Spanische Literatur

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Padreic
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So 3. Okt 2004, 14:19 - Beitrag #1

Spanische Literatur

Es ist mir erst neulich aufgefallen, wie unbekannt spanische Literatur in Deutschland ist. Ich selbst habe erst zwei spanische Bücher gelesen, wenn ich richtig gezählt habe ('Schatten des Windes' von Zafon und 'Criticon' von Gracian). Von den Klassikern der spanischen Literatur ist eigentlich auch nur wenig mehr bekannt als Cervantes' Don Quixotte und selbst von diesem kennt man meist nur den Kampf gegen die Windmühlen, selbst der Autorenname wird vielen nicht sagen.

Anbetrachts dessen habe ich mich in den letzten Wochen ein wenig mit dem Siglo de Oro, der spanischen Klassik beschäftigt, die im 16. und 17. Jahrhundert ihren Platz fand. Besonders das Theater blühte zu dieser Zeit auf. Autoren die wie DeVeda, Moreto, Calderon und andere schrieben zu dieser Zeit sehr viele Stücke (deVeda soll angeblich sogar 1500 zu Papier gebracht haben), besonders Calderon (bekanntestes Stück: Das Leben ein Traum) soll dabei auch eine hohe literarische Größe erreicht haben und wurde auch in der deutschen Romantik geschätzt, teilweise sogar in einem Atemzug mit Shakespeare genannt.
Auffällig ist die Verquickung von Kirche und Literatur. Fast alle großen Schriftsteller des Siglo de Oro nahmen irgenwann katholische Weihen an, was sie aber nicht daran hinderte, weiter weltliche Literatur zu schreiben, obwohl das der Kirche zuweilen sehr missfiel, bis sie schließlich Mitte des 17. Jahrhunderts sogar ein Verbot für nicht-historische Komödien erließ. Viele schrieben auch geistliche Stücke, besonders auch Calderon.

Kennt ihr euch mit spanischer Literatur vielleicht besser aus, habt vielleicht gar schon einige Stücke des Siglo de Oro gelesen? Oder könnt ihr euch erklären, warum die spanische Nationalliteratur hierzu Lande sehr viel unbekannter ist als die englische, französische oder auch russische?

Padreic

Traitor
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So 3. Okt 2004, 14:50 - Beitrag #2

Interessante Beobachtung, und ich habe auch selber bisher keinerlei spanische "Literatur" gelesen, lediglich mal etwas modernes im Spanisch-Unterricht (dann aber immerhin eben auch auf Spanisch, lang ist's her...) und in meiner Kindheit Nacherzählungen von Don Quixotte, den Columbus-Tagebüchern und ähnliches, was aber natürlich keine spanische Literatur ist.

Der entscheidende Punkt ist vermutlich: Spanien hat keinen Ruf als Kulturland. In der Nachkriegszeit kannte man Spanien vor allem als wirtschaftlich stark zurückgebliebenes Land, in das man lediglich in Urlaub fährt und das fast schon als dritte Welt betrachtet wurde. Dieser Gegensatz hat sich erst in den letzten Jahrzehnten aufgehoben.
Und von solch einem Land erwartet niemand große Literatur - höchstens noch Bürgerkriegsmemoiren, die liest man ja auch aus echten Dritte-Welt-Ländern (und vergibt sogar Nobelpreise dafür :o ).

Frankreich und England dagegen sind im deutschen Verständnis gleichberechtigte Nachbarn, deren kulturelle Erzeugnisse man dann auch viel stärker wahrnimmt.
Bei den russischen Autoren liegt die Sache nochmal etwas anders, diese kommen mir in der allgemeinen Wahrnehmung als etwas von Russland losgelöst vor, vermutlich auch, weil im Gegensatz zu Englisch und Französisch niemand sie im Original liest und sie damit eher als deutsche Literatur mit exotischen Autorennamen und Schauplätzen wahrnimmt.

Padreic
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Mo 4. Okt 2004, 18:55 - Beitrag #3

Interessanterweise gibt es aber durchaus sowohl in gewissem Maße populäre als auch literarisch wertvolle Literatur aus Lateinamerika, insbesondere vom Hernn Marquez.
Das mit dem Urlaubsland ist sicher ein bedenkenswerter Punkt. Bei Italien liegt die Sache ja auch nicht so viel besser...was kennt man aus den letzten 500 Jahren italienischer Kultur denn außer Eco? Frankreich ist zwar auch ein Urlaubsland, aber es ist jedem bewusst, dass es ein sehr vielfältiges Land ist, das sich im Urlaubsland-Sein nicht erschöpft.
Russische Literatur ist schon spezifisch russisch, jedenfalls Dostojevski, mit anderer kenne ich mich nicht so aus. Die ganzen Charaktere, Verhaltensweisen etc. Du könntest aber recht haben, dass man sie nicht so mit Russland in Verbindung setzt, jedenfalls nicht mit dem Russland des 20. oder 21. Jahrhunderts, sondern eher mit einem halb verklärten alten Russland, mit der russischen Schwermut, der russischen Religiösität etc.

Da mir neulich eine Liste aller Literaturnobelpreisträger in die Hände gefallen ist und es ja hier um Nationalliteraturen geht, poste ich hier mal eine kleine Aufschlüsselung nach wichtigsten Ländern (die ,5er kommen von den Jahren, wo es zwei Nobelpreisträger gab):
Frankreich: 12
USA: 10
UK: 10
Deutschland: 7,5
Italien: 6
Schweden: 5,5
Spanien: 4,5
Polen: 4
Russland: 4
Norwegen: 3

Man sieht, die Nobelpreisfrequenz steht nur in geringem Zusammenhang mit der Bekanntheit einer Nationalliteratur...insbesondere wenn man noch berücksichtigt, dass selbst Trinidad&Tobago zwei Nobelpreise bekommen hat.

Padreic

janw
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Mi 27. Okt 2004, 00:30 - Beitrag #4

Mir sind einige der genannten dem Namen nach geläufig, besonders Calderon und natürlich Miguel Cervantes de Saavedra.
Don Quixote habe ich mir mal vorgenommen, bin allerdings aus irgendeinem Grunde gestrandet, bis zum nächsten Winter mit viel Zeit...
Das Buch hat aber durchaus mehr zu bieten als vergebliche Kämpfe, es ist letztlich auch ein Buch über eine Fernbeziehung.
Sehr zu empfehlen!


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