Hermann Hesse

Die Faszination des geschriebenen Wortes - Romane, Stories, Gedichte und Dramatisches. Auch mit Platz für Selbstverfasstes.
Maglor
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Di 29. Mai 2012, 19:24 - Beitrag #41

Der Tod des Magisters ist Josef Knecht ist kaum weniger unsinnig als der des Regenmachers. Letztlich ist der Tod bei Hesse jedoch nie unsinnig sondern sinnstiftend. Nach jener seltenen Verwickung von Pseudohinduismus und Christentum kann nur der Tod Erlösung bringen.
Eine Reinkarnation des Meisters im Schüler erfolgt nach dessen Tod.
Plinios mögliche Rolle bei der Reform bleibt vage.
Die Fiktion einer fernen Zukunft und der Nirgendwo-Provinz Kastalien bilden nur den Hintergrund für Hesse Charaktere. Sie sind nur Traum und Schaum , fiktive Lebensläufe, Fiktion. Am Ende des indischen Lebenslaufes findet sich ja ein vielsagender Bruch - ein Riss in der Realität, der das beschriebe Leben als Traum im Traum entlarvt. Am Ende wird Knecht barbarossagleicher Tod selbst noch als Sage gekennzeichnet, über dessen tatsächlichen Hergang der fiktive Autor kein Gewähr. (Vielleicht ist auch in Kastalien die Legende wirkungsmächtiger als die tatsächlichen Werke.)

Ich komme nicht daran vorbei die Idee des fiktiven Lebenslaufes auf das Gesamtwerk zu übertragen.
Josef Knecht, Goldmund, Harry Haller, Siddharta, der Regenmacher ...

Hermann Hesse als Person war Kulturpessimist, Einsiedler, Zeitgeist-Kritiker, Relativist usw.
Selbstwerdung gelingt seinen Charakteren durch Weltflucht, letztlich aber nur durch Tod. Die Lebensbeschreibung des Josef Knecht bildete eine interessante Variante. Anders als Goldmund flieht Knecht nicht aus dem Kloster, sondern ins Kloster.

Tief bewegt hat mich Josef Knechts schwarzer Pessismus, seine dunkle Prophezeiung vom Ende des Ordens, der Spieles usw., diese Gewissheit, dass auch die Welt der Glasperlenspieler nur eine Episode der Weltgeschichte sein könnte, die bald vergessen sein könnte. (Noch schwarzgalliger ist nur noch der Gedanke, dass die drohende Vernichtung der Gegenwart vielleicht gar nicht so schlimm sein könnte.) So verstehe ich auch die direkte Anfügung des vergessenen, steinzeitlichen Regenmachers an die Lebensbeschreibung des Magisters.
Am Ende kann nur der Tod des Meisters den Schüler emotional zur Umkehr bewegen - eine durchaus gelungene Allegorie auf Jesus Christus.

Am Ende obsiegt die Freundschaft und die Charakterbildung über die kalte Wisseschaft des Spieles - jene diffuse Mischung aus Musik und Mathematik. Das eigentliche Glasperlenspiel - schon gar nicht das chinesische - wird im Roman nicht erklärt. Der fiktiver Erzähler streift beim Versuch der Erklärung des Spiels ständig das feuilletionistische Niveau. Anedoktenhaft werden einzelne Stufe der Entwicklung aneinandergereiht.
Im Laufe der Erzählung werden Knechts soziale Beziehungen hingegen detailliert geschildert, die tatsächliche wissenschaftliche Arbeit jedoch nur, so weit sie Einfluss auf die Freundschaft hat.

Ipsissimus
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Di 5. Jun 2012, 11:31 - Beitrag #42

na ja, ein bisschen wird der Mechanismus des Spiels schon erklärt. Es ist ein Spiel mit "gereinigten Assoziationen", das praktisch ausschließlich von Hochgebildeten gespielt werden kann, da nur diese über das Wissen verfügen, das ihnen erlaubt zu unterscheiden, welche Assoziation "objektiv", welche "privat" ist. Die Vorstellung dahinter ist wohl, dass es Assoziationen gibt, die alle hinreichend gebildeten Menschen mit einem Sachverhalt identisch verbinden und andere, die aus dem je eigenen Erfahrungshorizonten persönlicher Erlebnisse stammen. In der Ausbildung zum Spieler wird höchster Wert darauf gelegt, diese zwei Arten von Assoziationen deutlich zu trennen - für den Spieler sind private Assoziationen im Rahmen des Spiels ein no go.

Äußerlich wird das so umgesetzt, dass das Spiel mit einer Meditation eingeleitet wird und die "Spielzüge" durch Meditationen getrennt werden. Dadurch soll wohl die geistige Klarheit für die Assoziationen hergestellt werden. Die Spielzüge hängen dann Assoziation an Assoziation; diese werden für jeden Spieler aufgezeichnet, bis sich ein Gesamtbild der einzelnen Assoziationsketten ergibt. Diese werden dann nach Kriterien wie Komplexität, Kühnheit, technischer Brillianz, ästhetischer Schönheit, Abgeschlossenheit und dergleichen qualitativ bewertet, letzteres zweifellos ein bisschen naiv von Hesse.

Die Lebensläufe ergeben sich im Rahmen des Gesamtwerkes wie selbstverständlich aus Hesses ureigenstem Thema, dem "Hinüberwachsen". Insofern sind sie nicht Randphänomene sondern eigentlicher Kern dieses und vieler Hessescher Bücher.

janw
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Di 5. Jun 2012, 14:26 - Beitrag #43

Zitat von Ipsissimus:Die Vorstellung dahinter ist wohl, dass es Assoziationen gibt, die alle hinreichend gebildeten Menschen mit einem Sachverhalt identisch verbinden und andere, die aus dem je eigenen Erfahrungshorizonten persönlicher Erlebnisse stammen.

Eine Art Kollektives Weltwissen, Bildung als Maß der Verinnerlichung dieses Kollektiven Gutes?

Ipsissimus
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Di 5. Jun 2012, 17:45 - Beitrag #44

möglicherweise, zumindest sind bei Hesse panpsychische Auffassungen erkennbar

Traitor
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Mo 11. Jun 2012, 19:42 - Beitrag #45

@Maglor: Der Tod des Regenmachers ist offensichtlich ein sinnstiftendes Opfer, beim "echten" Knecht ist das aber eben nicht offensichtlich. Dass hier eine geistige Staffelstabübergabe an Tito gemeint ist, kann man annehmen, nahe legt der Text das aber nicht unbedingt. Da passen für mich die Interpretationen "sinnlos" oder "er hatte alles erreicht und musste endgültig entrückt werden" schon eher, wenn sie auch als Abschluss unbefriedigender sind.

Kastalien nur als Hintergrund für Joseph Hermann Knecht-Hesses nullten Lebenslauf greift mir zu kurz, dazu ist diese Welt zu gut ausgebaut und hätte schon als reine Weltskizze mit reinem Expositions-Lebenslauf zu viel Bedenkenswertes zu liefern. Kastalien ist genau so Hintergrund für Knecht, wie Knecht ein Beispiel für die Kastalien-Idee ist.

@Ipsissimus: Naiv fand ich nicht nur die scheinbar leichte objektive Beurteilbarkeit der Spiele, sondern vor allem die Annahme, dass derartig vielfältige Wissenschafts- und Kunstdisziplinen sich von einzelnen Personen auf so hohem Niveau beherrschen lassen, dass sie sie zum interdisziplinären Spiel zusammenfügen können, und dabei noch den Leistungsstand der Einzeldisziplinen überschreiten. Obwohl, so richtig explizit gemacht wird dieses Überschreiten ja nie. Wer weiß, vielleicht ist das gekonnte Rezipieren letztlich doch nur eine Art der Mittelmäßigkeit, das bewusste Produktivitäts-Enthalten ein Ausdruck der Kapitulation...?

Die Lebensläufe enthalten die Kerngedanken, ja, aber die kamen auch vorher schon. Sie passen inhaltlich durchaus, erscheinen mir aber einfach als etwas redundant, von einem didaktischen wie von einem buchseitenzählerischen Gesichtspunkt her, nicht von einem inhaltlichen.

@Jan: In gewissem Sinne ja, aber in anderem auch nicht. Das Glasperlenspiel betont durchaus die Forschungs- und Ausarbeitungsleistungen der Einzelnen, die größten Figuren Kastaliens sind jeweils Spezialisten auf Teilgebieten.

Ipsissimus
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Fr 15. Jun 2012, 10:32 - Beitrag #46

Hesse dürfte kaum Unrecht widerfahren, wenn man ihm unterstellt, dass er bei Glasperlenspielern eine Gemeinschaft von Universalgelehrten alter Provenienz vor Augen hatte. Ich halte es für ausgeschlossen, dass er an Wissenschaftler im heutigen Sinne dachte. Vielleicht kokettierte er ein bisschen mit dem breitflächigen Übergang vom Gelehrten zum Wissenschaftlicher, aber der zugrundeliegende Archetyp dürfte im ersten zu finden sein.

Knecht selbst kritisiert ja selbst die fehlende Rückbeziehung zwischen Kastilien (übrigens weniger die Schweiz als vielleicht Oberfranken) und dem Rest des Landes. Seine Darlegungen zu notwendigen Veränderungen und Einbeziehung der Provinz in allgemeine Anstrengungen z.B. in Kriegssituationen werden von der Leitungsebene mit einiger Irritation zur Kenntnis genommen; der Konflikt zwischen dem Anspruch geistiger Größe und deren faktischer gesellschaftlicher Bedeutungslosigkeit ist m.E. eines der Antriebselemente, die Knecht zum Verlassen Kastiliens bewegen. Anders gesagt, auch wenn Knecht so dargestellt wird, als sei er sich seiner Positionen als Glasperlenspieler trotz der Einwände Designoris sicher, hat Plinio im Grunde gewonnen, weil er ihm die Brüchigkeit der kastilischen Situation vermittelte, an allen rationalen Gegenargumenten vorbei.

Im Übrigen stimmt es schon, das Glasperlenspiel ist nur auf der Grundlage einer abgeschlossenen oder stagnierenden Wissenschaft denkbar.

Traitor
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Fr 15. Jun 2012, 11:18 - Beitrag #47

dass er bei Glasperlenspielern eine Gemeinschaft von Universalgelehrten alter Provenienz vor Augen hatte. Ich halte es für ausgeschlossen, dass er an Wissenschaftler im heutigen Sinne dachte.
Ich würde sagen, er erdenkt sich eine alternative Weiterentwicklung des alten Universalgelehrten, der eben nicht zum heutigen reinen Spezialisten wird, aber auch die alte, durchaus feuilletonistische Züge tragende Arbeitsweise des Universalgelehrten verlässt (transzendiert, auf eine neue Stufe / in einen neuen Raum geht) und einige Aspekte der modernen Entwicklung einbindet. Durch die Formalien des Glasperlenspiels und die Analogien zu Mathematik und Astronomie werden die Geisteswissenschaften in Kastalien ja in eine viel strengere und vollendetere Form gebracht, als es das alte Gelehrtentum je schaffte.

Kastilien (übrigens weniger die Schweiz als vielleicht Oberfranken)
Kastalien enthält ein Hochgebirge, dessen Nord- und Südhänge, und die übergeordnete staatliche Regierung ist der "Bundesrat" - das kann doch eigentlich nur die Schweiz sein.

der Konflikt zwischen dem Anspruch geistiger Größe und deren faktischer gesellschaftlicher Bedeutungslosigkeit
Gut ausgedrückt und nicht nur Antrieb Knechts, sondern auch wichtiger Punkt des Buches. Leider erfährt man nicht endgültig, ob Hesse diese Bedeutungslosigkeit letztlich als zwangsläufig ansieht, oder als Folge der Stagnation, der Praxisferne und/oder der politischen und sozialen Nichteinbindung. Knecht fokussiert sich offenkundig auf den letzten Punkt, aber ob die Probleme nicht noch tiefer liegen, kann er am Ende ja leider nicht mehr herausfinden.

Anders gesagt, auch wenn Knecht so dargestellt wird, als sei er sich seiner Positionen als Glasperlenspieler trotz der Einwände Designoris sicher, hat Plinio im Grunde gewonnen, weil er ihm die Brüchigkeit der kastilischen Situation vermittelte, an allen rationalen Gegenargumenten vorbei.
Eigentlich haben beide verloren, der späte Plinio wird ja sehr gebrochen dargestellt. Da er Knechts Wandlung mit auslöste, könnte man es aber auch so interpretieren, dass er mit seinem gebrochenen Lebenslauf selbst ein großes Opfer für Knecht und/oder Kastalien (und/oder letztlich Tito) dargebracht hat.

Maglor
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Sa 16. Jun 2012, 12:31 - Beitrag #48

Dem kastalischen Gelehrten-Ideal werden in der zukunftigen Gesellschaft durchaus andere Gelehrte und Künstler als Antipoden entgegengesetzt.
Ihre eremtische Lebensweise gleicht in vielerlei Hinsicht Mönchen.
Die Glasperlenspieler setzen Bekanntes in neue Beziehung, sie schaffen jedoch kaum neues. Vn der Entwicklung in der Außenwelt haben sie sich abgeschlossen.

Zum einen ist da der katholische Mönch und Historiker, der Knecht Grundzüge der Geschichtswissenschaft lehrt. Hier wird auch deutlich, dass Knecht nach kastalischer Karierre keineswegs universell gebildet ist. Seine Allgemeinbildung hat vielmehr deutliche Lücken.
Ebenso verstehe ich Titos naive, gefühlsduselige Künstlernatur als Gegenmodell zum strengen und kaltem kastalischen Ideal.

Traitor
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So 17. Jun 2012, 11:11 - Beitrag #49

Pater Jacobus darf man auf keinen Fall unterschätzen, er ist aus der Reihe von Knechts Lehrmeistern (Musikmeister, von der Trave, Chinese) der einzige, der ihm wirklich Neues zuführt, anstatt ihn nur anzuleiten und zu bestärken. Und seine weitgehende Idealisierung zeigt, dass Hesse anscheinend einer erneuerten Katholischen Kirche ähnlich erfolgreiche Geisteszucht zutraut wie dem Kastalien-Konzept.
Dass die Geschichtswissenschaft in Kastalien so fehlt, ist etwas seltsam, die Trennung von "Weltgeschichte" und "Geistesgeschichte" etwas willkürlich, denn in den Lebensgeschichten der Geistesgrößen taucht ja durchaus auch immer Weltgeschichte mit auf, und der Pater betreibt auch nicht gerade geistlose Geschichtsstudien. Die Intention dahinter ist aber klar, die Kastalier haben sich eine gereinigte, destillierte Geschichte zurechtgebastelt. Wenn sie noch ein paar Generationen isoliert vor sich hin werkelten, kämen sie sicher auch noch dazu, bei den großen Geistern der Vergangenheit die persönlichen Lebensläufe ähnlich auszublenden wie bei sich selbst und jene nur als Träger ihrer Ideen und Werke zu betrachten.

Ipsissimus
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Mo 18. Jun 2012, 12:10 - Beitrag #50

na ja, der Orden hat schon erhebliche Ähnlichkeiten mit einem Mönchsorden, abgesehen von der weltanschaulichen Orientierung. Auch gehe ich davon aus, dass der "Geisteszucht", als einer der beiden Pole idealisierter Hessescher Vorstellungen von sinnerfülltem Leben, durchaus der Rang einer Ersatzreligion zukommt. Von daher wundert die Wertschätzung einer runderneuerten katholischen Kirche nicht; allerdings möchte ich diese Wertschätzung nicht überbetonen, weil es sich auch dabei um die Wertschätzung nur eines Ausschnittes handelt - katholische Kirche in ihrer Gesamtheit umfasst weit mehr als die Geistesschärfe jenes Jacobus, in dem man durchaus eine isolierte Spitzenleistung vermuten darf. Ich würde die Quintessenz eher so formulieren: Menschen ihresgleichen erkennen einander, gleichgültig welchem formalen Rahmen sie unterworfen sind.

Witzig finde ich übrigens den Hinweis in Wikipedia, dass verschiedentlich das Internet als Modell des Glasperlenspiels benannt wurde^^ aber natürlich, das Springen von Link zu Link, einfachen Assoziationen folgend, hat etwas davon, abzüglich Bildung und Geistesschärfe^^

Maglor
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Mo 18. Jun 2012, 16:45 - Beitrag #51

Besonders beachtenswert bzgl. des Musikmeister finde ich die Beschreibung seines Alterns und Sterbens und welche Wirkung der immer seniler werdende grinsende Tattergreis auf Knecht hat. Da ist wieder oder erstmals das Motiv der emotinalen Rührung des Schülers durch den sterbenden Meister - ähnlich wie später vermutlich bei Josef und Tito oder früher bei den Regenmachern oder den spätantiken Beichtvätern.
Der Tod ist hier nie das Ende.

Zu beachten ist noch, dass einige Glasperlenspieler die Ansicht vertreten, die Lebensläufe seien nicht fiktiv sondern tatsächlich die frühere Leben.

Traitor
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Fr 22. Jun 2012, 10:34 - Beitrag #52

@Ipsi: Ja, sicher, Jacobus ist nicht die Kirche. Irgendwo im Text wird die Erneuerung der gesamten RKK aber explizit gelobt, und sie scheint ja geistig wie politisch wieder zur Weltmacht geworden zu sein.

@Maglor: Hesse, Knecht und/oder die Schreiber legen ja Wert darauf, zu betonen, dass das eben keine Senilität sei. Wo genau die Trennlinie liegen soll, ist aber schwer zu erkennen.

Maglor
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Do 5. Jul 2012, 20:46 - Beitrag #53

Im Nachwort zum Demian las ich folgendes Hesse-Zitat:
Wir müssen nicht hinten beginnen, bei den Regierungsformen und politischen Methoden, sondern wir müssen anfangen, beim Bau der Persönlichkeit, wenn wir wieder Geister und Männer haben wollen, die uns Zukunft verbürgen.

Es stammt aus einer politischen Flugschrift des Autors. Er engagierte sich während des 1. Weltkrieges und fühlte sich zu einer Revolution gegen Kaiser und Krone berufen.
Die Zersetzung des Systems solle nicht durch einen Umsturz erfolgen sondern durch die Erziehung der Jugend zu einem neuen Geist.
Dies war nicht bnur die Methode des Kainiten Max Demian, sondern auch des Glasperlenspielmeisters Josef Knecht, als er Kastalien verließ, um sich ganz der Erziehung Titos zu widmen. Ähnlich ordne ich auch d wiederholten Aussagen, Knecht habe sich noch als Ordensmeister vor allem den jugen Schüler gewidmet.

Ipsissimus
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Fr 6. Jul 2012, 10:34 - Beitrag #54

wobei das Zitierte wohl ein frommer Wunsch bleiben wird, Maglor^^

wobei ich Hesse insgesamt so einschätze, dass er ein sehr theoretisches Verhältnis zu Revolutionen hatte; in seinem persönlichen Leben würde ich diese Neigung eher als Weltflucht auffassen^^

Maglor
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So 15. Jul 2012, 19:56 - Beitrag #55

Noch in Biedenkopf las ich die letzten Seiten vom Nachwort zu Demian.

War ich nun schon der Sehnsucht nach einer Frau Eva mit dem Kainszeichen, einer platonischen Halbkugel und dergleichen verfallen, ergab die Lektüre zu den Hintergründen ein all zu böses erwachen. Demnach sei Hesse durch das von C. G. Jung inspiriert. Die Figuren seien Charakterarchetypen, Schatten, Traumgestalten einer einzelnen Figur ... (All zu deutlich findet sich der Gedanke im Traktat von Steppenwolf, wo unterstellt wird jeder Mensch trage eine Vielzahl von Seelen oder Charakteren in sich.)
Die Beziehung zwischen Sinclair und Demian wäre daher nur Beziehung zwischen Sinclair und seinem unterbewussten Schatten oder seiner Anima.

Dies wurde durch irgendwelche Tagebucheinträge etc. unterlegt, wonach H. Hesse einst von der Figur Max Demian geträumt habe - ihm oder eher besser einer ähnlichen Figur im Unterbewusstsein begegnet sei. Hesse wiederum schrieb unter dem Pseudonym Sinclair - Hauptfigur, Ich-Erzähler und fiktiver Autor im Demian - politische Artikel in Zeitungen, Hesse war auf gewisse weise Sinclair. Klar ist nur, dass Demian und Sinclair irgendwie verwandte Seelen sind - ähnlich wie Narziss und Goldmund oder Siddhartha und Govinda oder Knecht und Plinio.

Auffällig ist, dass häufig eine von Hesses Figuren eines Paares etwas androgynes hat - ein Aspekt der im Glasperlenspiel fehlt, im Demian aber am deutlichsten Heraus gearbeitet ist.
Die beiden Glieder eines Figurenpaares sind ungleich - ja gegensätzlich und doch in gegenseitiger Bewunderung und durch Anziehungskraft verbunden oder schmerzhaft getrennt.

Mit C. G. Jung sind wahrscheinlich auch die Lebensläufe erklärbar. Es handelt sich daher um die Leben von unterbewussten Persönlichkeiten des Josef Knechts. Aber wahrscheinlich ist diese Erklärung auch zu simpel, immerhin glauben ja auch einige esoterisch veranlagte Glasperlenspieler an die Wahrheit der Lebensläufe und halten das Alterego für eine historische Person.

Ipsissimus
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Mi 18. Jul 2012, 11:25 - Beitrag #56

der Demian gilt ja rezeptionsgeschichtlich als eine Art Ansprache Hesses an die deutsche und europäische Jugend nach dem ersten Weltkrieg, in der dieser Jugend eine "neue" Sinnhaftigkeit bei gleichzeitiger Kritik an bestehenden politischen Situationen vermittelt wird. Ich habe das immer für problematisch erachtet. Dafür spart die Kritik zu sehr alle damals aktuellen Bezüge - Streiks, Hungersnöte, politische Morde u.a. - aus und die Sinnstiftung erfolgt zu sehr entlang Hesses eigener und, wie ich finde, doch eher eingeschränkter Interessenlage.

Ich habe daher den Demian nach dem ersten Kennenlernen eigentlich immer als ausschließlich psychologische Studie ohne soziologisch oder gesellschaftlich relevante Bezüge gelesen; und jedes weitere Lesen hat den früheren Eindruck bestärkt und gefestigt.

Ein Hauch von Freud und jede Menge Jung, das stimmt schon, und wie weit das Interesse an Eva über das archetypische erotische Interesse des entsagenden Mönchs am Weib hinausgeht, darf durchaus hinterfragt werden. Ich denke, Hesse liefert da ein paar merkwürdige Implikationen sexueller Sublimation, z.B. wenn Demian einen eindeutig erotischen Kuss von seiner Mutter an Sinclair weitergibt. Natürlich handeln in diesem Roman mit Ausnahme Sinclairs als Alter Ego Hesses nur Archetypen, keine realen Personen. Gerade deswegen scheint mir Hesse im Demian einen Teil seiner eigenen inneren Zerrissenheit, um nicht zu sagen Verwirrtheit, offen zu legen.

Den Steppenwolf fasse ich übrigens sehr ähnlich auf. Dort scheint Harry Haller gegen Ende aber den Ansatz zu einer Lösung zu finden. Schade, dass es dazu eines Mordes bedurfte, der die Lösung schon wieder in Frage stellt.

Vielleicht hätte mehr Sex geholfen.

Maglor
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So 29. Jul 2012, 16:25 - Beitrag #57

Der Demian enthält allerlei antipolitsches und ansatzweise misanthropisches, hie und da direkte Nietzsche-Bezüge.
Der Kuss zwischen Demian und Sinclair würde ich durchaus zweideutig zwischen Homoerotik und anschaulichem Narzissmus einordnen.
Gleiches gilt meiner Ansicht nach auch für den Kuss zwischen Giebenrath und Heilner in Unterm Rad.

Achja Unterm Rad hab ich jetzt auch gelesen. Ich war mehrmals kurz davor einfach zu weinen. Was als beindruckendes Requiem für eine verlorene Kindheit beginnt, endet damit, dass einer unter die Räder kommt.

Traitor
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Mo 30. Jul 2012, 08:44 - Beitrag #58

Achja Unterm Rad hab ich jetzt auch gelesen. Ich war mehrmals kurz davor einfach zu weinen. Was als beindruckendes Requiem für eine verlorene Kindheit beginnt, endet damit, dass einer unter die Räder kommt.
Dann scheint das, was ich als unglaubwürdig über-empfindsam ansehe, bei dir ja gefruchtet zu haben. ;) Vielleicht muss man ja schon mit Vorlektüre gründlich eingehesst sein, bevor einem "Unterm Rad" so richtig gefällt. Aber fandest du nicht auch, dass das explizite Rädern ein für Charakter wie Autor zu einfaches Ende war, Dauer-Hamsterrad härter gewesen wäre?
Der Hauptcharakter, wie auch immer er nochmal hieß, hätte übrigens natürlich einen tollen Kastalier abgegeben. Leider hatte er das Pech, in ein halbwegs realistisches Umfeld geschrieben zu werden... Insofern ein gutes Begleitbuch.

Maglor
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Mo 30. Jul 2012, 17:49 - Beitrag #59

Was du als unglaubwürdig überempfindsam empfandest, war mir nur all zu sehr vertraut, vielleicht auch, weil der Charakter Giebenraths ebenso wie Goethes Werther dem gesunden Menschenverstande entgegensteht. Vieles kam mir nur all zu vertraut vor.
Es war nicht erst das Ende, dass mich anrührte, bereits die Szene, in der er den Kaninchenstall mit der Axt zertrümmert. Härter wäre es vielleicht ihn ganz und gar aufs Rad zu flechten und in den Fluss zu entlassen, aber noch ärger als der Tod erscheint mir, dass Giebenrath auch im Tode von seiner Umwelt verkannt wird.

Ein toller Kastalier wäre Giebenrath sicher nie geworden, eher eine Art depressiver Tegularius.
Die Intertextualität bei Hesse ist zumindest groß. Das Motiv des Ertrinkens taucht sowohl im Unterm Rad als auch im Glasperlenspiel aus. In beiden Fällen bleibt unklar, ob es Selbstmord war.

Traitor
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Di 31. Jul 2012, 20:19 - Beitrag #60

Stimmt, Giebenrath hieß er. Irgendwie kein Name, den ich mit einem unter-50-Jährigen assoziiere. ;)

Werther ist immerhin eine Heulsuse durch und durch, Giebenrath ist ja eigentlich ein der Logik durchaus fähiger Junge, bei dem die Gefühligkeit teils sehr spontan durchbricht.

Ein guter Kastalier nur von der Grundanlage her, während der Handlung des Buches hat ihn die Gesellschaft natürlich längst dafür verderbt, und er wäre eher ein Tegularius geworden, stimmt.

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