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BeitragVerfasst: Fr 17. Sep 2004, 19:22
von Wombat
Mir geht folgendes Gedicht, folgender Text einfach nicht aus dem Kopf:

Erich Fried - Definition

Ein Hund
der stirbt
und der weiß
dass er stirbt
wie ein Hund

und der sagen kann
dass er weiß
dass er stirbt
wie ein Hund
ist ein Mensch


Wie würdet ihr diesem Text interpretieren?

BeitragVerfasst: Fr 17. Sep 2004, 22:59
von Traitor
Ohne etwas über den Autor zu wissen, würde ich es als typisches Gedicht des Fatalismus bezeichnen. Für Expressionismus ist es stilistisch zu öde, aber in dessen gedanklicher Tradition stehend.
Der Mensch hat nichts wirklich wichtiges an sich, das einzig beherrschende im Leben ist der Tod, und sich mit ihm abzufinden, das höchste was man leisten kann.

BeitragVerfasst: Sa 18. Sep 2004, 00:09
von Wombat
Frieds Eltern wurden von den Nazis verfolgt und teilweise im KZ umgebracht wurden. Das Gedicht ist von 1964.

Hilft Dir das weiter?

BeitragVerfasst: Sa 18. Sep 2004, 00:27
von Traitor
Anscheinend ist er vor allem linksgerichteter politischer Dichter. Dazu passt die Erstinterpretation dann nicht sonderlich. Wobei natürlich möglich ist, dass das Gedicht nicht einen Soll-Zustand, sondern einen Ist-Zustand darstellt: es wäre möglich, dass Fried damit das Verhalten der Menschen bisher kritisiert.

Eigentlich bin ich kein Freund der Gedichtinterpretation aus dem Lebenslauf des Dichters heraus (deduktive Methode), aber dieser Fetzen gibt einfach zu wenig her, um es induktiv sinnvoll zu interpretieren.

Was den Hund zum Menschen macht, ist die Erkenntnis

BeitragVerfasst: Sa 18. Sep 2004, 09:36
von Maurice
Die Info finde ich nicht unbedeutend!
Ich gehe jetzt mal davon aus, dass seine Eltern Juden waren, wenn sie ins KZ gekommen sind, auch wenn nicht alle da Juden waren. Die Nazis haben Juden nicht wie Menschen behandelt, sondern wie Tiere. Jeder kennt die Redewendung "Hundeleben", was ein elendes Leben bezeichnen soll. Ein elendes Leben haben die Menschen im KZ gefristet und galten da nicht als Menschen, sondern als Tiere, weshalb das Bild des Hundes sich imo hier auch anbietet. Aber diese "Hunde" waren in Wirklichkeit keine Hunde sondern Menschen und das beschreibt der Autor hier, durch die Erkenntnisfähigkeit des Menschens. Die Menschen im KZ wussten, dass sie einen grausamen Tod sterben würden ("der Hund weiß, dass er wie ein Hund sterben wird"), aber diese Erkenntnis kann kein Hund haben, sondern nur der Mensch (nach unserem Weltbild, zumindest nach meinem). Ein Hund kann weder erkennen, dass er einen grausamen Tod sterben wird, noch kann er dies aussprechen, der Mensch dagegen schon und das macht ihn zu mehr.

Ich glaube ich habe mich etwas zu oft wiederholt, aber ich bin mir recht sicher, dass das die richtige Richtung einer Interpretation ist und hoffe, dass ich dir weiterhelfen konnte. :s11:

BeitragVerfasst: So 19. Sep 2004, 04:12
von Wombat
Ja, das Gedicht ist nicht allzu lang und die Aussage eigentlich ziemlich deutlich. Hätte ja sein können, dass ihr mehr hinein interpretieren könnt, als ich ... dennoch danke für´s Bemühen.

BeitragVerfasst: So 19. Sep 2004, 19:53
von Stalker
Ich denke Fried war Gegner der Todesstrafe.

BeitragVerfasst: Mo 20. Sep 2004, 19:25
von Wombat
Eine Musteranalsye:

Das Gedicht will etwas Definieren.
Und zwar will es definieren was ein Mensch ist.
Alles was stirbt, alles was sich seiner Sterblichkeit bewusst ist, und alles was seine bewusste Sterblichkeit mitteilen kann, ist nach dieser Definition ein Mensch.
Egal was, alles was diese drei Eigenschaften besitzt, ist als vollwertiges menschliches Leben anzusehen, selbst wenn es sich dabei um einen Hund handeln sollte.
Zu Erwähnen sei hier, dass Frieds Eltern Juden waren und daher von der Ideologie der Nazis nicht als menschliches Leben eingestuft wurden.
Fried wendet sich gegen diese Ideologie, die intelligentes Leben herabsetzt, durch eine Egalität, dass "Mensch" nicht nach äußeren Umständen, wie Ethnik oder Rasse (nicht einmal Spezies) zu beurteilen ist, sondern nur durch sein Grad an Bewusstsein.
Egalität, ist hier ein gutes Schlagwort. Fried war wohl links gerichtet. Er konnte sich für die Ideologien des Kommunismus bzw. Sozialismus erwärmen (Gleichheit aller Menschen)

(Dank an den Verfasser dieses Textes!)

BeitragVerfasst: Mo 20. Sep 2004, 19:28
von Maurice
Naja so toll find ich den Text aber nicht :shy: ...
Ist wohl Geschmackssache.

BeitragVerfasst: Mo 20. Sep 2004, 19:31
von Wombat
Also ehrlich gesagt, besser als alles, was ich bis dahin gehört habe!

BeitragVerfasst: Mo 20. Sep 2004, 21:01
von Stalker
Also, ich finde die Musteranalyse, doch ganz logisch und einleuchtet. Kennst du den Typ, die Typin persönlich? Muss jemand sein, der einen scharfen Verstand, und ein Gespür für Sprache hat.

BeitragVerfasst: Mo 20. Sep 2004, 23:51
von Traitor
Diese "Musteranalyse" (ein blöder Begriff schon an sich, übrigens...) halte ich wie Maurice nicht für sonderlich gelungen. Denn sie ist ein typisches Beispiel einer Interpretation, die mehr interpretiert, als im Text steht. Denn das "alles was diese drei Eigenschaften besitzt, ist als vollwertiges menschliches Leben anzusehen, selbst wenn es sich dabei um einen Hund handeln sollte." steht so nicht im Text, es wird konkret vom Hund geredet.
Und ein Hund kann durchaus verschiedene Bedeutungen haben: er kann für "das allerletzte" stehen, wie es die "Musteranalyse" festsetzt, kann aber auch für bestimmte Arten unlebenswerten Lebens stehen, für Unterwürfigkeit, usw.

Ich bleibe dabei, das Gedicht ist zu kurz und unklar, als dass man es im eigentlichen Sinne klar interpretieren könnte, man kann nur Elemente und Möglichkeiten aufzeigen und diese, was wohl leider nötig ist, mit der Autorenbiographie verbinden. Eine so absolutheitsansprucherhebende und gleichzeitig sowohl verkürzende als auch überinterpretierende Analyse wie das "Muster" gibt der Text nicht her.

BeitragVerfasst: Di 21. Sep 2004, 00:14
von Stalker
Das Gedicht heißt "Definition", also kann man wohl annehmen dass es sich um eben eine solche handelt, um eine Definition.
Fast man das Gedicht zusammen erhält man die Aussage "Ein Hund, ist ein Mensch". Nun wissen wir, dass ein Hund kein Mensch ist. (erste Stufe Antrophologie)
Die Frage ist also, wie kann etwas, dass kein Mensch ist, ein Mensch sein? Die Antwort, in dem man den Begriff Mensch derart abstrahiert, so dass man eine Definition für Mensch erhält die über die Artengrenze hinaus reicht. Und genau das wird im Gedicht getan.
Die Definition für Mensch, ist der Ordnungsgrad des Bewusstseins. "Menschlickeit" ist von "Mensch" unabhängig, oder anders formuliert, alles kann ein Mensch sein.

Die Anwendung autobiographicher Elemente ist meines Erachtens legitim. Auch wenn sich die ganze Analyse nicht darauf stützen sollte, vielmehr sollten autobiographische Aspekte eine zusätzliche Option bieten.

BeitragVerfasst: Di 21. Sep 2004, 00:45
von Traitor
Diese "anthropologische" Interpretation ist aber eben nur eine mögliche. Genauso kann man das Gedicht sozusagen von hinten her interpretieren, wie ich es in meinem ersten Versuch getan habe: es ginge demnach nicht darum, aus einer Bedingung einen Menschenbegriff zu entwickeln, sondern darum, den Menschenbegriff auf eine Bedingung zu dekonstruieren.

Für beide Ansätze gibt es Argumente. Der Ansatz des anonymen Musteranalysators deckt sich besser mit dem Titel des Gedichts, hat dafür das Problem, nicht erklären zu können, warum der Menschenbegriff sich auf ein solches Teilelement wie die Sterblichkeit beschränken sollte, was mein Ansatz elegant umgeht, der dafür wiederum leichte Probleme mit der Autobiographie hat, allerdings wieder einen Vorteil, wenn es um die Erklärung der Wahl des Hundes als Beispiel geht. Und so weiter und so fort.

BeitragVerfasst: Di 21. Sep 2004, 01:10
von Wombat
Eine Musteranalyse besagt nicht, dass es perfekt ist, sondern dass es eben nur ein Beispiel (so habe ich es wenigstens mit dem Wort gemeint). Diese wurde in der oder ähnlichen Form in der Schule vorgetragen und der Lehrer war begeistert.
Bei Interpretationen kommt es eben immer auf den Betrachter an.