Der Kurzgeschichten-Thread

Die Faszination des geschriebenen Wortes - Romane, Stories, Gedichte und Dramatisches. Auch mit Platz für Selbstverfasstes.
Bauer-Ranger
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So 3. Apr 2005, 18:58 - Beitrag #1

Der Kurzgeschichten-Thread

Hallo,

nun, es gibt hier bestimmt den ein oder anderen, der Kurzgeschichten schreibt, oder? Ich finde, wir können die doch hier einfach mla posten und etwas darüber diskutieren, oder eben auch nicht ;)
Ich fang einfach mal an:

In der ersten Stunde hatten wir Mathe. Der erste Schultag nach den Ferien begann eigentlich wie immer. Auch die Lehrerin unseres Kurses war nicht da und so hatten wir wieder mal mit dem anderen Leistungskurs zusammen. Die Lehrerin des anderen Kurses ist sehr gläubig, und sie sieht sich als von Gott gesegnet an, als eine, die in Gottes Gunst steht. Deswegen hat sie auch immer recht. Sie hat die absolute Wahrheit gepachtet. Nebenbei bemerkt ist das von ihr eine falsche Auslegung des Christentums, sie hat eben keine Ahnung von ihrem Glauben. Aber ich hab sie ja nicht, deswegen gab es da bisher mit mir noch keine Konfrontationen.
Die Stunde begann nicht wie immer, da wir keine Hausaufgabe verbessern konnten, denn es waren ja Ferien. Sie hat dann noch ein bisschen Organisatorisches erzählt und dann kam eine Durchsage vom Direktor: „Angesichts der schrecklichen Tatsache, dass unser von uns geliebter Papst gestorben ist, möchte ich alle Schülerinnen und Schüler, sowie alle Lehrkräfte dazu auffordern, eine Schweigeminute um 9.30Uhr einzulegen. Die Schweigeminute beginnt jetzt!“
Ich war schockiert. Es wurde auf einmal ganz still. Ich konnte die Stille nicht ertragen und hielt mir die Ohren fest zu. Die Lehrerin sah das sofort und schaute total grimmig. Alle anderen 23 Schülerinnen und Schüler haben ihr Haupt gesenkt, einige legten die Hände so zusammen, als ob sie beten würden. Die Lehrerin schaute immer grimmiger. Ich sah ihr an, dass sie nicht um den Papst trauerte, sie dachte über die Predigt nach, die sie mir gleich halten wird. Ein unchristliches Verhalten, schließlich war die Schweigeminute nicht mir gedacht, sondern dem verstorbenem Papst. Anscheinend war sich die Lehrerin dieser Tatsache nicht bewusst und grübelte weiter an ihrer Predigt, oder muss ich sagen: an meiner Predigt? Auf diese war ich sehr gespannt, denn ich halte mein Verhalten nicht für falsch. Der Papst hat mir nicht sonderlich viel gegeben, aber es geht nicht um den Papst. Er war eine Person, die Respekt verdient hat, auch den Respekt von mir. Um was es mir eigentlich geht ist die Tatsache, dass ich hier schon wieder, zum wiederholten male zur Religion gezwungen werde, von der ich nicht sonderlich viel halte. Wollen die mich auf diesem Wege missionieren? Diese Schweigeminute war auf jeden Fall nichts anderes als die Ruhe vor dem Sturm.
„So, die Minute ist um. In der ersten Pause und der gesamten dritten Stunde findet im Forum ein Gedenkgottesdienst statt, an dem alle Schülerinnen und Schüler teilnehmen. Ich bitte sie um pünktliches Erscheinen!“ tönte es aus dem Lautsprecher. Die Stimme des Direktors war ruhig, traurig, durchaus gespielt traurig. Ich möchte dem Mann nicht unterstellen, er sei nicht erschüttert gewesen, aber dieser Tonfall war zum Teil durchaus gezwungen.
„MANUEL!“ schrie die Lehrerin in lautem bestimmendem Ton. Ihr Gesicht war tiefrot. So rot musste also das Feuer in der Hölle sein, dachte ich mir. Sie hatte noch die Durchsage des Direktors abgewartet. „Manuel, was soll dieses, dieses, dieses Ohrenzuhalten? Was denkst du dir eigentlich dabei? Die Hölle ist deiner sicher!“
Ich hätte jetzt mit vielen Sätzen antworten können. Hätte ihr sagen können, dass alle meine Freunde in die Hölle kommen werden und es dort dann eine riesige Party geben wird, wohingegen die Leute im Himmel an Langeweile zugrunde gehen. Aber das wäre ne pubertäre Antwort gewesen, eine noch mehr provozierende. Zudem hätte ich damit die Existenz von Himmel und Hölle nicht geleugnet, ich hätte sie sogar fast akzeptiert damit. Und vor allem geht es hier ja nicht um eine christliche Grundsatzdiskussion, ich respektiere und toleriere alle Gläubigen, die Halt durch die Religion bekommen, die das brauchen. Ich respektiere und toleriere auch alle, die die Religion anerzogen bekommen haben und nun daran glauben müssen, denn den meisten ist es zu schwer vom Glauben loszukommen, denn viele moralische Strukturen sind tief im Gehirn verankert. Ich respektiere und toleriere auch alle die, die gläubig sind, weil es für sie bequemer ist. Aber was ich nicht ausstehen kann ist, wenn man versucht mich an diesen Zug anzuketten, wenn man versucht, mich zu missionieren, wenn man meine freie und berechtigte Entscheidung nicht akzeptiert, nicht gläubig zu sein.
„Ich musste mir die Ohren zuhalten, weil ich diesen Lärm nicht mehr ertragen konnte!“



mfg Mich!

Milena
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So 3. Apr 2005, 19:58 - Beitrag #2

Du bist wahrlich ein Käpselle Bauer-Ranger;) , so sieht die Sache natürlich gleich viel anderst und humaner aus. Finde ich ne gute Idee mit den Kurzgeschichten!
Da hätte ich jetzt jede Menge anzubieten.:rolleyes:
Vielleicht sollten wir diese als solche einfach stehen lassen oder erwartest Du noch Kommentare bzgl dessen?

Anaeyon
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So 3. Apr 2005, 20:02 - Beitrag #3

Gibts da nicht schon einen Thread namens *Geschichten des Augenblicks* oder so? Weis jetzt nich ob der das gleiche Thema behandelt.

Zu deiner Geschichte: Ach du Sch.. bist du auf nem Erzkatolischen Internat? Bei mir würden da alle Sicherungen durchbrennen aber wenns bei mir um Religionsfreiheit geht bin ich ja eh ne tickende Zeitbombe...

Muss auch irgendwann mal nen Tag von mir in Form einer Geschichte zusammenfassen, dieses WmiG-Gespamme is immer so Bruchstückhaft..^^

Bauer-Ranger
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So 3. Apr 2005, 20:36 - Beitrag #4

Zitat von Anaeyon: Zu deiner Geschichte: Ach du Sch.. bist du auf nem Erzkatolischen Internat? Bei mir würden da alle Sicherungen durchbrennen aber wenns bei mir um Religionsfreiheit geht bin ich ja eh ne tickende Zeitbombe...


ne, ich wohn in schwaben aufm land -.-
aber des war ja jetzt ned echt, noch is ja nicht der schultag nach den ferien. nur erwarte ich eine schweigeminute und einen gottesdienst im forum. sowas wird bei uns bei jedem scheiß gemacht...
einmal am letzten schultag war auch n gottesdienst mit der ganzen schule. wir sind da zu so ner wiese gelatscht und so. ich setz mcih erstmal ins abseits, wo cih das geschehen ned mitbekomme. dann kommt n lehrer her und zwingt mich förmlcih dazu, mcih zu den ganzen anderen zu setzen. "Du musst nicht immer dagegen machen! Das kannst du dir ruhig mal anschauen!"
Hab mich dann zu den anderen gesetzt und mit jemand Karten gespielt, kam n Lehrer her mit hochrotem Kopf her und hat die Karten weggenommen.
Aber die Geschichte is jetzt nur fiktiv, denn ich werde mir nicht die Ohren zuhalten^^

@Milena: ne, poste ruhig deine geschichte(n). Ich hab noch eine, aber die kann ich hier wohl ned posten, die is zu vulgär. geht aber um ein ähnliches Thema. Aber poste ruhig deine.

mfg Mich!

janw
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So 3. Apr 2005, 21:18 - Beitrag #5

Um mal die Entwirrung um die wirre Geschichte und ihren Verbleib zu verwirren....: ;)
Geschichten des Augenblicks sind IMHO recht reale Geschichten, aneinander gereiht und mit wenigen Kommentaren.
Richtige Fiktion ist meine ich etwas anderes und sollte hier hin.
Ana, Du könntest auch mal ein weblog anfangen ;)

Anaeyon
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So 3. Apr 2005, 21:24 - Beitrag #6

[quote="janw"]
Ana, Du könntest auch mal ein weblog anfangen ]

Da würde euch bald *und täglich grüßt das Murmeltier* in den Sinn kommen, allerdings anstatt Murmeltier, Kaffeesüchtling.

LadysSlave
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So 3. Apr 2005, 22:48 - Beitrag #7

Auch wenn deine Geschichte fiktiv ist, so zeigt es auch, welche Auswirkungen religiöser Zwang hat. Denn du hättest dir diese Geschichte nicht ausgedacht, wenn nicht der ständige Zwang, gegen die eigene Einstellung handeln zu müssen gewesen wäre. Natürlich glauben nicht nur solche, die es brauchen.
Die Mehrheit der gläubigen Christen glauben ganz einfach, dass Jesus Christus real ist und der Weg zur Vergebung der Sünden. ohne andere dann zwingen zu wollen, "Mitzuglauben" .

Ich meine, wer glaubt, soll es tun!

Aber es steht keinem zu, andere zum Glauben zwingen zu wollen.

Schweigeminuten sind eigentlich nur dann nützlich, wenn alle einverstanden sind, die teilnehmen. Sonst ist es nur Makulatur.
Insofern stimme ich Bauer-Ranger zu.

janw
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So 3. Apr 2005, 23:09 - Beitrag #8

Hm, wäre auch etwas schwierig zu realisieren hier, eine Schweigeminute hieße eine Downtime zu organisieren - etwas grotesk angesichts der unfreiwilligen Offlinezeiten der letzten Zeit...
Ein Gottesdienst...Nun, irgendwelche Pastores an Board?
Man könnte...sicher, zu Ehren des Einzigen Wahren Gottes könnte es mal etwas vergleichbares geben, Bruder Erdwolf, übernehme Er! :)

Generell kann ich Johannes Paul II. doch einiges Positives abgewinnen, weshalb die Trauerbeflaggung IMHO nicht unangebracht ist. Aber das sollte eher in einen anderen thread...

Bauer-Ranger
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Mo 4. Apr 2005, 00:15 - Beitrag #9

naja, gegen die schweigeminute hab ich ja nix, aber dass man da immer so dazu gezwungen wird und dass sich die verantwortlichen dran aufgeilen, wenn die schüler gegen ihren willen was machen, des find ich schlimm. die leute wissen, dass sie die leute gegen deren willen zu was zwingen, aber es befriedigt sie, wenn sie alles ordnen können, wenn sich alle in einer reihe aufstellen. und wenn sie dann im auto nach hause fahren können sie sich auf die brust klopfen, wieviele leute sie wieder auf ihre gesinnung ausgerichtet haben, dabei is es ja gar ned so gewesen. das verstehen die unter missionieren... naja, wad solls? die paar wochen bis zum abi überleb ich das auch noch^^

-sorry-

mfg Mich!

Milena
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Mo 4. Apr 2005, 06:39 - Beitrag #10

also ich weiss auch nicht, ob Du noch irgendetwas hier posten solltest, ich habe auf jeden Fall keine Lust mehr, meine Kurzgeschichte an Deiner dranzuhängen.

LadysSlave
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Mo 4. Apr 2005, 06:46 - Beitrag #11

Wie ich vermute wird das Bild vom Frede eines von seiner Frau sein, die dann wieder später vom einkaufen kommt.
Jedenfalls ist die Dramaturgieführung darauf hin aufgebaut.
Sollt ich mich irren?

Milena
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Mo 4. Apr 2005, 10:12 - Beitrag #12

ich hätte auch eine super kurze Kurzgeschichte anzubieten:
draussen vom Walde , da komm ich her und verstehe leider gar nichts mehr.

janw
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Mo 4. Apr 2005, 12:21 - Beitrag #13

Nun, vulgär sollte es nicht werden hier.
Und LadysSlave verstehe ich auch nicht ganz...sorge er für Klarheit

Bauer-Ranger
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Mo 4. Apr 2005, 13:24 - Beitrag #14

Zitat von LadysSlave:Wie ich vermute wird das Bild vom Frede eines von seiner Frau sein, die dann wieder später vom einkaufen kommt.
Jedenfalls ist die Dramaturgieführung darauf hin aufgebaut.
Sollt ich mich irren?


Nein, das wäre unrealistisch^^
Ne, es endet, dass der Lehrer Gefallen an dem pornografischem Material findet und zu einem sexuellem Höhepunkt in dieser Schulstunde kommt. Er kann also der Sexualität als abstrakt gesehenes Phänomen nicht widerstehen, obwohl das Widerstehen ja genau einer der Werte ist, die er hochhält. Deswegen hab ich ja auch als thema der stunde den Dualismus Körper-Seele gewählt, um die ironie noch mit reinzubringen.

Außerdem sind viele der Sachen in der Geschichte mir auch im echten Schulleben begegnet. Zum einen gibt/gab es tatsächlich Schüler, die es für nötig erachten, während des Unterrichts auf "Erwachsenenunterhaltung" im Internet zuzugreifen. Dann gibt es einen Lehrer, der mehr oder weniger zugegeben hat, keinen Sex mehr mit seiner Frau zu haben. Das ist natürlich deren Entscheidung, wie sie in ihrer Ehe ihr Sexualleben gestalten, ich möchte mich da nicht einmischen, aber so etwas vor einer Klasse zu sagen, und das auch noch mit dem Wissen, dass seine Frau auch Lehrerin auf der Schule ist, hat mich hochgradig schockiert.

Aber ich möchte mich nochmal entschuldigen für die vielleicht etwas pubertäre und vulgäre Geschichte (wobei ich anmerken möchte, dass ich den vulgären Teil rausgelassen habe).

mfg Mich!

LadysSlave
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Mo 4. Apr 2005, 13:32 - Beitrag #15

Lehrer sind auch Mensche!
Und Menschen machen Fehler!
Ich habe öfter mit Lehrern zu tun, weil ich in unserem Unternehmen der Ausbilder für Kaufleute bin und manche, der Zensuren nicht in Ordnung fand.
Ich bin eigentlich ganz zufrieden, dass die Auszubildenden von ganz alleine mit ihren Noten aus der Schule zu mir kommen.
Dann hab ich in der Berufsschule angerufen und mit dem entsprechenden Lehrer einen Termin ausgemacht. Entwerde bei ihm in der Schule (meistens) oder bei mir im Büro. Wenn das nicht klappt, mach ich eben einen Termin mit dem Rektor.
Da ich offiziell bei der IHK als Ausbilder eingetragen bin, lässt sich der Fachlehrer meistens davon überzeugen, dass ich mein Fach besser kann, als er.

Aber das ist dann wirklich das Letzte, wenn ein Lehrer seine Hausprobleme über den Rücken der Schüler löst, hat der keinen Psyschologen?
Doch dir dürfte klar sein, dass sowas Auswüchse sind, die nicht repräsentativ sind.

Feuerkopf
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Mo 4. Apr 2005, 17:40 - Beitrag #16

Kann es sein, dass der Bauer-Ranger und Ladysslave über einen Text fachsimpeln, der hier überhaupt nicht gepostet wurde?

Leutz, das irritiert!

Milena
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Mo 4. Apr 2005, 17:49 - Beitrag #17

sei froh, Feuerkopf, da hast Du wahrlich nichts verpasst!;) :crazy:

LadysSlave
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Mo 4. Apr 2005, 18:13 - Beitrag #18

Zitat von janw:Nun, vulgär sollte es nicht werden hier.
Und LadysSlave verstehe ich auch nicht ganz...sorge er für Klarheit


'Wo du Recht hast, hast..."
War ein Fehler!+
Habe ihn korrigiert, indem ich meinen Beitrag dazu gelöscht habe!

Bauer-Ranger
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Mi 27. Apr 2005, 01:51 - Beitrag #19

Nun, diese Kurzgeschichte habe ich geschrieben, weil ich jemand die Aussage folgenden Spruches erklären musste/wollte:
Dieser Spruch nimmt weder für sich in Anspruch, ein Spruch zu sein, noch einen Anspruch zu haben. Deswegen unterschätzen ihn die anderen Sprüche, können ihn nicht richtig einordnen und halten ihn für arrogant und eingebildet, dabei ist er doch nur bescheiden und zurückhaltend.



„Einmal Schnitzel mit Pommes bitte.“ Sagte ich zu der Dame an der Essensausgabe in der Mensa. Sie überreichte mir den Teller und ich zahlte 2,50€. Ich bin jetzt schon 2 Monate hier auf der Uni. Ich nahm meinen Teller und visierte meinen Platz an, an dem ich heute sitzen werde. Die anderen haben alle feste Plätze, an denen sie sitzen. Ich habe eigentlich keinen festen Platz, wo ich immer sitze, aber ich bevorzuge Plätze an einer Ecke, wo ich alles im Überblick habe. Es macht mir Spaß andere zu beobachten, zu sehen, wie sie mit anderen umgehen, wie sie sich gegenseitig annähern, wer mit wem und so weiter. Auf meinem Weg zu meinem anvisierten Platz kam ich auch am Tisch der anderen aus meinem Mathematikkurs vorbei, ich schaute sie an, einer von ihnen schaute auch mich an. Zur Grüßung gab es eine kleine Geste von mir, so ein leichtes Zwinkern mit den Augen. Er wusste nicht, wie er darauf reagieren sollte. Er war eben ein anderer.
Ich setzte mich auf meinen Platz, so dass ich alles im Überblick hab. Natürlich war ich alleine an diesem Tisch, aber ich weis nicht, ob das so gewollt war. Ich frage mich immer, ob die anderen zu verschieden sind von mir oder ob ich einfach nur falsch rüberkomme bei ihnen. Aber in diesem Moment war mir das egal, ich hatte Hunger und Lust, die anderen zu beobachten.
Sie kommunizierten angeregt, oberflächlich wie man an der Lautstärke erkennen konnte. Aber ich war zu weit weg, um sie akustisch zu verstehen. Am interessantesten an der ganzen Sache schien mir jedoch das Mädchen an deren Tisch. Sie war durchaus das, was ich als sehr hübsch bezeichnen würde. Ich bin jetzt keiner mit großen Vorurteilen, aber die meisten Mathematikstudenten sind wirklich langweilig und für die Mädchen, die ich bevorzugen würde, nicht wirklich interessant. Nun ja, und ich glaube, dieses Mädchen war auch gelangweilt von den Typen, denn die Jungs versuchten oft sie in Gespräche zu verwickeln oder sie zu beeindrucken, aber sie winkte immer ab. Sie gab ihnen das Gefühl, nicht gut genug für sie zu sein. Das spornte die Jungs noch mehr an, sie zu beeindrucken, denn der, der den ersten Treffer landet, ist dann der „King im Ring“. Doch sie reagierte immer abweisend auf die anderen, manchmal setzte sie sogar ein leicht arrogantes Lächeln auf. Das fand ich amüsant, schließlich bestätigte es mich in meinem Gefühl, den anderen nicht unterlegen zu sein.
Ich schaute sie an und wie der Zufall es will schaute sie mich auch an und lächelte. Da es mir am Selbstvertrauen zumindest nicht fehlte war ich mir auch sicher, dass dieser Blick mir gebührte. Sie schien zu merken, dass ich sie verstand. Das war wohl auch der Grund für ihr Lächeln.
Sie nahm ihren Salatteller, den sie noch nicht aufgegessen hatte und kam auf meinen Tisch zu. Ich war positiv angetan, denn gibt es eine größere Form der Verachtung als eine Gesellschaft zu verlassen, wenn man noch nicht aufgegessen hat?
Die anderen starrten ihr fragend hinterher, ein weiterer Ausdruck ihrer Verständnislosigkeit, aber diesmal auch ein Ausdruck ihrer Unterlegenheit. Sie setzte sich mir gegenüber an meinen Tisch. Jetzt war es unser Tisch. Sie fragte: „Warum setzt du dich denn nicht zu den anderen? Ich glaube dir nicht, dass du immer alleine sein möchtest!“
„Nun, ich könnte dich auch fragen, warum du die Gesellschaft der anderen verlassen hast. Ist doch ziemlich dasselbe, oder?“
Sie schaute leicht in den Boden und schwieg. Ich merkte, dass meine Gegenfrage viel zu vorwurfsvoll war. Schließlich wusste ich ja, warum sie zu mir gekommen war und sie ging auch davon aus, dass ich es wusste. Sie machte schon fast den Eindruck, als habe sie sich in mir getäuscht, als sei sie enttäuscht, als denke sie, ich halte sie für ein Mädchen wie jedes andere und erkenne ich ihre Qualität nicht Ich wollte die Situation retten. Als sie merkte, dass ich etwas sagen will blickte sie mich wieder aufmerksam an.
„Entschuldigung für meine blöde Gegenfrage, ich denke, ich weis, warum du hergekommen bist. Du willst eine Antwort auf deine Frage, eine Antwort, die deine Vermutung, deine Erwartung in mir bestätigt. Diese möchte ich dir natürlich geben, es freut mich sogar, dass du mir dazu Gelegenheit gibst.“ Ich machte eine kurze Pause und überlegte, wie ich fortfahre: „Nun, ich weis nicht, ob es daran liegt, dass ich anders bin wie die oder ob ich einfach nur zu wortkarg bin und die anderen nicht mit mir umgehen können. Wahrscheinlich halten sie mich für abgehoben, für arrogant. Ich möchte für mich nicht in Anspruch nehmen, mich richtig zu charakterisieren, das überlasse ich am besten dir. In unserer Abiturzeitung hab ich einen Spruch geschrieben, der das ganze glaube ich auf den Punkt bringt. Moment, ich schreibe ihn dir schnell auf einen Zettel.“
Ich nahm meinen Block aus meiner Tasche und begann zu schreiben. Sie blickte gespannt auf meine Hände, als ob sie es nicht erwarten könne, was ich schrieb. Sie nahm den Zettel nahezu gierig entgegen. Darauf stand:
„Dieser Spruch nimmt weder für sich in Anspruch, ein Spruch zu sein, noch einen Anspruch zu haben. Deswegen unterschätzen ihn die anderen Sprüche, können ihn nicht richtig einordnen und halten ihn für arrogant und eingebildet, dabei ist er doch nur bescheiden und zurückhaltend.“
Sie las den Spruch aufmerksam durch und schaute mich mit großen Augen an. Ich schaute ihr auch in die Augen. Sie lächelte, ich lächelte auch. Wir schauten uns bestimmt 30 Sekunden einfach nur in die Augen und es war irgendwie nicht unbehaglich. Ich pflege oft zu sagen, dass sich zwei Menschen dann wirklich gut kennen und verstehen, wenn sie zusammen schweigen können. Und sie kannte mich, ich kannte sie, wir kannten uns. Sie verstand mich, ich verstand sie, wir verstanden uns. Ich genoss den Augenblick. Sie genoss den Augenblick. Wir genossen den Augenblick.
Irgendwann schien sie etwas sagen zu wollen, sie öffnete zögernd den Mund, doch ich unterbrach sie sofort: „Hast du heute Nachmittag oder Abend schon was vor beziehungsweise willst du da was mit mir unternehmen?“
Sie setzte ihr schönstes Lächeln auf: „Ja…“
Ich wusste doch, dass das Wort „beziehungsweise“ in meiner Frage angemessen war und war glücklich. (Anmerkung: Diesen letzten Satz könnte man natürlich weglassen, doch ich möchte keinem mein Wortspiel hier vorenthalten.)


mfg Mich!

Lethe-Elbin
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Mo 16. Mai 2005, 21:42 - Beitrag #20

Klar, ich schreibe Kurzgeschichten und auch andere Geschichten.
Am liebsten Fantasy und Thriller.
Ich schreibe sogar Fanfictions.

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