzahlen" und die Autorenliste las sich wie ein Who-is-Who der Reichen, Arroganten, Gelangweilten. *würg*
Ich also weitere fünf abgeschickt. War auch nix. *schnüff*
Dann kam die himmlische Ela mit dem Hinweis, sie hätt da nen heißen Tip gekriegt, BoD, ganz günstige Verlege, nettes Haus, man behält fast alle seine Rechte an dem Buch, seriös, ehrlich, klein und autorennah, kein Werbebudgé (wie immer man es schreibt...) aber hohe Tantiemen und immer nen Stand auf der Frankfurter Buchmesse.
Die haben mich dann auch genommen. Und damit gings dann los.
Ich peilte an, das Weihnachtsgeschäft mitzunehmen (es war derzeit Sommer). War garnicht so abwegig. Dann ging die Kommunikation schief. Die warteten auf meine Datei, sagten aber kein Wort davon, ich dachte, sie würden noch was ausklamüsern und mir dann Bescheid sagen, wenn ich ihnen das Manuskript schicken sollte. Ein Monat rum und nix passiert.
Gut. Dann hab ich die liebe Britta Zeiler dazu gebracht, mir ein Coverbild zu zeichnen *hugs to Britta*.
Dann kam das Korrekturexamplar an. Ich es in einer Stunde runtergerissen (mit Ela zusammen) und sofort zurückgeschickt (es war schon Dezember!). Hatte auch Angst, noch Fehler zu finden, dich nicht korrigiert werden konnten, weil ich sie im Manuskript mitgeschickt hatte und nicht dieSetzerei sie verbockt hatte.
Dann war das Buch fertig, und als ichs aufschlag seh ich als erstes einen Rechtschreibfehler. Toll. War trotzdem glücklich. Hab das Buch geknuddelt und geherzt und wollte es auch kurz heiraten und seine Kinder gebären, hab es mir dann aber noch anders überlegt.
Das eine Autorenexemplar behielt ich, das andere bekam Ela. Signiert. Für die beste Freundin der Welt.
Dann hab ichs in der Verwandtschaft verteilt, das wahnsinnig teure Teil, und eine Lesung vor dem Wanderclub von meinem Opa gehalten. Kam nicht so gut an. Ist halt nicht so das Buch für Senioren.
Am 23. 12.2002 verteilte ich 12 Kommissionsexemplare über Aachen. Bis dato ist nicht ein einziges davon verkauft worden.
Im Klenkes, dem Stadtmagazin von Aachen (da hab ich zu der Zeit noch gewohnt) hatte ich eine Anzeige geschaltet, im Weihnachtskalender des Käseblattes. War teuer. Hat nix gebracht.
Dann ließ ich die Sache erstmal ruhen und wartete ab. *jeopardy-jingle*

Meine erste Tantiemenabrechnung im April 04: ganze 8€. Vier Bücher über den Verlag verkauft. Wow. *gääähn*

Mittlerweile ist mir die Sache mit dem Verlegen ziemlich egal geworden.
Ich meine, ich habe es für mich geschrieben. Für mich ganz alleine.
Und wenn ein anderer Mensch die Geschichte liest und dabei eine gute Zeit hat, bin ich überglücklich. Und wenn er mir dann auch noch erzählt, was er gut und was er schlecht fand an dem Buch, dann bin ich im siebenten Himmel.
Ist natürlich schon schön, das Buch in einem kompakten Format im Regal stehen zu haben, ist schön, ein Cover zu haben, ist schön, die ISBN-Nummer auswendig zu können. Ist schön, zu hoffen, dass es vielleicht doch was gibt, mit dem Bekanntwerden, dem Gefeiertwerden und dem Diogenes-Verlag.
Aber so viel Glück ist nur wenigen beschieden. Und nur wenige von diesen Glücklichen haben diese Glück per Leistung verdient.
Literarisches Genie ist 1% Inspiration, 2% Transpiration und 97% Marketing.
Naja, und wenn Erfolg fast nur Marketing ist, will ich gar keinen.
Da mache ich lieber mit 1%Insp. und 99%Transp. ein paar interessierte Leute glücklich.
Ach ja, wenn man viel von Hand schreibt, lernt man tausende Abkürzungen, die sonst keiner versteht und kann sich sehr professionell fühlen.
Ich liebe es!

Schreiben ist, was ich tun will. Schreiben ist, wodurch ich mich nützlich und sinnvoll, tätig und lebendig fühle. Schreiben ist, was mir im Blut, im Herzen und in der Seele liegt. Und Schreiben werde ich, solange ich noch einen Stift halten und eine Tastatur handlen kann.
Aber - und das macht mich etwas traurig aber auch etwas glücklich - keine Geschichte wird je wieder so tief aus mir raus kommen, wie diese erste. Traurig, weil das Erlebnis, diese Geschichte geschrieben zu haben, jetzt schon lang vorbei ist. Glücklich, weil ich die Geschichte jetzt lesen und lieben kann, so oft ich will.

So. Fertig. Tadaaaaa. Seelenstriptease eine Schreiberin, die eigentlich schon seit einer Stunde inner Heia sein will. Aber gut.

Gute Nacht
vogel

BeitragVerfasst: Fr 18. Jun 2004, 09:03
von Fargo
Merci, vogel, für den Mädchen-mit-eisernem-Willen-Report. :P Auch bei Deinem Bericht kommen natürlich viele Fragen auf.

Eine ganz literaturferne z.B.: warum habt Ihr dieser drögen Lehrerpfeife kein Dienstaufsichtsverfahren angehängt?

Dann wäre da noch eine literaturbetriebliche. Du sagst:

Ist schön, zu hoffen, dass es vielleicht doch was gibt, mit dem Bekanntwerden, dem Gefeiertwerden und dem Diogenes-Verlag.
Aber so viel Glück ist nur wenigen beschieden. Und nur wenige von diesen Glücklichen haben diese Glück per Leistung verdient.
Literarisches Genie ist 1% Inspiration, 2% Transpiration und 97% Marketing.


Wen meinst Du da? Nein, anders gefragt, denn ich will jetzt nicht ein, zwei, drei Namen von Gehypten hören. Auch ich habe nämlich ein paar Leute im Verdacht, ausschließlich einer guten Marketingmaschine wegen vorübergehend Erfolg zu haben. Neu gefragt also: glaubst Du, dass dieser Marketing-vor-Qualität-Vorwurf breit streuend die meisten AutorInnen der etablierten Verlage trifft? Könntest Du also tatsächlich eine Liste bekannter Namen runterrasseln (die Diogenes-Programmvorschau etwa :D ) und jedem / jeder mangelnde Qualität attestieren?

Die Frage ist nicht polemisch vorwurfsvoll gemeint, sondern neugierig.

Fargo

P.S. ich habe mir erlaubt, Deinen Hinweis auf aleanjres Thread zu einem Link umzueditieren. So finden sich Neuleser besser zurecht.
;)

BeitragVerfasst: Fr 18. Jun 2004, 20:31
von vogel
"Merci, vogel, für den Mädchen-mit-eisernem-Willen-Report."

*lol* kam das so rüber? Mein Wille ist gar nicht eisern. Ich habe nur starke Kiefer und mich zu der Zeit in die Sache mit dem ASL verbissen wie ein Pitbull in ein Schulkind.
Das Schreiben hat auch keinen Willen gebraucht. Wenn man verliebt ist, muss man sich ja auch nicht zwingen, dem Objekt der Begierde um die Waden zu streichen, eher ist das Gegenteil der Fall:)


"warum habt Ihr dieser drögen Lehrerpfeife kein Dienstaufsichtsverfahren angehängt? "

Auf die Idee sind wir schon gekommen. Aber meine Mum (studierte Betriebswirtin und Pädagogin) wollte deeskalierend vorgehen und das ganze intern lösen.
Und ich (kleine Idealistin zu der Zeit) wollte, dass ihn mein Einsatzwille, meine Begeisterung und meine Leistung beeindrucken und dazu bewiegen, mich zu unterstützen, und nicht irgend ein Paragraphenreiter von der Dienstaufsicht. Naja, dass ich nicht jeden begeistern kann und nicht jeder begeistert werden will, das hab ich jetzt wohl gelernt:)
Mums Version hats dann wohl gerissen. Sie ist ihn ziemlich hart angegangen und wir haben uns halt auf den 50-Seiten-Kompromiss geeinigt.


"Wen meinst du da?"

Spontanes Beispiel: "Schiffbruch mit Tiger".
Der Aufbau dieser Geschichte widerspricht allem, was ich für mich persönlich als Schreibregeln definiert habe.
Ich kanns näher erläutern, wenns dich interessiert.


"Glaubst Du, dass dieser Marketing-vor-Qualität-Vorwurf breit streuend die meisten AutorInnen der etablierten Verlage trifft? Könntest Du also tatsächlich eine Liste bekannter Namen runterrasseln (die Diogenes-Programmvorschau etwa ) und jedem / jeder mangelnde Qualität attestieren?"

Ich habe natürlich nicht alles gelesen, was derzeit auf dem Markt ist, nichtmal das Programm von Diogenes:P, weshalb mein Urteil nur gaaaaaanz begrenzt als begründet anzusehen ist.
Außerdem ist es bei Büchern wie bei allem Anderen: es gibt so viele unterschiedliche Geschmäcker und es wäre illegitim, sie 'gut' oder 'schlecht' abzuurteilen.
Aber was ich so sehe, wenn ich durch die Buchläden streife oder mal durch booklooker.de und amazon.de tingel, das ist für meinen Geschmack verdammt viel Wortmüll; lasche Ideen, dies schon tausendmal gab, Ideen ohne Biss, Sachen, die grottenschlecht geschrieben sind, die aber trotzdem irgendwer verlegt, weils entweder Mainstreamthema oder ein bereits bekannter Autor ist...
Ich glaube einfach, es wird verdammt viel Scheiße als Gold verkauft, an Leute, die bei einem Buch einfach nicht so viel Wert auf Aspekte wie Stil oder Innovation legen - müssen sie ja auch nicht, darf jeder lesen, was ihn glücklich macht.
Seit ich das Schreiben angefangen habe, ist mein Anspruch an den Stil einer Geschichte derart abartig hoch geworden, dass man wirklich verdammt gut sein muss, um mich auch nur zufriedenzustellen, geschweige denn zu beeindrucken.

Jetzt tut sich natürlich die Frage auf: wenn ich denke, dass mein Buch so gut ist, warum will es dann keiner verlegen?
Haha, Trickkiste. Die Zahl der unveröffentlichen Geniestreiche ist nicht abzuschätzen. Vielleicht ist meines nur eines von vielen verkannten Goldstückchen? Man weiß es nicht.


"P.S. ich habe mir erlaubt, Deinen Hinweis auf aleanjres Thread zu einem Link umzueditieren. So finden sich Neuleser besser zurecht"

Supi:)

Greetz
vogel

BeitragVerfasst: Fr 18. Jun 2004, 23:45
von Fargo
Original geschrieben von vogel
Spontanes Beispiel: "Schiffbruch mit Tiger".
Der Aufbau dieser Geschichte widerspricht allem, was ich für mich persönlich als Schreibregeln definiert habe. Ich kanns näher erläutern, wenn's dich interessiert.


Ja, bitte. Über diesen Roman hat sich ja schon die Booker-Jury in die Wolle bekommen, den einen schien er dünnes Larifari, den anderen der ganz große Wurf zu sein.

Aber was ich so sehe, wenn ich durch die Buchläden streife oder mal durch booklooker.de und amazon.de tingel, das ist für meinen Geschmack verdammt viel Wortmüll; lasche Ideen, dies schon tausendmal gab, Ideen ohne Biss, Sachen, die grottenschlecht geschrieben sind, die aber trotzdem irgendwer verlegt, weils entweder Mainstreamthema oder ein bereits bekannter Autor ist...


Das klingt zwar einerseits wie eine durchaus gültige Sicht des Marktes, aber für mich auch überraschend, weil es von einer jungen Autorin kommt, die selbst eingesteht, dass ihr erstes Buch eine Variation der "Phantom-der-Oper"-Motive darstellt. Wo ziehst Du denn die Grenzlinie zwischen der laschen Wiederholung alter Ideen und dem anregenden Spiel mit vertrauten Stoffen?

Ich glaube einfach, es wird verdammt viel Scheiße als Gold verkauft, an Leute, die bei einem Buch einfach nicht so viel Wert auf Aspekte wie Stil oder Innovation legen... Seit ich das Schreiben angefangen habe, ist mein Anspruch an den Stil einer Geschichte derart abartig hoch geworden, dass man wirklich verdammt gut sein muss, um mich auch nur zufriedenzustellen, geschweige denn zu beeindrucken.


Auch da bin ich einerseits geneigt, Dir zuzustimmen. Die meisten LeserInnen sind komplett stiltaub, denen geht es nur um gefällige Inhalte, ohne dass sie die formale Bedingtheit der Inhalte je begreifen werden.

Andererseits habe ich so eine Ahnung, dass wir möglicherweise nicht das Gleiche meinen. Dir scheint, wenn ich Dich richtig verstehe, das stilistische Brillantfeuerwerk wichtig zu sein. Ich mag auch raketenlosen Nachthimmel sehr. Das scheinbar Schmucklose, Einfache, dabei aber Fesselnde, scheint mir mittlerweile eine bewundernswerte Stilleistung. Vielleicht müssten wir das doch anhand konkreter Namen erörtern: wen schätzt Du als Stliisten, wen nicht? Ich z.B. halte Peter Handke für einen immens überschätzten Poseur, jeder Text eine vollgeschissene Papierwindel, die als angebliches Wundersouffle aus Sprache und Gedanken verkauft wird .

Fargo

BeitragVerfasst: Sa 19. Jun 2004, 17:28
von vogel
"Ja, bitte. Über diesen Roman hat sich ja schon die
Booker-Jury in die Wolle bekommen, den einen schien er
dünnes Larifari, den anderen der ganz große Wurf zu
sein."

Die Booker-Jury? Sollte ich die kennen?
Aaalso, meine ganz persönliche, subjektive, individuelle und von nur eingeschränkt gültigen Idealen geleitete Meinung von 'Schiffbruch mit Tiger':
Es ist eine Unart, eine Geschichte mit der Geschichte der Geschichte anzufangen. Es interessiert mich -kein- Stück, wie der Autor auf die Idee zu dem Buch gekommen ist, -bevor- ich es gelesen habe. Danach, vielleicht.
Davor, nein!
Erstrecht nicht, wenn sich der tatsächliche Autor diese Entstehungsgeschichte auch noch ausgedacht hat.
Ich will nicht lesen, dass die Geschichte ja sooo wahr ist, weil er sie sich ja schließlich nicht selber ausgedacht hat, sondern weil ein Inder oder ein Typ, der heißt, wie ein Schwimmbad, sie ihm erzählt hat! Das hört sich an, als wäre er zu unkreativ, um sich auch nur einen Furz vorzustellen.
Ich will auch nicht die Behauptung lesen, die Geschichte könne 'einem den Glauben an Gott geben'.
Und dann dieses Ausschweifende! Als hätte er keinen wirklichen Inhalt zu vermitteln, füllt er das Buch mit überflüssig breitgetretenem Nichtsnutz.
Wenn ein Buch 'Schiffbruch mit Tiger' heißt, dann soll es gefälligst auch um einen Schiffbruch und einen Tiger gehen. Rückblenden dürfen gerne eingebunden werden, der Charakter darf gerne über alles nachdenken, was er will, aber es soll bitte harmonisch in die eigentliche Geschichte eingebunden sein, und nicht einen Wort-Kropf bilden. Außerdem sollte es
konkreten Bezug zur eigentlichen Geschichte haben, von einem Ereignis in der eigentlichen Geschichte ausgelöst sein, relevant sein für die eigentliche
Geschichte! In einem Rettungsboot ist es scheißegal, ob der Charakter Piscine heißt oder Karl-Heinz oder Otto! Und um einem Charakter eine Geschichte, einen Hintergrund, Tiefe zu geben, braucht es keine langen und breiten Einschübe, sondern nur ein gezieltes Erzählen!
In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister - und obwohl ich Goethe nicht mag, hat er da recht. Das rechte Maß ist wichtig. Nicht alles, was einem einfällt, muss auch in die Geschichte hinein! Nicht jedes Detail muss ausgebreitet werden! Nicht jeder Satz braucht ein Adjektiv! Und wenn man sich an einer Stelle stärker auf einen Aspekt einlassen und ihn weiter ausbauen will als eigentlich nötig, dann soll das bitte ein für die Geschichte grundlegend relevanter Aspekt sein, der besonders atmosphärisch dicht und voller für die eigentliche Geschichte wichtiger Aussagen und Andeutungen geschildert wird. Ich will nicht lesen:
"Karl-Otto Auto sagte "Karl-Otto Auto."; Hannelore Brot sagte "Hannelore Brot" und das über das halbe Aphabeth hinweg, wenn es eigentlich nur darum geht, dass Piscine aufgeregt und ängstlich darauf wartet, dass endlich sein Name aufgerufen wird, damit er aufspringen und einen würdevolleren Spitznamen als 'Pisser' an die Tafel kritzeln kann!
Da muss man einfach das rechte Maß finden. Was ist noch notwendig, was ist schon überflüssig - und das ist Ermessenssache des Schreibers und des Lesers. Der eine denkt so, der andere so. Geschmacksunterschiede halt.
Und mit dem rechten Maß wären wir auch schon beim nächsten Punkt:


"Dir scheint, wenn ich Dich richtig verstehe, das stilistische Brillantfeuerwerk wichtig zu sein. Ich mag auch raketenlosen Nachthimmel sehr. Das scheinbar Schmucklose, Einfache, dabei aber Fesselnde, scheint
mir mittlerweile eine bewundernswerte Stilleistung."

Wie du jetzt drauf kommst, dass ich sprachliche Feuerwerke mag, ist mir überaus schleierhaft.
Das Gegenteil ist der Fall. Hera Lind schreibt feuerwerkhaft. Und sie schreib beschissen. So unglaublich überkandidelt und unruhig. Ich habe das Gefühl, ihr Stil hat nur den Sinn, davon abzulenken, dass sie keine Inhalte zu transportieren hat.
In Pamphleten oder Kolumnen oder auch Satiren, da ist so ein Feuerwerk an Wortwitz und Stil und allem angebracht, da ist es richtig platziert, angemessen, aber in einem Roman? Da wird man irgendwann bescheuert von.
Ich mag einen schlichten, aber dennoch starken Stil, der seine Kraft aus den -richtigen- Worten zieht, der mit einem Adjektiv zur rechten Zeit, einer
entsprechenden Formulierung, aus dem Nichts eine umfassende Atmosphäre vor den Augen des Leser entstehen lässt. Man kann mit nur fünf Sätzen einen ganzen Landschaftstyp beschreiben.
Beispiel:
'Vor ihm lag eine Wüstenebene, aus der hier und da spitze Felsen herausragten wie gesplitterte Zähne. Die Sonne schien sich erschöpft an den Rand der Welt zu klammern und tauchte alles in ein dumpfes, rötliches Licht. Durch seine Schuhe drang die Hitze des Bodens. 'Wasser.' dachte er. 'Wenn ich nicht bald Wasser finde...' Dann tätschelte er liebevoll den Hals seines Pferdes. "Komm, Kurzer, eine Stunde noch, dann ruhen wir uns aus." Er rang sich ein Lächeln ab, das standhielt, bis er wieder aufgesessen war.'
-Das- wäre eine Beschreibung, mit der ich was anfangen kann. Sie lenkt die Phantasie in eindeutige Bahnen, verwendet aber dennoch keine überflüssigen Worte, und charakterisiert nebenbei noch indirekt einen Protagonisten.


"Vielleicht müssten wir das doch anhand konkreter Namen erörtern: wen schätzt Du als Stliisten, wen nicht? Ich z.B. halte Peter Handke für einen immens überschätzten Poseur, jeder Text eine vollgeschissene Papierwindel, die als angebkiches Wundersouffle aus Sprache und Gedanken verkauft wird."

Wer ist Peter Handke?
Ich mag den Stil von Patrick Süskind in 'Das Parfum', den von Robert Schneider in 'Schlafes Bruder' und den von Margaret Mitchell (bzw. ihrer Übersetzerin) in 'Vom Winde verweht'. Die sind alle unterschiedlich, passen aber zur Geschichte.
Süskind schreibt als auktorialer Erzähler und so trocken, so wertend, das hat einfach was.
Schneider hat einen sehr verqueren Stil, der gut zu der verqueren Geschichte passt, ungewöhnlich, auch sehr trocken und irgendwie herzlos.
Und Magaret Mitchell ist die Krönung von allem. Sie braucht nichtmal wertende Adjektive, um ihre Charaktere lächerlich zu machen, bloßzustellen und durch den Kakao zu ziehen, sie verkürzt vom Lesegefühl her hundert Seiten auf zwanzig und füllt selbst eher unnötige Ausführungen mit so viel Leben, dass man sie gern liest und ihr nicht böse ist.
'Die Herrin vom Nil' hab ich auch gern gelesen, ich weiß aber grad nicht, wie die Autorin heißt. 'Das Hotel am See' von Martha Grimes ist auch gut geschrieben und Agatha Christie schreibt per se sehr schön.
Naja, du siehst, ich lese nicht viel von deutschen Autoren. Ich mag sie irgendwie nicht so sonderlich. Vielleicht bin ich da vorbelastet, weil ich die Leute, die Deutschland zum Ruf des 'Landes der Dichter und Denker' verholfen habe, ziemlich langweilig finde. Goethe, Schiller, Lessing... Und Hesse hat sich mit seinem grottigen 'Unterm Rad' und 'Narziss und Goldmund' derart disqualifiziert, dass ich keinem mehr glaube, der sagt, dieser oder jener deutsche Schriftsteller schreibe gut.
Und ich hab auch keine Deutsch-Leistungskurs gemacht, deshalb, und Germanistik würde ich ums Verrecken nicht studieren. Nur langweiliger, überflüssiger Ballast, der da in Hirn gestopft wird. Absolut unkreativ, verstaubt und bäh.


"Wo ziehst Du denn die Grenzlinie zwischen der laschen Wiederholung alter Ideen und dem anregenden Spiel mit vertrauten Stoffen?"

Ich ziehe die Grenze da, wo ich ein Buch lese und mir nachher denke, das hättest du dir sparen können, weil das Maß an neuen Ideen und Verknüpfungen so gering war, dass man schon fast von Copyright-Verletzung sprechen könnte.
Ich ziehe die Grenze da, wo der bekannte Stoff nicht durch eine Interpetation gegangen ist, wo er nicht um einige wichtige Punkte erleichtert und mit anderen wichtigen Punkten neu bestückt wurde, da, wo die meisten Konflikte nicht im Schwerpunkt verlagert, nicht von einer etwas anderen Seite aufgerollt, nicht anders miteinander verknüpft oder aufeinander bezogen wurden, da, wo keine neuen Konflikte hinzugefügt oder alte weggelassen wurden, da, wo eine Figur im Prinzip nur einen anderen Namen bekommen hat, wo sie nicht den Gesetzen einer anderen Zeit, eines anderen Ortes oder einer anderen Situation unterworfen ist, kurz: da, wo die jüngere Geschichte wirkt wie eine FanFiction zur älteren.
Mal ne Zusammenfassung der wichtigsten Änderungen, die ich am Phantom-Stoff vorgenommen habe:
Ich habe die Phantom-Geschichte in einen völlig anderen zeitlichen und räumlichen Rahmen versetzt; habe sehr harmonische Szenen zwischen sehr düstere gestellt und arbeite viel mit dem Schön/Schrecklich-Kontrast, um die Atmosphäre vielschichtiger zu machen (was Leroux und Kay beide nicht tun); ich habe 'Erik' eine völlig andere Motivation gegeben, 'Christine' zu entführen; ich habe 'Christine' für 'Erik' einen Bedeutungswandel vollziehen lassen; habe ihr einen vollkommen anderen Charakter gegeben; habe sie zu einer psychologisch interessanten, ungewöhnlichen Figur gemacht, die neben 'Erik' nicht so dermaßen untergeht, wie in den Vorbildgeschichten; ich habe 'Erik' sich ernsthaft mit seinem Innenleben auseinandersetzen lassen; habe seiner Vergangenheit zusätzliches ideologisches Konfliktpotential gegeben; habe seinen Lebenswillen am Anfang der Geschichte an einen ideologischen (und nicht emotionalen) seidenen Faden gehängt, ein Damoklesschwert für 'Christine' daraus geschmiedet und aus der notwendigerweise zu vollziehenden Umsattelung von Ideologie auf Emotion einen überaus wichtigen, tiefgreifenden Konflikt und -die- Wende schlechthin im Charakter des 'Erik' gemacht; ich habe Philosophische, Musik- und Kunsthistorische und 'Schönheitstheoretische' Themen explizit in die Geschichte eingebaut und zu einem wesentlichen Bestandteil für die Motivationen der Charaktere gemacht; ich habe 'Nadir' einer Geschlechtsumwandlung unterzogen, ihm empatische Fähigkeiten gegeben, ihn schon in 'Eriks' Kindheit auftauchen und dann nie wieder wirklich von seiner Seite weichen lassen; ich habe bei 'Erik' einige Charaktereigenschaften stärker herausgearbeitet, andere abgeschwächt oder ganz weggelassen; ich beobachte die Entwicklung seiner Gefühle für 'Christine' sehr ausführlich und ziehe viel Spannung daraus - und das sind jetzt nur die 14 allerwichtigsten Punkte.
So viel Veränderung ist mindestens notwendig, damit ich von einem kreativen Umgang mit bekannten Ideen sprechen würde.

Gruß
vogel

BeitragVerfasst: Mo 21. Jun 2004, 13:51
von Amy
:D Ich fand den Bericht sehr interessant und amüsant. Kein Wunder, dass du ein Buch herausgebracht hast. Du hast mich ja sogar bei dem Text gefesselt. Gefiel mir. :) Und denke gerade darüber nach, wenn ich wieder geld habe, mir dein Buch und das von deiner Freundin Ela zu kaufen.
Würde es bestimmt nicht bereuen.

Lg Amy

BeitragVerfasst: Mo 21. Jun 2004, 19:35
von vogel
Hallo, Amy:)

Nein, bereuen würdest du es bestimmt nicht;)

Vielen Dank für dein liebes Kompliment!
Und dankeschön - auch in Elas Namen - für deine Überlegung, dein Bücherregal vielleicht mit unseren Machwerken aufzufüllen*freu*

Gruß
vogel

BeitragVerfasst: Mo 21. Jun 2004, 21:26
von Fargo
Original geschrieben von vogel
Die Booker-Jury? Sollte ich die kennen?


Der Booker Prize gilt gemeinhin als wichtigste Auszeichnung für Literatur aus dem Commonwealth. In jüngster Zeit hat es aber immer wieder Streit darüber gegeben, ob im Zug der Juryverjüngung ein paar literarisch unbedarfte Laberfatzkes der Popkultur an die Macht gekommen sind, oder ob im literarischen Establishment insgesamt zu viele steinalte Knacker mit völlig überholten Wertvorstellungen sitzen und alles auszugrenzen versuchen, was nicht dem Stil ihrer besten Lesetage entspricht. „Schiffbruch mit Tiger“ hatte den Booker 2003 gewonnen.

Es ist eine Unart, eine Geschichte mit der Geschichte der Geschichte anzufangen.... Und dann dieses Ausschweifende! Als hätte er keinen wirklichen Inhalt zu vermitteln, füllt er das Buch mit überflüssig breitgetretenem Nichtsnutz... Wenn ein Buch 'Schiffbruch mit Tiger' heißt, dann soll es gefälligst auch um einen Schiffbruch und einen Tiger gehen... Und um einem Charakter eine Geschichte, einen Hintergrund, Tiefe zu geben, braucht es keine langen und breiten Einschübe, sondern nur ein gezieltes Erzählen! In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister.


Wie weit Yann Martel da in „Schiffbruch mit Tiger“ überzieht, kann ich leider nicht beurteilen. Ich komme kaum noch zum Lesen von Romanen, das Buch verstaubt seit Erscheinen hier im Regal. Mittlerweile kaufe ich auch fast gar keine Neuerscheinungen mehr. :shy:

Ich kann Dir da also nur generell, nicht am konkreten Beispiel versuchsweise widersprechen. Obwohl auch ich, wie erwähnt, einen knappen, scheinbar schmucklosen und funktionalen Stil zu schätzen weiß, klingst Du mir hier ein wenig sehr rigide. Es gibt wunderbare Beispiele für das Gegenteil der konzentrierten Schreibe, Bücher, die sich aufs Vergnüglichste gedanklich und sprachlich verzetteln. Und was nun die Reflexion des Schreibens beim Schreiben angeht, also die Metaebene, die nicht Illusion erzeugen, sondern das ‚Gemachte’ des Textes ins Bewusstsein rufen will, so halte ich auch das für eine äußerst interessante Erzählart – wenn’s eine(r) beherrscht.

Wie du jetzt drauf kommst, dass ich sprachliche Feuerwerke mag, ist mir überaus schleierhaft.


Es war ja kein Vorwurf, einfach eine Vermutung. Die speiste sich aus dieser Passage...
Ich glaube einfach, es wird verdammt viel Scheiße als Gold verkauft, an Leute, die bei einem Buch einfach nicht so viel Wert auf Aspekte wie Stil oder Innovation legen - müssen sie ja auch nicht, darf jeder lesen, was ihn glücklich macht.
Seit ich das Schreiben angefangen habe, ist mein Anspruch an den Stil einer Geschichte derart abartig hoch geworden, dass man wirklich verdammt gut sein muss, um mich auch nur zufrieden zu stellen, geschweige denn zu beeindrucken.

... und aus der Tatsache, dass Du Deinen Beiträgen hier gern einen gewissen rhetorischen Nachdruck verleihst. Das brachte ich auf den Gedanken, Du könntest vielleicht den Parforce-Stil schätzen. :)

Wer ist Peter Handke?


Handke gilt als einer der wichtigsten Autoren der deutschen Gegenwartsliteratur und vielen auch als großer Stilist. War die Hauptfigur der ‚neuen deutschen Innerlichkeit’. Ich mag weder ihn noch seine Texte. Die Zahl seiner schwärmerischen Verehrer hat stark nachgelassen, seit er im Balkankrieg für die Serben eingetreten ist.

Ich lese nicht viel von deutschen Autoren. Ich mag sie irgendwie nicht so sonderlich. Vielleicht bin ich da vorbelastet, weil ich die Leute, die Deutschland zum Ruf des 'Landes der Dichter und Denker' verholfen haben, ziemlich langweilig finde.


Mir geht’s da ein wenig anders. Die alten Herrschaften lese ich recht gerne, mit den aktuellen Jungstars der Buchmessen hatte ich – als ich noch dazu kam, ab und an eins ihrer Werke zu lesen – meist mehr Schwierigkeiten.

Ich ziehe die Grenze da, wo ich ein Buch lese und mir nachher denke, das hättest du dir sparen können, weil das Maß an neuen Ideen und Verknüpfungen so gering war, dass man schon fast von Copyright-Verletzung sprechen könnte.


:D Schön ausgedrückt. Ich habe allerdings ein so mieses Gedächtnis, dass es mir wahrscheinlich oft gar nicht auffällt, wie dreist oder plump jemand klaut und nachäfft.

Vergesslichkeitsprimus Fargo

BeitragVerfasst: Di 22. Jun 2004, 00:06
von vogel
>Der Booker Prize gilt gemeinhin als wichtigste
>Auszeichnung für Literatur aus dem Commonwealth.
Noch eine Auszeichnung für Literatur? Es gibt also nicht nur den Literatur-Nobelpreis?
*lol* Ganz schön albern das. Ich meine... *kopfschüttel* das ist doch alles Geschmackssache!
Das hört sich an, als wäre die literarische Gesellschaft eine Art zweite Mode-Gesellschaft, in der ein paar Karl Lagerfelds und Wolfgang Joops bestimmen, was gut ist und was nicht (obwohl, ist ja eigentlich immer so, war immer so, wird immer so sein - wie kam ich auf die Idee, es könnte in einem bestimmten Lebensbereich anders sein? *an den Kopf lang*).
Alle Kunst wird aus dem Auge des Betrachters gezupft und in die Hand einiger weniger gelegt. Deppen, die nachplappern, was so ein paar 'Anerkannte' absondern, gibts immer viel zu viele. Ist ein ziemlicher kreativitätsfeindlicher Laden, das.

>Mittlerweile kaufe ich auch fast gar keine Neuerscheinungen mehr.
Naja, man muss ja nun auch nicht alles gelesen haben.

>Es gibt wunderbare Beispiele für das Gegenteil der
>konzentrierten Schreibe, Bücher, die sich aufs
>Vergnüglichste gedanklich und sprachlich verzetteln.
So unterscheiden sich die Menschen. Du empfindest es als 'vergnügliches Sich-Verzetteln', ich empfinde es als 'schlechten Stil' und 'saulangweilig'.
Aber ich glaube, wir können wunderbar nebeneinander existieren;)

>Und was nun die Reflexion des Schreibens beim
>Schreiben angeht, also die Metaebene, die nicht
>Illusion erzeugen, sondern das ‚Gemachte’ des
>Textes ins Bewusstsein rufen will, so halte ich
>auch das für eine äußerst interessante Erzählart
> – wenn’s eine(r) beherrscht.
Und mich stört sowas. Ich möchte in ein Buch eintauchen, möchte es für wahr nehmen und es als neues Land meinen Traumwelten anschließen. Ich will nicht, dass sich der Autor offenbart, ich will nicht, dass er sich in die Geschichte einmischt; er hat sie sich aus dem Leib geschnitten, damit ist er zu Genüge ihr Bestandteil (und bei einigen Büchern ist selbst das noch zu viel - siehe Hesses 'Unterm Rad'). Bücher sollten eigenständige 'Lebensformen' sein dürfen und vom Autor nicht stärker als nötig mit ihm als Bindeglied an das, was man so landläufig für die Realität hält, gefesselt werden.
Wenn man den Autor beim Lesen völlig vergessen kann, das ist in meinen Augen ein Pluspunkt für ein Buch.
War das irgendwie verständlich ausgedrückt? *zweifel*

>Es war ja kein Vorwurf, einfach eine Vermutung.
So hatte ich es auch interpretiert. Verwundert hat es mich trotzdem.

> ... und aus der Tatsache, dass Du Deinen Beiträgen
>hier gern einen gewissen rhetorischen Nachdruck
>verleihst. Das brachte ich auf den Gedanken, Du
>könntest vielleicht den Parforce-Stil schätzen.
Ich diskutiere gern wie die alten Römer. Rhetorisch ausgefeilt, mit Witz, Tempo und gepflegter Wortverliebtheit *nochn bissl Eigenlob, hier rochs viel zu gut...*.
Geschichten schreib ich zwar auch mit gezielten Worten, aber - so glaub ich wenigstens - mit wenigeren und schlichteren als in einer Diskussion.
Ich glaube, wenn ich ein Buch durchweg so schreiben würde, wie ich diskutiere, würden die Leser davon bescheuert werden.

>Handke gilt als einer der wichtigsten Autoren
>der deutschen Gegenwartsliteratur und vielen
>auch als großer Stilist. War die Hauptfigur der
>‚neuen deutschen Innerlichkeit’.
Jetzt ganz im Ernst?
Ich schwöre, ich hatte von dem Kerl vorher noch nie was gehört...
Spricht das jetzt gegen Handke, gegen mich oder gegen uns beide?

>Die Zahl seiner schwärmerischen Verehrer
>hat stark nachgelassen, seit er im Balkankrieg
>für die Serben eingetreten ist.
Was ne untere Rückenöffnung...

>Mir geht’s da ein wenig anders. Die alten
>Herrschaften lese ich recht gerne, mit den
>aktuellen Jungstars der Buchmessen hatte ich
>– als ich noch dazu kam, ab und an eins ihrer
>Werke zu lesen – meist mehr Schwierigkeiten.
Das hört sich an, als hättest du wahnsinnig viel gelesen.

>Schön ausgedrückt. Ich habe allerdings ein so
>mieses Gedächtnis, dass es mir wahrscheinlich
>oft gar nicht auffällt, wie dreist oder plump
>jemand klaut und nachäfft.
Um das Klauen gehts mir gar nicht so (Klauen ist indiskutabel, das macht man einfach nicht, das ist unfein und unehrenhaft). Es geht mir nur ums Nachäffen. Und von den Nachäffern gibts immer mehr, besonders von den schlechten.
Es gibt einfach nicht unendlich viele Ideen auf dieser Welt. Es wird immer schwieriger, neue zu finden. Ich glaube, man muss heute kreativer sein als noch vor 100 Jahren, wenn man etwas wirklich Niedagewesenes schreiben will - sofern man überhaupt daran glaubt, dass es Neues unter der Sonne gibt.

Mei, kling ich heut abgehoben*lach*
Gruß
vogel

BeitragVerfasst: Di 22. Jun 2004, 17:46
von Padreic
Noch eine Auszeichnung für Literatur? Es gibt also nicht nur den Literatur-Nobelpreis?
*lol* Ganz schön albern das. Ich meine... *kopfschüttel* das ist doch alles Geschmackssache!

Es gibt durchaus noch viel mehr Literaturpreise als die beiden ;).
Und die Bewertung von Literatur ist, denke ich, keine reine Geschmackssache. Sicher mag der eine das Buch nicht und der andere das nicht, aber auch so manchem Buch, das man persönlich vielleicht nicht so mag, muss man eine literarische Größe zuschreiben, denke ich. Man mag als Einzelperson vom Faust halten, was man will, man muss ihm aber die kunstvollen Verse, die gewaltigen vorhandenen Ideen etc. und damit auch die literarische Größe zusprechen. Irgendeinem Kitsch-Liebesroman allerdings nicht, auch wenn er so manchem gefallen mag. Aber weil es auch da keinen totalen Konsens gibt, muss es halt so viele Literaturpreise geben ;). Sicher gibt es aber auch hier Moden, die Preisvergaben in seltsame Richtungen lenken können...

Und mich stört sowas. Ich möchte in ein Buch eintauchen, möchte es für wahr nehmen und es als neues Land meinen Traumwelten anschließen. Ich will nicht, dass sich der Autor offenbart, ich will nicht, dass er sich in die Geschichte einmischt; er hat sie sich aus dem Leib geschnitten, damit ist er zu Genüge ihr Bestandteil (und bei einigen Büchern ist selbst das noch zu viel - siehe Hesses 'Unterm Rad'). Bücher sollten eigenständige 'Lebensformen' sein dürfen und vom Autor nicht stärker als nötig mit ihm als Bindeglied an das, was man so landläufig für die Realität hält, gefesselt werden.
Wenn man den Autor beim Lesen völlig vergessen kann, das ist in meinen Augen ein Pluspunkt für ein Buch.
War das irgendwie verständlich ausgedrückt? *zweifel*

Ich denke, im wesentlichen ja. Aber ganz zustimmen kann ich dir da nicht ;).
Üblicherweise unterscheidet man (meines Erachtens auch zu Recht) zwischen Autor und Erzähler, die nicht identisch sind, auch wenn sie fiktiv im Roman gleichgesetzt werden können. Der Autor mischt sich mit jedem Wort, was in dem Buch steht ein, der Erzähler nicht zwangsläufig. Implizit wird der Erzähler immer auch ein wenig deutlich; wogegen du dich wendest, ist vermutlich die explizite In-Erscheinung-Treten. Dadurch tritt aber vielleicht, wenn das überhaupt geht, der Autor eher einen Schritt zurück, wird doch so das Perspektivische (denn objektiv kann man etwas nie darstellen) des Erzählens deutlicher und schafft so eine Ebene mehr zwischen dem Geschilderten und den Intentionen des Autors. Sehr gelungen finde ich einen expliziten Erzähler beispielsweise in 'Der Name der Rose' installiert, wo er die Geschichte nach langer Zeit als Manuskript aufschreibt, was dann schließlich von Eco gefunden wird (fiktiv, versteht sich).

Es gibt einfach nicht unendlich viele Ideen auf dieser Welt. Es wird immer schwieriger, neue zu finden. Ich glaube, man muss heute kreativer sein als noch vor 100 Jahren, wenn man etwas wirklich Niedagewesenes schreiben will - sofern man überhaupt daran glaubt, dass es Neues unter der Sonne gibt.

Andererseits gibt es allerdings auch mehr, an dem man sich inspirieren kann. Nicht wenige Autoren schrieben einige ihrer größten Werke dort, wo sie bekannten Stoff neu bearbeiteten, was sowohl schon literarische Werke (wie Goethes Iphigenie beispielsweise oder auch Hauptmanns Atriden-Tetralogie) als auch im Volke allgemein bekannter Stoff (wie beispielsweise Sophokles mit seinem Ödipus) sein können. Gerade das Bekannte hat ihnen geholfen, ihre wahre Größe erst zu entfalten. Es wird wohl auch allgemein niemand etwas großes schaffen, ohne vorher von Großem inspiriert worden zu sein.

Padreic

BeitragVerfasst: Mi 23. Jun 2004, 09:39
von vogel
Hallo, Padreic!

>Es gibt durchaus noch viel mehr Literaturpreise als
>die beiden.
Jaaa, hab ich mittlerweile auch realisiert...*sfz*

>Und die Bewertung von Literatur ist, denke ich, keine reine >Geschmackssache.
Also, Goethes Faust da so als Beispiel... der hat sehr viel 'Reim dich oder ich fress dich' drin, zu viel, meiner Meinung nach, um den Dichterheldentitel zu verdienen. Aber gut.

>Aber weil es auch da keinen totalen Konsens gibt,
>muss es halt so viele Literaturpreise geben. Sicher
>gibt es aber auch hier Moden, die Preisvergaben in
>seltsame Richtungen lenken können...
Klar. Ich les trotzdem weiterhin nur Bücher, die ich selber ansprechend finde, oder die mir ein guter Freund mit ähnlichem Geschmack empfielt.
Und ich finde, diese Preisvergeberei macht es Autoren, die weniger in der Öffentlichkeit stehen und deren Verlage im Big Business nicht so mitmischen können, noch schwerer, gelesen zu werden.

>Sehr gelungen finde ich einen expliziten Erzähler
>beispielsweise in 'Der Name der Rose' installiert,
>wo er die Geschichte nach langer Zeit als Manuskript
>aufschreibt, was dann schließlich von Eco gefunden
>wird (fiktiv, versteht sich).
Das find ich das einzige Manko an dem Buch... Naja, und die seitenlangen überflüssig detailreichen Beschreibungen...

>Es wird wohl auch allgemein niemand etwas
>großes schaffen, ohne vorher von Großem inspiriert
>worden zu sein.
Ich hab die beiden Bücher, von denen du sprichst, nicht gelesen.
Wie neu sind denn die Geschichten, die aus den alten gestrickt wurden? Erkennt man auch als Mensch, den nicht so in der griechischen Literatur drinsteckt den Ödipus wieder?

Gruß
vogel

BeitragVerfasst: Sa 26. Jun 2004, 10:36
von Fargo
Original geschrieben von vogel

Und ich finde, diese Preisvergeberei macht es Autoren, die weniger in der Öffentlichkeit stehen und deren Verlage im Big Business nicht so mitmischen können, noch schwerer, gelesen zu werden.


Da ist was dran. Aber bevor ich in Deine Klage einstimme, will ich erst noch mal eine Lanze für die Literaturpreise brechen.

Glaubt irgendeiner von uns, der Verkaufserfolg sei ein gültiger Gradmesser für die Qualität eines Buches oder das Talent des Autors / der Autorin? Wohl kaum, oder?

Also stehen wir vor der Situation, dass viele talentierte Schreiber - oder, um's mal zweckorientierter zu formulieren, Leute, die uns was Interessantes zu sagen haben - am Markt untergehen. Ökonomisch so frustriert werden, dass sie nicht mehr schreiben mögen oder können, oder vielleicht noch schreiben, aber nicht mehr publizieren.

Für diese Ungerechtigkeit des Marktes - gute Bücher haben oft schlechte Verkaufszahlen - muss ein Ausgleich her. Diese Ausgleichsfunktion haben bei uns eine Vielzahl von Literaturpreisen übernommen sowie ein Kulturnetzwerk , das vor allem Preisgekrönten dienlich wird. Damit meine ich z.B. die Möglichkeit von Lesungen in Literaturhäusern, Stadtschreiberposten etc. das sind alles Möglichkeiten, sich als Autor(in) ein Zubrot zu verschaffen.

Das macht ja eigentlich Sinn, oder? Und für das ein oder andere sonst chancenlose Schreibtalent war diese Preis- und Belohnungsmaschine ja auch schon die Rettung.

Nur hat die Maschine zwei hässliche Aspekte. Der eine ist die Kulturklüngelei. In so einem Apparat, in dem notwendigerweise eine begrenzte Anzahl Juroren die Hebel stellt (das Volksabstimmungsmodell haben wir ja schon an der Buchladenkasse) läuft viel über Beziehungen, Seilschaften, persönlichen Charme. Et cetera....

Der andere Aspekt ist die ökonomische Realität der Rücklauferwartung. Will heißen, die meisten Mäzene - ob das nun Bund, Länder, Kommunen, Firmen, Verbände oder Individuen sind - hätten gerne etwas von ihrer Großzügigkeit. Ob wir's nun Ruhm, Ehre, Medienaufmerksamkeit nennen, oder sagen wir einfach, Imagepflege - es ist kein schändlicher Anspruch. Aber einer, der eben nicht als bloße Eitelkeit abzutun ist, sondern einen wirtschaftlichen Hintergrund hat: ob Firma, Stadt oder Land, ich kann einen guten Ruf stets als Umsatzchance betrachten, als weichen Standortfaktor, wie das bei Kommunen heißt.

Was folgert daraus? Um's mit einem alten Sprichwort zu sagen: der Teufel scheißt stets auf den gößten Haufen. In der Theorie sind die Literaturpreise dazu da, den Ausgezeichneten herauszuheben. In der Praxis soll oft ein möglichst glanzvoller Preisträger dem Preisstifter zu Ruhm verhelfen. Wenn irgendeine deutsche Mittelstadt einen Literaturpreis vergibt, dann tut sie das entweder als interne Gratifikationsmaßnahme (wählt also einen heimischen Autor, da kommt's dann zu besonders heftiger Klüngelei), oder als Imageförderungsmaßnahme für sich selbst. In letzterem Fall sucht sie sich einen bereits möglich bekannten Autor (Handke, Walser, Rühmdorf, etc...), der den Preis im Normalfall gar nicht mehr nötig hat, dessen Name aber garantiert, dass die Preisvergabe bundesweit eine kleine Zeitungsmeldung wird und dass zumindest das öffentlich-rechtliche Landesprogramm ein paar Fernsehbilder vom Festakt sendet.

Damit ist der von Dir, vogel, beklagte Zustand erreicht, dass Preise oft dazu beitragen, die Bekannten bekannter zu machen und die Unbekannten tiefer ins Dunkel zu bannen, ums ein wenig pathetisch zu formulieren.

Aber was wäre eine praktikable Alternative?

Das ist natürlich kein schöner Zustand. Aber was wäre eine praktikable Alternative?

Fargo

BeitragVerfasst: Sa 26. Jun 2004, 17:19
von aleanjre
Hallo vogel!

War ein hartes Stück Arbeit, aber ich hab den gesamten Thread bis zum Ende gründlich gelesen. :D
Und jetzt geht mir gerade die Zeit aus. Deshalb nur kurz: Herzlichen Glückwunsch zur Veröffentlichung deiner eigenen, ureigenen Gedanken!

Es ist falsch, wie du irgendwo schreibst, das du nie wieder so inniglich ein Buch aus dir selbst hervorbringen wirst. Solange du weiterschreibst, wirst du Texte schreiben, die wie eine Postkarte sind - zweckerfüllendes blabla - und Skripte, die die tatsächliche Geburt deines geistigen Kindes sind. Ich habe schon mehrere Kinder geboren, geistige wie menschliche, jede Schwangerschaft und jede Geburt, jedes Kind war eine ganz eigene Welt für sich, aber es war jedesmal ein intensiver Prozeß. Und ich liebe alle meine Kinder. Meine zwei Mädchen genauso wie meine Geschichten.

BeitragVerfasst: So 27. Jun 2004, 20:49
von vogel
@Fargo:)

"Das macht ja eigentlich Sinn, oder?"
Naja, die Welt ist hart aber ungerecht.

"Aber was wäre eine praktikable Alternative?"
Wahrscheinlich gibt’s keine.


@aleanjre

"War ein hartes Stück Arbeit, aber ich hab den gesamten Thread bis zum Ende gründlich gelesen. "
Vielen Dank für alles*gg*

"Ich habe schon mehrere Kinder geboren, geistige wie menschliche, jede Schwangerschaft und jede Geburt, jedes Kind war eine ganz eigene Welt für sich, aber es war jedesmal ein intensiver Prozeß. Und ich liebe alle meine Kinder. Meine zwei Mädchen genauso wie meine Geschichten."
Deine Worte in der Göttin ihrem Gehörgang:)
Aber ich muss sagen, so langsam kommt der zweite Roman tatsächlich richtig ins Rollen, die Charaktere nehmen Gestalt an und das Thema kriegt eine Form, die mich so... innelrich anspricht... nach zwei Jahren Anlaufzeit *buäh*.

Wieviele größere Projekte hast du denn schon gedrechselt?


Gruß
vogel

BeitragVerfasst: Mo 28. Jun 2004, 11:41
von aleanjre
>>>Deine Worte in der Göttin ihrem Gehörgang

Alles wird gut. :D


Größere Projekte? Bis jetzt fünf beendet, von den ca. 1000, die ich angefangen habe. Nur die, die sich festnisten konnten in meinen Gedanken, bedeuten mir etwas. Ich muss eine Idee sehr lieben, um bereit zu sein, ihr Monate, vielleicht sogar Jahre an Zeit und Kraft zu schenken. Eine Geschichte muss mir teuer sein, damit ich fähig bin, für sie all die geistigen Schmerzen zu leiden, die das Schreiben so mitbringt. Wenn ich vor Trauer und Erleichterung weine, sobald ich das "Finis" unter den letzten Satz geschrieben habe, ist es wahrhaftig mein Baby.

Zwei Jahre Anlaufszeit ist nichts ungewöhnliches für einen guten Roman.
Oder anders gesagt: gewisse zeitgenössische, extrem erfolgreiche Autoren, die es schaffen, 4, 5 oder noch mehr Bücher in einem Jahr auf dem Markt zu werfen, beleidigen ihre Leser, denn in den lieblos gezimmerten Plots, die sich gleichen wie Zwillinge, in Sätzen, von sich selbst abgeschrieben, spürt man deutlich, wie wenig Liebe und Leidenschaft hier am Werk war.

BeitragVerfasst: Di 29. Jun 2004, 21:21
von vogel
"Größere Projekte? Bis jetzt fünf beendet, von den ca. 1000, die ich angefangen habe."
Wie lange wartest und probierst du eigentlich rum, bis du eine Sache für gestorben erklärst?
"Eine Geschichte muss mir teuer sein, damit ich fähig bin, für sie all die geistigen Schmerzen zu leiden, die das Schreiben so mitbringt. Wenn ich vor Trauer und Erleichterung weine, sobald ich das "Finis" unter den letzten Satz geschrieben habe, ist es wahrhaftig mein Baby.
Ich hab erst mal Party gemacht, als ich den letzten Satz geschrieben hatte:)

"Oder anders gesagt: gewisse zeitgenössische, extrem erfolgreiche Autoren, die es schaffen, 4, 5 oder noch mehr Bücher in einem Jahr auf dem Markt zu werfen, beleidigen ihre Leser, denn in den lieblos gezimmerten Plots, die sich gleichen wie Zwillinge, in Sätzen, von sich selbst abgeschrieben, spürt man deutlich, wie wenig Liebe und Leidenschaft hier am Werk war."
Ganz meine Meinung. Sicher gibt’s auch Leute, die einfach nur schnell sind, aber mehr als 300 Din A4 Seiten im Jahr.... dat kann doch nix geben. Meine persönliche Schallgrenze liegt bei 100 Seiten und keiner, den ich kenne, schafft mehr als 150.

BeitragVerfasst: Di 29. Jun 2004, 22:11
von Fargo
Charles Dickens, Georges Simenon, Joyce Carol Oates, Brian W. Aldiss, um mal VertreterInnen sehr diverser Stile und Genres als Beispiele zu nennen - alles Leichtgewichte, weil sie schnell und viel geschrieben haben? Nee, nee, mit solchen scharfen Verallgemeinerungen sollte man vorsichtig sein: die Produktionsfrequenz ist kein Kriterium für Texte.

Langsamschreiber Fargo

BeitragVerfasst: Di 29. Jun 2004, 22:52
von aleanjre
@Fargo: Ich schrieb absichtlich von "gewissen" Autoren, die ständig von sich selbst abschreiben, um so schnell wie möglich so viel wie möglich auf den Markt zu kloppen. Ich selbst habe 500 Seiten in 11 Monaten produziert, und es gibt Profis, die 12 Stunden am Stück/jeden Tag arbeiten können, ohne im Stil einzubrechen.

@Vogel:
Wirklich gestorben sind für mich erst eine handvoll Projekte. Wenn eine Idee nicht selbstständig laufen will, binde ich sie in eine andere Geschichte mit ein. Dadurch entstehen recht komplizierte Plots. :shy:

BeitragVerfasst: Mi 30. Jun 2004, 01:00
von Fargo
Ich hatte auch weniger Deine Aussage gemeint, aleanjre, als vogels strenges Verdikt "Mehr als 300 Din A4 Seiten im Jahr.... dat kann doch nix geben." ;)

Fargo

BeitragVerfasst: Mi 30. Jun 2004, 09:22
von Feuerkopf
Ich reihe mich mal ein in die Liste derer, die sich mit manchen hochgelobten Büchern schwer tun.
Unsere Bibliothek bietet netterweise aktuelle Bestseller gegen kleines Entleihentgelt an. Da habe ich wirklich schon richtig Geld gespart, ohne Quatsch!
Was ich da an verquastem Kram in die Finger bekommen habe, ist schon erstaunlich.
Vielleicht liegt es auch daran, dass ich gern gut und flott geschriebene Sachen mag. Ich hab auch nichts dagegen, wenn ich mich mal mit einem Protagonisten identifizieren kann.

Ein Beispiel:
"Herr Lehmann" - hochgelobt und offenbar gut verfilmt.

Ich habs gelesen, hab auch stellenweise gelacht. Aber warum, um alles in der Welt, muss der arme Held selbst vom Erzähler ständig "Herr Lehmann" genannt werden? Das ist nicht nur jedes Mal ein lesetechnischer Stolperstein, sondern m. E. unglaubwürdig. Außerdem - was wird dann da erzählt? Es ist das Lamentieren eines Hängels.

Da fand ich "Liegen lernen" von Frank Goosen sehr viel gelungener, sprachlich wie inhaltlich, denn das war wirklich ein Entwicklungsroman, dessen Melancholie glaubwürdig war.

Habe am Wochenende in die Veranstaltungen rund um den Ingeborg-Bachmann-Preis reingeguckt. Himmeldieberge! Möge niemals einer meiner Texte für diese Jury nominiert werden! Das ist ja eine öffentliche Hinrichtung! Die Autoren saßen mit stoischen Mienen zwischen ihren Henkern und wagten nicht, sich zu wehren, oder mal zu sagen "Entschuldigung, ich verstehe Sie nicht."
So viel Artifarti-Geschwätz habe ich lange nicht gehört.

Diese extreme Trennung von E- und U-Literatur in Deutschland ist die PEST! Und da in entscheidenden Positionen im Kulturbetrieb solche wortverliebten Entscheidungsträger sitzen, die lieber was über Pesttote in Estland im 17. Jahrhundert lesen oder kunstvolle Befindlichkeitspüpse vom Leben enttäuschter Literaten aus dem post-industriellen Japan - jetzt hab ich mich ein bisschen satztechnisch vergaloppiert ;) - jedenfalls hat es gut geschriebene Unterhaltungsliteratur in unserem Ländle sehr, sehr schwer.

Kleiner Ausflug in die Theaterlandschaft:
Das Debakel der diesjährigen Ruhrfestspiele war natürlich nicht die "Schuld" der umstrittenen Casdorff-Inszenierungen, der auf Deubel-komm-raus neues, junges Publikum ziehen wollte. Nein. Es lag am konservativen Publikum, am Bildungsbürgertum! *pruuust*
Ich liebe es, wenn man mir vorschreiben will, was "Guter Geschmack" ist! :s126:

Fargo,
ich denke, Kritik darf und muss sein, ohne Zweifel. Sie sollte nachvollziehbar und konstruktiv sein, wenn dem "Produkt" anzusehen ist, dass ehrliche Arbeit drin steckt und Engagement.

Sie darf polemisch und heftig sein, wenn das Publikum verarscht werden soll. ;)

Ich bin selbst mit meinen Mitstreiterinnen vor drei Wochen "Opfer" einer profilierungseifrigen jungen Kritikerin geworden, die - wie es ihr Recht ist - die Texte seicht fand, aber in der veröffentlichten Kritik schlicht die Unwahrheit geschrieben hat. Wir haben uns geärgert und dann haben wir uns gemäß der Matthias Sammer-Devise "den Mund abgeputzt." Shit happens...