CRISPR-Cas9 und die Fallstricke des Journal-Systems

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Sa 26. Okt 2019, 13:05 - Beitrag #1

CRISPR-Cas9 und die Fallstricke des Journal-Systems

Bei SpOn+ gibt es einen (nicht frei zugänglichen) Artikel über einen Mitentdecker der berühmten Genschere, den Litauer Virginijus Šikšnys, der den großen Ruhm anscheinend deshalb verpasst hat, weil die Editoren der ersten anderthalb Journale, bei denen er die Arbeit einreichte, sie ablehnten, ohne auch nur das Peer Review zu bemühen. ("anderthalb", da das erste Cell und das zweite eine Untermarke von Cell war.) Klingt etwas nach Verschwörungstheorie, aber der Autor verweist auf diese später in Cell selbst veröffentlichte Zusammenfassung der Entdeckungsgeschichte, in der sich tatsächlich findet:
Siksnys submitted his paper to Cell on April 6, 2012. Six days later, the journal rejected the paper without external review. (In hindsight, Cell’s editor agrees the paper turned out to be very important.) Siksnys condensed the manuscript and sent it on May 21 to the Proceedings of the National Academy of Sciences, which published it online on September 4. Charpentier and Doudna’s paper fared better. Submitted to Science 2 months after Siksnys’s on June 8, it sailed through review and appeared online on June 28.

(Charpentier und Doudna sind die beiden Forscherinnen, an renommierten westlichen Institutionen arbeitend [*], die für die Entdeckung berühmt wurden. Sicher auch sehr, sehr zurecht; völlig egal ob Šikšnys zusätzlich mehr Würdigung verdient oder nicht!)

Keine Seite behauptet dunkle Machenschaften, aber nach einer traurigen Episode klingt es doch. Und zeigt meines Erachtens gut, wie ungeeignet das Journal-System ist, um Prioritäten zu dokumentieren. In Forschungsfeldern, in denen fast alle Artikel zuerst auf Preprint-Servern veröffentlicht werden, funktioniert das deutlich besser. Wenn es auch leider sogar in der Astronomie noch immer die Tendenz gibt, dass gerade besonders neuartige Entdeckungen noch immer erst an ein Journal gehen - nicht mal Nature und Science verbieten zwar mittlerweile mehr Preprints, aber das Gefühl "es muss erst reviewed sein" gibt es immer noch.

[*] Die "renommierten westlichen Institutionen" erwähne ich hier, ohne explizit sagen zu wollen, dass in diesem Fall der Cell-Editor Šikšnys wegen seiner Anstellung in Litauen diskriminiert haben muss; kann mir aber sehr gut vorstellen, dass solche Vorurteile da zumindest ein bisschen mit reingespielt haben. "Wer sind die Autoren, hmm kenne ich nicht, naja was sind ihre Affiliations" als erste Beurteilung eines Artikels ist leider bei Wissenschaftlern sowohl neutral lesend als auch als Editor/Reviewer leider sehr verbreitet.

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