Stephen King mit hochrangigem US-Literaturpreis geehrt - zu Recht ?

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Shockk
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Mo 15. Sep 2003, 22:38 - Beitrag #1

Stephen King wird mit hochrangigem US-Literaturpreis geehrt

Stephen King wird mit hochrangigem US-Literaturpreis geehrt

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New York (dpa/WEB.DE) - US-Horrorautor Stephen King wird nach US-Medienberichten mit dem "National Book Award to American letters", dem drittwichtigsten Literaturpreis in den USA, ausgezeichnet.

Literaturkritiker äußerten Unverständnis über die Vergabe: Diesen Preis erhielten stets renommierte Schriftsteller wie John Updike, Arthur Miller, Philip Roth und Nobelpreisträgerin Toni Morrison.

Die National-Book-Stiftung wollte ihre überraschende Wahl noch an diesem Montag offiziell bekanntgeben. Es sei das erste Mal, dass der Preis an einen Buchautor von so populären Genres wie Horror, Thriller und Science-Fiction ehre, schrieb die "New York Times". Vorstandsmitglieder begründeten die Entscheidung mit Kings Talent als Geschichtenerzähler, seinen Spenden an Büchereien und Schulbibliotheken sowie der Vielzahl seiner Werke, wodurch viele seiner Fans zu Leseratten geworden seien.

Dagegen reagierten einige Literaturexperten mit Gelächter und offener Kritik auf die geplante Preisvergabe an King. Die Tatsache, "dass sie (in Kings Werken) auch nur einen Funken von literarischem Wert, ästhetischer Errungenschaft oder erfinderischer Intelligenz zu sehen meinen, spricht für ihre eigene Dummheit", bescheinigte der Yale-Professor und Literaturkritiker Harold Bloom der Stiftung.


Quelle: web.de

Es geht mir hier primär um das, was man im letzten Absatz des zitierten Artikels lesen kann. Ich meine - ich bin kein Leser von Grass, und mit hochliterarischem habe ich eigentlich nichts am Hut. Ich lese gerne meine SciFi Bücher und sonstiges, was mir gerade gut gefällt. Aber das diese "Experten" Herrn King derart niedermachen ... Ich habe bis jetzt von Stephen King erst ein Buch gelesen, "Es". Und das hat mit ehrlich gereicht. Das war das einzige Buch, welches mir richtig Angst gemacht hat. Ich hatte Schiss, weiterzulesen, ich hatte Schiss, es nicht zu tun. Und ich war froh, als ich es durchhatte, zum einen, weil die "Angst" weg war, zum anderen, weil es ein gutes Buch ist. Und ich finde sowas muss ein Autor ersteinmal schaffen. Insofern - selbst wenn es Yale-Professoren und Nobelpreisträger sind - verstehe ich das Argument von Mangel an "literarischem Wert, ästhetischer Errungenschaft oder erfinderischer Intelligenz" nicht ganz ...

Blue World
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Mo 15. Sep 2003, 23:01 - Beitrag #2

ich habe noch nicht sehr viele bücher von king gelesen, aber die, die ich bisher gelesen habe finde ich nicht überagend. da kenne ich spannenderes. "es" habe ich noch nicht gelesen, habe ich aber schon auf englisch auf meinem "noch-zu-lesen-bücher-stapel". mal schauen, vielleicht ändere ich dann meine meinung.

was ich im moment sehr gerne lese, sind die bücher von dean koontz. die sind sehr spannend und es geht immer über themen, über die man nicht so viel weiss, oder überhaupt nicht kennt. vielleicht hat ja schon jemand ein buch von ihm gelesen. ich bin auf jeden fall begeister von ihm!

lg Blue World

Fargo
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Mo 15. Sep 2003, 23:24 - Beitrag #3

Re: Stephen King wird mit hochrangigem US-Literaturpreis geehrt

Original geschrieben von Shockk
Insofern - selbst wenn es Yale-Professoren und Nobelpreisträger sind - verstehe ich das Argument von Mangel an "literarischem Wert, ästhetischer Errungenschaft oder erfinderischer Intelligenz" nicht ganz ...


Auch wenn es Dich gegruselt hat - King kann sich mit Toni Morrison, Don DeLillo, Robert Coover, Thomas Pynchon, John Edgar Wideman und vielen anderen Schwergewichten der US-Literatur, was Komplexität der Themen, Grad der sprachlichen Verdichtung etc. angeht, wirklich nicht messen.

Die Frage ist eben, wie man den National Book Award definiert. Die zitierten Würdenträger würden wohl sagen, er gilt einem Mann, der viel für das Schreiben getan hat. Die Juroren versuchen einen Kurswechsel und würden ihn gern einem Mann geben, der viel für das Lesen (und damit natürlich auch für den Buchmarkt) getan hat.

Beide Positionen haben was für sich.

Fargo

Feuerkopf
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Di 16. Sep 2003, 09:27 - Beitrag #4

Es wird immer noch ein Unterschied zwischen E- und U-Literatur gemacht. Das bringt mich jedesmal zur Weißglut!
Nur, weil jemand - ich werde mal polemisch, um es deutlicher zu machen - unverständliche, verquaste Wortdrechseleien betreibt, ist sein Werk doch nicht automatisch höher anzusiedeln, als die verständlich geschriebenen Werke eines Stephen King. Es ist - meiner Meinung nach - eine Kunst, Menschen zu unterhalten!

Ich kenne fast alle Bücher von King, ich schätze sein Talent, Personen lebensnah und warmherzig darzustellen. Er kann wie kaum ein anderer grausam zu seinen Helden sein, er beschreibt Grenzsituationen und hat eine überbordende Phantasie. Mir gefällt sein mitunter moralischer Zeigefinger nicht so gut, aber er weiß immer ganz genau, was er tut.
Und sein Mehrteiler um den Dunklen Turm ist einfach nur genial! Ich warte sehnsüchtig auf die letzten Teile, die auf Englisch wohl schon im Druck sind.

Es ist der verflixte Snobismus der Bildungsbürger, der auch herablassend auf die sogenannte U-Musik herunterschaut. Ich kann manchmal gar nicht so viel kotzen, wie ich möchte!

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Fargo
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Di 16. Sep 2003, 09:34 - Beitrag #5

Original geschrieben von Feuerkopf
Nur, weil jemand - ich werde mal polemisch, um es deutlicher zu machen - unverständliche, verquaste Wortdrechseleien betreibt, ist sein Werk doch nicht automatisch höher anzusiedeln...Es ist der verflixte Snobismus der Bildungsbürger, der auch herablassend auf die sogenannte U-Musik herunterschaut....


Ist das nicht der umgekehrte Snobismus, Feuerkopf? Alles, was sich nicht auf den ersten Blick erschließt, was nicht etablierten Mustern der Unterhaltsamkeit folgt, böse als - um einen anderen gern zitierten Vorwurf zu nehmen - substanzlose Hirnwichserei und bloße eitle Selbstbespiegelung zu denunzieren?

Ich muss jetzt in eine Konferenz, aber an diesem Thema würde ich später gerne noch weiterdiskutieren. :)

Fargo

Feuerkopf
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Di 16. Sep 2003, 09:45 - Beitrag #6

Klar, Fargo, so rum kann man das Pferd natürlich auch aufzäumen. Aber ich bin sehr empfindlich, was Hochnäsigkeiten angeht.
Ich bin leider Uni-geschädigt, also ständig extremem Wortgeklingel ausgesetzt, was beileibe nicht immer nötig ist. Ich schätze es sehr, wenn jemand sich verständlich und präzise ausdrücken kann. DAS halte ich für eine sehr erstrebenswerte Fähigkeit, die z. B. im englischsprachigen Raum sehr viel mehr anerkannt wird als hierzulande.

Ich bin z. B. sehr verliebt in die barocke Wortgewalt eines Günter Grass oder habe "Das Parfüm" als ultimatives Buch über das Riechen geschätzt. Ich bin auch gern bereit, mich "schwerer Kost" auszusetzen, doch ich reagiere inzwischen fast allergisch auf artifizielle Wortwichserei, um mal richtig grob zu werden. Das ist dem eigentlichen Inhalt eines Buches oft schrecklich abträglich.

Stephen King hat noch nie von sich behauptet, er sei ein hochrangiger Literat. Aber was ist denn das überhaupt? Muss nicht jemand überhaupt sein Handwerkszeug, die Sprache, richtig sicher beherrschen, um dann wieder reduzieren zu können, bis es klar und einfach ist?
Ich rede hier nicht irgendwelchen schlechten Schmökern das Wort. Da gibt es viel schlampiges Zeug auf dem Markt. Nicht, dass hier Missverständnisse entstehen.

GenomInc
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Di 16. Sep 2003, 11:03 - Beitrag #7

Ich denke das Problem ist besonder in Deutschland noch größer als in den USA. Wie feuerkopf sagte die unterscheidung von Unterhaltungs Bücher und ernsten Büchern. Ich selber lese viel S.F. und mit was für vorurteilen mann dan manchmal konfrontiert wird ist nicht gerade angenehm. Ich denke wir müssen auch als leser aufhören in diesen Schubladen zu denken. Ich habe es selbst bei mir erlebt, als ich das erstemal von Harry Potter gehört habe dachte ich auch Kinderbuch, mittlerweile habe ich aber alle 5 gelesen und meiner Menung nach sind gerade die letzten keien kinder Bücher mehr. Deswegen schaut auch mal über den tellerand hinweg und last euch auch mal zu einem Buch übereden welches nicht euren normalen lesegewohnheiten entspricht, oft tut sich dann eine weitere wunderbare Welt auf.

Gruss torsten

Marc Effendi
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Di 16. Sep 2003, 11:20 - Beitrag #8

Der "Wert" von Literatur ist grundsätzlich ein subjektiver. Es gibt keine Maßstäbe anhand derer ein Buch gemessen werden könnte, ob es wertvoller ist als ein anderes. Ich selbst lese sehr viel Science Fiction und dabei auch recht unterschiedliches Zeug vom Niveau her. Auf der einen Seite ist da z.B. Heftchen-Literatur wie Perry Rhodan, andererseits habe ich auch Bücher von Dick, Asimov oder Clarke in meinem Regal stehen.

Vom Niveau her gibt es deutliche Unterschiede zwischen Rhodan und Asimov, aber beides hat seine Berechtigung.

Aber diese Herablassung habe ich selbst auch schon gespürt. Ich habe einmal einen Kampf mit einem Deutschlehrer geführt, das man doch vielleicht auch mal einen SF-Roman lesen könnte anstatt eines in meinen Augen totlangweiligen Buches von Sigfried Lenz...

Aber zurück zum Thema: King hat sicherlich viel fürs Lesen getan, aber ob er deswegen einen Literaturpreis verdient hat? Ich denke eher nein.

Noch eines zum Thema "Es", weil es hier erwähnt wurde: ich für meinen Teil fand das Buch grottenschlecht. Ganz besonders den Schluß fand ich ziemlich hingeschludert. So als ob King seine aufgedröselten Handlungsfäden innerhalb einer bestimmten Seiten-Zahl wieder zusammenbringen muß.

Begeistert war ich hingegen von The Stand....

Thod
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Di 16. Sep 2003, 11:30 - Beitrag #9

nun, man kann es ausdrücken wie man will. selbst wenn man literatur nur nach geschmack einrichtet, bekommt man eine reihenfolge. ich finde es natürlich, und sogar geboten, sich auf den eigenen bewertungsmasstab zu besinnen, und zu erkennen und zu entscheiden, warum man ihn hat und keinen anderen. so zu tun, als wäre alles gleich, ist imho völliger blödsinn und führt zu nichts.

dass die werke kings bei vielen gewisse emotionen auslösen, wie z. b. spannung, oder auch langeweile (solls geben, z.b. bei mir) ist für mich, und offensichtlich für den oben zitierten literaten der drastischen worte, wohl kein kriterium. ich denke, das kann man doch akzeptieren.

wenn man aber nun die e- und u- kunst schon mal einführen will: ich lese beides, aber mit unterschiedlicher stimmung und auch mit unterschiedlichem anliegen. so hab ich als ich in neuss gewohnt hab, und meine eltern in bergisch gladbach besucht habe, über jahre der s-bahn fahrt john sinclair hefte gelesen. die ersten 500 bestimmt. das hat gut gepasst, weil ich auf der hinfahrt genau die erste hältfte und auf der rückfahrt die zweite hälfte hab lesen können. trotz dass mir das gut gefallen hat, würde ich den autor nicht mit dostojewski, deren brüder karamasoff ich kürzlich (leder erst) gelesen habe, auch nur im ansatz vergleichen. ich sehe da welten dazwischen, und warum soll man die nicht benennen, auch wenn einen beides auf gewisse art anspricht.

king liegt für mich da deutlich näher bei jason dark. ich hab zwar nicht viel von ihm gelesen, aber gerade in einigen von mir gelesenen fantasy-romanen, deren titel ich glücklicherweise vergessen hab, hat er sich schon göbste patzer erlaubt. was die standards angeht: "es" hab ich gelesen und fands wie schon angedeutet eher langweilig, und pet cemetary fand ich als unterhaltung recht kurzweilig.

gruss,
thod

Noriko
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Di 16. Sep 2003, 23:15 - Beitrag #10

ich bin kein literat, kein linguist, oder sonstwas, ich bin nich ma gut in deuscth, aber eine farge habe ich dennnoch:
Muss man Verquaste wortgewurschtel mit 3 seiten sätzen mit tausenden von nebensätzen basteln, um literarisch zu sein?
Ganz unabhängig von king jetz mal.

Fargo
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Di 16. Sep 2003, 23:47 - Beitrag #11

Das, was wir selbst gerne lesen, verteidigen wir natürlich auch gerne gegen jeden Vorwurf seitens hochnäsiger Schnösel, es sei minderwertiger Kram.

Aber was Du, Effendi, da an klassischer Verteidigung vorführst, ist zugleich ein klassischer Widerspruch. Du schreibst

Es gibt keine Maßstäbe anhand derer ein Buch gemessen werden könnte, ob es wertvoller ist als ein anderes.


Und gleich darauf:

ich für meinen Teil fand das Buch (>ES von King<) grottenschlecht


Also gibt es sehr wohl Maßstäbe. Du nutzt ja selbst einen. Die Frage ist also nur, wie allgemeine verbindlich diese Maßstäbe sein können. Innerhalb welches Bezugsrahmens sie wie strikt angewandt werden dürfen.

Die Antwort ganz ins Subjektive zu verlagern - jeder Mensch hat seinen eigenen, der persönliche Geschmack und die individuellen Erfahrungen sind der einzige Bezugsrahmen - führt letztlich in die Beliebigkeit. Thod mahnt das ja schon an.

Jemand kommt und sagt, Grass ist besser als Perry Rhodan. Jemand anders sagt: Rhodan ist besser als Grass. Müssen wir das so stehen lassen ? Ich denke nicht. Wir können schon versuchen, Argumente für und wider literarischen Wert zu finden.

Ein Stück fester gemeinsamer Grund

Du machst das auch vor, Feuerkopf. Du führst "Verständlichkeit" als positiven Textcharakter gegen "artifizielle Wortwichserei" ins Feld. Da werden Dir fast alle zustimmen. Doch der schöne Konsens wird schnell bröckeln, wenn wir konkrete Beispiele benennen. Beim oder anderen Autor wird Leser A noch Verständlichkeit preisen, Leserin B aber schon Banalität anmahnen. Und während A einen Autor als Art-Wichser schmäht, wird B dessen vergnüglich musikalisches und / oder blitzgescheit philosophisches Spiel mit Sprache loben.

Von solchen Widersprüchen lebt das Gespräch über Literatur. Es lebt aber vor allem dann, wenn die Streitenden beide glauben, dass es irgendwo einen gemeinsamen Grund gibt, eine Möglichkeit des Konsens. Ohne diesen Glauben wird das Gespräch selbst Wortwichserei.


Blick über den Tellerrand

Wenn es um den Wert populärer Werke in den Augen des Literaturgeschmacks-Establishment geht, dann erhebt sich gern der Ruf nach Toleranz und nach dem Blick über den Tellerrand. GenomInc und Effendi haben ihm hier die Kehlen geliehen. Schon wahr - die Leute im akademischen Elfenbeinturm sollten ruhig mal auch das schmökern, was die Menschen in der U-Bahn lesen. Einen SF-Roman beispielsweise.

Doch ironischerweise sind diese Aufforderungen längst gehört worden. In den Elfenbeintürmen der Unis wird über SF, Krimis, Fantasy doziert, diskutiert, theoretisiert. Aber sind die SF-Fans so neugierig, auch mal was anderes zu lesen? Folgen sie dem eigenen Ruf zur Horizonterweiterung? Überwinden sie Abneigung und Vorurteil und lesen mal was vom Nobelpreisträger, das Booker-Prize-Buch des Jahres oder einfach eine Empfehlung von der Kritikerbestenliste des SWR?

Ich fürchte, die meisten tun es nicht. Damit liegt die Betriebsblindheit aber, Hand aufs Herz, nicht mehr allein auf Seiten der vermeintlich arroganten Hochkulturadvokaten.

Und nun mal Butter bei die Fische, wie die Nordlichter sagen: welche gelobten Großautoren sind denn die Wortklingler, die den Preis weniger als King verdient hätten? ;)

Fargo

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Mi 17. Sep 2003, 11:49 - Beitrag #12

Noch eine kleine Ergänzung zur scheinbaren Liberalität der Entscheidung für King. Die New York Times kommentiert die Hintergründe ziemlich ernüchternd:

Mr. King's award comes when publishers are pushing the foundation, which they largely finance, to stir up more attention for its prizes and for books in general.


Nicht der Preis soll also dem Preisträger nutzen, sondern umgekehrt. Der US-Buchmarkt ist bereits so rabiat wie der unsere bald werden könnte. Nicht nur die Verlage kalkulieren knallhart auf Umsatz, auch die großen Buchhandelsketten nutzen ihre Macht brutal aus. Inzwischen fragen US-Lektorate bei den Ketten Barnes & Nobles und J.B.Dalton’s vorab an, ob die bereit wären, ein Buch überhaupt ins Regal zu nehmen. Wenn die Einkäufer der Ketten Nein sagen, dann bedeutet das in bestimmten Sparten des Marktes das Aus: dann wir das Buch nicht gedruckt, der Autor bekommt sein Manuskript zurück. Pech gehabt.

Preise wie der National Book Award haben Minderheitenbüchern bisher noch den Weg in die großen Buchhandelsketten freigekämpft: dort wurde dann ein Eckchen Sonderpräsentationsfläche eingerichtet, mit dem hoffentlich werbewirksamen Hinweis "Preisträger".

Nun soll der Spieß also herumgedreht werden. Wenn die Buchhandlungen schon raren, begehrten Regalraum für Preisträgeraktionen freimachen, dann soll dort wenigstens etwas stehen, was sich sowieso von selbst verkauft. Ist das eine vernünftige Entwicklung?

Wer nicht so leicht zugängliche Literatur schreibt, hat nur eine geringe Hoffnung auf gute Verkaufszahlen. Aber er hat bisher die Chance auf Preise, die erstens meist dotiert sind und zweitens den Umsatz ein wenig ankurbeln. Soll man nun wirklich den Literaten sagen: "Sorry, an Euch können wir keine Preise mehr verschwenden. Wir müssen populäre Autoren auszeichnen, damit das Image des Preises steigt."

Die New York Times berichtet auch, wer an der King-Entscheidung mitgedreht hat:

Several board members said they believed it was time that the awards began to define "American letters" more broadly than just the kind of literary fiction read by an elite.

"It has to take more chances, and it has to explore different areas of writing," said Isisara Bey, a new board member who is also vice president of corporate affairs at the music division of Sony.

Board members said Mr. King's name had come up in its deliberations in previous years; Ms. Bey nominated him this year. She first began to appreciate his work, she said, when she was at Sony Pictures, and it released a film based on his novella "Rita Hayworth and Shawshank Redemption."

"His work has translated so well in so many other mediums," Ms. Bey said. "I really liked that it was not only good on the page, it makes great movies, I mean, really great movies."


Der Großkonzern Sony also, Eigentümer der Columbia Studios, lässt seine Vertreter im Preiskomitee für King Lobby machen: weil sich Kings Bücher so gut für Verfilmungen eignen.

Angesichts solcher Äußerungen klingt Harold Blooms Schelte vielleicht ein bisschen weniger arrogant, diese Verleihung sei ein Zeichen für die Idiotie der dafür Verantwortlichen.

Fargo

Thod
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Mi 17. Sep 2003, 11:56 - Beitrag #13

nuja, es hiess ja schon in der ersten meldung offen von "seinen Spenden an Büchereien und Schulbibliotheken" (kings) die einen ausschlag gaben.
offener kann man ja nicht mehr sagen, dass der inhalt eh wurscht ist.

gruss,
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Mi 17. Sep 2003, 15:05 - Beitrag #14

Schade. Ich denke, dass hier King Unrecht getan wird.
Er kennt sich aus mit Englischer Literatur, ist ein sehr guter Handwerker seines Fachs und außerordentlich selbstkritisch. Wenn er nun in der Lage ist, auch verfilmbare Bücher zu schreiben, so zeigt das doch seine Vielseitigkeit, denn offenbar kann er Bilder verschriftlichen.

Die Verquickung von Geschäft und Preis ist natürlich bedenklich. Allerdings müsste man vor diesem Hintergrund auch mal andere Preisverleihungen kritisch beäugen. Es ist - meine ich - eine Mär, dass entscheidende Gremien gänzlich unabhängig sind.

Wieso kann der Literaturbegriff nicht weit gefasst werden?
Und ich frage mich immer noch, warum ein Buch, das schwer zugänglich ist, "besser" ist als ein gut lesbares? Ist "Zum-Denken-anregen" per se ein Qualitätsmerkmal?
Johannes Mario Simmel konnte auch schwierige Stoffe leicht lesbar transportieren.

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Mi 17. Sep 2003, 15:16 - Beitrag #15

ich denke, das schwer zugänglich sein, ist sicher kein kriterium.
dennoch ist die welt imho nicht so einfach, wie man es oft gern hätte.
beim vereinfachen wird oft stark simplifiziert, und es werden sachen dadurch verzerrt. der spruch, dass das genie auch schwieriges einfach darstellen kann, ist imho eine mär.

i.d.r. fliegt einem wirkliche erkenntnis nicht so einfach zu.

gruss,
thod

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Mi 17. Sep 2003, 15:49 - Beitrag #16

Vermutlich liegt der Schlüssel mal wieder in der Mitte.

Ich - für meinen Teil - bin jedenfalls gegen einen elitären Literaturbegriff, weil er den größten Teil der Bevölkerung ausschließen würde. Es ist nicht jedem gegeben, schwierigen Gedankengängen problemlos zu folgen.
Es ist schon okay, die grauen Zellen zu fordern, doch jeder nach seinen Möglichkeiten, nicht wahr? Es muss Helfer geben, für die ersten Stufen.

Erinnert mich irgendwie an die Missachtung, die Kindererzieherinnen in der Primarstufe entgegengebracht wird. Bei den Lehrern zählt man irgendwie erst ab Sekundarstufe II und dann auch nur, wenn man Leistungskurse unterrichtet.
Dabei ist die Basis ALLES!

Thod
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Mi 17. Sep 2003, 16:36 - Beitrag #17

ich finde es nicht problematisch, wenn etwas elitär ist.
der eine liest gern elitäre bücher, der andere treibt elitär sport. ich brauche keine unsportlichen leute bei olympia, um sie nicht zu benachteiligen.

und eine zurückstellung der bevölkerung kann ich überhaupt nicht sehen. der grösste schund wird doch am meinsten verkauft. ein quanitätsurteil würde z.b. besagen, dass die bildzeitung tatsächlich die beste zeitung wäre.
tatsächlich mag sie das in hinscht auf publikumsnähe sein, mein qualitätsmasstab ist da aber ein anderer.

gruss,
thod

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Mi 17. Sep 2003, 21:12 - Beitrag #18

Original geschrieben von Feuerkopf
Es ist schon okay, die grauen Zellen zu fordern, doch jeder nach seinen Möglichkeiten, nicht wahr? Es muss Helfer geben, für die ersten Stufen.


Ja - aber zwischen respektvoller Aufmerksamkeit und Anerkennung der Leistung einerseits und der Zuerkennung eines Literaturpreises besteht ein großer Unterschied. Thod hat ja schon das sehr gute Beispiel der Olympiade gebracht.

Original geschrieben von Feuerkopf
Ich - für meinen Teil - bin jedenfalls gegen einen elitären Literaturbegriff, weil er den größten Teil der Bevölkerung ausschließen würde.


Darauf könnte ich jetzt sarkastisch antworten, ich sei gegen einen populistischen Literaturbegriff, weil er den Großteil der Literatur ausschließen würde. ;)

Aber das wäre ja nicht mal so ganz meine Meinung.
Ich lese zum Beispiel sehr gerne Krimis, und in diesem (Unterhaltungs-)Genre gibt es viele Autoren, die den durchschnittlichen bleichen Hochliteraturdebütanten mit seinem zusammengebastelten Werklein mit einem Finger an die Wand schreiben. Um in den USA, im Bereich des National Book Award, zu bleiben: Lawrence Block, James Crumley, Walter Mosley, Daniel Woodrell, und, und, und...

Man kann mit den Büchern dieser Autoren nicht nur glücklich werden, man kann auch seinen Horizont erweitern, und man kann nachhaltige ästhetische Erfahrungen in ihnen machen.

Aber es gibt eine ganze Menge US-Autoren, die noch mehr können , noch mehr wagen, die vorbildloser an Neuem arbeiten und unseren Erfahrungsraum entschlossener erweitern. Ein paar habe ich oben schon genannt. Es gibt noch viel mehr, z.B. eine einschüchternde Menge Kurzgeschichtenautorinnen erster Güte.

Was Weite des Horizonts angeht, Dichte, Detailschärfe und Originalität der Wahrnehmung, Gestaltung und Ausleuchtung der Charaktere sowie Ausleuchtung der Sprache selbst, Komplexität und Anzahl der Problemstellungen etc sind diese Autoren meinen geliebten Krimsichreibern um einiges voraus.

Irgendwo muss es doch gewürdigt werden dürfen, dass diese Leute es wagen, sich von dem fortzuschreiben, was jeder verstehen kann oder will, um zu etwas zu finden, was so noch nicht viele gesagt, gedacht, empfunden haben.

Fargo

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Mi 17. Sep 2003, 23:28 - Beitrag #19

Darf ich zwischendurch mal anmerken, dass ich diese Diskussion hochinteressant finde?

Ich stelle an diesem Punkt fest, dass ich vermutlich so grätzig auf klingende Worte reagiere, weil mir zu bestimmten Büchern/Texten der Zugang fehlt. Ich bin dafür einfach zu dumm.
Meine Güte, wie muss es da noch schlichteren Gemütern ergehen...

Ich schätze, es ist schwierig, im Bereich der künstlerischen Literatur zwischen wirklichen Könnern und Scharlatanen zu unterscheiden.
Dieselbe Diskussion könnten wir genau so über Malerei oder Musik führen.

Feuerkopf
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Do 18. Sep 2003, 00:32 - Beitrag #20

Original geschrieben von Noriko
ich bin kein literat, kein linguist, oder sonstwas, ich bin nich ma gut in deuscth, aber eine farge habe ich dennnoch:
Muss man Verquaste wortgewurschtel mit 3 seiten sätzen mit tausenden von nebensätzen basteln, um literarisch zu sein?
Ganz unabhängig von king jetz mal.


Noriko hat mich in einer PM um die Beantwortung dieser Frage gebeten. Sollen wir im Rahmen dieses Threads darüber diskutieren? Fände ich angemessen, da der Literaturpreis für King ein guter Aufhänger ist

Können wir "literarisch" definieren? Wenn ich mir die vergangenen Beiträge ansehe, dann dürfte das schwierig werden.

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