With nothing on his tongue but Hallelujah.

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Traitor
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Fr 11. Nov 2016, 10:31 - Beitrag #1

With nothing on his tongue but Hallelujah.

Jahrelang dachte ich mir "kein anderer Sänger hat sich selbst so viele perfekte Nachrufe geschrieben, ich muss unbedingt eine Leonard-Cohen-Zitatesammlung vorbereiten, für jenen fernen Tag, an dem er einmal von uns geht". Aber nun ist es soweit, die Welt muss ohne einen ihrer größten Liedermacher auskommen, und natürlich ist meine Zitatesammlung nicht bereit; so wie man halt nie bereit ist, mit einem Verlust umzugehen.

Ja, Verlust - der wohl einzige Prominententod, von dem ich schon lange wusste, dass er mich tatsächlich berühren würde; der auf emotionaler Ebene noch nicht so richtig bei mir angekommen ist, was aber selbst bei echten Verlusten aus dem eigenen Umfeld stets lange dauert; mich aber doch auch jetzt schon irgendwie stärker beschäftigt als die andere, praktisch relevantere große Nachrichten-Tragödie dieser Woche.

Eine echte Würdigung kann ich auf Anhieb kaum wagen, vielleicht später noch; aber ersteinmal belasse ich es bei dem wohl schon fast zu gut abgehangenen Zitat im Betreff und einigen Zeilen von seinem vor-vor-letzten Album (wer hätte je gedacht, dass sein Spätwerk so umfangreich würde...), das mit typischer Selbstbild-Veralberung beginnt, und dessen letzte Zeile auch einen wunderbaren Ein-Satz-Nachruf abgibt: das ganze Menschenleben, nur die kurze Ausarbeitung einer kleinen Melodie.

Zitat von Going Home, 2012:Leonard:
He’s a sportsman and a shepherd,
He’s a lazy bastard,
Living in a suit.
[...]
He will speak these words of wisdom,
Like a sage, a man of vision,
Though he knows he’s really
Nothing but the brief elaboration of a tune.


Und wer nicht nur trauern und ihn nicht nur für seine so typische Düsternis in Erinnerung behalten will, möge doch einige der kleinen Perlen (anscheinend) simplen Glücks anhören, die auch immer wieder durch sein Werk verstreut sind - "Tonight Will Be Fine" von "Songs From A Room" (1969), "Nightingale" von "Dear Heather" (2004), "You Got Me Singing" von "Popular Problems" (2014).
Und selbst sein gerade erst erschienenes Abschiedsalbum, "You Want It Darker", das insgesamt seinem Titel durchaus gerecht wird, hat sie, diese versöhnlichen, weisen, schönen Momente.

Ipsissimus
Dämmerung
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Fr 11. Nov 2016, 11:36 - Beitrag #2

ich heule gerade ein bisschen

Ruhe in Frieden, du großartiger alter junger Mann

If it be your will

Traitor
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Fr 11. Nov 2016, 13:25 - Beitrag #3

Wenn ich mehr zum Heulen neigen würde, wäre es sicher nicht nur ein bisschen.

Gerade habe ich mit dem wohl unvermeidlichen Albenmarathon angefangen und werde hier sicher noch einiges an Zitate-Spam abgeben... Z.B. etwas nicht nachrufiges, aber perfekt zum aktuellen politischen Thema passendes aus "Stories of the Street:"
I know you've heard it's over now and war must surely come,
the cities they are broke in half and the middle men are gone.
But let me ask you one more time, O children of the dusk,
All these hunters who are shrieking now oh do they speak for us?

Eines meiner Lieblingsstücke sowieso, vor allem auch wegen "We are so small between the stars, so large against the sky.", das ich auch immer mal wieder als Signatur in Erwägung hatte.

Und, oh ja, "If it be your will". Wenn mir irgendjemand die Faszination religiöser Gefühle auch nur ein kleinstes Bisschen verständlich machen konnte, dann war das Cohen. Jenes Stück, "Story of Isaac", "Who By Fire", "Lover Lover Lover", und einige tolle Stücke auch auf den letzten 3 Alben. "A million candles burning for the help that never came"...

Milena
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Mo 14. Nov 2016, 23:17 - Beitrag #4

https://www.youtube.com/watch?v=NGorjBVag0I

mein lieblingslied von ihm....
ruhe in frieden, old man.....
gerne wäre ich noch zu einem deiner concerte gegangen und hätte dich ein letztes mal life
gesehen...sollte aber nicht sein...
aber wer weiß, im nächsten leben vielleicht^^ :(

Traitor
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Di 15. Nov 2016, 01:31 - Beitrag #5

Milena, ich hatte ja das Glück, es gleich zweimal zu seinen Alter-Mann-Konzerten zu schaffen, 2008 und 2013. Mein Vater ist glühender Fan seit den 60ern und hat mich nach und nach angesteckt; etwa mit 12 Jahren oder so habe ich die Musik erstmals bewusst verarbeitet, fand anfangs noch fast alles furchtbar schmalzig, habe dann aber recht bald Gefallen an manchen Stücken (vor allem den ganz frühen und den damals noch letzten Alben, "I'm Your Man" und "The Future"= gefunden; bei anderen, gerade der 70er-80er-Phase, wie eben auch das von dir verlinkte "Dance me to the end of love", dauerte es aber auch deutlich länger, bis ich hinter den vordergründigen Schmalz sehen und die textliche und emotionale Genialität auch dieser Stücke erkennen konnte.
Ups, abgeschweift, zurück zu Konzerten: die Einsamer-Mann-mit-Gitarre-Zeit habe ich natürlich nie live miterlebt, soll zwar manchmal auch sehr ergreifend gewesen sein (ich müsste mal nachfragen, wie oft meine Eltern ihn gesehen haben, sicher einige Male), es aber doch auch teilweise eher unbeholfene Auftritte gegeben haben. (Hattest du "früher" mal die Gelegenheit, oder Ipsissimus?) Ich würde mal behaupten, dass Cohen jahrzehntelang vor allem auf Scheibe seine Klasse ausspielte, während er als Bühnen-Entertainer erst im Alter nach seiner Kloster-Selbstfindungsphase und mit anscheinend neugefundener Gelassenheit und Vitalität so richtig zu sich selbst gefunden hat. Wie er auf dieser Tour seine Band leitete und jedes Stück mit größer Intensität anging, war großartig.

Lohnt sich zum "You Want It Darker"-Album ein Extra-Thread, kennt ihr es schon im Detail?

Und um auf meine Spam-Ankündigung zurückzukommen: ich denke, ich bleibe dabei, dass die Zeilen aus "Going Home" sein bester Selbst-Nachruf sind, wenn auch mit starker Konkurrenz von Hallelujah, oder etwa auch quasi der gesamte Text von "Anthem" (mehr als Vermächtnisnachricht, nicht als Nachruf), und quasi seine Abschiedsworte
Zitat von Leaving The Table:I don't need a reason
For what I became
I've got these excuses
They're tired and lame
I don't need a pardon
There's no one left to blame
I'm leaving the table
I'm out of the game


Mehr aus der ironischen Trickkiste, natürlich die 100% zutreffende Zusammenfassung seiner Karriere aus "Tower of Song"...
I was born like this, I had no choice
I was born with the gift of a golden voice.

...oder die nun wirklich nicht nötige Entschuldigung aus "A Singer Must Die"...
I'm sorry for smudging the air with my song!

...oder das kaum übertriebene Understatement...
Zitat von Because Of:Because of a few songs
Wherein I spoke of their mystery,
Women have been
Exceptionally kind
to my old age.

...und...
Zitat von Slow:It’s not because I’m old,
It’s not what dying does;
I always liked it slow,
Slow is in my blood.

Milena
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Di 15. Nov 2016, 09:00 - Beitrag #6

Traitor,^^ da bist du echt ein glückspilz, dass du ihn zuletzt und überhaupt live erleben durftest...
aber cds hören ist auch klasse...
und sein neues, letztes album, das habe ich noch nicht, kann noch nichts dazu sagen,
ist aber bestimmt klasse^^ :pro: ;)

Ipsissimus
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Fr 18. Nov 2016, 16:38 - Beitrag #7

Wenn mir irgendjemand die Faszination religiöser Gefühle auch nur ein kleinstes Bisschen verständlich machen konnte, dann war das Cohen.

Es ist die Hingabe des kleinen Kindes in uns an die übermächtigen, aber liebevoll gedachten Eltern. Ein Lied wie If it be your will kann man nicht singen, wenn man auf die Geschichte der Menschheit als den Versuch eines Emanzipationsprozesses hofft. Früher bestand Erziehung aus dem Versuch, Kindern zu Abziehbildern des Vaters oder der Mutter zu formen. Heute hofft man, dass man den Kids Rüstzeug mitgeben kann, damit sie die richtigen Fragen stellen und sich nicht mit falschen oder einschüchternden Antworten zufrieden geben, sondern ihre eigenen Antworten entwickeln. Dann kann man If it be your will eigentlich nicht singen, nicht in dieser bedingungslosen Unterwürfigkeit, die ein Ideal schwarzer Pädagogik war.

Traitor
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Fr 4. Aug 2017, 20:29 - Beitrag #8

@Ipsissimus: An sich stimme ich dir in der Ablehnung religiöser Unterwerfung natürlich völlig zu. Allerdings muss ich dazu anmerken, dass mir gerade Cohen, aber auch manche andere Künstler, irgendwie immer den Eindruck vermitteln, dass dieser Gegensatz zwischen Aufgeklärtheit und Unterwerfung im Judentum kein so klarer ist. Natürlich gibt es auch dort im orthodoxen Bereich ganz, ganz dunkle Ecken, wo es um reine Unterwerfung geht, aber unter vielen Intellektuellen gibt es da diese kuriose Kombination aus weltlicher Aufgeklärtheit und seelischer Traditions- und damit Mystik- und Gottesverhaftung.
Gerade als elterlich liebevoll erscheint Gott in Cohens Werk auch nicht unbedingt in erster Linie. Seine großen Themen waren ja Mann-Frau und Mensch-Gott, und oft genug konnte ein einzelner Satz beide meinen, und seine Beziehung zu Gott lässt sich vielleicht statt als die eines Kinds zum Vater eher als die in dauerndem Streit und Zweifel köchelnde eines Mannes zu einer unentrinnbar vehrehrten, aber auch weitgehenden unverstandenen Liebhaberin auffassen. Sind diese zwei Lieder, eines eigentlich ganz klar an Gott und eines eigentlich ganz klar an eine Frau gerichtet, nicht wirklich bemerkenswert ähnlich?

Zitat von If It Be Your Will: If it be your will
That I speak no more
And my voice be still
As it was before
I will speak no more
I shall abide until
I am spoken for
If it be your will


Zitat von I'm Your Man:If you want a lover
I'll do anything you ask me to
And if you want another kind of love
I'll wear a mask for you
If you want a partner
Take my hand
Or if you want to strike me down in anger
Here I stand
I'm your man


Und natürlich: zwar würde ich mir wünschen, dein "heute hofft man" wäre tatsächlich so allgemeingültig, aber leider bin ich nicht davon überzeugt, dass das auch nur für die Hälfte der modernen Eltern gilt. Aber dass du da mehr Illusionen hast, glaube ich auch nicht ernsthaft. ;)


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