Franz Kafka

Die Faszination des geschriebenen Wortes - Romane, Stories, Gedichte und Dramatisches. Auch mit Platz für Selbstverfasstes.
Milena
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Do 17. Feb 2005, 19:54 - Beitrag #1

Franz Kafka

...ich möchte hier einmal Franz Kafka vorstellen, erwähnen...
von ihm gehört hat bestimmt schon jeder von Euch..,
bis heute frage ich mich, wie kann man nur auf einen
Georg Samsa in `die Verwandlung` kommen....
lag es wirklich nur an einem Vater-Sohn-Konflikt..
bis heute bin ich fasziniert von diesem hochsensiblen Schriftsteller...
ich möchte ihn ein wenig beschreiben an einem Beispiel
von Milena Jesenska, einer Freundin von Franz,
von der er sagte:" Sie ist ein lebendiges Feuer,wie ich es noch nie
gesehen habe"....
ein Brief von Milena an Max Brod...:
`Die einfachste Sache auf der Welt versteht er nicht.
Waren Sie einmal mit ihm in einem Postamt?
Wenn er ein Telegramm stilisiert und kopfschüttelnd ein Schalterfensterchen sucht, das ihm am besten gefällt, wenn er dann, ohne im geringsten zu begreifen, warum und weswegen, von einem Schalter zum nächsten wandert, bis er an den richtigen gerät, und wenn er zahlt und kleingeld zurückbekommt,findet,dass man ihm eine Krone zu viel herausgegeben hat,
und gibt dem Fräulein hinter dem Fenster die Krone zurück.
Dann geht er langsam weg, zählt nochmals nach
und auf der letzten Stiege unten sieht er nun, dass die zurückerstattete
Krone ihm gehört hat.
Nun, jetzt stehen sie ratlos neben ihm, er tritt von einem Fuss auf den anderen und denkt nach, was zu tun wäre.
Zurückgehen, das ist schwer, oben drängt sich ein Haufen von Menschen.
"Also, lass es doch sein", sage ich.
Er schaut mich ganz entsetzt an.
Wie kann man es lassen?
Nicht dass ihm um die Krone leid wäre. Aber gut ist es nicht.
Da ist um eine Krone zu wenig. Wie kann man das auf sich beruhen lassen?
Er hat lange darüber geredet.War mit mir sehr unzufrieden.
Und das wiederholte sich in jedem Geschäft,
in jedem Restaurant, bei jeder Bettlerin, in verschiedenen Variationen.
Einmal hat er einer Bettlerin Zwei Kronen gegeben und wollte eine Krone heraushaben. Sie sagte, dass sie nichts habe. Wir sind gut zwei
Minuten dagestanden und haben darüber nachgedacht,wie wir die Sache durchführen sollten.
Da fällt ihm ein, er könnte ihr beide Kronen lassen.
Aber kaum hat er ein paar Schritte gemacht, wird er sehr verdriesslich.
.....Seine Bücher sind erstaunlich. Er selbst ist viel erstaunlicher.
Aber Frank kann nicht leben. Frank hat nicht die Fähigkeit zu leben.
Frank wird nie gesund werden.

Snake Charmer
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Sa 26. Feb 2005, 23:15 - Beitrag #2

Ja, Kafka ist mittlerweile auch zu einem meiner Lieblingsschriftsteller avanchiert. Angefangen hat es bei mir - wie wohl bei vielen - mit der "Verwandlung". Und ich kenne keinen weiteren Autor, der in seinen Werken diese absolut einzigartige Atmosphäre, aufkommen lässt. Ist wohl das, was man als "kafkaesk" bezeichnet.
Das Geheimnis liegt wohl einerseits darin, dass das Absurde, Verstörende, "Krankhafte" von den Protagonisten als alltäglich und gewöhnlich wahrgenommen wird. Ich denke da nur an "Das Schloss" wo der Held die (sehr) befremdlichen Zustände, die zwischen Schloss und Dorf herschen, als selbstverständlich hinnimmt und ,anstatt abgeschreckt das Weite zu suchen, sogar noch versucht ein Teil der Gesellschaft zu werden.
Andererseits hält das Absurde bei Kafka auf subtile Weise Einzug in "unsere" Welt, es verbirgt sich hinter dem Alltäglichen, (bei dem "Prozess" z.B. unter gewöhnlichen Dachböden) dem Banalen - was wohl ein weiterer typischer Aspekt des "Kafkaesken" sein dürfte.
Zu der Aussage dass Franz K. nicht lebensfähig gewesen sein soll, passt imo seine eigene Meinung, der Schriftsteller nähme nicht am (gesellschaftlichen) Leben teil, sondern gäbe es nur durch seinen voyeuristischen Blickwinkel wieder.

Milena
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So 27. Feb 2005, 20:25 - Beitrag #3

ja Snake Charmer, vielleicht ist es auch das Los der `schreiben-müssenden Menschen`, nicht wahrhaftig am Leben teilzunehmen, dieses Leben wie von aussen vor nur betrachten zu können.
Wie auch Dostojewskij so gar nicht seine Umwelt, sprich die Infrastruktur Russlands beschrieben hat, weil diese Umgebung in Form von Gebäuden etc ihn gar nicht interessiert hat, sondern lediglich den Menschen an sich spannend fand, seine Bewegungen, seine Mimik, sein Gefühl, seine Regungen.
Und vielleicht bedarf es auch des Sichzurückziehens, um wirklich authentisch, gefühlvolle, wirklichkeitsnahe Romane schreiben zu können,
lebensfähig nur dann sein zu können, in Momenten ihrer Einsamkeit, ihres Alleinseins mit sich selbst und ihrer Gedankenwelt und mit dem Leben an sich, nur sehr schwer zurecht kamen.

Ipsissimus
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Fr 11. Mär 2005, 16:33 - Beitrag #4

Kafka begann für mich mit der "Egge", eine Kurzgeschichte, die mich damals tief erschütterte, weil ich mit 16, 17 Jahren nicht wirklich glauben mochte, was Menschen einander so anzutun vermögen. Die anderen Elemente seiner Prosa, das subtile Grauen an und inmitten der Normalität, sind für mcih eher ... eigenes Lebensgefühl. ich mußte lange darum kämpfen, ehe ich der Normalität des Alltags einigermaßen gelassen ins Auge blicken konnte; insofern hat Kafka etwas formuliert, was meinem unmittelbaren Erleben entsprach. Kein Wunder, daß ich von ihm eingenommen bin, obwohl ich glaube, daß es schwierig ist, mir jedenfalls schwer fällt, seine Literatur im eigentlichen Sinne zu "mögen".

Milena
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Fr 11. Mär 2005, 17:17 - Beitrag #5

ja das Herz und die Seele lassen sich manchesmal von nicht immer Erfreulichem, von manchem Schweren und auch Traurigem im Leben berühren,
und gerade das sind die Dinge, die mitunter den Menschen bewegen und ganz tief treffen, ohne jemals in der Lage zu sein, sie verstehen und begreifen zu können und dann liest man nur, und es ist, als würde man seine ganz eigene Geschichte gerade lesen, und genau das ist die Verbundenheit,
zu einem Autor, jedenfalls für mich, das es ausmacht,
gerade vielleicht jenes lesen zu können,
das man nur bereit war zu denken...

Milena
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Mi 16. Mär 2005, 08:05 - Beitrag #6

@Ipsi, meinst Du mit der `Egge`eigentlich `In der Strafkolonie`, wobei es um eine Egge geht? das habe ich erst neulich gelesen,sehr bildreich beschreiben,so bildreich,dass ich es nicht mehr aus meinem Kopf bekomme.
Über die Wirkung des Schriftstellers und seines Schreibens sagte Kafka selbst:
`Er ist der Sündenbock der Menschheit, er erlaubt den Menschen eine Sünde
schuldlos zu geniessen, fast schuldlos.`

Ipsissimus
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Mi 16. Mär 2005, 10:31 - Beitrag #7

huch, ja, "In der Strafkolonie" ist gemeint, sorry

Milena
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Mi 16. Mär 2005, 13:25 - Beitrag #8

macht doch nichts, wir sind alle doch Menschen, die zu reden es verstehen..;)

janw
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Mo 28. Mär 2005, 11:23 - Beitrag #9

ja Snake Charmer, vielleicht ist es auch das Los der `schreiben-müssenden Menschen`, nicht wahrhaftig am Leben teilzunehmen, dieses Leben wie von aussen vor nur betrachten zu können.
Wie auch Dostojewskij so gar nicht seine Umwelt, sprich die Infrastruktur Russlands beschrieben hat, weil diese Umgebung in Form von Gebäuden etc ihn gar nicht interessiert hat, sondern lediglich den Menschen an sich spannend fand, seine Bewegungen, seine Mimik, sein Gefühl, seine Regungen.
Und vielleicht bedarf es auch des Sichzurückziehens, um wirklich authentisch, gefühlvolle, wirklichkeitsnahe Romane schreiben zu können,
lebensfähig nur dann sein zu können, in Momenten ihrer Einsamkeit, ihres Alleinseins mit sich selbst und ihrer Gedankenwelt und mit dem Leben an sich, nur sehr schwer zurecht kamen.

Sehr gut beschrieben, Milena!
Solches Erleben ist mir nicht ganz fremd, genau hatte ich es, als ich so um die 17-19 war und für eine Schülerzeitung schrieb, durchaus mit journalistischem Anspruch, und um ein Verständnis der Welt ringend, die widersprüchlich mir erschien, mit Menschen, die anders taten als sie zu wollen vorgaben.
So stellte ich mich außerhalb, beobachtete das Treiben und merkte doch, daß ein wirkliches außerhalb es nicht gibt, nur Stufen des innerhalb mit wechselnder Beachtung des eigenen Selbst.

Doch dies nur nebenbei, zur Unterstreichung der These.

Snake Charmer
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Di 29. Mär 2005, 01:49 - Beitrag #10

Interessanterweise interpretierte der Dozent in einer Vorlesung, die ich letztes Semester besucht habe, die Geschehnisse in der "Verwandlung", dem "Schloss" sowie im "Prozess"-Roman allesamt als Manifestation des Unterbewusstseins.
So ist das Gericht des "Prozess"-Romans hier nichts anderes als das subtile und omnipräsente Schuldbewusstsein des Josef K., was auch dessen
"unwahrscheinliche" Anwesenheit unter Dachböden erklärt. Der erste Hinweis darauf findet sich gleich zu Beginn, als Josef K. die Wächter selbst in sein Schlafzimmer hereinlässt und sie somit akzeptiert, das heißt, den "Prozess" gegen sich selbst eröffnet.
Die Interpretation war in sich absolut schlüssig, jedoch widerstrebt sie mir aus irgendeinem Grund, keine Ahnung warum... Vielleicht nimmt sie mir einfach zu viel von Kafkas ziemlich morbidem, aber dennoch einzigartigem "Zauber", jenem subtilem Grauen eben, das hier schon erwähnt wurde. Wie denkt ihr darüber?

Traitor
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Di 29. Mär 2005, 11:18 - Beitrag #11

Ich stehe derartigen geschlossenen Interpretationen ähnlich skeptisch gegenüber. Das Problem ist, dass sie sich zu fast jedem Buch finden lassen, da Interpretation nunmal ein Handwerk ist, das es sehr leicht hat, sich sein Untersuchungsobjekt so zurechtzubiegen, dass die Arbeitshypothese am Ende funktioniert. ("Man gebe mir eine zufällige These und ein zufälliges Buch, und ich werde eine schlüssige Interpretation schreiben" könnte sicher ein berühmtes Zitat eines berühmten Literaturwissenschaftlers sein, übersteigert ausgedrückt ;) ).
Die Deutung der Verwandlung, die mir am meisten zusagt, da sie am ehesten zum Ausdruck bringt, was ich am Werk interessant fand, ist die, die es als "Was-wäre-wenn-Spiel" ansieht. Wie reagieren der Betroffene und die Gesellschaft um ihn, wenn soetwas Absurdes geschieht?
Der Einfluss der Biographie ist sicherlich auch beachtenswert, jedoch sehe ich stärker autoren- als werksbezogene Interpretationen besonders skeptisch, da sie in meinen Augen dem Werk seine Faszination fast zur Gänze rauben.
Zu anderen Kafkas kann ich nichts sagen, da ich bisher nur diesen einen gelesen habe, irgendwann soll aber ruhig auch nochmal mehr folgen.

Ipsissimus
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Di 29. Mär 2005, 11:34 - Beitrag #12

wenn auch unbewußte Phänomene bei (dem Menschen) Kafka eine Rolle spielen und daher auch in das Werk eingeflossen sein mögen, erklärt sich mir die Faszination seiner Literatur sehr viel unmittelbarer über ein darin zu Tage tretendes Weltempfinden, eine Verbindung eines Weltbildes mit einer Gemüts- und Gefühlslage. Das, was Sartre etwas später als das "Da sein" mit Ekel assoziieren wird und Heidecker mit seinem "in die Welt geworfen sein" aufgreifen und mit Ohnmacht verknüpfen wird - das Gefühl des Bedroht- und Ausgeliefertseins inmitten der anscheinenden Ordnung der Normalität.

Möglicherweise ist dieser Bezug nur für Personen wirklich nachvollziehbar, denen diese Gemüts- und Gefühlslage selbst zu eigen ist. Kafka hat jedenfalls mit seinen Schilderungen wesentliche Aspekte meiner eigenen Befindlichkeiten mit einer derart unheimlichen Präzision wiedergegeben, daß mir allenfalls zu fragen bleibt, ob darüber hinaus weitere Deutungselemente vorhanden sein mögen; mir reicht jedenfalls schon diese Kongruenz

Milena
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Do 31. Mär 2005, 06:44 - Beitrag #13

..die zufälligste Berührung, ein Buch, das man in einem Buchladen aufschlägt, Unbekanntschaft bis auf den Namen-und der plötzlich redende Instinkt, hier einem Verwandten begegnet zu sein-...


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