Stephen King mit hochrangigem US-Literaturpreis geehrt - zu Recht ?

Die Faszination des geschriebenen Wortes - Romane, Stories, Gedichte und Dramatisches. Auch mit Platz für Selbstverfasstes.
Fargo
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Do 18. Sep 2003, 01:17 - Beitrag #21

Original geschrieben von Feuerkopf
Ich schätze, es ist schwierig, im Bereich der künstlerischen Literatur zwischen wirklichen Könnern und Scharlatanen zu unterscheiden.
Dieselbe Diskussion könnten wir genau so über Malerei oder Musik führen.


Genau. Oder über Architektur, etc... Auch anerkannte Größen eines Fachs, aktive Künstler, haben einander schon mit viel Energie geschmäht, beleidigt und verleumdet. Nicht immer aus Futterneid. Sondern manchmal auch, weil die Konzeptionen des einen mit den Vorstellungen des anderen überhaupt nicht mehr zu vereinen waren. Das macht das Gespräch aber nicht müßig. Du siehst das ja zu meinem Entzücken genauso.


Kunstkriege

Wenn wir mal annehmen, dass wirtschaftliche Interessen nicht das einzige Motive für Kriege sind, dass unterschiedliche Weltanschauungen, Ideologien, Glücks- und Menschenvorstellungen ebenfalls eine beständige Quelle des Menschheitsunglücks sind, dann kann man die Kunst durchaus als ritualisiertes Schlachtfeld sehen. Als Versuch, den Aufeinanderprall der Weltbilder tatsächlich in eine Konfrontation der Bilder zu überführen, und die realen Metzeleien der Anhänger in ein Duell der Worte und Ideen.

Die alten Griechen waren da allerdings wiederum skeptisch und unkten, schon die Frage nach der größten Schönheit könne einen Krieg auslösen - vielleicht war es ja nicht nur Propaganda, den Krieg um Troja statt als Handelskrieg als Krieg um Ehre, Ränge und Ideen darzustellen. Vielleicht war es tiefer Pessimismus über den Kern der Zivilisation und die hässliche Abseite der Verfeinerung.


Hohlräume

Aber ich schweife jetzt ein wenig ab. Zurück zur Frage der Verständlichkeit und des Anspruchs von Literatur. Lichtenberg hat den schönen Ausspruch getan, wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstießen und es gebe einen hohlen Klang, dann müsse man die Schuld nicht immer beim Buch suchen. Doch aus dieser Regel geht auch klar hervor, dass manchmal die Schuld sehr wohl beim Buch liegt.

Es gibt also für jeden Bücher, für die er zu blöde ist. Und Bücher, mit denen er nicht zu Recht kommen kann, weil das eigene geistige Gewebe mit fremden kaum Knüpfmuster gemein hat.

Aber es gibt auch Bücher, die, wie Du sagst, Feuerkopf, Scharlatanerie sind - also ein in sich vernünftiges fremdes Knüpfmuster nur vorgaukeln. Oder andere schwere Defekte haben.


The Name Game

Der viel gelobte T.C.Boyle zum Beispiel ist für mich nur schwer zu lesen - weil ich seine barocke Wortgewalt für einen Wandschirm hakte, hinter dem eine sadistische Fantasien gebärende Verachtung für seine Figuren kreißt. Ich sage nicht, er sei ein kleines Talent. Er ist ein großes - aber er hat gewiss kein großes Herz. Ich bin ziemlich froh, nicht über eine Literaturpreisvergabe an ihn entscheiden zu müssen.

Ich mag die 'Unterhaltungsromane' von Anne Tyler sehr und finde, die machen vieles anstrengungslos richtig, was man ganz leicht falsch machen könnte - man merkt beim Lesen kaum, wie hat die Frau daran wohl arbeiten muss. Dafür nerven mich die von vielen so innig gelobten, skurrilen und süffigen Romane von John Irving - weil man denen das nach Plan Zusammengeschraubte so anmerkt, die furchtbare Anstrengung, anstrengungslos zu wirken.

Ich will damit sagen (bzw. wiederholen): ab einem bestimmten Punkt muss man einfach gegenüber einem konkreten Werk / Autor Farbe bekennen. Sonst redet man über Phantome. Irving und Tyler liefern halbwegs aufgeschlossenen Lesern gut zugängliche Bücher - trotzdem ist meine Reaktion auf sie sehr unterschiedlich. Also muss man auch die Autoren, die in Blooms Augen eher als King den National Book Award verdient hätten, einer Einzelprüfung unterziehen. Man kann sie nicht alleine über ihren Mangel an Bestsellerqualitäten definieren, weder im Guten noch im Schlechten.

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Fargo
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Do 18. Sep 2003, 01:31 - Beitrag #22

Original geschrieben von Noriko
ich bin kein literat, kein linguist, oder sonstwas, ich bin nich ma gut in deuscth, aber eine farge habe ich dennnoch:
Muss man Verquaste wortgewurschtel mit 3 seiten sätzen mit tausenden von nebensätzen basteln, um literarisch zu sein?
Ganz unabhängig von king jetz mal.


Entschuldige, Noriko, ich hielt die Frage für eine rhetorische bzw.polemische. Mir war nicht klar, dass sie ernst gemeint war.

Nein, man muss keine besonders ziselierte Sprache haben, keine auffällig elaborierte, wie man sagt, um große Literatur zu produzieren. Ernest Hemingway beispielsweise ist ein berühmter Vertreter radikaler Schlichtheit.

Aber am anderen Ende des Spektrums gibt es Autoren, die derart komplex schreiben, dass sie fast ihre eigene Sprache erfinden, die man dann erst einmal während des Lesens lernen muss.

Was also ist literarisch? Ich würde sagen: da braucht es einen interessanten Zweck oder Gegenstand des Schreibens, und eine diesem Zweck und / oder Gegenstand ideal auf den Leib geschneiderte Sprache.

Deine Frage ist also ungefähr so, als ob Du gefragt hättest: wer ist ein interessanter Mensch? Es gibt Unmengen interessanter Menschen, und radikal verschiedene: aber verdruckst verstellte auf konventionelle Weise verkünstelte Leute, Typen, die ihre Anlagen nicht nutzen und entwickeln, dümmliche Leute also (nicht dumme: richtig Dumme könne interessant sein) sind langweilig. Und Langweiler gibt es in allen Bildungsklassen. So wie es schrottige Bücher in allen Genres und Gewichtsklassen gibt.

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Do 18. Sep 2003, 08:57 - Beitrag #23

Mir fällt gerade ein Beispiel aus dem non-fiktionalen Bereich ein.
Die Bücher von Alice Miller über Erziehung bzw. den psychologischen Hintergrund gestörter Persönlichkeiten sind ausnehmend gut zu lesen, obwohl sie komplexe Inhalte haben.

Das gilt übrigens auch für Erich Fromm und für die populärwissenschaftlichen Bücher von Hawking. Paul Watzlawik rechne ich auch dazu.
Da haben sich Fachleute einer verständlichen Sprache bedient, um schwierige Sachverhalte darzustellen. Äußerst lobenswert.

Hermann Hesse war mir rein formulierungstechnisch immer sehr nah, aber ich kann von mir nicht behaupten, dass ich "Der Steppenwolf" wirklich verstanden hätte. ;)

Fargo,
wo würdest Du Erica Jong einordnen?
Mein Lieblingsbuch von ihr ist "Fanny", die (fiktionale) wahre Geschichte der Fanny Hill.

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Do 18. Sep 2003, 09:20 - Beitrag #24

Bei Erica Jong muss ich aus Unwissenheit schlicht passen: ich kann ihr "Angst vorm Fliegen" zuordnen, habe das vage Gefühl, mal mitbekommen zu haben, dass ihre Heldinnen mit ihr mitgealtert sind, dass es also zumindest in den späteren Werken auch um die erotische Potenz und Kompetenz der reiferen Frau geht, aber damit kratze ich schon am Eimerboden.

Bildung ist das bisschen Rand um die Lücken. :confused:

Fargo

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Do 18. Sep 2003, 14:04 - Beitrag #25

Es gibt ohne Zweifel immer wieder Werke großer Literaten, die eine gut verständliche Sprache haben. Z. B. verwendet selbst Thomas Mann, der ja sonst auch für eher schwerere Sprache bekannt ist, in seiner letzten Erzählung, der Betrogene, eine recht simple und doch sehr schöne Sprache. Man sieht an so einem Beispiel aber auch, dass es wohl manchmal gewissermaßen "nötig" ist, schwierige Sprache zu verwenden, da der gleiche große Literat in einem Werk sehr schwere, in einem anderen verhältnismäßig recht leichte verwenden kann. Wenn große Literaten eine schwere Sprache verwenden, hat das schon meist seine Gründe, denn damit können sie (neben heftigen Abwehrreaktionen ;)) auch eine andere Wirkung hervorrufen und in der Literatur kommt es ja auf die Wirkung auf den Leser an.

Zu non-fiktionalen Werken:
Gerade auch in der Philosophie wird immer gesagt, dass man doch auch (verhältnismäßig) einfach schreiben könnte und als Beispiel werden dann besonders Werke von englischen Empiristen genannt. Bei Humes "Enquiry concerning human understanding" handelt es sich z. B. um eine recht einfache Schrift, die trotzdem eine ungemein große Wirkung erzielt. Aber Humes Philosophie ist auch sehr einfach. Kant dagegen ist eher für seine schwere Sprache bekannt. Ich selbst habe noch kein Werk von Kant gelesen, aber einen recht langen mit Zitaten gespickten Sekundärtext habe ich mir mal zu Gemüte geführt. Die Zitate fand ich zu Beginn ungeheuer schwer, doch als sich mir der Inhalt erschloss, verstand ich auch die Sprache. Die Sprache ist wohl auch vor allem ungewohnt, was aber auch nötig ist, da ungewohnte Gedankenwege beschritten werden. Ganz extrem ist das wohl bei Leuten wie Heidegger.

Ein Ansatz 'literarisch' zu definieren, wäre vielleicht zu sagen, dass ein Werk literarisch ist, wenn es seinen nicht banalen Anspruch erfüllt hat.

Padreic

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