1900 - Das vergessene Meisterwerk

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Traitor
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Di 25. Nov 2003, 10:25 - Beitrag #1

1900 - Das vergessene Meisterwerk

Kürzlich lief auf Arte der Zweiteiler "1900" von Bernado Bertolucci (1976), ich habe ihn aufgenommen und dann den letzten beiden Tagen angesehen. Und ich muss sagen: Ein absolutes Meisterwerk!!!
Kurzabriss: 1900 werden auf einem italienischen Landgut fast zeitgleich Alfredo (Robert de Niro), Sohn des Besitzers, und Olmo (Gerard Depardieu), Sohn eines Bauern, geboren. Im Laufe der nächsten 45 Jahre verfolgt der Film den Lebensweg der beiden, der gekennzeichnet ist von den Konflikten zwischen Großgrundbesitzern und Bauern, den aufkommenden Bewegungen von Kommunismus und Faschismus und dem schnellen Wandel der Lebensformen am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts.
Man kann nicht sagen, dass der Film eine echte Handlung hat, er ist einfach ein ungeheuer epischer Historienfilm. Man hat das Gefühl, diese Epochen wirklich mitzuerleben.
Dabei zeichnet der Film sich durch eine ungeheure Grausamkeit aus, die oft entsetzt, aber stets ihren Zweck für die dargestellten Zustände hat. Häufig ertönen Lieder der politischen Fraktionen, die sicher auch nicht jedermanns Sache sind, aber viel zur Atmosphäre beitragen. Die Musik stammt (natürlich) von Ennio Morricone.

Nun der Schock: Im Internet finden sich kaum Besprechungen zu dem Film, das deutsche Amazon führt keine DVD oder VHS. In Amerika gibt es eine VHS, die aber nicht in Europa läuft, eine DVD ist auch dort noch nicht geplant. Wie kann es sein, dass solch ein genialer Film (den ich sehr dicht hinter "Es war einmal in Amerika" einordnen würde, den es auch durchaus in vielen Punkten inspiriert haben kann) vollkommen in Vergessenheit gerät? Eine Schande, und schade, dass es keinen Weg gibt, an eine bessere Version als eine TV-Aufnahme heranzukommen :(
Ich hoffe mal, dass ihn hier wenigstens jemand kennt? Fargo?

Mellon Collie
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Di 25. Nov 2003, 12:26 - Beitrag #2

Ich habe ihn auch auf Arte gesehen, den ersten Teil um 0:XX in der Wiederholung und den 2ten Teil dann um 20:45, ist ein echt sehenswerter Film denke ich und sehr episch aber nix für mich...

Meine Fernsehzeitung hatte mir den aber ausdrücklich empfohlen und ich konnte net schlafen ;)

Fargo
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Di 25. Nov 2003, 16:24 - Beitrag #3

Da kann ich dienen, Traitor: nicht nur mit der Bestätigung, dass ich Bertoluccis "1900" kenne. Ich kann auch ein paar Vermutungen zu seinem Nichtvorhandensein am Markt anstellen.

Zu allererst muss man mal sagen, dass das gar nichts mit dem Film selbst zu tun haben muss. Der Großteil der Meisterstücke der Filmgeschichte, oder auch der imposant oder erhellend gescheiterten Wagnisse, ist auf DVD nicht zu greifen. Wen sollten die auch interessieren? Schau Dir mal das Publikum an den DVD-Regalen im Elektromarkt an: da verlierst Du alle Illusionen.

"1900" war aber nicht nur beim Publikum damals ein absoluter Flop. Er ist auch von der Kritik nicht nur umjubelt worden: vielen Rezensenten galt er trotz vieler eindringlicher, gar genialer Passagen als langatmig, als stellenweise sehr plakativ und naiv, als verzettelt und unausgewogen. Für diese Urteile lassen sich ja durchaus Belege im Film finden. Wie Kritiker den Film heute sehen würden, ist nicht sicher - die Rechteinhaberin Paramount könnte also nicht darauf bauen, dass er mit viel Jubel und Begleitartikeln in den kleinen Markt der Filmkunst einsteigen würde.

Nun wird's aber noch böser: die Paramount hat sich schon damals mit Bertolucci überworfen. Der Film kam um eine Stunde verkürzt ins US-Kino. Ich weiß nicht, ob das geschnittene Material überhaupt synchronisiert wurde - die 311-Minuten-Variante lief damals nur in Italien. Wie lang ging denn die Arte-Fassung? Vier oder fünf Stunden?

Jedenfalls würde jede Neuveröffentlichung wieder Aufmerksamkeit auf dieses damalige Gebaren der Paramount lenken, erst recht, wenn der Verleih nur eine 4-Stunden-Variante präsentieren könnte. Warum sollte die Paramount sich für alte Sünden öffentlich neu prüglen lassen, wenn die Abwatschung nicht mit Gewinnnerwartung verbunden ist?

Und um noch eines draufzusetzen: um die eingelagerten Filme der Paramount steht es nicht zum Besten. Selbst einige der ehemals erfolgreichen Filme befinden sich heute in einem erbärmlichen Zustand. Dass ausgerechnet der verhasste "1900" sorgfältig gelagert worden sein sollte, kann ich mir nicht vorstellen. Vermutlich ist das Ausgangsmaterial in einem so verheerenden Zustand, dass es nicht ohne aufwändige Restaurierungsarbeiten auf DVD umkopiert werden könnte. Diesen Aufwand erbringt die Paramount aber verständlicherweise lieber für potenziell lukrative Titel.

Wie war denn die Arte-Kopie? Sehr verblichen und verschmutzt?

Fargo

SoF
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Mi 26. Nov 2003, 01:07 - Beitrag #4

Habe den Film zwar nicht gesehen, muss auch zugeben ist bestimmt nicht mein fall, aber wollte hier dann noch zeigen was ich gefunden habe:

"1900 - Teil 1 : Gewalt, Macht leidenschaft" VHS @ eBay
"1900 - Teil 2 : Kampf, Liebe, Hoffnung" VHS @ eBay

Traitor
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Sa 6. Dez 2003, 23:51 - Beitrag #5

@Fargo: Mal wieder ausgesprochen interessant, was du da zu Tage förderst, mit dem Streit etc. :s1:
Die Arte-Version war nicht sonderlich verblichen oder ähnliches, zumindest nicht mehr, als die meisten Filme aus den 70ern. Die Laufzeit war zweimal etwas unter 2:30h, glaube ich, also knapp 300min.
Eine DVD wäre ja nicht mal nötig, VHS würde mir auch reichen. Das, was SoF gefunden hat, zeigt ja auch, dass es die zumindest mal gab, nur leider nicht mehr im Handel ist :( Naja, da muss ich halt bei meiner ARte-Aufnahme bleiben.

Traitor
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So 2. Dez 2018, 12:44 - Beitrag #6

15 Jahre und 3 oder 4 Sichtungen später: DVD gibt es längst, Streaming-Versionen vielleicht auch. "Vergessenes Meisterwerk" würde ich nicht mehr sagen, dafür hat der Schinken zu viele Makel, aber er hat definitiv die Anlagen eines Meisterwerkes in sich, er hat die Aura eines Meisterwerkes, er hat Momente eines Meisterwerkes. Scheitern auf verflucht hohem Niveau würde ich es wohl mittlerweile nennen.

Zitat von Fargo, 25 Nov 2003:vielen Rezensenten galt er trotz vieler eindringlicher, gar genialer Passagen als langatmig, als stellenweise sehr plakativ und naiv, als verzettelt und unausgewogen. Für diese Urteile lassen sich ja durchaus Belege im Film finden
Genau. Bei Erstsichtung konnten für mich die nostalgische, oft gemäldehafte Optik, die opulente Musik und der revolutionistische Enthusiasmus noch alle Längen übertünchen. Die plakativ-naiven Charakterisierungen und Stilmittel fielen mir mit damals noch deutlich geringerer allgemeiner Filmbildung noch nicht so auf. Und die Verzetteltheit der vielen Handlungsstränge empfand ich nicht als allzu negativ, da vom allumfassenden historischen Spannungsbogen marginalisiert.

Mittlerweile nehme ich die Längen doch deutlich war. Von Szene zu Szene gedacht, ist das Drehbuch nur schwer als kohärent zu bezeichnen. Aber insbesondere die Naivität/Plakativität, auch wenn sie mich bei jeder Wiederbegegnung verstärkt mit den Augen rollen lassen, sind vielleicht gar nicht mal so negativ, sondern halfen Bertolucci vermutlich sogar dabei, diese umwerfende Archetypizität zu erreichen. "1900" wird man am besten gerecht, wenn man ihn trotz aller Obsessionen des Regisseurs mit persönlichen sexuellen Eskapaden und kleinen Machtspielchen nicht als Film über individuelle Lebensläufe betrachtet. Nichtmal als Film über Spezifika der italienischen Geschichte, auch wenn er in dieser Hinsicht durchaus äußerst lehrreich ist. Sondern als mit grobem Pinsel gemaltes Archetyp der sozialen Entwicklungen im "Novecento" (korrekt übersetzt wohl "20. Jahrhundert", nicht das Einzeljahr "1900") an sich. Gleichzeitige Nostalgie für wie Verdammung des guten/schlechten alten Landlebens, kommunistische Ästhetik, Faszination und Schrecken technologischer Fortschritte und des Krieges - und ja, doch, auch die Bedeutung akkumulierter persönlicher Obsessionen und Perversionen für das große Ganze. Und all das nicht im Modus der sachlichen Analyse, sondern von wie fühlt es sich an.

Ipsissimus
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Mi 18. Dez 2019, 16:00 - Beitrag #7

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