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Verschiedene Sprachen

BeitragVerfasst: Fr 7. Feb 2003, 22:56
von Traitor
Viele werden Literatur auch in anderen Sprachen als in Deutsch lesen, die meisten wohl vor allem in Englisch. Offensichtlich hat die Sprache, in der man ein Buch liest, einen starken Einfluss darauf, wie der Inhalt rüberkommt. Kann man nun generell sagen, dass bestimmte Sprachen für Literatur, oder einzelne Literaturrichtungen, besser geeignet ist? Oder ist einfach das Original immer besser als die Übersetzung, und da wir mehr ausländische Bücher in deutscher Übersetzung lesen als andersrum, nehmen wir den Unterschied einseitig war, wenn wir zB dem Englischen besseres Ausdrucksvermögen bescheinigen?

Ich denke, grundsätzlich kann es natürlich in jeder Sprache große Literatur geben. Im Bereich des epischen Literatur (episch im Sinne der Literaturgattung) nehmen sich Deutsch und Englisch (die einzigen beiden, in denen ich ernsthaft lese) nicht viel, außer leichten Vorteilen für das Englische bei epischem (episch im Sinne des Inhalts, also historischem und Fantasy-) Stoff, dank der besseren Integration von "aged" Vokabular (Entschuldigung für den Anglizismus, aber diesen schönen Ausdruck gibt es im Deutschen so nicht).
Im Bereich der Lyrik allerdings denke ich, dass das Englische dem Deutschen klar überlegen ist. Ich kenne kaum Gedichte im Deutschen, die wirklich passend klingen, fast immer muss die Sprache stark "verstümmelt" werden, um gut zu klingen. Da bietet das Englische bessere Möglichkeiten.

BeitragVerfasst: Fr 7. Feb 2003, 23:38
von Padreic
Das Englische klingt fließender als das deutsche. Deshalb lässt sich auch so ein leicht melancholisch, wehmütiger Ton bestens in Englisch schreiben, auch oder besonders wehmütige Erinnerungen an die Vergangenheit ('Elder days'). Praktisch an der englischen Sprache ist auch die Vermengung von germanischen und romanischen Wurzeln. Wenn man sich auf eine Richtung konzentriert, kann man schöne Stiländerungen schaffen (siehe auch Tolkien).
Im Deutschen lässt sich aber IMHO Kraft besser ausdrücken.

Ein Beispiel aus dem Herrn der Ringe, an dem sich die beiden Sprachen IMHO recht gut vergleichen lassen:
Arise, arise, Riders of Theoden!
Fell deeds awake: fire and slaughter!
spear schall be shaken, shield be splintered,
a sword-day, a red day, ere the sun rises!
Ride now, ride now! Ride to Gondor!

Auf! Auf! ihr Reiter Theodens!
Zu grimmen Taten: Feuer und Schlachten!
Speer wird zerschellen, Schild zersplittern,
Schwert-Tag, Blut-Tag, ehe die Sonne steigt!
Nun reitet! Reitet! Reitet nach Gondor!

Das englische klingt irgendwie flüssiger, aber vielleicht nimmt ihm gerade das die Kraft.

Und es mag sein, dass es im Deutschen im Allgemeinen etwas schwerer ist, zu reimen (Gedichte sind ja nicht notwendigerweise auf Reim angewiesen!). Aber für Balladen halte ich das Deutsche für nicht schlecht geeignet. Nimm beispielsweise Schillers Bürgschaft. Da werden IMHO auch gut die Möglichkeiten der deutschen Sprache deutlich. "Er schlachte der Opfer zweie und glaube an Liebe und treue.", "Mich Henker erwürget, hier bin ich für den er gebürget!", "Ich sei, gewährt mir die Bitte, in eurem Bunde der dritte." etc. sind nur ein paar Beispiele aus dieser genialen Ballade. Aber auch der Ring des Polykrates, der Fischer, der Erlkönig, John Maynard etc. sind alles großartige Balladen. Und wieviel schöne englische Balladen gibt es?
Aber für Gedichte, wie du sie z. B. gepostet hast, ist natürlich die englische Sprache besser geeignet, besonders für das innerchronologisch zweite. Gereimte, erinnerungsschwere Wehmut ist natürlich ideal für die englische Sprache. Liebesgedichte sind vielleicht im englischen auch besser aufgehoben. Deutsche klingen teilweise etwas seltsam. Da kenn ich mich aber auch nicht so gut aus. Naturgedichte kann ich mir auch ganz gut im Deutschen vorstellen.

Das Altgriechische ist wohl auch eine ganz besondere Sprache. Ich hab mal gelesen (d. h. bei mir normalerweise im Bezug auf Sprachen, Tolkien hat es irgendwo geschrieben ;)), dass beispielsweise die Ilias auch stark von der altgriechischen Sprache abhängt und damit meine ich nicht nur das Metrum der Hexameter, für das die langen griechischen Wörter besonders geeignet waren. Tolkien schrieb, dass auf Grund des Wohlklangs der griechischen Sprache Namen eine sehr große Rolle spielten. Aber mein Altgriechisch ist bei mir auch etwas zu "eingerostet" (*g*), als dass ich das wirklich beurteilen könnte.
Die lateinische Sprache hat auch recht eigene Möglichkeiten. Ich kenne mich nicht so sehr in der lateinischen Literatur aus, Caesar und Cicero sind ja eher Sachtexte, aber ein wenig Ovid und Terenz hab ich gelesen. Beide sind auch gedichtet, was aber im lateinischen nicht heißt, dass es sich reimt. Das Metrum hing hier hauptsächlich von langen und kurzen und nicht von betonten und unbetonten Silben ab. Jedenfalls klingen die Gedichte von Ovid auf ihre Weise sehr schön, aber auch sehr streng. Ich denke, weder das "englische" wehmütige, noch die "deutsche" Kraft sind Stärken der lateinischen Sprache, eher Logik und Strenge, Harmonie. Eine schöne Möglichkeit der lateinischen Sprache ist auch ihre fast völlig freie Wortstellung. Das erleichtert auch das reimen und erlaubt sehr interessante Stilfiguren, wie beispielsweise den "Hyperbaton", eine Stilfigur, die einen Ausdruck betont, in dem sie seine zusammengehörenden Teile (beispielsweise Adjektiv und Nomen) ein paar Wörter auseinander schreibt. Allgemein hat die lateinische Sprache fast eine unendliche Anzahl von möglichen Stilfiguren, die sie besonders für Rhetorik geeignet machen. Die logische Strenge kann hier auch helfen, ist aber auch für logische Sachtexte wohl sehr geeignet. Das sieht man auch daran, dass noch Ende des 19. Jahrhunderts ein bedeutender Logik-Text (Arithmetices principia, nova methodo exposita von Peano) in Latein geschrieben wurde. Aber das führt wohl etwas am Thema vorbei.
Ich habe auch einmal gelesen, dass nordische Sprachen, besonders isländisch oder altisländisch für episches sehr gut geeignet sein sollen.

Zwar jetzt etwas unstrukturiert geworden, aber ich hoffe, der ein oder andere Gedanke ist erkennbar...

Padreic

BeitragVerfasst: Fr 7. Feb 2003, 23:58
von Traitor
Bei dem Beispiel finde ich nicht, dass das Deutsche stärker klingt. Ich würde eher grimmiger sagen, stark sind beide. Dies kommt denke ich daher, dass Deutsch im allgemeinen härter ist als Englisch und somit halt grimmiger klingt. Das macht es in bestimmten Situationen natürlich auch interessant, selbst in epischen Texten.
(Gedichte sind ja nicht notwendigerweise auf Reim angewiesen!).
Natürlich nicht. Aber selbst in reimfreien Gedichtsformen finde ich, dass deren Sprache oft sehr künstlich kling. Es kann natürlich sein, dass das einem Engländer bei englischen Gedichten genauso vorkommt, was ich aber eher nicht denke.
Zu Griechisch und Latein kann ich nicht viel sagen. Nur, dass auch das Deutsche eine der Sprachen ist, mit der sich Logik sehr gut darstellen lässt, vor allem dadurch, dass es lange, extrem verschachtelte Sätze weit besser als zB Englisch oder Französisch darstellen kann. Wissenschaftliche TExte wirken auf Deutsch deutlich besser strukturiert, finde ich. Aber das führt schon von der Literatur weg...

BeitragVerfasst: Sa 8. Feb 2003, 16:57
von Thod
Sprachen klingen unterschiedlich. Sie sind auch sicher immer stark mit der Mentalität und Kultur der Sprechenden verwurzelt, und sicher kann man nicht in jedre Sprache alles audrücken, bzw. nicht in gleicher Weise.
Das Griechische, das Lateinische später, und auch heute das Deutsche sind, wie ich oft gehört habe, aus verschiedenen Gründen wohl besser geeignet klassische Philosophie zu betreiben, als beispielsweise das Englische. Dennoch ist es natürlich, wenn auch mit Klimmzügen, immer möglich, Dinge zu übersetzen.
Ein Bekannter von mir ist z.B. der festen Überzeugung, man könne in deutsch Aristoteles nicht verstehen, und es gäbe auch keine akzeptablen Übersetzungen und Besprechungen dieses Stoffes in deutsch. Er lernt genau aus diesem Grunde derzeit Altgriechisch.

Was Literatur angeht, so denke ich, ist Shakespeare ein gutes Beispiel. Er zeigt imho vor allem in seinen Sonetten die poetische Kraft der englischen Sprache.
Einen guten klanglichen Vergleich zwischen Deutsch und Englisch hat man meiner Meinung nach, wenn man die Anfangsverse seines Dramas Macbeth mit den Anfangsversen der Ballade "Die Brück am Tay" von Theodor Fontane vergleicht.
MacBeth:
When shall we three meet again?
In thunder, lightning, or in rain?

When the hurlyburly's done,
When the battle's lost and won.

That will be ere the set of sun.

Where the place?

Upon the heath.

There to meet with Macbeth.

I come, Graymalkin!

Paddock calls.

Anon.

Fair is foul, and foul is fair:
Hover through the fog and filthy air.

Fair is foul, and foul is fair:
Hover through the fog and filthy air.

Die Brück am Tay:
Wann treffen wir drei wieder zusamm'?
Um die siebente Stund', am Brückendamm.
Am Mittelpfeiler.
Ich lösche die Flamm'.
Ich mit.
Ich komme vom Norden her.
Und ich von Süden.
Und ich vom Meer.
Hei, das gibt ein Ringelreihn,
Und die Brücke muß in den Grund hinein.
Und der Zug, der in die Brücke tritt
Um die siebente Stund'?
Ei der muß mit.
Muß mit.
Tand, Tand,
Ist das Gebilde von Menschenhand.

Die Struktur ist ähnlich aber ich denke, man kann deutlich erkennen, dass der Klang in der deutschen Sprache um einiges härter ist.
Das möchte ich aber eigentlich nicht werten, sondern denke vielmehr, hier kommt eine Eigenheit der Mentalität zum Ausdruck. Im Deutschen kommen Stimmungen anders rüber als im Englischen. Fontanes Ballade ist sicher ebenso ergreifend, wie die Shakespeare-Einleitung zu seinem Drama (meiner Meinung nach). Jedoch wird die Natur hier kälter, grausamer und härter dargestellt, und nicht ganz so mythisch geheimnisvoll wie bei Shakespeare.

Um aber zu zeigen, dass das Deutsche durchaus auch die Kraft besitzt, tiefe Gefühle sprachlich auszudrücken möchte ich hier nochmal den Goethe-Klassiker "Wanderers Nachtlied" zitieren.
Über allen Gipfeln
Ist Ruh,
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur, balde
Ruhest du auch.


Wie man da sagen kann, "fast immer muss die Sprache stark "verstümmelt" werden, um gut zu klingen", verstehe ich nicht. Deren Beispiele gibt es massig, vorallem in den unendlichen deutschen Balladensammlungen...

Gruss,
Thod

BeitragVerfasst: Sa 8. Feb 2003, 18:27
von Traitor
Wie man da sagen kann, "fast immer muss die Sprache stark "verstümmelt" werden, um gut zu klingen", verstehe ich nicht.
Die Fontane-Ballade ist dafür ein perfektes Beispiel (die hatten wir ja auch schonmal irgendwo): Unnatürliche Apostrophierungen, seltsam abgehackte Sätze...
Auch das von Goethe finde ich sprachlich nicht wirklich überzeugend. Hier stören mich die über Zeilenumbrüche gehenden Sätze recht stark. Allgemein denke ich, dass die Satzstruktur der deutschen Sprache einfach empfindlicher gegen solche Methoden ist, die in Gedichten nötig sind.

BeitragVerfasst: Sa 8. Feb 2003, 18:30
von Thod
Also das Goethe-Gedicht ist ja wohl sprachlich in keiner Weise verstümmelt. Das solltest du schon genau zeigen, ansonsten ist es halt deine subjektive Meinung, aber die ist mir wohl da egal.

Was Fontane angeht: Schau dir mal Shakespeare an. Ist das ausgeschriebene Hochsprache?
Generell: Was meinst du eigentlich, was Lyrik ist?

Gruss,
Thod

BeitragVerfasst: Sa 8. Feb 2003, 18:50
von Padreic
@Thod
Man könnte sogar die (etwas provokante und an Saphir-Lee-Whorf erinnernde These aufstellen, dass so etwas wie der Deutsche Idealismus mit der englischen Sprache nie entstanden wäre. Aber das führt vielleicht schon ein wenig am Thema vorbei...

Ich persönlich finde in deinem Beispiel den Anfang von MacBeth durchaus stärker (was ja auch frühere Sigs von mir gezeigt haben...). Shakespeare ist hier schön mystisch, prophetisch und ähnliches, während ich Fontane hier eher grotesk finde. Die Athmosphäre ist wirklich eine andere (was sicher nicht nur an der Sprache, sondern auch am Inhalt liegt), aber die sprachliche Realisierung gefällt mir nicht ganz so sehr...

Eine andere Seite als dieses grimmig, düstere von Theodens Schlachruf der Möglichkeiten der deutschen Sprache stellt wohl Kästner dar. Ich weiß nicht ganz, wie man es bezeichnen soll. Vielleicht als lakonisch betrachtend. Das beste Beispiel ist wohl die Schlusszeile von Kästners Fabian: "Fabian ertrank. Er konnte leider nicht schwimmen." Vielleicht das schockierenste, was ich jemals gelesen hab...
Ich weiß nicht, ob man es so gut im englischen wiedergeben könnte. "Fabian drowned. Unfortunately he could not swim" wäre sicherlich keine Übertragung, die dem Original gerecht würde. Man könnte es wohl besser machen, aber ich denke, eine Wiedergabe der Atmosphäre dieser Zeile ist im englischen Unmöglich.
Wahrscheinlich könnte man genauso wenig Kafka wirklich übersetzen. Wie z. B. sollte man den Anfang des Prozesses übersetzen?

Padreic

BeitragVerfasst: Sa 8. Feb 2003, 18:54
von Krautwiggerl
Ich sehe das nicht ganz so und will behaupten, dass an das Original nie etwas rankommt. Das liegt ganz einfach an der Tatsache, dass absolut jede Übersetzung eine Interpretation ist. Bedeutungsnuancen erschließen sich meist nur dem Muttersprachler, und - Diskussion in der Sprachwissenschaft, die ich ja auch betreibe - man ist nie in zwei Sprachen gleich kompetent sondern hängt immer mehr oder weniger stark auf eine Seite.
Mit Klanggebilden zu argumentieren ist höchst subjektiv und spielt auch für vieles eine Rolle, meins ist das allerdings nicht. Das mag aber auch daran liegen, dass man bei wiss. Betrachtung zuerst das Überprüfbare betrachtet: so gibt es Leute, die das Deutsche für eine hervorragende Wissenschaftssprache halten, aufgrund ihrer (ausser dem Altgriechischen) einmaligen Fähigkeit, lange Komposita zu bilden und so im Bereich der begriffl. Erweiterung höchst flexibel zu sein. Die Flexibilität des Englischen liegt mehr darin, wie wild Vokabular aus anderen Sprachen aufzusaugen, so nimmt man an, dass 2/3 des heute gebräuchlichen Wortschatzes eigentlich aus dem Romanischen stammt. (tat sicher nicht schlecht ;))
IMHO liegt die Problematik bezügl. des Klangbildes darin, dass man sich extrem schwer tut, fremde Sprachen zu beurteilen, da man als Schablone immer unbewusst die deutsche Intonation gegehält. Beispiel: wenn ich ein paar üble Schimpfwörter auf Italienisch loslasse, dann hört sich das für die meisten immer noch an wie eine Liebeserklärung (ok etwas übertrieben, aber ich versteht, worauf ich hinaus will...), aber auch für mich noch, wobei sich der Eindruck verstärkt, wenn ein Muttersprachler dies sagt und dabei wild fuchtelnd rumgestikuliert. Da denkt man sich "ah, italiano :)", während der Muttersprachler hier in erster Linie nicht den Klang wahrnehmen wird, sondern den Inhalt!

BeitragVerfasst: Sa 8. Feb 2003, 18:54
von Thod
Man könnte sogar die (etwas provokante und an Saphir-Lee-Whorf erinnernde These aufstellen, dass so etwas wie der Deutsche Idealismus mit der englischen Sprache nie entstanden wäre. Aber das führt vielleicht schon ein wenig am Thema vorbei...

Diese These leuchte mir durchaus ein, und ich denke auch, dass sie sehr gut mit dem Thema zusammen passt.

Was Fontane angeht: Die Ballade als ganze hat mich durchaus sehr berührt. Sie ist in der Aussage halt anders, als das Shakespeare Stück, und somit auch im Ton. Aber Gewaltig sind sie beide.
Ich denke auch, dass man durchaus einfacheres sund seichteres im Deutschen gut ausdrücken kann. Wilhelm Busch z.B. :D

@ Krautwiggerl,
ich denke das Klangbild eine fremden Sprache kann man sogar einfacher beurteilen und nachempfinden als dass der Muttersprache.
Gerade in Kunstwerken ist es imho wichtig, alle diese zwischensprachlichen Aspekte besonders einzubeziehen, da sie als Stilmittel ja prägend sind. Ich denke also, um eine Klanngmiteinbeziehung gerade in Literatur kommt man nicht umnhin.
Etwas anders ist das bei Wissenschaften, aber auch hier gibt es, wie man z.B. bei Heidegger gut sehen kann, gerade durch die Assoziationskraft einer autochthonen Sprache, sehr gewinnbringende Assoziationen und neue mögliche Gedankengänge.

Gruss,
Thod

BeitragVerfasst: Sa 8. Feb 2003, 20:24
von Krautwiggerl
Der Logik kann ich mich schwer entziehen... ;)
Ich Unverbesserlicher habe aber trotzdem noch ein paar Bedenken, insofern, als dass sich in der Beurteilung eine schon vorher gebildete Meinung wiederspiegelt. Ok, aber bevor wir mit der Erkenntnistheorie anfangen... ;)
Vielleicht habe ich dazu auch etwas den Zugang verloren. Wenn ich so ein Ding vorgelegt kriege, fange ich das Analysieren an... ich sehe mehr Phoneme als Klangbild ;)
kein Witz, das prägt wirklich...

BeitragVerfasst: Sa 8. Feb 2003, 20:50
von Padreic
@Krautwiggerl
Ich denke durchaus, dass eine Übersetzung das Original übertreffen kann. Stell dir vor, ein genialer Übersetzer übersetzt einen miesen Autor. Es mag sein, dass dann in der Übersetzung ein anderer Sinn im Text liegt, doch kann die Übersetzung sowohl ästhetisch als auch vom künstlerischen Ausdruck her das Original übertreffen. Dazu kann noch die größere Geeignetheit der Sprache, in die übersetzt wird, kommen.

Und zu den Komposita:
In welcher anderen Sprache hätte Heidegger so schöne Neologismen wie In-der-Welt-Sein, Sich-vorweg schon-Sein-in und Nicht-in-sich-selbst-Stehen bilden können? ;)
Man sagt ja oft, dass deutsche Philosophen meist schwer zu verstehen seien und das ist, wenn man mal die Beispiele Kant, Hegel und Heidegger betrachtet, sicher nicht aus der Luft gegriffen. Vielleicht liegt dies gerade an den großen Möglichkeiten der deutschen Sprache. Gerade durch die Flexiblität der Sprache kann man Gedanken auf ganz ungewöhnliche Weise ausdrücken, was das ganze schwer verständlich machen kann, aber doch den Grad der Präzision vergrößern kann. Weiterhin bietet die deutsche Sprache wohl die Möglichkeit, auch noch sehr komplizierte Gedankengänge darstellen, was diese auch fördern mag. Und diese Förderung potenziert sich im Laufe der Geschichte, da wenn ein Deutscher mit so etwas anfängt, haben auch besonders die Deutschen Zugang zu dem Werk, was wieder weitere Werke inspiriert, die wieder weitere Werke inspirieren etc.

Wissenschaftlicher Umgang mit Kunst kann bereichernd sein, aber er kann einem auch den Blick auf das wesentliche der Kunst verbauen. Die Analyse versperrt zu leicht den Blick aufs ganze...

Padreic

BeitragVerfasst: Sa 8. Feb 2003, 21:12
von Krautwiggerl
Ja, vielleicht sollte ich hinzufügen, dass ich mich ja nicht mit der Sprache in künstlerischem Ausdruck befasse, sondern gezwungenermaßen (aber auch freiwillig, weil mir das besser liegt :D ), mit Gebrauch und Merkmalen.

Bei den Komposita meinte ich nicht nur hochtrabendes, sondern solche Geschichten wie "Bahnhofsklofrauvorsteher" ;)
Das deutsche kann hier sehr gut clustern, wo andere Sprachen irgendwann zu einem anhängenden Genitiv gezwungen sind. Ist die deutsche Sprache sonst nicht unbedingt kompakt, in dem Punkt schon.

Das mit der Übersetung stimmt schon, ist IMHO aber auch nicht allzuoft der Fall... ;)

BeitragVerfasst: So 9. Feb 2003, 02:15
von Feuerkopf
Original geschrieben von Thod

...
ich denke das Klangbild eine fremden Sprache kann man sogar einfacher beurteilen und nachempfinden als dass der Muttersprache.
...


Oha, wenn Du Dich da mal nicht täuschst! ;)
Wenn Du eine Sprache nicht verstehst, dann kann man Dir mit freundlichem Gesicht die schlimmsten Dinge sagen.
Und es kann auch sein, dass Schimpfen z. B. auf Polnisch wesentlich dramatischer klingt als es gemeint ist. (Diese Sprache gilt übrigens als besonders kompliziert.)

Die Niederländer sind übrigens auch sehr gut im Lange-Wörter-Bilden.;)

BeitragVerfasst: So 9. Feb 2003, 02:38
von Crystal
Vielleicht liegt es auch an dem Wortschatz der einzelnen Sprachen. Wenn ich das richtig in Erinnerung habe, dann hatt die englische Sprache 550.000 Wörter und die deutsche "nur" 285.000. Allerdings kommen mir da auch schon wieder Zweifel, wenn ich nur das Wort "put" nachschlage, für das es neben "setzen, stellen und legen" auch noch jede Menge andere deutsche Übersetzungen gibt.

Das o.a. Beispiel mit dem miesen Autor und dem "genialen" Übersetzer finde ich sehr lustig, wobei das Ergebnis letztendlich doch nicht mehr autentisch ist und somit kein Original darstellt.

Ich lese kaum Bücher im Original, sehe mir allerdings oft Filme im (da ich nur englisch kann) Original an. Der Unterschied zur Übersetzung ist oft gewaltig, doch wage ich zu bezeifeln, dass viele sowas bemerken. Man muss die fremde Sprache "leben und denken", um wirklich die Unterschiede zu bemerken und erkennen, also ein "nearly native speaker" sein und mit den ganzen Redewendungen was anfangen zu können. Auch ist z.B. Englisch nicht Englisch. Die Amis sprechen und denken anders als die Engländer oder Australier.

...und letztendlich kann man evtl. Probs mit dem Sinn des Originals bekommen, wenn man nicht irgend wann mal wirklich gehört hat, wie der Satz oder der Spruch in den einzelnen Wörtern betont wird.

Ich habe da noch aus der Deutschtstunde den Satz "durch diese hohle Gasse wird er kommen" in Erinnerung. Ändert doch mal die Betonung auf jeweils eines der Worte und denkt mal darüber nach!
;)

BeitragVerfasst: Mo 10. Feb 2003, 14:41
von Thod
@ Feuerkopf,
deutsch und Holländisch liegen ja auch sehr nahe beieinander.
Was die Klangbilder angeht, so meine ich nicht, dass man bewusst täuschen kann, indem man einem Satz einen anderen Klang unterlegt, sondern, dass man über die eigene Sprache und deren Klang, kaum nachdenkt. Wenn man keine andere Sprache kennt, wird ein Deutscher nicht sagen, seine Sprache kläge hart. Wenn ich eine neue Sprache lerne, bin ich aber in ganz anderer Weise auf ihnren Klang aufmerksam.

Gruss,
Thod

BeitragVerfasst: Mo 10. Feb 2003, 15:53
von Feuerkopf
Thod,
Niederländisch ist dem Deutschen nicht näher als Englisch dem Amerikanischen.
Und der Durchschnittsamerikaner versteht britisches Englisch nicht! Hab ich mir nicht vorstellen können, ist aber so.
Muss wohl ein ähnlicher Unterschied sein wie zwischen Deutsch und Österreichisch.

Nun, ich denke, das Deutsche ist schon deshalb "härter" wegen seiner vielen "sch" , "tsch", "nk" oder "ch"-Laute. Es klingt wahrscheinlich ähnlich wie Tschechisch oder Polnisch. (Müsste man mal ausprobieren... nur Nonsenswörter und Silbenaneinanderreihungen, so, dass man nur die Wortmelodie, aber keinen Sinn versteht.)
Wobei ein flott gesprochenes Polnisch sonderbarer Weise große Ähnlichkeit mit Spanisch hat. ;)

BeitragVerfasst: Mo 10. Feb 2003, 15:57
von Thod
aber englisch und amerikanisch sind sich sehr nahe, das kannst du ja wohl nicht bestreiten.

und was den klang angeht: du sagst selber:
. Es klingt wahrscheinlich ähnlich wie Tschechisch oder Polnisch

D.h. du weisst es nicht so genau, wie du von Tschechisch oder Polnisch den ähnlichen Klang sagen kannst. Also auch du tust dich in der Klangbeurteilung anderer Sprachen letztlich leichter, als in der Deutschen.
Nebenbei: Ich würde dir auch widersprechen. Deutsch klingt sicher nicht, wie die slawischen sprachen, dann schon eher wie der Skandinavischen: Dänisch, Schwedisch, Norwegisch...

Gruss,
Thod

BeitragVerfasst: Mo 10. Feb 2003, 16:06
von Feuerkopf
Meinst Du? Smörebröd Smörebröd römpömpömpöm ;)

Ich glaub, das kann man tatsächlich nur vergleichen, wenn man Unsinnstexte produziert und dann einander gegenüberstellt.
Das Polnische erinnerte mich deshalb so sehr ans Spanische, weil meine Sippschaft es sehr temperamentvoll spricht und die "rrr"s so schön rollt. Aber das tun manche Sauerländer auch, und die sind eher - naja - ruhig.;)

Die Verständnisprobleme zwischen Amerikanern und Briten konnte ich mir nicht vorstellen, aber inzwischen haben mir mehrere Amerikaner dieses bestätigt. Ich selbst habe es gemerkt, als die Zollkontrolleure in Detroit mein britisches Englisch - ich habe keinen dollen deutschen Akzent - nicht verstanden. Und ich sie allerdings auch nicht. Sonderbar.

BeitragVerfasst: Mo 10. Feb 2003, 16:16
von Thod
Es dürfte ja auch schwer sein, für einen Kanadier, oder US-Amerikaner an der kanadischen Grenze, den tiefsten Südstaatenslang zu verstehen. Dass sich Dialekte voneineander immer weiter entfernen kann man ja auch anderswo gut beobachten.
Sicher ist mit dem Klang des Deutschen auch eher das Hochdeutsch gemeint, weil z.B. das Bayrisch doch einen völlig anderen Klang hat. Auch liegen hier ähnliche Unterschiede in Mentalitätsfragen vor, wie bei verschiedenen Sprachgemeinschaften. Auf bayrisch kann man einiges gut ausdrücken, was sich in Hochdeutsch sehr gestelzt anhört. Andererseits fällt es aber auch schwer, im Bayrischen, eine Wirtschaftsanalyse deutlich auszudrücken...
Sprachen und Dialekte werden imho von ihrer Vorstellungswelt geprägt und prägen gemeinsam mit Mentalität und Denkmodellen in spezifische Richtungen aus. Dabei kommt meine Grundthese, dass sich Phänomene immer auf *allen* Ebenen zeigen, hier sicher auch deutlich zum Ausdruck: auch im Klang.

Gruss,
Thod

BeitragVerfasst: Di 18. Feb 2003, 11:48
von Thod
Nochmal was, um dem Traitor zu zeigen, dass man mit der deutschen sprache tiefsinniges und schönes hervorragend ausdrücken kann.

Palmström steht an einem Teiche
und entfaltet groß ein rotes Taschentuch:
Auf dem Tuch ist eine Eiche
dargestellt sowie ein Mensch mit einem Buch.

Palmström wagt nicht, sich hineinzuschneuzen. -
Er gehört zu jenen Käuzen,
die oft unvermittelt-nackt
Ehrfurcht vor dem Schönen packt.

Zärtlich faltet er zusammen,
was er eben erst entbreitet.
Und kein Fühlender wird ihn verdammen,
weil er ungeschneuzt entschreitet.

Christian Morgenstern