nun, es gibt hier bestimmt den ein oder anderen, der Kurzgeschichten schreibt, oder? Ich finde, wir können die doch hier einfach mla posten und etwas darüber diskutieren, oder eben auch nicht

Ich fang einfach mal an:
In der ersten Stunde hatten wir Mathe. Der erste Schultag nach den Ferien begann eigentlich wie immer. Auch die Lehrerin unseres Kurses war nicht da und so hatten wir wieder mal mit dem anderen Leistungskurs zusammen. Die Lehrerin des anderen Kurses ist sehr gläubig, und sie sieht sich als von Gott gesegnet an, als eine, die in Gottes Gunst steht. Deswegen hat sie auch immer recht. Sie hat die absolute Wahrheit gepachtet. Nebenbei bemerkt ist das von ihr eine falsche Auslegung des Christentums, sie hat eben keine Ahnung von ihrem Glauben. Aber ich hab sie ja nicht, deswegen gab es da bisher mit mir noch keine Konfrontationen.
Die Stunde begann nicht wie immer, da wir keine Hausaufgabe verbessern konnten, denn es waren ja Ferien. Sie hat dann noch ein bisschen Organisatorisches erzählt und dann kam eine Durchsage vom Direktor: „Angesichts der schrecklichen Tatsache, dass unser von uns geliebter Papst gestorben ist, möchte ich alle Schülerinnen und Schüler, sowie alle Lehrkräfte dazu auffordern, eine Schweigeminute um 9.30Uhr einzulegen. Die Schweigeminute beginnt jetzt!“
Ich war schockiert. Es wurde auf einmal ganz still. Ich konnte die Stille nicht ertragen und hielt mir die Ohren fest zu. Die Lehrerin sah das sofort und schaute total grimmig. Alle anderen 23 Schülerinnen und Schüler haben ihr Haupt gesenkt, einige legten die Hände so zusammen, als ob sie beten würden. Die Lehrerin schaute immer grimmiger. Ich sah ihr an, dass sie nicht um den Papst trauerte, sie dachte über die Predigt nach, die sie mir gleich halten wird. Ein unchristliches Verhalten, schließlich war die Schweigeminute nicht mir gedacht, sondern dem verstorbenem Papst. Anscheinend war sich die Lehrerin dieser Tatsache nicht bewusst und grübelte weiter an ihrer Predigt, oder muss ich sagen: an meiner Predigt? Auf diese war ich sehr gespannt, denn ich halte mein Verhalten nicht für falsch. Der Papst hat mir nicht sonderlich viel gegeben, aber es geht nicht um den Papst. Er war eine Person, die Respekt verdient hat, auch den Respekt von mir. Um was es mir eigentlich geht ist die Tatsache, dass ich hier schon wieder, zum wiederholten male zur Religion gezwungen werde, von der ich nicht sonderlich viel halte. Wollen die mich auf diesem Wege missionieren? Diese Schweigeminute war auf jeden Fall nichts anderes als die Ruhe vor dem Sturm.
„So, die Minute ist um. In der ersten Pause und der gesamten dritten Stunde findet im Forum ein Gedenkgottesdienst statt, an dem alle Schülerinnen und Schüler teilnehmen. Ich bitte sie um pünktliches Erscheinen!“ tönte es aus dem Lautsprecher. Die Stimme des Direktors war ruhig, traurig, durchaus gespielt traurig. Ich möchte dem Mann nicht unterstellen, er sei nicht erschüttert gewesen, aber dieser Tonfall war zum Teil durchaus gezwungen.
„MANUEL!“ schrie die Lehrerin in lautem bestimmendem Ton. Ihr Gesicht war tiefrot. So rot musste also das Feuer in der Hölle sein, dachte ich mir. Sie hatte noch die Durchsage des Direktors abgewartet. „Manuel, was soll dieses, dieses, dieses Ohrenzuhalten? Was denkst du dir eigentlich dabei? Die Hölle ist deiner sicher!“
Ich hätte jetzt mit vielen Sätzen antworten können. Hätte ihr sagen können, dass alle meine Freunde in die Hölle kommen werden und es dort dann eine riesige Party geben wird, wohingegen die Leute im Himmel an Langeweile zugrunde gehen. Aber das wäre ne pubertäre Antwort gewesen, eine noch mehr provozierende. Zudem hätte ich damit die Existenz von Himmel und Hölle nicht geleugnet, ich hätte sie sogar fast akzeptiert damit. Und vor allem geht es hier ja nicht um eine christliche Grundsatzdiskussion, ich respektiere und toleriere alle Gläubigen, die Halt durch die Religion bekommen, die das brauchen. Ich respektiere und toleriere auch alle, die die Religion anerzogen bekommen haben und nun daran glauben müssen, denn den meisten ist es zu schwer vom Glauben loszukommen, denn viele moralische Strukturen sind tief im Gehirn verankert. Ich respektiere und toleriere auch alle die, die gläubig sind, weil es für sie bequemer ist. Aber was ich nicht ausstehen kann ist, wenn man versucht mich an diesen Zug anzuketten, wenn man versucht, mich zu missionieren, wenn man meine freie und berechtigte Entscheidung nicht akzeptiert, nicht gläubig zu sein.
„Ich musste mir die Ohren zuhalten, weil ich diesen Lärm nicht mehr ertragen konnte!“
mfg Mich!