Utopie

Die Faszination des geschriebenen Wortes - Romane, Stories, Gedichte und Dramatisches. Auch mit Platz für Selbstverfasstes.
Spike
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Sa 9. Okt 2004, 13:24 - Beitrag #1

Utopie

Hallo Leute,

ich bin Germanistik- und Anglistikstudent und stehe kurz vor meinem Examen. Als ein Prüfungsteilgebiet in Anglistik habe ich das Thema "Utopia and Dystopia" angegeben. Bei meiner Recherche nach Literatur, die ich noch nicht gelesen habe, bin ich über eure Seite gestolpert. Leider sind die Beiträge zur Utopie ein wenig alt (2002) und die meisten der besprochenen Bücher habe ich schon gelesen. Hätte einer von euch vielleicht Lust und die Zeit mir zu schreiben, was er so zurzeit liest, das in diese Ecke passt? Wäre echt nett!

Spike

Maglor
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Mo 11. Okt 2004, 15:26 - Beitrag #2

Ich hab letztes Jar die Utopia von Thormas Morus und Neu-Atlantis von Francis Bacon gelesen. Beides sind englische Autoren, allerdings mit lateinischen Originalen, aber das sollte kein Grund sein sie zu übergehen; es gibt ja bekanntermaßen Übersetzungen.
MfG Maglor

Spike
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Mo 11. Okt 2004, 22:44 - Beitrag #3

@ Robert

Hey Robert,

danke für Deine Anregungen. Utpia von Morus habe ich mir vor ein paar Tagen ausgeliehen und wollte es bald lesen. Von dem Buch von Bacon habe ich noch nie etwas gehört. Werde versuchen, es zu bekommen. Wie fandst Du es? Ist es gut (im Vergleich mit anderen Utopien)?

Gruß,
Spike

Maglor
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Di 12. Okt 2004, 12:58 - Beitrag #4

Neu-Atlantis ist auf jeden Fall ganz anders als Utopia. Hier findet sich zum Beispiel eine Moonarchie und starke Einschläge durch die christliche Mythologie, im Gegensatz zum deistischen Utopia.
Witzig ist das solche Sachen wie die Sintflut und so was eingebaut werden. Auch gelten die Bewohner von Neu-Atlantis als 13 Stamm Israels und so weiter.
Die selbe Richtung geht auch der "Sonnenstaat" von Campanella. Ebenso gilt "1984" als Utopie der Neuzeit, wenn gleich eindeutig negativ konnotiert. Wichtig wäre natürlich auch noch die "civitas dei" von Augustinus und die sogenannte Utopie des Plato, deren Titel mir leider entfallen ist.
MfG Maglor

Padreic
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Di 12. Okt 2004, 15:02 - Beitrag #5

Du meinst wohl den Gerechtigkeitsstaat, der in der Politeia von Platon aufgebaut wird. Von einem theoretisch fundierten Modell der Gerechtigkeit ausgehend, skizziert Platon einen hierarchisch gegliederten Staat, an dessen Spitze ein Philosoph steht. So mancher Punkt davon klingt in unseren heutigen Ohren allerdings auch eher erschreckend...

Ich habe noch Brave New World und Fahrenheit 451 gelesen. Aber die dürften eh zu den bekanntesten Standardsachen gehören.

Padreic

Spike
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Do 14. Okt 2004, 16:38 - Beitrag #6

Da klingt alles echt interessant! Ich denke, ich werde mir Plato zuerst anschauen; hoffentlich ist sein Werk noch erhältlich. Darauf kann ich dann aufbauen und die nachfolgenden Bücher mit ihm vergleichen. Danke für die Tipps!

MfG

Spike

Spike
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Mi 20. Okt 2004, 22:23 - Beitrag #7

Wie würdet ihr Utopie eigentlich definieren bzw. nach welchen Kriterien würdet ihr Utopie von Science Fiction unterscheiden?

MfG,
Spike

Traitor
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Do 21. Okt 2004, 18:49 - Beitrag #8

Solche Definition sollten doch eigentlich in deinem Studium vorgekommen sein, oder? ;)

Allgemein könnte man die Utopie als "Social Fiction" bezeichnen. Sie fällt in fast allen ihren Charakteristika klar in den Bereich der Science Fiction, eine Unterscheidung ist also nicht angebracht, eher eine Abgrenzung. SF allgemein beschäftigt sich mit der Fortschreibung realer Entwicklungen und/oder dem Aufzeigen von Alternativentwicklungen. Das gleiche leistet eine Utopie, jedoch mit stärkerem Fokus auf eine komplette Gesellschaft als die meiste SF, die sich eher auf Handlungen und Einzelschicksale konzentriert. Die Personen und Handlungen utopischer Literarur sind deshalb auch immer stark exemplarisch gehalten.
Unter diesem Kriterium reichen auch viele üblicherweise als typische SF klassifizierte Werke bis zu einem gewissen Grad in die utopische Literatur hinein, etwa Asimovs Foundation oder Herberts Dune.

Eine weitere Frage ist dann die nach Utopie und Dystopie. Die übliche Unterscheidung "Utopien beschreiben wünschenswerte Gesellschaften, Dystopien fürchtenswerte" greift eindeutig zu kurz, da auch viele eigentliche Utopien durchaus kritische Elemente enthalten. Deshalb bin ich der Ansicht, dass das beiden Formen gemeinsame Ziel ist, Fehler der derzeitigen Gesellschaft aufzuzeigen. Die eine, indem sie droht, was daraus erwachsen könnte. Die andere, indem sie zeigt, was man verbessern könnte, aber ebenso, dass auch dies neue Fehler bringen kann. Die typische Utopie hat keinen Heilsanspruch.

Spike
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Do 21. Okt 2004, 20:38 - Beitrag #9

@Traitor

Habe ja nicht gesagt, daß solche Definitionen nicht in meinem Studium vorgekommen sind...;-)

Meine Frage hatte aber folgenden Hintergrund: Wie bei der Science Fiction, die man im Laufe der Jahre seit ihrer Entstehung (in Europa) als "voyage imaginaire", "roman scientifique", "Zukunftsroman" etc. bezeichnete, so habe ich auch bei der Definition der Utopie bzw. Dystopie verschiedene Definitionen bzw. Entwicklungen in den Definitionen festgestellt und wollte wissen, welche denn wohl bei "Euch" dominiert. Mit Deiner sehr ausführlichen Darstellung (dafür an dieser Stelle besten Dank!) hast Du genau die Definition gegeben, die mir am häufigsten begegnet ist, und im Kern auch seit Anbegin so existiert.

Ich finde es dennoch schwierig, und das hast Du in Deinem Beitrag auch angedeutet, manche Romane vorzugsweise einem der beiden "Typen" (SciFi und Utopie/Dystopie) zuzuordnen. Ist beispielsweise Dicks "Do Androids Dream..." eher zu dem einen oder dem anderen Typ zu rechnen?

MfG
Spike

Traitor
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Do 21. Okt 2004, 22:55 - Beitrag #10

Zu dem Buch kann ich mittels Kenntnis wenig sagen... wenn ich da jetzt nichts durcheinanderwerfe, ist das aber die Vorlage zu "Blade Runner", und den würde ich ebenfalls als typischen Grenzfall einstufen: einerseits geht es stark um die Welt- bzw. Gesellschaftsbeschreibung, andererseits auch viel stärker um ein ganz individuelles Problem, als das bei den symbolhaften Protagonisten von 1984 oder BNW der Fall wäre.

Maglor
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Fr 22. Okt 2004, 11:39 - Beitrag #11

Utopien sind nicht zwangsläufig Science-Fiction, nicht einmal Ansatzweise ist die Utopia des Morus Sci-Fi, da in keinster Weise technischer Fortschritt eine Rolle spielt. Anders allerdings schon bei Neu-Atlantis, wo es schon eine Rolle spielt.
Die ersten Utopien spielten grundsätzlich auf fremden Inseln, die ja zu jener Zeit zu Hauf und ständig entdeckt wurden. Häufig gibt es daher Gattungsüberschneidungen mit den Robinsonaden. Sprich gewöhnlicher Mensch Europas landet auf der Wunderinsel.
Wie Traitor sagt, ist die Utopie eigentlich grundsätzlich eine positive Sache. Der Staats- und Gesellschaftsentwürfnis bildet eines das wichtigsten Gattungsmerkmal. (Dies spielt in Frank Herberts Roman wohl eine untergeordnete Rolle, obgleich die Vision eines Gen-Adels als Führungsschicht durchaus solche Züge trägt.)

MfG Maglo

Traitor
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Fr 22. Okt 2004, 15:52 - Beitrag #12

Utopien sind nicht zwangsläufig Science-Fiction, nicht einmal Ansatzweise ist die Utopia des Morus Sci-Fi, da in keinster Weise technischer Fortschritt eine Rolle spielt.
Spike lieferte bereits das Stichwort der "voyage imaginaire". Dieses Genre wird teils als große Inspirationsquelle der SF, teils sogar als eine Frühform, gewertet. Morus hat also durchaus gewisse Verbindungen zur SF - oder, besser ausgedrückt, diese zu ihm.
Zudem ist technischer Fortschritt auch für moderne SF kein notwendiges Kriterium, im Bereich der Parallelweltromane gibt es durchaus genügend, die komplett ohne ihn auskommen. Generell kann man sagen: SF spielt in einer ähnlichen Welt wie der unseren, getrennt durch Raum, Zeit oder "Dimensionen" (in dieser Aufreihung fällt die Absurdität des Wortes besonders schön auf :D). Die Abgrenzung zur Fantasy liegt dann da, wo die Welten anders funktionieren als die unsere.

Nachtrag zu Dune: Die Beschreibung des neuen Feudalismus, von dem der Genadel ja nur ein Element ist, hat durchaus weitgehende sozialbeschreibende Qualitäten. Allerdings geht die Bedeutung dieses Themas im Verlauf der Bücher zurück.

Spike
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Mo 8. Nov 2004, 20:24 - Beitrag #13

Hey,

hat leider ein wenig länger gedauert, bis ich wieder antworten konnte. Sorry! Habe dem was ihr geschrieben habt aber eigentlich auch nicht mehr viel hinzuzufügen. Die Diskussion hat mir aber deutlich gezeigt, daß ich nicht alleine bin mit der Auffassung, daß SciFi, Utopie und Dystopie (oft) nicht einfach voneinander zu unterscheiden sind bzw. manchmal eine eindeutige Zuordnung nicht möglich ist.

Spike


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